Lade Inhalt...

Zivilgesellschaft - Entwicklung und Beschaffenheit einer Zivilgesellschaft in Kroatien

Seminararbeit 2009 37 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Erste Schritte
1.1 Kroatien als Teil der Habsburger Monarchie
1.2 Ansätze einer bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert
1.3 Kroatien 1918 bis 1945
1.3.1 Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS)
1.3.2 Königreich Jugoslawien
1.3.3 Unabhängiger Staat Kroatien (Nezavisna Država Hrvatska NDH)
1.3.4 Ziviler (?) Widerstand 1918 - 1945

2 Ein langer Weg
2.1 Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ)
2.1.1 Erste zivile Keime - „Kroatischer Frühling“ - im Keim erstickt
2.2 Der Zerfall Jugoslawiens
2.2.1 Kroatiens Weg zu einem unabhängigen Staat
2.2.2 Noch zuwenig Zivilgesellschaft - eine Ursache des Zerfalls
2.3 Die Republik Kroatien im Krieg (1991/92 - 1995)
2.3.1 Ziviles (Über-)Leben
2.3.2 Das Recht auf unabhängige Information

3 Noch nicht in der Zielgerade
3.1 Die Ära Tuđman nach dem Krieg (1995 - 1999)
3.2 Neue Aufgaben für eine Zivilgesellschaft für das 21. Jh

4 Zivilgesellschaft in Kroatien - Gegenwart und Zukunft

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Erste Schritte

„ Später wollte ich meinen Vater viele Male fragen, was er damals gesehen hatte [...] Ich habe eine Menge Ent schuldigungen zur Hand, warum ich die Fragen niemals gestellt habe, die ich hätte stellen müssen. Ich könnte zum Beispiel sagen, meine Generation, die nach dem Kriege geboren wurde, sei zynisch und unpolitisch gewesen. Das wäre die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. Vielleicht war diese Haltung zum Leben und zur Politik eine Art von Flucht, da wir sahen, dass wir selbst keine Chance hatten, Macht auszuüben “ (Drakulić 1997, S. 181).

Kroatien war seit dem 8. Jh. in zwei Bereiche geteilt, die auch heute noch existieren und unter verschiedensten kulturellen und politischen Einflüssen standen: Slawonien und Dalmatien. 925 wurde Kroatien (bis auf Istrien) unter Tomislaw ein Königreich, das bis 1102 existierte. Slawonien war von 1102 bis 1526 mit Ungarn in Personalunion vereinigt. Dalmatien wurde 1409 vom Ungarischen König an Venedig verkauft, den Küstenstädten wurde eine gewisse Autonomie gewährt, wenngleich das Stadtoberhaupt immer Venezianer war. Dies führte dazu, dass vor allem die Küstenstädte eine eigene Kultur entwickelten. Dubrovnik1 war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein starker, unabhängiger Stadtstaat und nimmt auch bis heute nicht nur als UNESCO-Weltkulturerbe eine besondere Rolle in Kroatien ein, auf die die Dubrovniker Bürger/innen sehr stolz sind. In den dalmatinischen Städten entwickelte sich aus der Struktur von Handels- bzw. Stadtstaaten ein deutliches bürgerliches Bewusstsein.

1.1 Kroatien als Teil der Habsburger Monarchie

Im restlichen Kroatien allerdings herrschte die feudale Ordnung vor. Nach der Schlacht bei Mohács wurden die Habsburger Könige von Ungarn, und damit auch von Kroatien. Um das Gebiet vor osmanischen Angriffen abzusichern, wurde im späten 15. Jh. die kroatische Militärgrenze2 geschaffen, die bis 1882 als politische Einheit existierte und hauptsächlich von Serben besiedelt wurde. Sie umfasste Gebiete, die im Krieg 1991-1995 der SRK angehörten. Erst mit dem Frieden von Karowitz 1699 nahmen für die Kroaten die Kämpfe zwischen dem Habsburgerreich und den Osmanen, die größtenteils auf dem Balkan geführt wurden, ein Ende. 1723 wurde Kroatien mit Ungarn vereinigt, nach dem Brand von Varaždin, das kurzfristig zur faktischen Hauptstadt des Königreiches Kroatien, Slawonien und Dalmatien aufgestiegen war, übernahm Zagreb die Funktion als Ratssitz.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Fahne des Königreiches Kroatien, Slawonien und Dalmatien (Flaggen)

Kurzzeitig stand ein Teil Kroatiens als „Illyrien“ unter napoleonischer Herrschaft und sowohl die Militärgrenze als auch Zivilkroatien sowie Dubrovnik und Istrien etc. unter einer gemein- samen Verwaltung. Nach den napoleonischen Kriegen kamen Istrien und Dalmatien unter österreichische Verwaltung, während der Rest unter ungarischer Herrschaft blieb. Oft wurden die Kroaten von den Habsburgern in den Auseinandersetzungen mit Ungarn als kaisertreue Untertanen instrumentalisiert.

1.2 Ansätze einer bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert

Eine „Refeudalisierung“ (Gross 1993, S. 11) prägte im 17./18. Jh. das östliche Mitteleuropa sowie Südeuropa, so dass das ständisch-feudale System auch in Nordkroatien bis 1848 erhal- ten blieb. So gab es - anders als in West- und Mitteleuropa im Zeitalter der Aufklärung und der Industrialisierung - nur eine sehr eingeschränkte Möglichkeit zur Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft, vor allem durch die „ lang andauernde systematische Verhinderung der Modernisierung in der Militärgrenze durch die Spitzen der Armee “ (Gross 1993, S. 12). Der kroatische Feldherr und Ban Jelačić, heute noch kroatischer Volksheld, der für die Einigung Kroatiens steht, ermöglichte durch seine Teilnahme an der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution in Wien im Oktober 1848 und dem anschließenden Sieg über die ungarischen Aufständischen den Neoabsolutismus. Im Rahmen der Schaffung der Doppelmonarchie 1867 blieb der Großteil Kroatiens bei Ungarn, während Dalmatien, die Adriaküste von Karlobag bis Rijeka sowie Istrien der österreichischen Reichshälfte zuge- schlagen wurden, ohne den Vereinigungswünschen der Kroaten Rechnung zu tragen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kroatien in der Habsburgermonarchie nach 1848 (Gross 1993, S. 311).

Gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo starke bürgerliche Strömungen, verbunden mit wirtschaftlichem Liberalismus die Habsburgermonarchie gesellschaftlich veränderten, war davon in Kroatien (mit Ausnahme der Adriaküste) wenig zu spüren. Zu stark war noch immer der feudale Einfluss, zu wenig stark die Wirtschaft und damit die inneren Modernisierungskräfte. Die Zeit nach 1850 beeinflusste zwar die bürgerlichen Gruppen und Intellektuellen in ihrer Orientierung, aber selbst in der Gründerzeit vor 1873 konnten keine deutlichen Modernisierungsschritte aktiviert werden. Es fehlte ein einheitlicher Markt, Geld, ein modernes Schulwesen sowie Infrastruktur und „ vor allem eine Eisenbahnverbindung Ost-West als Voraussetzung für weltmarktorientierte Agrarproduktion sowie kulturelle und politische Kommunikation “ (Gross 1993, S. 13). Daher entstand auch in den gebildeten Schichten, die Träger einer liberalen, bürgerlichen Gesellschaft hätten sein können, die Idee, dass nur der Nationalstaat die Voraussetzung des Fortschritts sein könne, alles andere würde zum Untergang Kroatiens führen. Das Bürgertum Kroatiens war entweder traditionelles Stadtbürgertum (kleine Händler und Handwerker) oder ein neues Bürgertum, das sich als Klasse zwischen Bauern und Adel definierte, jedoch aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse keine Bourgeoisie herausbildete. Bildungsbürger war ganz anders als im westlichen Mitteleuropa nur eine kleine Gruppe von Intellektuellen, die Liberalismus über Nationalismus vermittelte. Von der Herausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jh. kann für Kroatien nur in einem sehr eingeschränkten Rahmen gesprochen werden: „ Das Vordringen der bürgerlichen Leitbilder geschah eher langsam [war] noch sehr bescheiden [erreichte] aber im Laufe der Zeit immer mehr Ähnlichkeit mit den Vorbildern der ‚ Kernländer ’ Europas “ (Gross 1993, S. 15).

Vor allem Kultur war wichtig für das Selbstverständnis des kroatischen Bürgertums, war allerdings als Hochkultur aufgrund der sozialen und gesellschaftlichen, aber auch der traditionellen bäuerlichen und modernen städtischen Gegensätze eher exklusiv, so dass an ihr nur wenige städtische Intellektuelle, die die Modernisierung über die nationale Einigung3 vorantreiben wollten, teilhatten und kleinbürgerliche und bäuerliche Schichten lange Zeit nicht teilnehmen konnten, was wiederum zur Spaltung zwischen diesen Gruppen und zum Hemmnis einer liberalen Modernisierung wurde.

1.3 Kroatien 1918 bis 1945

Bereits während des Ersten Weltkriegs kommt es am 20.7.1917 auf Korfu zwischen Nikola Pašić (serbische Regierung) und Ante Trumbić (Vorsitzender des „Südslawischen Ausschus- ses“ mit Sitz in London auf Seiten der Alliierten) zur Einigung über einen neuen Staat außerhalb der Habsburgermonarchie. Am 29. Oktober 1918 wird die Loslösung der Slowenen, Kroaten und Serben aus dem Habsburgerreich vom Vorsitzenden des Nationalrates der Slowenen, Kroaten und Serben (Sitz in Agram), Monsignore Anton Korošec, e]rklärt (vgl. Libal 1993, S. 14f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Jugoslawisches Territorium vor der Vereinigung 1918 (Kind 1994, S. 42f).

Nach dem Ersten Weltkrieg sind die Serben die Siegermacht, Slowenen und Kroaten auf Seiten der Verlierer, die Serben sehen sich als Befreier.

1.3.1 Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS)

Am 1.12.1918 proklamiert Thronfolger Alexander Karađorđe das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Ein Völkergemisch entsteht als künstliches Gebilde, das vollkommen unterschiedliche historische Erfahrungen, Traditionen und Religionen hat:

„ Deshalb verband sich die Vorstellung von Kroatentum in der Folge eng mit der Zugehörig- keit zur katholischen Kirche. Das galt vor allem für Bosnien-Herzegowina, aber auch für

Dalmatien, wo sich bedingt durch die unterschiedliche Entwicklung zunächst durchaus ein eigenes pränationales Bewusstsein herausgebildet hatte, das sich vom kroatischen unter schied “ (Bremer, Th. 2003, S. 20).

Bereits 1920 gibt es bei der Konstituante schwere Auseinandersetzungen zwischen Serben und Kroaten, daran zerbricht schließlich das Königreich SHS. In 10 Jahren Königreich SHS gibt es 30 Kabinette, keine innenpolitische Stabilität, Radikalisierung zwischen Serben und Kroaten, nach einem Attentat im Belgrader Parlament 1928 wird die Kluft unüberbrückbar. Am 30.12.1928 löst der König das Parlament auf und wird per Gesetz alleiniger Träger der Macht. Auf Basis des Staatschutzgesetzes werden fast alle Parteien, Bezirks- und Gemeinde- verwaltungen aufgelöst, die Zensur wird eingeführt, regionale Strukturen zentralisiert.

1.3.2 Königreich Jugoslawien

1929 wird durch einen Staatsstreich die Diktatur unter dem Namen „Königreich Jugoslawien“ begründet. Ministerpräsident und Außenminister wird General Peter Žinković und regiert brutal bis 1932. Historische Grenzen und Traditionen werden total zerschnitten. Es herrscht ein Polizeiregime, keine Bürgerrechte, Folter, brutale Verhörmethoden, Sondergerichte gegen Kommunisten, Gewerkschafter, kroatische und mazedonischen Nationalisten und ehemalige Parteiführer. „ Auch auf der Stra ß e wird straflos gemordet, und obwohl die Mörder bekannt sind, werden sie nicht gestellt “ (Libal 1993, S.29). Ante Pavelić kommt aus der kroatischen Rechtspartei, die 1918 den SHS-Staat ablehnt und eine eigenständige kroatische Republik unter Vereinigung aller kroatischen Gebiete anstrebt. 1928 gründet er die „ Revolutionäre Kroatische Aufstandsorganisation “, kurz „ Usta š a “ (Libal 1993, S.30) und ist vom Exil aus für das Attentat auf König Alexander in Marseille 1934 verantwortlich. 1939 kommt es zum Ausgleich zwischen Belgrad und Zagreb, dem „ Sporazum “ (Libal 1993, S. 37). 1939-1941 bemüht sich Jugoslawien um gute Beziehungen überall hin, auch zu Mussolini und vor allem Hitler, tritt aber dem Antikommintern-Pakt nicht bei.

1.3.3 Unabhängiger Staat Kroatien (NDH)

1941 verlangt Hitler den Beitritt Jugoslawiens zum Dreimächtepakt, Prinzregent Paul will trotz Beitritts Jugoslawien aus dem Krieg heraushalten. 1941 kommt es zu einem Putsch, die Regierung wird gestürzt, der Prinzregent abgesetzt. Hitler eröffnet am 6.4.1941 ohne Kriegserklärung das Bombardement auf Belgrad, am 10.4. erfolgt der Einmarsch in Zagreb. Am 17.4.1941 kapituliert die jugoslawische Armee (750.000 Mann), das Königreich Ju- goslawien existiert nicht mehr. Das Land wird aufgeteilt, ein blutiger Bürger- und Religionskrieg mit 1,7 Mio. Toten (10% der Bevölkerung) ist die Folge.

Die Ausrufung des Unabhängigen Staates Kroatien (Nezavisna Država Hrvatska) durch Gefolgsleute des Ustaša-Führers Ante Pavelić erfolgt am 12.4.1941, drei Tage später kommt Pavelić aus dem Exil und erklärt sich zum Poglavnik (Führer) des neuen Staates. Mussolini macht Aimone, den Herzog von Spoleto, zu König Tomislav II.4 und schafft so ideologisch einen Bezug zum mittelalterlichen Königreich des 10. Jahrhunderts.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: „Poglavnik“ Pavelić begrüßt die Mitglieder des „Sabor5 “, Zagreb, 1.3.1942 (Libal 1993, S. 49).

„ Die Ideologie dieses Marionettenstaates ging davon aus, dass es sich bei den Kroaten um ein besonders hoch stehendes Volk handle, das das Recht und die Pflicht habe, auf seinem historischen Territorium einen eigenen, ethnisch reinen Staats zu erreichten “ (Bremer 2003, S. 32f).

1.3.4 Ziviler (?) Widerstand 1918 - 1945

In der Zeit zwischen 1918 und 1945 gibt es in Kroatien, ähnlich wie in anderen europäischen Staaten, große Probleme mit der Demokratisierung. Schnell münden Konflikte in einem Bür- gerkrieg. Zudem können die Kroaten (wie auch die anderen Staatsbürger des SHS-Staates und des Königreichs Jugoslawien) auch keine republikanische Erfahrung machen, weil sie von einem Königreich (Habsburger Monarchie) in das nächste übertreten müssen. Die Zeit ist ge- prägt von Krisen und politischen Attentaten, sicherlich ein Ausdruck der Unzufriedenheit und des Veränderungswillens Einzelner und weniger Gruppen, jedoch diese als Ausdruck von Zivilgesellschaft zu sehen, erschiene mir doch sehr gewagt. Sowohl das Königreich als auch der NDH-Staat bemüht sich, keine bürgerliche (staatsbürgerliche) Gesellschaft aufkommen zu lassen, sondern Untertanen zu schaffen, wie auch der Rückgriff auf den kroatischen mittel- alterlichen Feudalstaat zeigt. Wer Kritik am System öffentlich kundtut, wird vernichtet, so- wohl unter dem Terrorregime des MP Žinković als auch unter dem des Poglavnik Pavelić. In diesem Mangel, weil ein Aufbau weder in der Monarchie noch nach dem Ersten Weltkrieg richtig gelingen konnte, liegt auch eine Ursache für den schnellen Zerfall des ersten Jugoslawien 1941. In der Zeit von 1918 bis 1941 entwickeln die Staatsbürger aufgrund der extremen nationalen bzw. religiösen Konflikte zwischen Serben und Kroaten kein Gemeinschaftsgefühl, sie sind nach den Auseinandersetzungen ausgehöhlt, daher kommt es auch zu keinem öffentlichen Widerstand in Kroatien, als Jugoslawien von der Ustaša zerschlagen und ein faschistischer Staat wird. Aber „ das neue Regime besa ß keinen starken Rückhalt in der Bevölkerung “ (Kind 1994, S. 78). Um zivilem Widerstand gegen den faschistischen NDH-Staat vorzubeugen, wird dieser, wie in jedem totalitären Regime, gewaltsam unterdrückt und ausgelöscht: „ Als erstes wurde ein Staatsschutzgesetzt erlassen [...] damit war eine rechtliche Grundlage geschaffen, die die Ermordung von Staatsfeinden [dh politischer oder ziviler Widerstand] oder Angehörigen nicht kroatischer Minderheiten im voraus sanktionierte “ (Kind 1994, S. 76). Der Entwicklung einer Zivilgesellschaft steht nicht nur das Fehlen von Demokratie entgegen, sondern auch „ die starke innere Homogenisierung durch das Einparteiensystem, die Gleichschaltung gesellschaftlicher Institutionen und die Kontrolle der Wirtschaft “ (Steindorff 2001, S. 177). Nach den Gräueln der Ustaša und dem Ausbruch des Kriegs am Balkan, kommt es jedoch schnell zu Widerstand, bereits im April 1941 gibt es:

- Königstreue um Oberst Draža Mihajlović und die Četnik-Abteilungen in der Bergland- schaft Šumadija, diese hat Rückhalt bei den Bauern
- Kommunisten unter der Führung Josip Broz Titos (1892 - 1980). Am 22.6. bildet eine kleine Gruppe von Kroaten in einem Dorf bei Sisak die erste kleine Partisaneneinheit, Tito ruft im Sept. 1941 in Užice eine Partisanenrepublik aus, muss nach deren Zerschlagung durch die Deutschen nach Bosnien ausweichen.

Bald jedoch bekämpfen sich diese beiden Richtungen und es kommt zu einem Bürgerkrieg in Serbien und in von Serben bewohnten Gebieten des Ustaša-Staates.

„ Hinter dem Vorhang des Widerstandes gegen die Besatzungsmächte tobte also das Inferno eines Bürgerkrieges: Königstreue Č etniks gegen kommunistische Partisanen und kroatische faschistische Ustaschas, aber auch gegen bosnische Muselmanen; Tito-Partisanen gegen Č etniks und Ustaschas und in Slowenien gegen die bürgerliche „ Weiße Garde “ (Libal 1993, S. 55f).

Die Partisanen gewinnen immer mehr Rückhalt in der Bevölkerung. Nach anfänglich starker Gewaltanwendung versuchen die Partisanen möglichst alle sozialen Schichten für sich zu gewinnen, „Nationale Befreiungsausschüsse“ übernehmen zunehmend die örtliche Zivilver- waltung.

Noch während des Zweiten Weltkriegs, Ende 1942, wird eine antifaschistische Jugend- und Frauengruppe gebildet und vereint sich im Widerstand: Die AFŽ (Antifaschistische Frauenfront) wird ein wichtiger Teil des Kampfes der Volksbefreiungsbewegung (NOP), sie ist zwar an das Parteiprogramm gebunden, doch definiert „ ihre Aufgaben, ihr autonomes Netz werk und ihre Führung selbständig “ (Gršak 2007a, S. 46), sie mobilisiert viele Frauen, vor allem auf dem Land, im Kampf gegen den Faschismus.

2 Ein langer Weg

„ Einzelne, die gegen diesen Krieg waren, die ihn kommen sahen - wohin mussten sie sich wenden? An welche Organisation oder Institution? Es gab keine politisch organisierte Al- ternative. Der einzelne Bürger hatte keine Chance, seinen Protest, seine Meinung oder we- nigstens seine Furcht laut werden zu lassen. Er konnte nur sein Land verlassen, was die Menschen auch taten. Wer ‚ ich ’ statt ‚ wir ’ sagte, musste fliehen. Dieser fatale grammatika- lische Unterschied trennte sie von ihren Landsleuten. Es ist eine Folge dieses ‚ Wir ’ , dass keine Zivilgesellschaft entstanden ist. Das wenige, das davon in Form kleiner, isolierter und marginalisierter Gruppen entstanden ist, verschwand bald im Strudel der nationalen Gleich- schaltung, die keinerlei Individualismus zulie ß . Individualismus wurde wie unter der kom- munistischen Herrschaft bestraft, Individuen, die sich gegen den Krieg oder gegen den Na- tionalismus wandten, als ‚ Verräter ’ gebrandmarkt “ (Drakulić 1997, S. 13).

Die Basis für das Entstehen eines neuen Jugoslawien wurde am 29.11.1943 in Bosnien, im Ort Jajce am II. Kongress des AVNOJ6 gelegt und als Gründungstag der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) gesehen. Die Grenzen der Teilrepubliken und autonomen Provinzen werden 1944/45 festgelegt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (Bremer 2003, S. 144)

2.1 Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ)

Das neue Jugoslawien besteht aus sechs Republiken: Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herze- gowina, Serbien, Montenegro und Mazedonien. Die staatliche Neukonstruktion der Födera- tion wird von Tito festgelegt, es gibt kein Mitspracherecht, auch die erste Verfassung 1946 wird bestimmt, politische Gegner nach der Etablierung der KPJ als Klassenfeinde verfolgt und terrorisiert. 1948 kommt es zum Bruch mit Stalin und der kommunistischen Internatio- nale. Jugoslawien wird blockfrei, es gibt mehr Freiheiten, Reisefreiheit und Pass werden wichtig für jugoslawische Gastarbeiter. Die Öffnung der Grenzen fördert den Tourismus und führt zur Stabilisierung der Wirtschaft. Bis in die Mitte der 1960er Jahre wird deutlich, dass das Nebeneinander von Selbstverwaltung und starker zentraler Lenkung nicht vereinbar ist. Es kommt zu Wirtschaftsreformen 1964/65. Bis in die 1965er darf nach Titos Vorgaben das nationale Problem nicht angetastet werden, obwohl die Erinnerungen an die Gräuel des Krie- ges noch sehr deutlich sind, wird alles verdrängt. Es gibt jedoch immer stärkere Reibungen zwischen den Teilrepubliken, vor allem wirtschaftlich zwischen dem reichen Nordwesten und dem armen Landesinneren und Südosten, die auch bald aufbrechen.

[...]


1 Exkurs: Dubrovnik ein Sonderfall? Weil die Kultur noch am Leben ist ...

Im 16. Jh. war Dubrovnik eine wirtschaftlich bedeutende Stadt. Es hatte ein Netz von Konsulaten bis Spanien und Portugal und ans Schwarze Meer. Im 17. Jh. wurde das Hinterland osmanisch, sowohl die Zufuhr von Waren als auch die Absatzmärkte gingen verloren, ein Erdbeben zerstörte die Altstadt und Split wurde zunehmende Konkurrenz. Dennoch blieb die patrizische Stadtverfassung aus früheren Zeiten bis in die napoleonische Zeit, ein selbstbewusstes Bürgertum bis heute erhalten. 1986 Frauensymposion des Inter-University-Centre of Dubrovnik: Thema sind Fragen der weiblichen Ästhetik in der Literatur: „ Die Tagungsfragen hatten die Wände der Seminarräume in der Frana Buli ć a 4 nicht sprengen können. Verdrossen hingen sie herum, theorielastig und dem Ansturm von Dubrovniks Vitalität nicht gewachsen. Das Ereignis war - die Stadt “ (Rakusa 2008, S. 74). Dubrovnik wurde 1991 drei Monate belagert und stellte als UNESCO-Weltkulturerbe eine Besonderheit dar, weil die Weltöffentlichkeit dieser Stadt mehr Aufmerksamkeit schenkte als anderen, zB Vukovar. Einen Beitrag dazu leisteten auch die Intellektuellen, die schon im November 1991 mit der Zeitschrift „ Glaz iz Dubrovnika - The Voice from Dubrovnik “ die Weltöffentlichkeit auf die prekäre Situation der Bewohner aufmerksam machten. Auch wurde versucht, kulturelle Angebote zu organisieren, um ein Zeichen für die Unbesiegbarkeit der kroatischen Kultur, der ja die Angriffe symbolhaft galten, zu setzen: „ Kultur, durchsetzt mit nationalistischer Propaganda, wurde von den Intellektuellen als Ü berlegensstrategie für die Einheimischen und als sichtbares Zeichen des Widerstandswillens der Weltöffentlichkeit präsentiert “ (Derler 2002, S. 89) . Ernst Molden zeigt in seinem literarischen Essay auch dieses kulturelle Leben, das alle schweren Zeiten überdauert hat, auf: „ Sie haben ja Glück mit ihrem Besuch. Man spürt ja kaum noch etwas vom Krieg. Weil die Kultur noch am Leben ist. Das ist das Entscheidende. Die Kultur ist wie der Puls. “ (Molden 1994, S. 101f). Kunst und Krieg sind auch 1994 nicht trennbar, die Erfahrungen der Belagerung (Igor Štiks 2008 thematisiert Ähnliches für Sarajewo) spielen auch in die Kunst hinein.

2 Im 17. Jh. wanderten Tausende serbischer Familien mit dem Patriarchen von Peć, Arsenije III., auf habsburgisches Gebiet, Leopold I. sicherte ihnen kirchliche und nationale Selbstverwaltung. Die einen ließen sich in der heutigen Vojvodina nieder, andere wurden Wehrbauern, die vor allem an der so genannten Militärgrenze (Krajina) angesiedelt wurden und dort bis in die 1990er Jahre die serbische Mehrheit in Kroatien bildeten (vgl. Bremer, S. 15). Die Militärgrenze unterstand direkt der militärischen Verwaltung des Habsburgerreiches, so dass, anders als in „Zivil-Kroatien“, die traditionellen Feudalstrukturen (Banschaften) keine Bedeutung hatten und sich auch eine andere Kultur entwickelte.

3 Beispielhaft dafür sind die Ideen des (serbischen) Illyrismus von 1830 - 1850 (vgl. Frangeš 1995 und Libal 1993) und daraus entstehenden kroatischen Nationalismus eines Antun Starčević oder der Jugoslawismus, zB Bischof Josip Strossmayer will einen südslawischen Staat (inkl. Serben ), gegen Österreich-Ungarn gerichtet mit dem Zentrum Agram (Zagreb), auch Strossmayers Einsatz für eine eigenständige slawische Liturgie (vgl. Cavalieri 1994, S. 10).

4 dieser betritt sein Reich aber nie, sondern überlässt Pavelić und der Ustaša die Macht.

5 kroatisches Parlament

6 Antifaschistischer Rat der nationalen Befreiung Jugoslawiens, daher auch Staatsfeiertag in Jugoslawien.

Details

Seiten
37
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640847785
ISBN (Buch)
9783640844807
Dateigröße
989 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167852
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Internationale Politik
Note
1,00
Schlagworte
Zivilgesellschaft Kroatien Jugoslawien Krieg

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zivilgesellschaft - Entwicklung und Beschaffenheit einer Zivilgesellschaft in Kroatien