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Migration und ethnische Zuschreibungsprozesse im Kontext türkischer Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund

Die Erörterung einiger Aspekte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 22 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Arbeitsmigration in Deutschland
II.1. Geschichtliche Grundzüge von Migration in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg ..
II.2. Die Migration von Arbeitern aus der Türkei nach Deutschland - einige Grundzüge

III. Versäumnisse und Probleme bei der Integration türkischer Migranten - einige Grundzüge

IV. Ethnisierungsprozesse im Rahmen türkischer Migration
IV.1. Theoretische Grundlagen
IV.2. Ethnisierungsprozesse im Schulalltag

V. Chancen

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft.“1 Diese Aussage machte Claudia Roth, Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/ Die Grünen, während eines Beitrages in der Zeitschrift f ü r KulturAustausch im Jahr 2004. Wie komplex die Thematik ist, die hinter dieser prägnanten Aussage der Politikerin steckt, scheint auf den ersten Blick nicht weiter ersichtlich. Auf den folgenden Seiten werde ich auf Migration und Ethnisierungsprozesse als Momente der multikulturellen Gesellschaft in Deutschland eingehen.

In einem ersten Schritt soll in diesem Kontext auf Arbeitsmigration in Deutschland eingegangen werden. Hierbei soll die Erörterung dieses Prozesses auf historischer Ebene als Grundlage dienen. Darauf folgend thematisiere ich konkreter einige Grundzüge der Migration von Gastarbeitern aus der Türkei nach Deutschland. In einem weiteren Schritt werden einige problematische Aspekte der Integration türkischer Migranten in Deutschland erarbeitet. Diese Erarbeitung soll - basierend auf den Ebenen der Politik und der Medien - einige Beispiele für Versäumnisse im Integrationsprozess verdeutlichen. Des Weiteren wird hier die Einleitung für den darauffolgend diskutierten Aspekt - Ethnisierungsprozesse im Rahmen türkischer Migration - liegen. Hierbei geht es zunächst um die Erörterung einiger theoretischer Grundlagen. Anschließend werde ich die Diskussionsgrundlage präzisieren. Der Fokus wird dann auf Ethnisierungsprozessen im Schulalltag liegen.

Letztlich bleibt zu klären, wie mit eben jenen Prozessen umzugehen ist. Im Rahmen dieses Punktes sollen prägnant einige Ansätze zur Lösung der vorliegenden Problematik aufgezeigt werden.

II. Arbeitsmigration in Deutschland

Wie Gogolin und Krüger-Potratz anmerken, ist „Geschichte auch immer Migrationsgeschichte“2. Durch diese Aussage wird deutlich, dass das Phänomen der Arbeitsmigration in Deutschland nicht nur für die Gegenwart von Relevanz ist. Vielmehr ist anzumerken, dass Deutschland eine ausgedehnte Geschichte in der Anwerbung ausländischer Arbeiter aufzuweisen vermag. So reichen die Ursprünge der Migration bis in das 17. und 18. Jahrhundert zurück.

Auch wenn sich der Prozess der Arbeitsmigration nicht sehr geändert zu haben scheint, so differieren die Nationalitäten der Einwanderer wie auch deren Tätigkeitsbereiche dennoch deutlich. Zunächst sind im 17. und 18. Jahrhundert vornehmlich Facharbeiter aus den Niederlanden, Frankreich und Belgien „für die Manufakturen angeworben worden, in denen Textilien, Luxuswaren oder Waffen hergestellt wurden“3. Aus Gründen der Übersichtlichkeit beschränke ich mich im Folgenden auf eine Skizzierung der Migration in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg.

II.1. Geschichtliche Grundzüge von Migration in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg

Zunächst sei hier ein wichtiger Aspekt angemerkt, die Tatsache, dass Migration keine Einbahnstraße ist, auch wenn die Bundesrepublik Deutschland vor allem als Einwanderungsland wahrgenommen wird. In diesem Zusammenhang merken Gogolin und Krüger-Potratz an, dass zwischen 1946 und 1960 außer 668.000 so genannten Displaced Persons (meistens ehemalige Zwangsarbeiter) auch 760.000 Deutsche das vom Krieg zerstörte Heimatland verließen.4

Ich werde mich hier speziell auf die Zahl der Einwanderungen beschränken. Die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland eindeutig als Einwanderungsland charakterisiert werden muss, lässt sich an Hand von Zahlen gut nachvollziehen. So ist anzumerken, dass zwischen „1954 und 1999 [wanderten] insgesamt 31.3 Millionen Inund Ausländer nach Deutschland“5 einwanderten. Münz und Ulrich bestimmen den Anteil der zugewanderten Ausländer in dieser Zeitspanne auf 25,3 Millionen, den Anteil der Asylbewerber und Flüchtlinge unter diesen datieren sie auf 2,8 Millionen Menschen.6 Es bietet sich nach dieser Darstellung von Zahlen eine tiefergehende Erörterung der Motive und Formen dieser Einwanderung an.

Im Kontext der Einwanderung von Ausländern muss auf die Arbeitsmigration zwischen 1955 und 1973 verwiesen werden, die auf deutscher Anwerbung gründet. Gogolin und Krüger-Potratz datieren deren Beginn mit dem im Jahre 1955 abgeschlossenen deutsch- italienischen Vertrag und weisen auf weitere Anwerbeabkommen in den darauf folgenden Jahren hin.7 Im Hinblick auf diese extendierten Anwerbungen scheint es schon hier umso frappierender, dass hinsichtlich der großen Menge an Arbeitsmigranten bis zu einem kompletten Anwerbestopp im Jahre 1973 „keine weiteren Integrationsmaßnahmen etabliert“8 wurden.

Bei einer zweiten Gruppe von Einwanderern handelt es sich um die, oben bereits erwähnten, so genannten Aussiedler. Diesen durch „Flucht- und Vertreibungsmigration als Folge des zweiten Weltkriegs“9 Vertriebenen spricht das Grundgesetz den Status der deutschen Volkszugehörigkeit zu. Der Einreiseprozess dieser zweiten Gruppe ist durch Schwankungen in der Einwanderungszahl gekennzeichnet. Tendenziell lässt sich hier feststellen, dass aufgrund politisch angespannter Beziehungen zwischen Deutschland und den jeweiligen Ausreiseländern in den 1950er und 1960er Jahren, dann in den 1970er Jahren durch die so genannte neue Ostpolitik, eine erst geringere aber kontinuierlich wachsende und schließlich zum Ende der 1980er Jahre kulminierende Anzahl an Einwanderungen durch Aussiedler in die BRD zu verzeichnen ist.10

Als eine dritte Gruppe sollen in diesem Kontext die Fl ü chtlinge skizziert werden. Laut Genfer Flüchtlingskonvention aus dem Jahre 1951 handelt es sich bei einem Fl ü chtling um eine Person, die sich „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung [sich] außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will“.11

Der Einreiseprozess von Flüchtlingen in die Bundesrepublik kann ursprünglich als vergleichsweise unkompliziert angesehen werden. Eine Änderung ergab sich hier im Rahmen neuer Ausländergesetze aus dem Jahre 1965. Hier wurden die bisher „freizügigen Regelungen und Aufnahmeverfahren [wurden] gesetzlich enger gefasst“12. Konkret äußerte sich dies in der Einrichtung eines gesetzlich vorgeschriebenen Prüfverfahrens über Fluchtgründe und Lebenssituation der Flüchtlinge. Auch macht Weber in diesem Zusammenhang auf eine erneute Verschärfung der Gesetzeslage hinsichtlich des Asylrechts in den Jahren 1977/78 aufmerksam.13

Nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 zeigen sich neue Züge der Migrationsbewegungen. Diese lassen sich wie folgt zusammenfassen:

„Pendelwanderung über die östlichen Grenzen Deutschlands, Deutschland als Zielland aber auch als Transitland für Arbeitsmigranten, die nach (zeitbegrenzten) Jobs suchen, aber auch neue Zuwanderergruppen, die sich in der Bundesrepublik niederlassen möchten.“14

Gogolin und Krüger-Potratz weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eben nicht nur die Migrationsbewegungen eine neue Dynamik bekommen haben, sondern dass des Weiteren die Migrationspolitik in Bewegung geraten sei.15

II.2. Die Migration von Arbeitern aus der Türkei nach Deutschland - einige Grundzüge

Stereotyp wird im Kontext von Migration heute oftmals nur die Einwanderung von Arbeitern aus der Türkei nach Deutschland gesehen. Diese Fehleinschätzung mag in der Tatsache begründet liegen, dass die türkischen Einwanderer „die zahlenmäßig größte, immer noch zunehmende, nach kulturellen Traditionen, Verhaltensweisen, Lebensformen usw. jedoch am stärksten von dem Aufnahmeland differierende Nationalitätengruppe aus den mediterranen Herkunftsländern der Arbeitsmigration“16 darstellen. Hier kann der Nährboden für das Problem ausgemacht werden, welches Mertins als eine „oft vollzogene Reduzierung auf das ‚Türkenproblem’“17 beschreibt. Besonders in diesem Kontext scheint also eine intensivere Beschäftigung und Aufklärung notwendig. Aus diesem Grund und um die Übersichtlichkeit dieser Arbeit zu gewährleisten, soll im Folgenden beschränkt auf diese Gruppe von Einwanderern eingegangen werden.

Die Migration türkischstämmiger Arbeiter in die Bundesrepublik ist, im Vergleich zu den oben geschilderten, generellen Anfängen der Migration, ein relativ junger Prozess.

Diese begann vor rund 40 Jahren, genauer am 30. Oktober 1961. Trotz dieser relativ zeitnahen Ursprünge sind die Auswirkungen der Migration eben dieser großen Gruppe heute deutlich zu spüren. Sökefeld merkt hier passend an, dass „Deutschland, so wie es sich heute darstellt, [ist] ohne Einwanderung nicht denkbar“18 ist.

Den zahlenmäßigen Verlauf der jährlich einwandernden Türken nach Deutschland skizziert der Ethnologe wie folgt: Während 1962 15.269 Arbeiter jährlich einreisten, stieg diese Zahl bis zum Jahr 1970 auf 123.626 Einreisende kontinuierlich an. Von 1978 bis 1981 weist Sökefeld erneut auf einen erheblichen Anstieg dieser jährlichen Einwanderungszahl auf bis zu 400.000 Menschen hin.19 Einer der Beiträge zur Bevölkerungsentwicklung ist hier nun dem Faktum zuzuschreiben, dass „ein nennenswerter Teil der Zugewanderten, insbesondere die ausländischen Zuwanderer, in Deutschland Kinder bekamen“20, nachdem immer klarer wurde, dass ihr Aufenthalt von Dauer sein würde.

Es sei angemerkt, dass sich nicht nur die Zahlen der Einwandernden änderten, sondern auch die Motivationen, welche die Menschen zu ihrer Einreise bewegten. Statistiken zeigen hier zusammenfassend Folgendes an:

„die Zuwanderung war - vor allem von 1961 bis 1984 - ökonomisch motiviert. In den vergangenen 20 Jahren dominierten jedoch Flüchtlinge (Kurden) und Zuwanderer im Rahmen der Familienzusammenführung.“21

Für die Bewegung türkischer Fl ü chtlinge können nach Sökefeld diverse Unruhen in der Türkei als Auslöser gesehen werden. Hier sei zum einen auf massive Unruhen zwischen extremen Rechten und radikalen Linken zum Ende der 70er Jahre, als auch auf den Krieg zwischen der PKK und der türkischen Armee im Osten Anatoliens seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre, hingewiesen.22

[...]


1 ROTH, CLAUDIA: Zukunft der multikulturellen Gesellschaft. Begriffserklärungen aus gegebenem Anlass. In: Zeitschrift f ü r Kulturaustausch 4/ 2004

http://cms.ifa.de/index.php?id=roth&L= (24.02.2008)

2 GOGOLIN, INGRID/ KRÜGER-POTRATZ, MARIANNE 2006: Einführung in die interkulturelle Pädagogik. Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich, S.28

3 Ebd., S.34

4 vgl. Ebd., S.62

5 MÜNZ, RAINER/ ULRICH, RALF E. 2001: Migration und zukünftige Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. In: Wolfgang Franz, Helmut Hesse u.a. (Hrsg.), Wirtschaftspolitische Herausforderungen an der Jahrhundertwende, Tübingen: Mohr Siebeck, S.181

6 Ebd., S.181

7 vgl. Gogolin, Krüger-Potratz 2006, S.63-64

8 Gogolin, Krüger-Potratz 2006, S.64

9 SCHNEIDER, JAN 2005: Migration und Integration in Deutschland. Aussiedler. http://www.bpb.de/themen/96ORR8,0,0,Aussiedler.html (24.02.2008)

10 vgl. Gogolin, Krüger-Potratz 2006, S.65

11 Genfer Flüchtlingskonvention Art. I Nr. 2. 1951 [Auszug]

12 WEBER, RALF 1998: Extremtraumatisierte Flüchtlinge in Deutschland. Asylrecht und Asylverfahren. Frankfurt & New York: Campus Verlag, S.33

13 vgl. Ebd., S.33

14 Gogolin, Krüger-Potratz 2006, S.66

15 vgl. Ebd., S.66-67

16 MERTINS, GÜNTER 1983: Zwischen Integration und Remigration: Die Gastarbeiterpolitik der Bundesrepublik Deutschland nach 1973 und deren Rahmenbedingungen. In: Geographische Rundschau 35, Nr. 2, S.47 [zitiert aus Sökefeld 2004, S.10]

17 Ebd., S.47

18 SÖKEFELD, MARTIN 2004: Das Paradigma Kultureller Differenz: Zur Forschung und Diskussion über Migranten aus der Türkei in Deutschland. In: Martin Sökefeld (Hrsg.), Jenseits des Paradigmas kultureller Differenz. Neue Perspektiven auf Einwanderer aus der T ü rkei, Bielefeld: transcript- Verlag, S.9

19 vgl. Ebd., S.12-13

20 Münz, Ulrich 2001, S.182

21 ISOPLAN - DATENBANK MOBILITÄT UND INTEGRATION 2003: Zuwanderergruppen. Türken in Deutschland. http://www.isoplan.de/aid/index.htm?http://www.isoplan.de/aid/2003-3/zuwanderer.htm (28.02.2008)

22 vgl. Sökefeld 2004, S.13

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640848430
ISBN (Buch)
9783640845200
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167952
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Multikulturalität Migration Zuschreibung Ethnisierung Arbeitsmigration Gastarbeiter Intergration Integrationsprozess Zuschreibungsprozess Ethnisierungsprozess Migrant Einwanderung Einwanderungsprozess Aussiedler Flüchtling Ausländer türkische Migration Schulalltag

Autor

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