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Dietrich - Naturalismus und Individualismus in Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" am Beispiel der Figur Helene Krause

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Naturalismus und Individualismus in Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ am Beispiel der Figur Helene Krause
2.1. Gerhart Hauptmann und der Naturalismus
2.2. Helene Krause - zwischen Determination und Individualismus
2.3. Zwischen den Stühlen.

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir halten es für das beste Drama, das jemals in deutscher Sprache geschrieben worden ist. Tolstoi mit eingerechnet!1, äußerten Arno Holz und Johannes Schlaf in einem Kommentar am 7. Juni 1889 an Hauptmann. Ein solches Urteil zweier Schriftsteller, das auch einen Lew Tolstoi in den Schatten stellt, kommt sicherlich nicht unbegründet zu Stande. Es lässt die Genialität von Gerhart Hauptmanns sozialem Drama „Vor Sonnenaufgang“, mit dem sich diese Arbeit befasst, bereits erahnen. Die Hauptmann’schen Frühwerke zählen zu den wenigen naturalistisch geprägten Texten, die heute nicht in Vergessenheit geraten sind, was in diesem Falle wohl unter anderem auch an der Gattung des Dramas liegen dürfte. Dramen entsprachen gegen Ende des 19. Jahrhunderts eher dem Zeitgeist als beispielsweise die Romane eines Max Kretzers, da sie stets einen mehr oder minder großen Diskurs der Gesellschaft auslösten, was der im Stillen rezipierten Epik vorenthalten blieb.

Bereits die Uraufführung von „Vor Sonnenaufgang“ am 20. Oktober 1889 durch den Verein „Freie Bühne“ führte zu einem deutschen Theaterskandal. Heinz Dieter Tschörtner schreibt in diesem Zusammenhang von einer „[…] dramatischen Theaterschlacht […]“2 in der sich „[…] Begeisterung und Ablehnung entluden […]“3. Ebenso kontrastreich wie die Meinungen damals, zeigen sich die unzähligen Interpretationen, die inzwischen über Hauptmanns erstes Drama erschienen sind. Einige Autoren sehen darin das Vorbild aller späteren Werke des Naturalismus, für andere, wie zum Beispiel Karl S. Guthke, wiederum stellt es - in Opposition dazu - eher Hauptmanns Ablehnung der Literaturepoche dar4.

Kernthema der meisten Betrachtungen ist der Sozialreformer Alfred Loth, seine Lebensgeschichte und Ideale. Um diesem „klassischen“ Thema zu entrinnen, soll im Folgenden die Frage erörtert werden, inwieweit sich Helene Krause als typisch naturalistisches Individuum bewerten lässt. Weiterhin soll ihre Darstellung und Funktion für das Gesamtwerk näher untersucht werden. Untrennbar damit verbunden steht natürlich zunächst eine allgemeine Analyse des Stückes in Bezug auf naturalistische Gesichtspunkte in Thematik und Gestaltung. Eine vollständige Untersuchung des kompletten Textes bezüglich des Themas verbietet sich schon deshalb, da sie den Rahmen dieser Arbeit bei weitem übersteigen würde. Auf Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte sowie auf die Darstellung biografischer Auffälligkeiten soll bis auf einige wenige Ausnahmen weitestgehend verzichtet werden.

2. Naturalismus und Individualismus in Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ am Beispiel der Figur Helene Krause

2.1 Gerhart Hauptmann und der Naturalismus

Ausgangspunkt des im Jahr 18885 spielenden Stückes ist der Idealist Alfred Loth, der in das kleine schlesische Dorf Witzdorf reist um dort eine volkswirtschaftliche Studie über die ansässigen Bergleute zu verfertigen. Zufällig trifft er dort auf seinen Studienfreund Hoffmann, einen „[…] etwa dreiunddreißig Jahre alt[en] […]“6 Ingenieur. Er und seine schwangere Frau Martha leben seit einiger Zeit auf dem Bauernhof von Marthas Vater, dem Bauern Krause. Krause selbst, durch die hiesigen Kohlevorkommen unter seinen Feldern ein reicher Mann geworden, hat nach dem Tod seiner ersten Frau wieder geheiratet und ist der Alkoholsucht verfallen. Loth bleibt zunächst zum Abendessen und auch die Nacht über auf dem Bauernhof und lernt so die Familie samt der jüngsten Bauerntochter Helene Krause kennen. Helene ist die einzige Person, die sich mit Loths Weltanschauung identifizieren kann und seine hohen Anforderungen an eine Ehefrau scheinbar erfüllt. Beide verlieben sich und planen den Hof möglichst bald zu verlassen. Als Loth jedoch im Arzt der Krauses, Dr. Schimmelpfennig, seinen alten „[…] Universitätsfreund[…] “7 erkennt und dieser ihn auf die degenerierten Verhältnisse innerhalb der Familie hinweist, verwirft Loth seine Heirats- und Studienpläne und bricht noch in der Nacht auf. Helene findet kurz darauf Loths Abschiedsbrief und tötet sich mittels eines Hirschfängers selbst. Zurück bleibt - nach Sonnenaufgang - eine zerrüttete, von Alkoholismus und Inzest geprägte, degenerierte Bauernfamilie ohne Aussicht auf Besserung.

Als Naturalismus wird im Allgemeinen jene zwischen 1880 und 1900 gelegene Epoche der Klassischen Moderne bezeichnet. Es gestaltet sich dennoch schwierig von dem Naturalismus zu sprechen, da sich verschiedene Stilrichtungen mit ganz unterschiedlichen Gestaltungsmitteln finden lassen. Guthke spricht in diesem Zusammenhang von „[…] der verworrenen Bewegung […]8. Allgemein geht es den Autoren um eine möglichst abbildtreue Wiedergabe der Wirklichkeit, was sie mit den Realisten verbindet. Durch die Darstellung des Hässlichen und Elenden hebt sich der Naturalismus, der auch als gesteigerter Realismus bezeichnet wird, jedoch deutlich von diesem ab. Besonders betont wird die Determination der Gesellschaft bzw. des Individuums durch das soziale Milieu im Hinblick neuer Erkenntnisse der Naturwissenschaften sowie der Soziologie. Die Vererbungslehre spielt ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle. Selbstinitiierte Handlungen werden nahezu ausgeschlossen; die Figuren handeln den Gesetzen des Milieus entsprechend. Ein weiteres zentrales naturalistisches Merkmal ist ein reformerischer Aktionismus verbunden mit sozialistischen Neigungen zum Wohle der Gesellschaft. Neben dem Ziel des Anprangerns von Missständen steht auch deren Behebung, weswegen man von so genannter „littérature engagée“ spricht.

Mit „Vor Sonnenaufgang“ gelang dem bis dato durch viele Rückschläge gezeichneten Gerhart Hauptmann, der sich vier Jahre zuvor noch als Bildhauer bezeichnete, der Durchbruch als deutscher Dramatiker. Gleichzeitig ebnete er den Weg für den Erfolg des naturalistischen Theaters. In der Tat gilt „Vor Sonnenaufgang“ als „[…] stärkste, rücksichtsloseste naturalistische Leistung, welche je auf die Bühne gebracht wurde […]“9 und somit als eines der frühen Meisterwerke Hauptmanns. Die Erstausgabe von „Vor Sonnenaufgang“ widmete er „[…] Bjarne P. Holmsen, dem konsequentesten Realisten […]“10. Holmsen stellt eine fiktive Person aus Skandinavien dar, deren Vita mit der Henriks Ibens vergleichbar ist11. Hinter diesem Pseudonym stehen Schlaf und Holz, die mit „Papa Hamlet“ ebenfalls eines der großen Werke des Naturalismus verfassten und Hauptmann in seinem Schaffensprozess inspirierten. Aus der Feder von Arno Holz stammt beispielsweise der Titel „Vor Sonnenaufgang“. Rüdiger Bernhardt sieht in der Widmung an Holmsen eine „[…] Verneigung Hauptmanns vor den ausländischen Einflüssen im besonderen […]“12 und somit auch vor dem Naturalismus. Der Autor selbst bestritt allerdings je Naturalist gewesen zu sein, stellt aber in seiner Autobiografie „Das Abenteuer meiner Jugend“ fest „[…] damit in der Tat eine eigenartige und kräftige deutsche Literaturepoche eingeleitet […]“13 zu haben. De facto lässt sich Hauptmann anhand seines Stils eher dem Realismus zuordnen. Von den radikalen Konzepten eines Arno Holz’ oder Arthur Schnitzlers, die mit Sekundenstil und inneren Monolog gänzlich neue Gestaltungsformen in die Literatur einfließen ließen, hatte sich Hauptmann zwar beeindrucken, aber nicht beeinflussen lassen. Die Darstellungsweise von „Vor Sonnenaufgang“ erinnert zu großen Teilen eher an die realistischen Werke des Theodor Fontane, wenn man die Thematik des Elends und Verfalls einmal ausblendet. Fontane selbst war am Tag der Uraufführung im Berliner Lessingtheater zu gegen und bescheinigte dem Stück „[…] ein Maß von Kunst […], wie’s größer nicht gedacht werden kann […]“14. Dies stellt insofern einen Widerspruch dar, als dass der Naturalismus zwei Jahre später durch die Holz’sche Formel „Kunst = Natur - X“ definiert wird15, Fontane dem jungen Hauptmann aber „[…] ein stupendes Maß von Kunst, von Urteil und Einsicht in alles, was zur Technik und zum Aufbau eines Dramas gehört“16 bescheinigt. Nur dem Laien erscheine es „[…] als abgeschriebenes Leben“17. Hauptmann kommt der späteren Hauptforderung, lediglich ein Abbild der Wirklichkeit bereitzustellen, also nur bedingt nach. Während die Werke anderer g]roßer deutscher Naturalisten durch die Textausgestaltung bestechen und gänzlich neue sprachliche Mittel anwenden, setzt Hauptmann wie auch in „Die Weber“ auf einen dramatischen Konflikt als tragendes Element.

Ebenso plötzlich und unverhofft wie Moritz Jäger in Ansorges Weberhütte erscheint, taucht Alfred Loth „[…] nur so per Zufall […]“18 bei seinem ehemaligen Gesinnungsgenossen Hoffmann auf. Zu Beginn des Werkes wird der Leser durch ein ausführliches Gespräch zwischen beiden in den Interessenkonflikt der einstigen Freunde eingeführt und erhält viele Informationen über die Vergangenheit und Gegenwart der Charaktere. Ohne das Hinzukommen einer externen Figur wäre eine Konfliktentfaltung nur eingeschränkt möglich und es ergäben sich keinerlei Spannungsmomente. Diese bei Bernhardt als „Bote aus der Fremde“ bezifferte Figur hatte „[…] früher einmal in engen Beziehungen zu einer oder mehrerer der handelnden Figuren gestanden […]“19 und lässt nun alte Konflikte wieder aufleben.

Noch im ersten Akt wird mit Einführung der Figur der Helene als erregendes Moment ein zweiter Konflikt ins Rollen gebracht, der den eben genannten ideologisch begründeten im Laufe der Handlung überbieten wird. Hauptmann schafft es über die gesamte Handlung hinweg eine gewisse Spannung zu erhalten indem sich immer größere Gegensätze sowohl zwischen Loth und Hoffmann als auch zwischen Hoffmann und Helene ergeben. Das höchste Maß an Dramatik erlebt das Stück letztendlich im fünften Akt durch den Selbstmord Helenes. Es wird somit eine „[…] sinntragende Ganzheit[…]“20 erreicht, die „[…] weit über die naturalistische Zustandsbilddramatik […]“21 hinausgeht, so Guthke. Ein weiterer Punkt also in welchem der Autor vom naturalistischen Ideal abweicht. Selbst die Nebenfiguren, die im Vergleich zur naturalistischen Epik, alle fast ausnahmslos zu Wort kommen, tragen ihre eigenen, zugegeben für die Haupthandlung marginalen, Konflikte bei und stärken auf diese Weise den Spannungsbogen. Man denke nur an Streit über den Verbleib der Magd Marie auf dem Hofe und welche Konsequenzen im darauffolgenden vierten Akt für die Beziehung Helenes zu Hoffmann resultieren.

[...]


1 Marx, Friedhelm: Gerhart Hauptmann. Stuttgart: Reclam 1998 (= Universal-Bibliothek 17608). S. 47 Z. 26 - 28. (im Folgenden gekürzt zu ‚Marx: Gerhart Hauptmann.’) nach: Hauptmann, Gerhart: Notiz- Kalender 1889 bis 1891. Hrsg. von Martin Machatzke. Frankfurt am Main u.a.: Propyläen 1982. S. 92 Z. 1 - 3.

2 Tschörtner, Heinz Dieter: Ein Theaterskandal. Vor Sonnenaufgang. In: Tschörtner, H. D.: Ungeheures erhofft. Zu Gerhart Hauptmann - Werk und Wirkung. Berlin: Der Morgen 1986. (im Folgenden gekürzt zu ‚Tschörtner: Ein Theaterskandal.’) S. 13 Z. 32.

3 ebenda, S. 13 Z. 31.

4 Vgl. Guthke, Karl S.: Auseinandersetzung: Die „naturalistische“ Tetralogie. In: Guthke, Karl S.: Gerhart Hauptmann. Weltbild im Werk. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1961. (im Folgenden gekürzt zu ‚Guthke: Die „naturalistische“ Tetralogie.’) S. 60 Z. 18 - 33.

5 Vgl. Marx: Gerhart Hauptmann. S. 45 Z. 12 - 14.

6 Hauptmann, Gerhart: Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. In: Hauptmann, Gerhart: Sämtliche Werke. Centenar-Ausgabe zum hundertsten Geburtstag des Dichters. 15. November 1962. Bd. 1. Hrsg. von Hans- Egon Hass. Berlin u.a.: Propyläen 1962. (im Folgenden zu ‚Hauptmann: Vor Sonnenaufgang.’ gekürzt) S. 15 Z. 39.

7 ebenda, S. 59 Z. 35.

8 Guthke: Die „naturalistische“ Tetralogie. S. 59 Z. 10.

9 Bernhardt, Rüdiger: Sieg und Überwindung des Naturalismus. Gerhart Hauptmanns soziales Drama Vor Sonnenaufgang. In: Klassiker der deutschen Literatur. Epochen-Signaturen von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Hrsg. von Gerhard Rupp. Würzburg: Königshausen und Neumann 1999. (im Folgenden zu ‚Bernhardt: Sieg und Überwindung … .’ gekürzt) S. 121 Z. 29f. nach: von Kapff-Essenther, Franziska: Die Berliner Theater und die Literatur. In: Moderne Dichtung. Monatsschrift für Literatur und Kritik 1. (1890) H. 1. S. 42.

10 Hauptmann: Vor Sonnenaufgang. S. 10 Z. 4.

11 Vgl. Bernhardt: Sieg und Überwindung … . S. 136 Z. 15f.

12 ebenda, S. 136 Z. 14f.

13 ebenda, S. 126 Z. 21f. nach: Hauptmann, Gerhart: Das Abenteuer meiner Jugend. In: Hauptmann, Gerhart: Sämtliche Werke. Centenar-Ausgabe zum hundertsten Geburtstag des Dichters. 15. November 1962. Bd. 7. Hrsg. von Hans-Egon Hass. Berlin u.a.: Propyläen 1962. S. 1082.

14 Guthke: Die „naturalistische“ Tetralogie. S. 61 Z. 11f.

15 Vgl. Holz, Arno: Die Kunst Ihr Wesen und ihre Gesetze (1891).

16 Guthke: Die „naturalistische“ Tetralogie. S. 61 Z. 12 - 14.

17 ebenda, S. 61 Z. 10.

18 Hauptmann: Vor Sonnenaufgang. S. 16 Z. 16.

19 Bernhardt: Sieg und Überwindung … . S. 138 Z. 12f.

20 Guthke: Die „naturalistische“ Tetralogie. S. 61 Z. 19.

21 ebenda, S. 61 Z. 20.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640847488
ISBN (Buch)
9783640843411
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167804
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
Schlagworte
Gerhart Hauptmann Vor Sonnenaufgang Naturalismus Helene Krause

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