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Echte Bauern - Der soziologische Dokumentarfilm

Diplomarbeit 2004 60 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Idee
1.1 Motivation
1.2 Relevanz
1.3. Forschungsgebiet
1.4 Forschungsfrage

2. Thematischer Überblick
2.1 Agrargeschichte
2.2 Bäuerliche Kultur
2.3 Bauernopfer
2.4 Echte Bauern

3. Methoden der Feldforschung
3.1 Alltagsgeschichte
3.2 Oral History
3.3 Interviewmethoden
3.4 Fehlerquellen im Interview
3.4.1 „Soziale Erwünschtheit“
3.4.2 „Halo-Effekt“
3.4.3 Interviewer und Interviewsituation

4. Dokumentarfilm
4.1 Filmstruktur und Form
4.2 Parallelen Dokumentarfilm und Sozialforschung
4.3 Unterschiede Dokumentarfilm und Sozialforschung
4.4 Eigener Ansatz

5. Werkbeschreibung
5.1 Vorproduktion
5.1.1 Konzept
5.1.2 Recherche und Kontakt
5.1.3 Finanzierung
5.1.4 Drehorganisation
5.2 Produktionsteam
5.2.1 Format
5.2.2 Kamera
5.2.3 Ton
5.2.4 Regie
5.2.5 Protagonisten
5.2.6 Drehsituationen
5.3 Postproduktion
5.3.1 Sichten und Laden
5.3.2 Schnitt
5.3.3 Grafik
5.3.4 Ton und Musik
5.3.5 Fertigstellung
5.5 Verwertung und Distribution

6. Diskussion – Auswirkungen

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

Markus Kaiser-Mühlecker befindet sich mit diesem über die „echte“ Bauern­kultur handelnden Film, der von gesamteuropäischem Interesse ist, in bester Tradition. Nämlich in der Tradition des steirischen Schriftstellers Peter Rosegger und der des italienischen Filmemachers Pier Paolo Pasolini, die beide das Vergehen des alten Bauerntums mit Bedauern sahen. Besonders fühle ich mich Pasolini verbunden, der ebenso wie ich größte Sympathien für die „kleinen Leute“ hatte und festhielt: „Es ist diese grenzenlose, vornationale und frühindustrielle bäuerliche Welt, die bis vor wenigen Jahren überlebt hat, der ich nachtrauere“. Pasolini nennt die „Menschen dieses Universums“ „Konsumenten von unbedingt notwendigen Gütern“.

Diese alte Bauernkultur, der diese Menschen angehörten, verschwand bei uns in den letzten Jahrzehnten. Sie fasziniert auch mich, der ich sie als Kind noch erlebt und darüber einiges geforscht habe.

An die Stelle dieser alten Kultur entstand eine eigenartige auf Gewinn ausgerichtete Welt, in der zum Teil aus Fremdenverkehrsgründen mit oft inszenierten Almabtrieben, mit „Urlaub am Bauernhof“ und mit allerhand pseudobäuerlichen Tricks bäuerliche Kultur vorgegaukelt wird.

Ich war daher sehr erfreut, als vor einiger Zeit Herr Markus Kaiser-Mühlecker mich anrief und mir mitteilte , er habe mein Buch „Echte Bauern – der Zauber einer alten Kultur“ gelesen und wolle nun dieses zur Grundlage eines Filmes machen. Ich war sehr erstaunt , aber auch sehr angetan darüber, dass ein junger, engagierter Mann sich mit dieser nicht einfachen Thematik filmisch befassen wolle.

Seine Idee fand ich großartig, denn mit der bäuerlichen Kultur verschwand bei uns eine Kultur, die bis in die Jungsteinzeit zurückreicht, als der Mensch sesshaft und zum Bauern wurde. Es war eine harte Kultur, die aber auch ihren Zauber hatte. Unsere modernen, oft hoch geförderten Bauern können und wollen nicht an diese alte bäuerliche Welt anknüpfen. Und auch die Bauern, die zum Beispiel als Biobauern glauben, sie würden alte Traditionen weiter führen, sind in Wahrheit keine echten Bauern mehr.

Solche echte Bauern fand ich jedoch noch in Rumänien und zwar in Sieben­bürgen bei den Landlern, den Nachfahren der wegen ihres Glaubens von der angeblich frommen Maria Theresia aus Österreich verbannten Oberösterreicher, Steirer und Kärntner, die noch ihre alte Sprache und ihr altes Bauerntum bis heute bewahrt haben.

Herr Markus Kaiser-Mühlecker machte sich die Mühe, mich nach Siebenbürgen zu den Landlern zu begleiten. Dafür gebührt ihm mein Respekt. Ich sah, dass er sich mit viel Einsatz und mit viel Einfühlungsvermögen mit der alten, echten Bauernkultur beschäftigt und sie filmisch festgehalten hat. Dass ich ihm Ratschläge geben und ihn als Gesprächspartner bei seinen Filmaufnahmen unterstützen durfte, war mir eine besondere Genugtuung.

Ich denke, dass Herrn Markus Kaiser-Mühlecker mit der vorliegenden Diplomarbeit etwas Großartiges gelungen ist, zumal er technische, künstlerische und filmtheoretischen Aspekte mit kulturwissenschaftlichen Betrachtungen sehr spannend mit einander verwoben hat.

Ich bin mir sicher, dass diese Studie, die über eine bloße Dokumentation hinaus geht, von großer kulturhistorischer und überhaupt kulturwissenschaftlicher Bedeutung ist.

Ich gratuliere Herrn Markus zu dieser prächtigen Arbeit, von der ich mir einige Wirkungen für ein größeres Publikum erwarte.

Wien, im Mai 2004

Einleitung

In dieser Diplomarbeit untersuche ich die interdisziplinär relevanten Aspekte meines Dokumentarfilms „echte Bauern“. Neben den technischen, künstlerischen und filmtheoretischen Aspekten gehe ich auf Erkenntnisse aus der Soziologie, der Agrargeschichte und der Wirtschaft ein. Dazu fühle ich mich auch als einer der beiden Studenten verpflichtet, die in der Geschichte unseres Studienganges MultiMediaArt das Major „transmedia studies“ gewählt haben. Ich verstehe das Präfix „trans“ (lat. „über“) hier als „über die Medien hinausgehend“, also neben der Produktion auch an den Vorbedingungen und Auswirkungen des medialen Produktes Dokumentarfilm interessiert.

Im ersten Kapitel lege ich meinen Forschungsgegenstand und dessen Einbettung in andere Wissenschaftsdisziplinen dar. Das nächste Kapitel widmet sich vor allem der geschichtlichen Entwicklung, die dem besseren Verständnis der bäuerlichen Entwicklung bis in die gegenwärtige Situation dienen soll.

Der nächste Teil behandelt die sozialwissenschaftliche Vorgangsweise bei der Erschließung einer sozialen Lebenswelt, die vor allem in der Methodik der Feldforschung wurzelt. Die ethnologisch-soziologische Tradition der Feldforschung hat sich aufgrund der vielfältigen Verflechtungen auch in der Dokumentarfilmpraxis ihren Platz erobert und bietet Raum für interdisziplinäre Anwendungen.

Auf diese gehe ich im Kapitel Dokumentarfilm näher ein und zeige, welche Chancen, aber auch Risiken diese Parallelität in sich trägt.

Aufbauend auf dieser theoretischen Argumentation wende ich die gewonnenen Erkenntnisse auf die praktische Arbeit der Filmgestaltung an. Von der Vorproduktion bis zum fertigen Film werden die soziologischen Schemata, die den Produktionsprozeß begleiten, gezeigt. Es werden aber auch die technisch, kreativ und inhaltlich relevanten Aspekte erörtert, da sie grundlegend zur Entstehung des Werkes beitragen.

1. Idee

Im November 2002 bekam ich das Buch "Echte Bauern" geschenkt. Da ich 1998/99 zwei Semester Soziologie an der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien studiert habe, interessierte mich das Buch, da der Autor Roland Girtler Professor am dortigen Institut für Soziologie ist. Während der Lektüre bekamen wir im Rahmen der Lehrveranstaltung Dokumentarfilm bei Prof. Kurt Brazda am Studiengang MultiMediaArt die Aufgabe gestellt, einen Film zu einem Thema nach Wahl zu machen – die Wahl fiel dann nicht schwer.

Ich nahm Kontakt mit Herrn Girtler auf, der der Idee, einen Film zu seinem Buch zu machen sehr aufgeschlossen gegenüber stand. Obwohl sich das Projekt während des letzten Jahres immer wieder veränderte, blieb die zentrale Frage und These Girtlers bestehen: „Was macht einen echten Bauer heute aus bzw. gibt es überhaupt noch „echte“ Bauern?“.

In seinen Büchern präsentiert der kulturwissenschaftliche Allrounder Girtler seiner treuen Leserschaft immer wieder exotische Themen aus dem Alltag sozialer Randgruppen. Seine Feldforschungen haben ihn zu Prostituierten, Polizisten, Wilderern, Landärzten und eben auch Bauern geführt. Der autobiografische Anteil an persönlichen Erinnerungen sind in Girtlers Publikationen evident und ziehen sich wie ein roter Faden durch die bunt beschriebenen Themen.

Girtler arbeitete bereits mehrmals an Fernsehproduktionen zu kulturwissenschaftlichen Themen mit und war daher ein geeigneter Ansprechpartner für dieses Thema. Die Grundintention war aber nicht die akkurate Umsetzung von Girtlers Publikationen, sondern eine eigenständige Annäherung an die Materie.

1.1 Motivation

„Da alle Produzenten ursprünglich einmal in ihren Voreltern aus der Bauernklasse stammen, gibt es den ‚Bauern in mir’.“[1]

Mit dem Buch „Echte Bauern“ rannte Girtler bei mir offene Türen ein. Meine Großeltern waren Bauern, daher bin ich von Kind auf mit dieser Lebenswelt vertraut.

Meine Familie lebt auch inmitten dieser bäuerlich geprägten Landschaft in Kematen/Krems, in der fast alle Nachbarn Bauern und Landwirte sind. Als Kinder waren wir oft und gern bei den Bauern, weil dort die besten Verstecke sind und weil es für ein Kind kaum etwas Faszinierenderes gibt, als selbst einmal mit einem Traktor oder gar einem Mähdrescher zu fahren.

Andererseits stellen die sogenannten "Häuslleute" wie meine Eltern am Land traditionell so etwas wie einen Widerpart zur hierarchisch geprägten Kultur der Bauern dar. Es sind noch die Zeiten der alten Bauernherrlichkeit zu spüren, in denen der Bauernstand mit seinem Gesinde und den weitläufigen Besitzungen Führungsansprüche erhob und in Form von Bürgermeisterämtern, Genossenschafts- und Bankdirektionen auch innehatte.

Ab einem gewissen Alter begann mich meine bäuerliche Umwelt zu interessieren und mir wurden ein paar der feinen Unterschiede bewußt, die im sozialen Gefüge "Landgemeinde" zum tragen kommen. Die industrielle Arbeitsweise der Bauern, ihre Haltung gegenüber anderen und ihre Klagen über die Allgemeinsituation empfand ich oft negativ.

Die Problematik ließ mich aber nicht los und dieses Spannungsfeld bildete bei mir eine Art Nährboden für dieses Filmprojekt, bei dem ich mit meinen Vorurteilen konfrontiert wurde und eine neue Sichtweise auf die Bauern und ihre Anliegen entwickelte.

Dabei habe ich die Möglichkeit schätzen gelernt, innerhalb eines doppelt ungewöhnlichen Rahmens Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Aufgrund der kostengünstigen Produktionsweise hatte ich, unabhängig von kommerziellen Interessen, einerseits die Möglichkeit Dinge zu thematisieren, die oft als soziale Tabus gelten.

Andererseits war das Projekt "Studentenfilm" eine sehr geeignete Chance um sowohl interessante Menschen Dinge zu fragen, die ansonsten immer einem Stigma unterliegen und daher nicht angesprochen werden als auch den Protagonisten die Chance zu geben, sich zu Themen zu äußern, nach denen sie oft nie gefragt werden. Aus diesen Gründen habe ich sehr wertvolle Aussagen erhalten, die das Projekt inhaltlich nie auf eine Bewährungsprobe gestellt haben.

„Völlig anders (als die Position eines außenstehenden, ethnologischen Beobachters, Anm.) ist die Interessenlage des Beobachters, der aus dem Innenraum der eigenen Kultur diese selbe Kultur beschreibt während einer kritischen Phase, die einer rätselhaften Gegenwart angehört, und die sich darauf vorbereitet, eine noch rätselhaftere nächste Phase hervorzubringen. Dieser Beobachter ist vor allem an Traditionen interessiert, die sich um die Manipulation kultureller Zustände bemühen mit dem Ziel, zukünftige Entwicklungen auf heilsame Weise zu beeinflussen.“[2]

Meine Neugier war letztendlich die Triebfeder, diese „rätselhafte Gegenwart“ näher zu ergründen. Das Grundinteresse an einer speziellen Thematik teilen immer alle Personen einer sich dadurch konstituierenden sozialen Gruppe – allerdings mit unterschiedlichen Zielen und Interessenlagen. Die Erschließung dieses Themas mit den Mitteln des Films war für mich die spannendste Variante und eine bereichernde Erfahrung.

1.2 Relevanz

Die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen der bäuerlichen Lebenswelt haben sich seit Beginn der menschlichen Sesshaftigkeit mit der Domestikation von Nutz- und Haustieren über Jahrtausende hinweg entwickelt. Mit der beginnenden Industrialisierung der Landwirtschaft und der Abwanderung der bäuerlichen Dienstboten in andere Wirtschaftszweige in den 50er Jahren erfolgte die erste Zäsur in dieser Entwicklung. Einige Protagonisten meines Filmes meinen, dass heute, 2004, mit der EU-Osterweiterung, der anstehenden Einführung der Gentechnik und mannigfaltigen anderen Problemlagen eine zweite Welle des Bauernsterbens einsetzt. Diese spannungsgeladene Grundkonstellation an der Schwelle einer anstehenden Umbruchphase des Agrarsektors ist der Ausgangspunkt meiner Arbeit.

1.3 Forschungsgebiet

Das Forschungsgebiet setzt in der heutigen, ebenso aber in der bereits vergangene Lebenswelt der Bauern an. Das Gebiet wird nicht mit den Mitteln der traditionellen Agrar- bzw. Wirtschaftswissenschaften, sondern mit denen der Kultur- und Sozialforschung beschrieben. Dadurch eröffnet sich eine differenzierte Perspektive, die nicht die allgegenwärtigen monetären Probleme und sachlichen Aspekte, sondern die Menschen hinter den Zahlen in den Mittelpunkt rückt.

1.4 Forschungsfrage

Die Forschungsfragen, die sich aus der Kombination dieser Thesissarbeit mit dem Werk Dokumentarfilm stellen sind:

Wie lässt sich die momentane Situation einer sozialen Schicht wie jener der Bauern mit Mitteln des Dokumentarfilms erschließen? Von welchen Seiten geht die qualitative Sozialforschung an dieses Feld heran, wie der Dokumentarfilm? Welche Parallelen gibt es in diesen beiden Disziplinen, welche Unterschiede? Welche Chancen ergeben sich aus einer Kombination dieser Herangehensweisen? Welche Produktionsbedingungen beeinflussen das Medium Film selbst?

2. Thematischer Überblick

2.1 Agrargeschichte

„Bald lernte er (der Mensch, Anm.) Tiere zu zähmen und zu domestizieren. Die Agrargesellschaft war entstanden. Historisch wie analytisch handelt es sich um eine bedeutende Zäsur, denn das Agrarzeitalter bildet eine der drei Manifestationen gesellschaftlicher Organisation – die anderen beiden sind die Industrielle Revolution und die Dienstleistungsgesellschaft.“[3]

Die Dienstleistungsgesellschaft in den wohlhabenden westlichen Industrienationen (die mittlerweile korrekterweise Dienstleistungsnationen heißen müssten) mit dem bedeutenden Tertiärsektor konnte erst auf der Basis des Primärsektors Landwirtschaft entstehen.

Wie Girtler in seinem Vortrag in der Landwirtschaftlichen Fachschule Schlierbach erläuterte, stammt der Begriff Kultur vom lateinischen „colere“ ab, das soviel wie „den Boden bebauen“ bedeutet.

Der „agricola“ (lat. für „Bauer“) ist wortwörtlich also der Kultivator des Ackers, der ursprünglichste Träger von Kultur.

Auch der Begriff „Wirtschaft“ stammt aus dem bäuerlichen Bereich. Das „oikos“ (griech. für „Haus“) und die Bewirtschaftung desselben war der Ursprungsbereich für das finanzielle und materielle Handeln, der Ordnung des Hauses („oikonomia“), und stand als sittlich unangefochtene Form des Erwerbs an der Spitze der ethischen Hierarchie.[4] Der heute gültige Begriff der Wirtschaft mit der Betonung des Geldes deckt sich übrigens nicht mit der klassischen „oikonomia“. Die finanziellen Belange wurden dem heute nicht mehr gebrauchten Begriffes „Chrematistik“ zugeordnet.

Mit der Entdeckung des Säens und Erntens in der mittleren Steinzeit (etwa 10000 – 3500 v . Chr.) wurde die Ernährung unabhängig von den Zufällen der Jagd und des Sammelns. Die Menschen produzierten ihre Lebensmittel selbst, und sie entwickelten dazu immer bessere Geräte und Werkzeuge (z.B. Erfindung des Pfluges um 3000 v. Chr.). Je besser die Arbeitsgeräte, desto größer war die Fläche, die bearbeitet werden konnte, desto größer waren auch die Erträge, die erwirtschaftet werden konnten. Die Produktivität stieg. Die Menschen konnten mehr Nahrungsmittel produzieren, als sie brauchten, um satt zu werden. Beispielsweise steigerte sich die Zahl der Menschen, die ein Bauer ernähren konnte von ursprünglich 5 in vorindustrieller Zeit auf bis zu 100 mit Hilfe moderner Landwirtschaft.

Dadurch wurde es möglich, einzelne Mitglieder einer Sippe oder eines Stammes aus dem Prozess der Nahrungsmittelherstellung freizustellen, die sich auf die Herstellung von Werkzeugen und Geräten konzentrieren konnten.

So entstand das Handwerk. Arbeitsteilung ist ein Ergebnis der Mehrproduktion an Nahrungsmitteln. Durch Spezialisierung aber entstand wiederum die Möglichkeit und Notwendigkeit des Tausches. Wurde auf der frühen Stufe der menschlichen Entwicklung vor allem für den Eigenbedarf der Sippe oder des Stammes produziert, so entwickelten sich jetzt Tauschbeziehungen, z.B. zwischen Hirten- und Ackerbaustämmen.

Es entstanden Märkte, auf denen die Überschüsse der eigenen Produktion getauscht werden konnten. Um den Tauschvorgang zu erleichtern, wurde ein heute allseits bekanntes Mittel eingeführt, das sich gegen alle Waren tauschen ließ: das Geld.[5]

Seit damals haben sich soziale Hierarchien, Wertbegriffe und Produktionsbedingungen grundlegend geändert. Der Bauernstand ist aufgrund von Rationalisierung und Optimierung nur noch eine gesellschaftliche Minderheit, die sich dem mehrfachen Druck von Politik, Handel und Verbrauchern zu beugen hat. Die ökonomische Lehre der Physiokratie[6] und deren hohe Bewertung der Landwirtschaft ist demnach schon lange Geschichte, obwohl auf verschlungenen Wegen, über das Subventionierungssystem der Europäischen Union wieder ähnliche Bedingungen zustande kommen.[7]

Die Bedeutung des Geldes ist also untrennbar mit der Entwicklung des sich selbst versorgenden „echten Bauer“ zum marktorientierten Lebensmittelproduzenten verbunden.

In dem Spruch „Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann“ zeigt sich viel vom damaligen Hierarchieverständnis. Die bei der Burg wohnenden, die Bürger, versuchten, ihre eigene Herkunft verleugnend und trotz ihrer Angewiesenheit auf die Bauern, sich seit dem Anwachsen der Städte von den Bauern zu distanzieren.[8] Ein Unterschied zur Stadt zeigte sich auch im Gemeinwesen Bauernhof, auf dem vom Bauer bis zum jüngsten Knecht alle aus einer Schüssel aßen, während in der Stadt jeder sein eigenes Becherlein und Tellerlein hatte.[9]

Eine Deklassierung des Bauernstandes erfolgte auch in marxistischen Theorien. Der gesellschaftliche Riss täte sich entlang der Arbeiterschicht und der Bourgeoisie auf, den Bauern wurde hierbei wenig revolutionäres Potential zuerkannt, obwohl diese demographische Schicht im Gegensatz zu heute damals noch die Hälfte der Bevölkerung ausmachte.[10]

Negt und Kluge beschreiben die Stadt und die Städter als nicht höherwertig als die bäuerliche Landbevölkerung, sie wären sogar nur Städter wenn sie sich dieses Unterschiedes bewusst würden. Im Rückgriff auf Ovid stellen sie fest:

„[...] der Umgang mit der Landschaft bestimmt alle Seelenlagen und alle Gedanken und ist immer so differenziert wie diese, oder anders: diese können nicht differenzierter werden als der Umgang mit der Natur“[11]

Der Bauer hat durch die Art seiner Tätigkeit Willenskraft, Verstand und Wahrnehmungsfähigkeit als Grundlage des Bewusstseins und eines glücklichen Verhältnisses zwischen Arbeit und Dingen integriert. Negt und Kluge sehen in diesen Eigenschaften, ohne sozial zu romantisieren, eine Möglichkeit des Rückzugs durch die in den modernen Arbeitsformen entstandenen Formen von Realitäts-, Identitäts- und Steuerungsverlust.[12]

2.2 Bäuerliche Kultur

Zur Entstehung der bäuerlichen Kultur ist das Verständnis ihrer Arbeit von hervorragender Bedeutung:

„Die Arbeiten sind gegenständlich. Sie orientieren sich an der Selbstversorgung. Die Arbeitsvermögen bilden deshalb einen vollständigen Zusammenhang; das Korn, das gebraucht wird, wird ebenso produziert wie das Tuch für die Kleidung; Schmied und Müller gehören zum Dorf. Die Masse der Tätigkeiten besteht in einfacher Arbeit, da Boden, Arbeitsmittel und Jahr die Kombinationen potenzierter und zusammengesetzter Arbeiten schwer anwendbar machen.“[13]

Per Arbeitsteilung in Dörfern bildete sich eine autarke Gemeinschaft heraus, die in einem gewissen Sinne für globalisierte Gesellschaften mit ihrer Gegentendenz zur Lokalisierung und regionalen Stärkung („Glokalisierung“) als vorbildlich gelten kann.

„Die Landwirtschaft umfasste ursprünglich – so wie später noch vereinzelte autarke Bauerngehöfte – fast alle Tätigkeiten, die zu ihrer Reproduktion notwendig waren.“[14]

Durch den Jahresrhythmus und den dazu gehörigen Verrichtungen auf dem Land und Hof bildete sich eine eigene Mentalität heraus, deren Träger stolz auf ihr Eigentum und unbeugsam gegen die Obrigkeit, aber auch zufrieden und genügsam waren. Der Bauer ist die am stärksten von der Natur abhängige Berufsgruppe („wir haben unsere Werkstatt unter’m Himmel“[15] ), er kann ihr gegenüber seinen Willen nicht geltend machen, das führt zur Bescheidenheit und zur Herausbildung eines vielfältigen Wissens über die zu kultivierende Natur:

[...]


[1] Negt, Oskar/Kluge, Alexander: Der unterschätzte Mensch. Gemeinsame Philosophie in zwei Bänden, Band II. Geschichte und Eigensinn. S. 174. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2001.

[2] Mühlmann, Heiner: Die Natur der Kulturen. Entwurf einer kulturgenetischen Theorie. S. 11. Wien; New York: Springer, 1996.

[3] Giarini, Orio/Liedtke, Patrick M.: Wie wir arbeiten werden. Der neue Bericht an den Club of Rome. S. 35. München: Heyne, 1997

[4] Vgl. Asendorf, Manfred et. al.: Lexikon der wissenschaftlichen Grundbegriffe. Geschichte.
S. 465 f. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1994.

[5] vgl. Asendorf et. al. 1994, S. 510

[6] Entwickelt von Francois Quesnay, Leibarzt des frz. Königs Louis XV. Idee in seinem Hauptwerk „Tableau economique“ von 1756 ist, daß die Wirtschaft wie ein Blutkreislauf frei fliessen soll. Der Landwirtschaft kommt dabei die einzig „produktive“ Rolle zu, alle anderen Wirtschaftsbereiche orientieren sich daran.

[7] 2006 werden die Ausgaben für den Agrarbereich in der EU 25 mit 55,5 Mrd. ca. 45% des gesamten EU-Haushaltes ausmachen. Bericht über die Tagung des Rates für Landwirtschaft und Fischerei am 24. Februar 2004 in Brüssel, Pt. IV. URL:http://www.verbraucherministerium.de

[8] Negt/Kluge 2001, S. 628f

[9] a.a.O. S. 630. In einer Anmerkung von Norbert Elias heißt es hier auch, dass diese Sitten eine ‚Mauer der Affektiertheit’ im städtischen und eine heute als ‚peinlich’ bewertete Sitte im bäuerlichen Milieu hinterlassen hätte. Interessanterweise gibt es viele Parallelen der bäuerlichen und kaiserlichen höfischen Kulturen.

[10] Negt/Kluge 2001, S. 636

[11] a.a.O. S. 642

[12] vgl. a.a.O. S. 643

[13] a.a.O. S. 165

[14] Ferenc Janossy 1977 S. 34 nach Negt/Kluge 2001, S. 169

[15] Mündl. Mitteilung von Hermann Stoiber, Bauer in Kematen/Krems.

Details

Seiten
60
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640851416
ISBN (Buch)
9783640851423
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168034
Institution / Hochschule
Fachhochschule Salzburg – MultiMediaArt
Note
2
Schlagworte
Dokumentarfilm Bauern Soziologie Roland Girtler empirische Sozialforschung Filmproduktion

Autor

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Titel: Echte Bauern - Der soziologische Dokumentarfilm