Lade Inhalt...

Was lange währt, wird endlich besser - die Überaumsituation an der Musikhochschule Saar

Essay 2010 8 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

„Müssen sie denn wirklich soviel üben?“, fragt mich der Mann an der Pforte verständnislos. Der Ehrgeiz von zahlreichen Studenten vor seiner Tür, die alle auf einen der begehrten Räume warten, zehrt an seinen Nerven. Warum er manche von uns ab morgens um acht Uhr in der Hochschule sieht, will ihm nicht in den Sinn. Ich wiederum bin über die Frage verwundert. Unter Musikern wird sie nicht gestellt, es ist eine Selbstverständlichkeit, dass das Beherrschen eines Instruments Übung voraussetzt. Dieser Gegensatz führt häufig zu Streit zwischen den Studenten auf der einen Seite, für die ganz klar ist, dass sie üben müssen, und den Angestellten in der Verwaltung auf der anderen, die nicht verstehen, warum eigentlich. Für mein nächstes Gespräch mit dem Pförtner möchte ich fundierte Antworten auf die Fragen finden: 1. Wozu braucht man Üben überhaupt? und 2. Muss dieses Üben regelmäßig stattfinden? Die Fragen mögen banal klingen, die wissenschaftlichen Antworten sind jedoch interessant. In einem Artikel der Zeit mit dem Titel Wenn üben glücklich macht, schreibt Reinhard Kahl: „10.000 Stunden, so zeigen übereinstimmend Hirnforscher und andere Wissenschaftler, braucht man, um eine Sache gut zu können.“[1] Das ist ja nun etwas vage formuliert, denn ,eine Sache‘ kann schließlich vom Aufheben eines Streichholzes bis zu Schumanns Klavierkonzert alles bedeuten. Doch ich will trotzdem einmal von dieser Zahl ausgehen: 10.000 Stunden wären bei regelmäßigem Üben von zwei Stunden jeden Tag circa 14 Jahre. Doch wozu, und das ist die implizierte zweite Frage des Pförtners, müssen Instrumentalisten jeden Tag üben? Sie könnten ja auch, um einmal bei den 10.000 Stunden zu bleiben, statt zwei Stunden jeden Tag nur jeden dritten Tag kommen und an diesen Tagen sechs Stunden üben? In diesem Fall könnte sich der Student einen Tag wählen, von dem er weiß, dass der Andrang auf die Überäume gering ist. Als Gegenargument wähle ich einen Hinweis des Musikpädagogen Anselm Ernst, der unter seinen wichtigsten Überegeln darauf hinweist, wie wichtig es sei, „regelmäßig [zu] üben; unregelmäßiges Üben oder zu große Abstände zwischen den Übe-Perioden bewirken, daß das bereits Gelernte wieder verlorengeht.“[2] Ähnliche Formulierungen finden sich in den meisten musikpädagogischen Schulen. Ich zitiere Ernst, weil es sich dabei um ein sehr angesehenes und noch recht aktuelles Werk handelt. Sowohl wissenschaftlich als auch pädagogisch wurde ich also in der intuitiven Annahme bestärkt, dass ich üben muss und soll. Und vor allem Pianisten, Sänger und Blechbläser benötigen zum Üben einen Überaum, wenn sie nicht den Zorn ihrer Nachbarschaft auf sich ziehen wollen.

An der Musikhochschule Saar existieren sieben ganztägige Überäume von durchschnittlich 10 Quadratmetern. Drei dieser Räume verfügen über Flügel (Raum 106, 108 und 109), zwei beinhalten Klaviere ((Raum 107 und 129). Die Räume 105, in dem ein Cembalo steht (ein barocker Vorläufer des heutigen Klaviers), und 110, der über kein Tasteninstrument verfügt, können von den wenigsten Studenten genutzt werden. Der Bedarf nach einem Tasteninstrument auch bei Studenten, die ein anderes Hauptfach studieren, ergibt sich aus mehreren Gründen: Schulmusikstudierende mit einem anderen Hauptfach als Klavier belegen automatisch Klavier als Nebenfach und erhalten wöchentlichen Unterricht. Zusätzlich belegen alle Schulmusikstudierenden das Fach Schulpraktisches Klavierspiel, in dem Spieltechniken speziell für den Musikunterricht vermittelt werden. Studierende mit Hauptfach Gesang üben häufig Werke mit Klavierbegleitung, die sie kennen sollten, um sich beim Vorsingen im Unterricht daran zu orientieren. Instrumentalisten benötigen zum Stimmen ihres Instrumentes den Ton a‘ beziehungsweise b, und nutzen zudem das Klavier als Intonationskontrolle. Ab 19 beziehungsweise 20 Uhr können auch die Räume 130 bis 140 vergeben werden, wenn nicht auf der Belegliste vermerkt ist, dass in einem Raum länger unterrichtet wird oder dort Ensemblegruppen proben. Seit dem WS 2010 dürfen auch die sechs Studios, die im neueren Gebäudeteil liegen, vergeben werden. Allerdings sind diese meist von den Professoren bis 20 Uhr gebucht. Zusätzlich bestehen für Studio 1, 2, 5 und 6 besondere Regelungen: Studio 1 ist für Schulmusikprojekte vorgesehen, Studio 2 ist für Schlagwerker reserviert. Für Studio 5 erhalten Jazzstudenten den Schlüssel, während Studio 6, weil es im Keller liegt, den Blechbläsern vorbehalten sein soll. Im Idealfall werden an der HfM Saar also 23 Räume an Übende vergeben. Die Anzahl der eingeschriebenen Studenten steigt stetig und betrug im Jahr 2008 394 Studierende. Bis zum Sommer 2008 wurden jeden Tag Listen für den Folgetag ausgehängt, in denen sich die Studenten für jeweils zwei Stunden eintragen konnten. Dieses System wies vor allem zwei Schwachstellen auf: zum einen wurden die Listen morgens ausgehängt, zu Zeiten, in denen Studierende des Bereichs Orchestermusik noch keine Proben haben, Studierende der Schulmusik jedoch häufig Seminare. Da die Listen spätestens eine Stunde nach Aushang gefüllt waren, bestand für Studierende mit einem umfangreichen Stundenplan zur Mittagszeit bereits keine Chance mehr, einen Raum für den nächsten Tag zu bekommen. Das zweite Problem ergab sich daraus, dass Studenten koreanischer Herkunft mit Schriftzeichen unterschrieben. Da die Unterschiede zwischen den verschiedenen Schriftzeichen für Unkundige kaum erkennbar sind, konnte nicht kontrolliert werden, ob sich einzelne Studenten mehrmals für denselben Tag eingetragen hatten. 2008 wurde ein neues System ohne Vorreservierungen eingeführt.

[...]


[1] http://www.zeit.de/online/2008/36/lernen-ueben-musik

[2] Ernst, Anselm: Lehren und Lernen im Instrumentalunterricht. Ein pädagogisches Handbuch für die Praxis. Mainz 1999. S. 47

Details

Seiten
8
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640848164
ISBN (Buch)
9783640843725
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167905
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,0
Schlagworte
musikhochschule saar

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Was lange währt, wird endlich besser - die Überaumsituation an der Musikhochschule Saar