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Auswertung nach den Regeln der Grounded Theory

von Aleksandar Yankov (Autor)

Wissenschaftlicher Aufsatz 2009 20 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorien und Grounded Theory

3 Die Vorgehensweise der Grounded Theory
3.1 Klarheit uber den Untersuchungsgegenstand verschaffen
3.2 Erster Schritt: Kategorisieren der Daten
3.3 Zweiter Schritt: Beziehungen zwischen den Kategorien und Subkategorien erarbeiten
3.4 Dritter Schritt: Theoretisches Sampling - Erhebung und Auswertung der nachsten Daten (des nachsten Falls)

4 Memos und Diagramme

5 Reflexion und Kritik

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bei der Auswertung von qualitativ erhobenen Daten werden unterschiedliche Ziele verfolgt. Es werden z.B. Einzelfalle sehr detailliert analysiert, um biographische Verlaufe nachvollzie- hen zu konnen (vgl. Rosenthal 2008) oder ,,objektive Strukturen" des Handelns zu entdecken (vgl. Oevermann et al. 1979). Es werden ,,gegenstandsverankerte Theorien" entwickelt, um Phanomene in ihrer ganzen Komplexitat zu erfassen (vgl. Glaser & Strauss 1967, Strauss 1991, Strauss & Corbin 1996). Oder es werden Typologien gebildet, um Menschen mit ahnli- chen Merkmalen in Gruppen einzuteilen und zu erklaren, warum sie sich ahnlich sind, warum sie sich von anderen unterscheiden und wie es zu ihren gemeinsamen Merkmalen (bzw. Merkmalsauspragungen) gekommen ist (vgl. Kluge 1999, Kelle & Kluge 1999, Gerhardt 1995, Kuckartz 2007).

Um Biographien und ,,objektive Strukturen" des Handelns zu erforschen, verwendet man oft interpretative Verfahren (vgl. z.B. Rosenthal 2008, Oevermann et al. 1979). Die Aussagen der transkribierten Interviews werden interpretiert: zu kurzen Passagen des Ursprungstextes werden seitenlange Interpretationsn1 geschrieben. Das fuhrt zu einer Vermehrung des Text- materials. Biographische Verlaufe und ,,objektive Strukturen" des Handelns konnen naturlich auch mit anderen Verfahren analysiert werden, denn wissenschaftliche Erkenntnis sollte moglichst frei von Interpretationen sein. Solche Verfahren haben z.B. Glaser & Strauss (1967), Strauss (1991), Strauss & Corbin (1996) entwickelt. Ausgehend von ihrer Vorge- hensweise wurden viele andere Verfahren entwickelt (vgl. fur einen Uberblick z.B. Flick 2005, Flick et al. 2007, Lamneck 2005, Przyborski/Wahlrab-Sahr 2008, Kelle/Kluge 1999, Schmidt 1997, Mayring 2008, Strauss 1991, Bohnsack 2007), deren Ziel nicht die Interpreta­tion der Daten ist2. Die Analyse zielt hier eher auf die Kategorisierung und Zusammenfas- sung der Daten. Diese Verfahren untersuchen expliziter die Bedingungen, die Ursachen, den Kontext und die Ziele eines Handelns sowie Strategien, die Menschen anwenden, um ihre Ziele zu erreichen. Es werden auch die Folgen von Handlungen untersucht, die unter be- stimmten Bedingungen eintreten.

In diesem Text wird diese zweite Vorgehensweise naher erlautert. Ziel des Textes ist es, eine Moglichkeit zur Auswertung qualitativer Daten vorzustellen, die eine detaillierte Analyse von Einzelfallen ermoglicht, die aber auch die Vergleichbarkeit der Falle gewahrleistet.

Weil die Entwickler dieser Vorgehensweise (Glaser und Strauss) die Generierung von Theo- rien bezwecken, wird im zweiten Kapitel erlautert, was Theorien und vor allem „Grounded“- Theorien eigentlich sind. Im dritten Kapitel wird aufbauend auf den Gedanken von Glaser und Strauss eine Vorgehensweise zur Auswertung qualitativer Daten vorgestellt, deren Ziel es ist, Schritt fur Schritt der Komplexitat sozialer Phanomene gerecht zu werden. Im Kapitel 4 geht es um zwei Hilfsmittel (Memos und Diagramme), die das systematische Ordnen von Gedanken bzw. die Strukturierung derThemen im Datenmaterial erleichtern. Kapitel 5 erlau­tert die Vorgehensweise an einem Beispiel und Kapitel 6 stellt eine kritische Auseinanderset- zung mit ihr dar.

2 Theorien und Grounded Theory

In den Sozialwissenschaften wird der Begriff „Theorie“ sehr uneinheitlich verwendet (vgl. Diekmann 2007: 122). Man spricht von „Systemtheorie“, „Kritischer Theorie“, „Theorie kom- munikativen Handelns“, „Theorie rationalen Handelns“ etc. Bei dieser Heterogenitat ist es verwunderlich, dass die Entwickler der Grounded-Theory-Methodologie kaum explizieren, was eine Theorie ist. In den Arbeiten von Glaser und Strauss findet sich kaum eine eindeuti- ge Definition des Begriffs. Aus diesem Grund orientiere ich mich an der (von mir paraphra- sierten) Definition von Schnell et al. (2008: 53). Theorie ist eine Gesamtheit von beschrei- benden oder kausalen Aussagen (Wenn-Dann- oder Je-Desto-Aussagen), die miteinander verknupft sind (vgl. Diekmann 2007: 122) und sich auf etwas Gemeinsames beziehen. Die Aussagen mussen empirisch begrundet (in der Realitat beobachtet) und empirisch uberpruf- bar sein. Aussagen wie:

„Soziale Rollen sind Bundel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Trager von Positionen knupfen“ (Rollentheorie: Dahrendorf 1973: 33), „Die erste Pramisse (des Symbolischen Interaktionismus) besagt, dass Menschen ,Dingen‘ gegenuber auf der Grundlage der Bedeutung handeln, die diese Dinge fur sie haben“ (Blumer 1981:81), „Personen wahlen aus einem Set uberhaupt verfugbarer oder mog- licher Handlungsalternativen diejenige, die am ehesten angesichts der vorgefundenen Situationsumstande be- stimmte Ziele zu realisieren verspricht“ (Theorie rationalen Handelns: Esser 1991: 54) sind empirisch nicht uberprufbar, weil ihre Begriffe nicht konkret sind3. Eine Theorie soil also ihre Begriffe definieren und konkretisieren4. Kritische Theorien, Theorien rationalen Handelns etc. sind keine Theorien, wenn sie ihr Aussagen nicht konkret und uberprufbar machen.

Die Aussagen mussen nicht fur alle, auch nicht fur viele Menschen gelten. Es muss aber angegeben werden, furwelchen Anteil der Menschen sie zutreffen. Dieser Anteil wird einen eher unsicheren Schluss auf einen einzelnen und einen relativ sicheren Schluss auf eine Gesamtheit von Fallen erlauben. Eine Theorie ist also viel mehr als ein Abbild der Realitat, wie es Glaser und Strauss implizieren5. Denn wenn das so ware, waren Theorien nur Be- schreibungen. Eine Theorie soll vielmehr als Orientierung dienen und ihre Aussagen sollen (zumindest) wahrscheinliche Aussagen sein. Allgemeingultigkeit ist kein Gutekriterium einer Theorie, wie sich Strauss und Corbin (1996: 8) wunschen. Was eine Theorie „gut“ macht, ist die Zuverlassigkeit ihrer Aussagen.

Weil Theorien ein Netz von Aussagen sind, konnen sie als Ganze (also als Theorien) weder bestatigt noch widerlegt werden. Das konnen nur ihre einzelnen Aussagen sein. Bei der Entwicklung einer Theorie sollen also zunachst solche Aussagen formuliert werden, die auf Erfahrung beruhen, d.h. die sich in der Realitat beobachten lassen, also keine ausgedachten oder vermuteten Aussagen6. Im nachsten Schritt muss man feststellen, wie sie miteinander zusammenhangen. Wenn sie nicht aufeinander bezogen werden konnen, konnen sie auch kein Bestandteil der Theorie sein. Sie waren also separate Aussagen aufterhalb der Theorie.

Die Theorien, die Glaser und Strauss generieren, sollen „grounded“ sein. „Grounded“ soll „gegenstandsverankert“ oder „induktiv aus der Untersuchung des Phanomens abgeleitet“ heiften. Ziel sei „das Erstellen einer Theorie, die dem untersuchten Gegenstandsbereich ge- recht wird und ihn erhellt“ (Strauss & Corbin (1996: 7ff.). Diese Definitionen sind im Stil von Glaser, Strauss und Corbin wieder zu unkonkret.

Strubing (2004: 13) versucht den Begriff „grounded“ ins Deutsche zu ubersetzen. „Grounded Theory" kann .begrundete Theorie", „in empirischen Daten gegrundete Theorie", .gegen- standsbezogene Theorie" oder ,,eine konzeptuell dichte Theorie (...), die sehr viele Aspekte der untersuchten Phanomene erklart (Strauss 1991: 25)" heiften. Das alles sind sehrtreffen- de Ubersetzungen. Man fragt sich jedoch: Gibt es etwa (wissenschaftliche) Theorien, die nicht in empirischen Daten grunden? Welche Theorie bildet ihr Gegenstand nicht ab? Wel- che Erkenntnisse sind nicht induktiv aus den Daten gewonnen?7 Und erklaren andere Theo­rien etwa nicht ,,sehr viele Aspekte der untersuchten Phanomene"? Nach diesem Verstand- nis hatten alle Theorien den Anspruch eine ..grounded theory" zu sein.

Zusammengefasst: Theorie ist ein Oberbegriff fur viele (thematisch) miteinander verbundene beschreibende oder probabilistische Aussagen (die sich auch in Wenn-Dann und Je-desto- Aussagen umformulieren lassen), die empirisch gewonnen wurden und konkret genug sind, um empirisch uberpruft werden zu konnen. Fur das Aufstellen einer Theorie braucht man unendlich viele (.zufallige") Beobachtungen, um eine Wahrscheinlichkeit angeben zu kon­nen. Theorien mussen nicht allgemeingultig sein. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass sie allgemeingultig sind. In diesem Fall mussten alle ihre Aussage]n fur alle Menschen uberall und fur immer gelten. Der Anspruch von Glaser und Strauss eine allgemeingultige Theorie aufzustellen, muss leider als unrealistisch betrachtet werden. Der Grund dafur ist, dass mit den Verfahren von Glaser und Strauss nur wenige Falle untersucht werden konnen, die fur Aussagen mit Wahrscheinlichkeitsabgaben nicht ausreichen. Die Grounded-Theory- Methodologie ist aber deshalb aufterst nutzlich, weil man mit ihren Verfahren vieles entde- cken kann, das nur theoriegeleitet nicht moglich ware. Mit ihren Verfahren wurde man das Phanomen ,,erhellen" und das in einer Komplexitat, die statistische Modelle nicht erreichen konnten.

3 Die Vorgehensweise der Grounded Theory

Mit den Verfahren der .grounded theory" konnen keine Theorien entwickelt werden. Mit ihnen kann man auch zu keinen Aussagen mit einer genauen Wahrscheinlichkeitsangabe gelan- gen. Sie sind aber sehr gut dafur geeignet, die Phanomene in ihrer ganzen Komplexitat zu erfassen. Obwohl ihre Aussagen nicht wirklich als Orientierung dienen konnen, kann man mit der .grounded theory" viele Aspekte eines Phanomens entdecken. Wie macht man das?

[...]


1 Weil man im Alltag oft interpretiert, also Dinge fur wahr halt, ohne uberprufen zu konnen, ob sie wirklich wahr sind, geht man oft davon aus, dass man dies auch in der wissenschaftlichen Analyse tun sollte. Es werden Lesar- ten entwickelt, was wohl in einer bestimmten Situation passiert hatte oder passieren konnte, welche Handlungs- moglichkeiten der Befragte hatte, wie er sich entscheiden konnte, um irgendwelche (z.B. bei der objektiven Her- meneutik von Ulrich Oevermann „objektiven“) Handlungsstrukturen zu finden. Genau so oft, wie solche Verfahren angewandt werden, ubersieht man, dass damit nicht die Sichtweise der Befragten analysiert wird (und das ist das Ziel dieser Verfahren), sondern die Forscher analysieren ihre eigene Sichtweise. Sie unterstellen namlich still- schweigend den Befragten, dass sie die Welt so sehen und wahrnehmen, wie sie das tun und interpretieren, anstatt sie zu fragen, was sie mit einer bestimmten AulJerung gemeint haben, ob sie in einer Situation anders handeln konnten, welche Handlungsmoglichkeiten sie uberhaupt wahrgenommen haben etc. Die oben erwahnten Lesarten stellen z.B. Hypothesen dar, wie jemand, der in einem bestimmten Umfeld (z.B. in der Nachkriegszeit) aufgewachsen ist, auf etwas reagiert hat bzw. reagieren wurde.

2 Wobei qualitative Daten naturlich auch immer mehr oder weniger interpretiert werden mussen. Die Interpretation soll sich aber an den Daten orientieren. Es darf also nicht vermutet werden, wie es bei der Aufstellung von Lesar­ten der Fall ist. Es soll das analysiert werden, was in den Daten steht!

3 Die erste Aussage enthalt z.B. keine Informationen daruber, was bzw. welche sozialen Rollen das sind, um welche Gesellschaften es sich handelt, zu welchem Zeitpunkt. Es gibt auch keine Informationen daruber, welche Verhaltensweisen gemeint sind. Was Trager sind und welche Trager welche Positionen haben, weift man auch nicht. Der Mangel an diesen Informationen macht eine empirische Uberprufung unmoglich.

4 Jedoch sind „solche allgemeinen, abstrakten und empirisch gehaltlosen Konzepte in idealer Weise als Heuristi- ken einsetzbar“ (Kelle & Kluge 1999: 34). Heuristische Konzepte wie „Rollenerwartungen“, „Situationsdefinitio- nen“, „Handlungsalternativen“ konnen zu Beginn einer Untersuchung als theoretisches Raster verwendet werden, welches dann anhand empirischer Beobachtungen zunehmend „aufgefullt“ wird (ebd.).

5..Grounded Theory" soll „eine gegenstandsverankerte Theorie" sein, „die induktiv aus der Untersuchung des Phanomens abgeleitet wird, welches sie abbildet“ (Strauss & Corbin 1996: 7).

6 Wobei naturlich auch Vermutungen formuliert werden konnen, wenn sie nachher empirisch uberpruft wer­den.

7 Es mag sein, dass manche Hypothesen .deduktiv" oder .abduktiv" aus Theorien oder eigenen Erfahrungen abgeleitet werden. Sie werden aber an den empirischen Daten uberpruft und somit auch .induktiv" aus den Daten gewonnen. Anderenfalls werden sie verworfen oder modifiziert.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640849017
ISBN (Buch)
9783640849147
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168057
Note
Schlagworte
Grounded Theory Qualitative Sozialforschung Glaser Strauss Auswertung qualitativer Interviews

Autor

  • Aleksandar Yankov (Autor)

    2 Titel veröffentlicht

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