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Symbolik im Vergleich bei Georges Rodenbachs "Bruges- la-Morte" und Alfred Hitchcocks "Vertigo"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 19 Seiten

Didaktik - Französisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Der Begriff der Intermedialität

2. Bruges- la- Morte
2.1 Handlung im Roman- Zusammenfassung
2.2 Die Stadt: Brügge
2.3 Das Haar als Reliquie
2.4 Die Religion
2.5 Die Ähnlichkeit der Frauen

3. Vertigo
3.1 Handlung im Film- Zusammenfassung
3.2 Die Stadt: San Francisco
3.3 Das Haar
3.4 Schuld und Buße
3.5 Die Ähnlichkeit der Frauen

4. Schluss

Quellen

0. Einleitung

Das von Georges Rodenbach 1892 verfasste Werk Bruges-la-Morte gehört zu den bedeutendsten Vertretern des belgischen Symbolismus. Mehr als 50 Jahre später entstand der Film Vertigo von Alfred Hitchcock. Gemeinsam ist beiden auf den ersten Blick die Geschichte der männlichen Hauptfigur: „...das Drama eines Mannes, der plötzlich aus der Normalität gerissen wird, den Boden unter den Füßen verliert, seine Identität einbüßt und in den Sog unerklärlicher Schrecknisse gerät.“ (Droese, 1995, 8).

Doch haben beide Werke noch weitere Berührungspunkte? Nach Ana González Salvador (1990, 106) steht fest: „Pour celui qui connaît Bruges- la- Morte et Vertigo, il est évident que les deux oeuvres ont une thématique commune.“ und „Les similitudes sont, sans doute, frappantes et Vertigo semble, en effet, développer exactement le même sujet“.

Daher soll in dieser Hausarbeit in beiden Werken vorkommende ähnliche Symbolik untersucht werden. Dazu wird unter Punkt 1 der Zusammenhang zwischen den Medien Film und Roman durch eine kurze Erläuterung des Begriffs Intermedialität hergestellt. Der zweite Teil widmet sich Bruges- la- Morte, der dritte Vertigo. Um beim Leser eventuelle Unsicherheiten bezüglich des Inhalts von Roman und Film vorzubeugen, bietet der jeweilige erste Unterpunkt eine kurze Zusammenfassung der Handlung.

Die folgenden 4 Unterpunkte widmen sich der Symbolik. Untersucht werden bei Roman und film parallel: die Stadt als Ort der Handlung, das Haar der Frauen, die Religion beziehungsweise Schuld und Buße und die zwischen den Frauen auftretende Ähnlichkeit.

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede diese Symbole in beiden Medien präsentieren, soll nun analysiert werden. Im Schlussteil soll es zu einer Auswertung der Ergebnisse kommen.

1. Der Begriff der Intermedialität

Der Begriff Intermedialität lässt sich von den lateinischen Begriffen inter - zwischen und medius - Mittler, vermittelnd ableiten und bezeichnet „im weiten Sinn jedes Überschreiten von Grenzen zwischen konventionell als distinkt angesehen Ausdrucks- oder Kommunikatoionsmedien“ (Nünning, 2004, 298). Bei der Intermedialität wird differenziert nach beteilligten Medien, wobei es sich hier in diesem Fall um den literarischen Text (Bruges-la –Morte) und den Film (Vertigo) handelt. Außerdem spielt eine Rolle inwieweit eines der beteilligten Medien auf das andere Bezug nimmt. Es wird unterschieden in partielle Bezugnahmen, wobei nur Teile eines Mediums in ein anderes transferiert werden und totaler Bezugnahme, die ganze Teile des eines Werks betreffende Intermedialität (Nünning, 2004, 298).

In diesem Fall handelt sich bei Vertigo nicht um die Verfilmung von Bruges -la –Morte. Der Film Vertigo basiert auf dem Roman D’entre les morts von Pierre Boileau und Thomas Narcejac, der wahrscheinlich schon mit dem Gedanken an eine Verfilmung durch Hitchcock geschrieben wurde (Harris, 2002, 186). Dennoch zeigt Vertigo eine Menge Parallelen mit dem Romans Rodenbachs bezüglich der Ähnlichkeit einer lebendigen mit einer verstorbenen Frau, den Gefühlen der männlichen Hauptfigur für diese Frau und dem tragischen Ende. Die Symbolik der Stadt, in der die Handlung spielt und dem Haar der Frauen als Zeichen für gut oder böse lässt sich ebenfalls in beiden Darstellungen finden. Durch die gefundenen Zusammenhänge soll zwischen den beiden Werken von einer gewissen Intermedialität ausgegangen werden.

Durch ein Überführen des Stoffes aus Bruges- la-Morte aus dem literarischen Kontext in einen filmischen werden dem Rezipienten der beiden Werke unterschiedliche Sichtweisen geliefert. So steht bei der Intermedialität nach Kirsten Hagen das produktive Spannungsverhältnis [im Zentrum] unterschiedlicher Medien, das neue ästhetische und semantische Effekte zeitigen kann. (Hagen, Intermediale Liebschaften, 2002, 12). So werden neue Dimensionen des Erlebens und Erfahrens eröffnet (Hagen, 2002, 10).

In den folgenden Teilen der Hausarbeit soll neben der Symbolik in beiden Werken auf Fragen zur Geschichte, ihrer Adaption, dem Verhältnis zwischen Roman und Film eingegangen werden. Außerdem sollen Inhalte beleuchtet werden: sind Handlungen hinzugefügt oder modifiziert worden, wie wurde bei der Figurenkonstellation verfahren?

2. Bruges- la- Morte

2.1 Handlung im Roman- Zusammenfassung

Der reiche Witwer Hugues Viane zieht nach dem Tod seiner geliebten Ehefrau nach Brügge. Die Stadt in ihrer Trauer spiegelt seinen Seelenzustand nach dem Verlust seiner Ehefrau wider. Dort lebt Hugues Vianes zurückgezogen mit seiner Hausgehilfin Barbe. In seiner Einsamkeit gibt er sich ganz den Überresten seiner verstorbenen Ehefrau hin: Portaits, Kleidung und ihr langer blonder Zopf, den er unter einem Kristalldeckel aufbewahrt. Die Sachen der Verstorbenen werden von ihm verehrt, sie haben den Status von heiligen Reliquien. Doch als Hugues seines Abends aus der Kirche tritt, sieht er eine Frau, die seiner Ehefrau wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Eine Woche später trifft der an seinen Sinnen zweifelnde Hugues die Frau erneut und folgt ihr. So erfährt er, dass sie Jane Scott heißt, Tänzerin ist und aus Lille kommt. Nach einiger Zeit spricht er sie an und Jane wird Hugues Geliebte. Wegen ihrer Ähnlichkeit zu seiner Frau, hat er der Verstorbenen gegenüber keine Schuldgefühle und fühlt sich eines Betrugs nicht schuldig. Hugues überredet sich Jane sich in Brügge niederzulassen und besucht sie ab diesem Zeitpunkt jeden Abend. So glaubt er, sein vergangenes Glück mit seiner Ehefrau wieder aufleben zu lassen. Doch mit der Zeit findet Hugues heraus, dass Jane neben ihm noch weitere Liebhaber hat. Auch ist seine Liasion mit der Tänzerin stadtbekannt und hinter seinen Rücken wird getuschelt, so dass seine treue Dienerin Barbe kündigt, als Hugues seine Geliebte zu sich nach Hause einlädt. Hugues Begeisterung für Jane läßt mehr und mehr nach.

Als Jane Hugues Zuhause besucht und diese die Portraits seiner verstorbenen Frau sieht, bemerkt sie welche Rolle sie spielt. Sie beginnt sich über Hugues lustig zu machen und setzt die Reliquien seiner Frau herab, in dem sie ohne Bedenken den Zopf der Ehefrau unter dem Schutz hervorholt und ihn sich um den Hals legt. Hugues, erbost durch die Entweihung seiner Heiligtümer, versucht Jane den Zopf zu entreißen, doch diese rennt vor ihm weg. Wie wahnsinnig verfolgt Hugues Jane und als er sie zu fassen bekommt, zieht er so stark an dem Zopf um ihrem Hals, bis er sie erdrosselt hat. Durch den Tod Janes findet Hugues wieder zu seiner verstorbenen Frau und zu seiner Stadt- Brügge( Grève, 1987, 47f.).

2.2 Die Stadt: Brügge

Bei Rodenbach ist Brügge nicht nur Ort des Geschehens, sondern es stellt auch den Seelenzustand der Hauptfigur Hugues dar: „Bruges est pour le héros, donc pour le lecteur, „un état d'âme““ (Grève, 1987, 74). Die Stadt kann als ein Spiegel der Seele Hugues gesehen werden, durch die Traurigkeit und Melancholie, die sie vermittelt.

„Et comme Bruges aussi était triste en ces fins d'après-midi! Il l'aimait ainsi! C'est pour sa tristesse même qu'il l'avait choisie et y était venu vivre après le grand désastre.“ (Rodenbach, 1986, 23).

Hugues Viane hat Brügge wegen seiner Tristesse nach dem Tod seiner Frau als neuen Wohnort gewählt, da er sich hier durch die Atmosphäre verstanden fühlt.

Es herrscht eine Analogie zwischen der Stadt und dem seelischen Befinden Hugues:

„Mais il aimait cheminer aux approches du soir et chercher des analogies à son deuil dans de solitaires cannaux et d'ecclèsiastiques quartiers.“ (Rodenbach, 1986, 18).

Hugues versucht seine Seele der toten Stadt anzupassen, er will mit ihr verschmelzen. Ein Grund für das Bedürfnis Hugues mit der Stadt eins zu sein könnte eine Gleichsetzung der Stadt mit seiner verstorbenen Ehefrau sein. Der Zusammenhang zwischen der toten Stadt und der toten Frau lässt sich bereits im Titel von Rodenbachs Werk „Bruges- la -Morte“ finden. Auch im Buch existieren Hinweise darauf: „A l'épouse morte devait correspondre une ville morte.“ und „Bruges était sa morte. Et sa morte était Bruges.“(Rodenbach, 1986, 23f).

Als Hugues Jane näherkommt, beginnt er, seine Nähe zu der Stadt zu verlieren: „Et les cloches tintaient, si pâles, si lointaines! Comme la ville est loin!“ (Rodenbach, 1986, 69). So wie er sich auch der Verstorbenen entfremdet, die er durch Jane ersetzen möchte, verliert er seine Bezugspunkte in der Stadt, die ihm vorher so viele bedeutet haben und sein Seelenleben widerspiegelten. Doch in dem Moment, in dem er für sich erkennt, dass er Jane nicht liebt, an seiner Liebe zu ihr zweifelt, fühlt er erneut die starke Anziehungskraft, die die Stadt Brügge auf ihn ausübt: „L'influence de la ville sur lui recommençaient.“(Rodenbach, 1986, 71).

Die Stadt Brügge übt auf Hugues eine starke Anziehungskraft wegen ihres morbiden Charakters aus. Sie ist ein Symbol für den Tod an sich und die tote Ehefrau.

Bei Paul Gorceix ist bezüglich der Analogie bei Stadt und Tod folgendes zu finden:

„La ville est le noyau autour duquel s'agglutinent les analogies. Elle est associée à l'angoisse métaphysique de la mort ou de la mort elle-même. ...la mort est dans les choses. L'eau, les horloges et les cloches, les pierres et les églises la portent littéralement en elles.“ (Gorceix, 1992, 29).

Gorceix zeigt so den morbiden, melancholischen Charakter der Stadt auf, die menschliche Eigenschaften in Gebäuden und der Landschaft widerspiegelt. Die Verehrung, die Hugues seiner Frau entgegenbrachte, projiziert er auf die Stadt. Wie Hugues seine Frau anbetete und welche Stellung sie für ihn einnahm, soll im nächsten Punkt untersucht werden.

2.3 Das Haar als Reliquie

Das Haar der Toten und von Jane hat für Hugues eine große Bedeutung. Nach dem Tod seiner Frau hat Hugues in einem Zimmer seines Hauses eine Art Schrein für seine verstorbene Ehefrau errichtet. Das Haar der Toten hatte er aufbewahrt unter einen Schutz aus Glas:

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640847914
ISBN (Buch)
9783640844074
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167871
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
symbolik vergleich georges rodenbachs bruges- alfred hitchcocks vertigo

Autor

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