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Die Unmöglichkeit der Liebe in Gottfried Kellers "Romeo und Julia"

Hausarbeit 2010 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Interpretation von Edgar Hein
1.1. Beschreibung der Hauptpersonen Sali, Vreni
1.2 Ist der Tod der Liebenden unausweichlich?
1.3. Der Prozess der sozialen Vereinsamung
1.4. Seelische Vorgänge in Bildern
a) Das Haus
b) Der Fluss

2. Thomas Koebner: Die Recherche nach den Ursachen eines Liebestods
2.1. Geschichte der Väter und Geschichte der Liebenden
2.2. Gründe für einen Liebestod
2.3. Desillusionierung

3. M. Schmitz: Um Liebe, Leben und Tod
3.1. Ehre und Gewissen
3.2. Soziale Ortlosigkeit
3.3. Tod als Konsequenz

4. A. Honold: Vermittlung und Verwilderung
4.1. Der mittlere Acker und das Prinzip der Vermittlung
4.2. Die Liebe der Kinder und das Prinzip der Verwilderung

5. Semantische Räume nach Lotman

Zusammenfassung der Ergebnisse und Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Diesen sind wir entflohen“, sagte Sali, „aber wie entfliehen wir uns selbst? Wie meiden wir uns?“[1]

Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ gilt als Klassiker der Literatur des Realismus. Keller gibt die Geschichte von Shakespeares unglücklichem Liebespaar Romeo und Julia anders wieder, indem er ihre Handlung ins 19. Jahrhundert und ihren Schauplatz in die bäuerliche Welt der Schweiz verlegt. Diese Hausarbeit setzt sich mit einem Thema auseinander, das für die Novelle vordergründig ist: die tragische Liebe der jungen Leute. Das äußert sich alleine am Umfang, den die Liebesgeschichte einnimmt, nämlich zwei Drittel des ganzen Textes. Mehr als ein Drittel des Gesamttextes entfällt auf den letzten Tag der Liebenden. Das obengenannte Zitat vermittelt die Gefühle des Liebespaars, auf die später näher eingegangen wird. Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Text bildet die umfangreiche Sekundärliteratur. Als Erstes, soll die Handlung in einer kurzen Zusammenfassung wiedergegeben werden. Danach geht es im Hauptteil um die umfassende Interpretation der Novelle basierend auf der Analyse mehrerer Aufsätze aus der Sekundärliteratur. Es gilt zu zeigen, wie die Situation der jungen Leute anfangs aussieht, wie es sich entwickelt und welche unüberwindbaren Hindernisse auf ihrem gemeinsamen Weg stehen. Jurij Lotmans Raumsemantik wird ein eigenes Kapitel gewidmet. Schließlich werden die Ergebnisse der Analyse zusammengefasst, Gemeinsamkeiten gesucht und ein Fazit gebildet.

Überblick über die Handlung

1. Von Glück geprägte Kindheit von Sali und Vrenchen, tüchtige Väter, Idylle auf dem Land. Der spätere Streitpunkt, ein herrenloser Acker, wird vorgestellt.
2. Der Verkauf des herrenlosen Ackers führt zum Streit von Manz und Marti, der die Familien auseinanderbricht. In den folgenden acht Jahren verschwenden beide ihr ganzes Vermögen im Rechtsstreit.
3. Höhepunkt des Streits mit dem Kampf der Väter auf der Brücke, Sali und Vrenchen treffen sich nach vielen Jahren wieder und verlieben sich sogleich ineinander. Sie treffen sich am nächsten Tag wieder und gestehen sich gegenseitig die Liebe. Marti erwischt die beiden zusammen auf dem Feld, in seiner Wut wird er gegenüber Vrenchen handgreiflich. Sali mischt sich ein und schlägt Marti mit einem Stein nieder. Dieser wird durch den Schlag verrückt und daraufhin in eine Anstalt eingewiesen.
4. Die letzten gemeinsamen Tage im Leben der jungen Leute werden geschildert (umfangreichster Teil). Vrenchen muss ihr Haus verlassen. Beide jungen Leute gehen zum Tanzabend, um ein letztes Mal Spaß zu haben. Sie werden bei der Kirchweih erkannt und fliehen von dort. Dann treffen die Verliebten den schwarzen Geiger und eine Gruppe der Heimatlosen. Sie feiern mit ihnen eine Weile, lehnen aber Geigers Vorschlag, sich ihnen anzuschließen ab. Sali und Vreni entscheiden, sich nicht zu trennen, sondern zusammen zu bleiben und zusammen in den Tod zu gehen. Sie finden ein Heuschiff, besteigen es und am frühen Morgen stürzen beide in die Fluten.

1. Interpretation von Edgar Hein

1.1. Beschreibung der Hauptpersonen Sali, Vreni

Manz' Sohn Sali erbt nichts von der Verkommenheit seines Vaters. Er entwickelt sich zu einem „hübschen jungen Burschen“[2][3]. Er weiß wie sein Vater früher war, behält das Gefühl der Ehre und ist tief traurig über seine Eltern. Das auffälligste Charaktermerkmal Salis ist seine Gutmütigkeit. Er bezieht keine harte Position im Väterstreit, er entzieht sich mehr diesem Konflikt. Hein bemerkt, dass Sali in der Beziehung mit Vreni „ein vollkommen uneigennütziges, selbstvergessenes Liebesgefühl zum Ausdruck“[4] bringt. Er ist gerne neckisch und verspielt im Umgang mit der Geliebten zum Beispiel, bevor sie in den Tod gehen, sagt er, sie sei „noch so ganz jung“ und sie antwortet, er sei ein „alter Mann“[5]. Keller bewundert diese romantische Einstellung und kritisiert die Gefühlslosigkeit der höheren Stände.[6] „In Vreni und Sali soll die gefühlsverlogene bildungsbürgerliche Welt erkennen, was ihr fehlt“[7]. Sali verhält sich in seiner Beziehung wie ein reicher Bauer, der mit seiner Freundin ausgeht. Jedoch ist er arm und deshalb auch kein Angeber: „Ich glaube, das Elend macht meine Liebe zu dir stärker und schmerzhafter, so daß es um Leben und Tod geht!“[8] sind seine ehrlichen Worte an Vreni. Ehrlichkeit geht genauso in einem hohen Maße von Vreni aus, sie möchte für den Tanzausflug kein 'schmutziges' Geld vom Manz haben, „von dem Gestohlenen“.[9] Sali lehnt die Geldgabe seines Vaters entschieden ab und stellt sich nicht auf dessen verdorbene Seite. Von der verkauften Uhr kauft er dem Mädchen wunderschöne Schuhe, wie Vreni noch nie in ihrem Leben getragen, sich aber sehr gewünscht hat.[10] Sali führt seine Geliebte in ein ordentliches Wirtshaus aus und ordert ein beträchtliches Mittagsmahl. Er umgarnt sie wie ein waschechter Gentleman.

Vreni wird in der Novelle sehr genau beschrieben:

ein schlankgewachsenes, ziervolles Mädchen; seine dunkelbraunen Haare ringelten sich unablässig fast bis über die blitzenden blauen Augen, dunkelrotes Blut durchschimmerte die Wangen des bräunlichen Gesichtes und glänzte als tiefer Purpur auf den frischen Lippen[11]

Das junge Ding ist lebenslustig, fröhlich und gleichzeitig eine tüchtige Hausfrau. Ihre Nachbarin bemerkt lobend, sie sei „schön, klug, weise, arbeitsam und geschickt zu allen Dingen“[12] Sie träumt von einem gut ausgestattetem Haus, in dem sie Gäste verwöhnen kann: „Das schönste Haus hat er (Sali) schon gekauft in Seldwyl mit einem großen Garten und Weinberg (…) Ihr werdet sehen, wie schön es da ist! einen herrlichen Kaffee werde ich machen und Euch mit feinem Eierbrot aufwarten, mit Butter und Honig!“.[13]

In der Wirklichkeit muss sie das Elternhaus aufgeben und alle Möbelstücke und Hausrat werden geräumt. Doch Vreni bleibt über das ganze Erzählen hinweg fröhlich und positiv, sie weiß sich gut anzuziehen und zu schmücken:

Es hatte nur ein einfaches Kleid an von blau gefärbter Leinwand, aber dasselbe war frisch und sauber und saß ihm sehr gut um den schlanken Leib. Darüber trug es ein schneeweißes Musselinhalstuch, und dies war der ganze Anzug. Das Braune gekräuselte Haar war sehr wohl geordnet, und die sonst so wilden Löckchen lagen nun fein und lieblich um den Kopf (…) und an der Brust trug es einen schönen Blumenstrauß von Rosmarin, Rosen und prächtigen Astern.

Der Erzähler schreibt ein gemäldeartiges Bild von einer 'Dorfschönheit', die es nur auf dem Land gibt und die einzigartig ist. Vreni will trotz der traurigen Situation, nachdem das Haus geräumt wurde und sie wegziehen und eine Arbeit suchen muss, etwas Schönes und Witziges erleben: „(...) möchte ich einmal, nur einmal recht lustig sein, und zwar mit dir“[14]. Das Tanzen ist eine Leidenschaft, die sie erleben möchte. Das passiert dann im Paradiesgärtlein, wo sie ihrer Bewegungslust freien Lauf lässt, als sie an Sali „vorüberschwebte, glühte wie eine Purpurrose und überglücklich schien, mit wem es auch tanzte“[15].

Hein gibt an, dass Keller in Vreni die Verschmelzung von „Schönheit und Sinnenfreude mit höchster Sittlichkeit“[16] zeigt. Sie ist die Partnerin, die dem Mann offen ihr Verlangen nach Beisammensein äußert: „Warum sollen wir uns nicht haben und glücklich sein?“.[17] „Ich weiß auch nicht warum!“[18], antwortet der Geliebte, der offenbar ratlos ist. Vreni bleibt trotz ihrer hohen Emotionalität eine realistische Person, die immer eine Lösung aus einer unglücklichen Situation sieht. Sie hat einen einen guten Sinn für Gefahr. Als Sali, voll der Liebe zu ihr ins Haus kommt, warnt sie ihn, es werde nie gut kommen und er soll in „Gottes Namen gehen“[19]. Dann ermahnt sie ihn, vorsichtig und unauffällig zu sein, da ihre Beziehung heimlich sein muss. Als Sali Marti erschlägt, bleibt Vreni trotz des Schrecks vernünftig. Sie sagt zu Sali, er soll ins Dorf laufen und Hilfe holen, aber niemandem erzählen was vorgegangen sei[20]. Selbst als sie fest entschlossen ist zu sterben, behält sie ihre Lebenslust und Heiterkeit: „ (…) Tränen der Freude entströmten seinen Augen; es raffte sich auf und sprang leicht wie ein Vogel über das Feld gegen den Fluss hinunter“[21]. Der Entschluss verleiht ihr eine Leichtigkeit, sie lässt alles los.

1.2 Ist der Tod der Liebenden unausweichlich?

Vreni und Sali möchten die bürgerlichen Tugend- und Tüchtigkeitsnormen ihrer Zeit erfüllen. Sie sind am Tag des Tanzes sauber und feiertäglich gekleidet. Das ist ein Bekenntnis zur bürgerlichen Ordnung. Den Rat des schwarzen Geigers eine Ehe ohne Pfarrer, ohne Geld, ohne „Schriften“, ohne Ehre, ohne Bett im „Haus der grünen Wälder“[22] zu führen, lehnen die Verliebten ab. Sie können es sich nicht vorstellen. Vreni sagt: „Wo es so hergeht, möchte ich nicht sein“[23]. Die scherzhafte Trauungszeremonie durch den schwarzen Geiger hat für sie keine Gültigkeit. Hingegen das Treueversprechen auf dem Feld und die Verlobung mit den billigen Jahrmarktsringen halten sie für richtig, weil dies ein „gesellschaftlich sanktionierter Brauch“[24] sei. Auch die Idee ihre Zukunft und weiteren Lebensweg in der Welt getrennt voneinander zu suchen wird von den beiden Liebenden nicht angenommen. Sali und Vreni können weder auf ihre Liebe noch auf ein Leben in traditioneller Ehre verzichten. Nach Hein besitzt das „niedere Volk“ demnach mehr Leidenschaft und Sittlichkeit als die Gebildeten.[25] Die Liebenden betreten den Weg in den Selbstmord „mit Tränen der Freude“, im „Rausch der Seligkeit“, „in wilder Laune“[26]. Vreni selbst besitzt eine ungestüme Entschiedenheit, denn sie sieht in der Liebe „unmittelbar Tod oder Leben“[27]. Schließlich lässt sich zum Fazit über die „Entsittlichung und die Verwilderung der Leidenschaften“[28], das eine soziale Kritik darstellt, sagen, dass es nicht korrekt sei. Die beiden von der Gesellschaft beschuldigten jungen Leute zeigen sich als „Märtyrer der bürgerlichen Moral“[29]. E. Hein zitiert an dieser Stelle Gerhard Kaiser, der Vreni und Sali „wahre Heilige, die, das Modell einer vollkommenen, frei aus sich Ordnung und Sitte des menschlichen Zusammenlebens stiftende Liebe vor sich hertragend, das wirkliche Leben hinter sich zurücklassen“ nennt[30].

1.3. Der Prozess der sozialen Vereinsamung

Die schweizerische Dorfgemeinde des 19. Jahrhunderts war auf dem Prinzip des Hausväterwesens aufgebaut. Der Dorfälteste hatte eine patriarchalische Stellung, seine Aktionen wurden aber vom Gemeinderat streng überwacht. Jede Dorfgemeinde regelte die Allmende, die Schul- und Armenverwaltung und Weiteres selbst. Das Bürgerrecht in so einer Gemeinde war jedoch nicht gesichert. Man konnte es durch Geburt oder Ansiedlungsrecht erwerben und wiederum durch den Verlust von Haus und Boden verlieren.[31] Das erfahren Manz, Marti und ihre Kinder am eigenen Leib. Der kontinuierliche Prozess der sozialen Isolation wird im Folgenden geschildert.

[...]


[1] Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe, Stuttgart 2002. S. 76.

[2] Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Interpretation von Edgar Hein. München 1988. Im Weiteren als „Hein“ abgekürzt.

[3] Keller, 19.

[4] Hein, 51.

[5] Keller, 76.

[6] Hein, 51-52.

[7] Ebd, 52.

[8] Keller, 47.

[9] Ebd, 49.

[10] Keller, 51.

[11] Keller, 18.

[12] Keller, 56.

[13] Keller, 55.

[14] Keller, 49.

[15] Keller, 71.

[16] Hein, 55.

[17] Keller, 63.

[18] Ebd.

[19] Ebd, 35.

[20] Ebd, 43.

[21] Ebd, 78.

[22] Ebd, 73.

[23] Ebd, 74.

[24] Hein, 43.

[25] Ebd.

[26] Keller, 78.

[27] Ebd, 77.

[28] Ebd, 80.

[29] Hein, 44.

[30] Ebd, 44. Aus: Gerhard Kaiser: Sündenfall, Paradies und himmlisches Jerusalem in G.Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe. In: Euph. 65 (1971), S. 21-48.

[31] Hein, 57.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640848652
ISBN (Buch)
9783640845095
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167991
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Schlagworte
unmöglichkeit liebe gottfried kellers romeo julia

Autor

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