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Ein Unterrichtsentwurf zum Thema: Einführung von Mindestlöhnen in der Bundesrepublik Deutschland - Ja oder Nein?

Eine zehnstündige Unterrichtsreihe für die elfte Jahrgangsstufe

Unterrichtsentwurf 2009 51 Seiten

Politik - Didaktik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Hintergründe der Unterrichtsreihe

2. Ziele sozialwissenschaftlicher Bildung
Didaktische Prinzipien sozialwissenschaftlicher Bildung

3. Unterrichtsreihe
Thema: Einführung von Mindestlöhnen in der BRD - Ja oder Nein?
3.1. Einzelstunde: Einführung in das Thema „Mindestlöhne“, u.a. anhand eines
Fallbeispiels
3.2. Doppelstunde: Gewinnung von Kenntnissen über die Realität vom Mindestlohn (Institutionenkunde)
3.3. Einzelstunde: Sichtweisen und Interessen verschiedener Akteure
3.4. Doppelstunde: Vor- und Nachteile von Mindestlöhnen
3.5. Einzelstunde: Suche nach einer Alternativlösung
3.6. Doppelstunde: Kontroverse Politik-Talkshow zum Thema Mindestlohn
3.7. Einzelstunde: Persönliche Urteilsbildung der Schüler/-innen

4. Fazit
Resümee undReflexion der Unterrichtsreihe

5. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Hintergründe der Unterrichtsreihe

Das zentrale Thema der vorliegenden Arbeit ist der Mindestlohn in Deutschland. Soll er eingeführt werden oder nicht? Würde ein Mindestlohn für die BRD von Vorteil oder von Nachteil sein? Welche Konsequenzen sind abzusehen und welche Risiken müsste man in Kauf nehmen, wenn der Mindestlohn eingeführt werden sollte? Welche Interessengruppen haben welche Lösungskonzepte? All diese Fragen bezüglich der Einführung eines Mindestlohns sollen in einer zehnstündigen Unterrichtsreihe für eine elfte Klasse erarbeitet werden.

„Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen ist alt [...]. Wo selbst die Altersrente nicht mehr sicher ist, vom Arbeitslosengeld ganz zu schweigen, wo jede Regierung ihre Vorgänger nur noch im Kürzen der staatlichen Sozialleistungen zu übertrumpfen versucht, da erscheint das Grundeinkommen als ein verlockender Ausweg: Ein Sprung aus der heutigen Misere in eine sichere Existenz.“ (Krätke 2007, S. 149)

Aber ist die Entscheidung wirklich so einfach? Nein, denn die deutschen Politiker diskutieren schon seit vielen Jahren über die Einführung bzw. die Nicht­Einführung von Mindestlöhnen in Deutschland. Mittlerweile ist klar, dass es nach der Bundestagswahl im September 2009 eine Entscheidung von der Regierung geben wird.

Die Aktualität des Themas „Mindestlohn“ hat mich vor allem dazu veranlasst dieses Thema als Gegenstand der Unterrichtsreihe dieser Arbeit zu machen. Aktualität der im sozialwissenschaftlichen Unterricht behandelten Themen wird verstärkt vom Schulministerium gefordert (vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung 1999, S. 10) - daher halte ich dieses Thema für sinnvoll. „Ein an aktueller Politik orientierter Unterricht schafft Motivation“ (Richter & Weißeno 1999, S. 4); die Schüler/-innen interessieren sich also für das Thema, da sie durch die zahlreichen öffentlichen Debatten in den Medien ohnehin davon erfahren haben und da sie als Elftklässler selber nicht mehr lange zur Schule gehen werden und sich insofern für ein bevorstehendes Berufs- bzw. Weiterbildungsleben entscheiden müssen. Besonders gut geeignet ist es aber auch auf Grund seiner Kontroversität und Komplexität - zwei Herausforderungen, mit denen sich die Schüler/-innen beim Behandeln des Themas im Unterricht auseinandersetzen sollen. Bezüglich der Richtlinien für die Sekundarstufe II an Gymnasien und Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen ist das Thema „Mindestlohn“ in den Inhaltsbereich der „Wirtschaftspolitik - wirtschaftspolitische Konzeptionen“ (vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung 1999, S. 16) einzuordnen und passt somit auch in die Lehrvorgaben des Curriculums.

Zentrale Lernziele der Unterrichtsreihe sind die Folgenden: Erstens sollen die Schüler/-innen am Ende der Unterrichtsreihe beschreiben können, welche Vor- und Nachteile ein Mindestlohn mit sich bringen kann und welche Konsequenzen die Einführung oder die Nicht-Einführung eines Mindestlohns in Deutschland haben kann. Zweitens sollen die Schüler/-innen die eventuelle Einführung eines Mindestlohns aus kontroversen Perspektiven, d.h. von verschiedenen Sichtweisen aus, betrachten können und die jeweiligen Interessen dieser sozialen Gruppen erkennen und gegenüberstellen können. Drittens sollen die Schüler/-innen verschiedene mögliche Lösungskonzepte und Maßnahmen in Betracht ziehen können und diese in Bezug auf ihren Nutzen, ihre Folgen, ihre Legitimität und ihre Effektivität hin analysieren können. Viertens sollen die Schüler/-innen mögliche Alternativlösungen zum Mindestlohn kennen und in der Lage sein, diese auch kritisch reflektieren zu können. Ein letztes zentrales Lernziel ist, dass die Schüler/-innen sich ein eigenes Urteil zum Thema „Einführung eines Mindestlohns - Ja oder Nein?“ bilden sollen.

Um all die genannten zentralen Ziele zu erreichen, finden die didaktischen Prinzipien „Problemorientierung“, „exemplarisches Lernen“, „Perspektivenwechsel“, „Kontroversität“ und „persönliche Urteilsbildung“ ihre Anwendung in der Unterrichtsreihe. Im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit werden diese didaktischen Prinzipien der sozialwissenschaftlichen Bildung jeweils kurz theoretisch erläutert werden. Dem darauf folgenden Hauptteil der Arbeit, der Darlegung des Unterrichtskonzeptes „Einführung von Mindestlöhnen in der BRD - Ja oder Nein?”, schließt sich ein abschließendes Fazit, welches ein Resümee und eine Reflexion der Unterrichtsreihe beinhaltet, an.

2. Ziele sozialwissenschaftlicher Bildung

Didaktische Prinzipien sozialwissenschaftlicher Bildung

Im Folgenden wird ein theoretischer Überblick über die fachdidaktischen Prinzipien gegeben, die der Unterrichtsreihe zugrunde liegen.

Das erste, besonders wichtige didaktische Prinzip, welches nachfolgend erklärt wird, ist die Problemorientierung. Ziel dieses Prinzips ist, dass die zu behandelnden politischen Themen im Unterricht als Probleme wahrgenommen werden, welche einer Lösung bedürfen. Politik soll als Prozess permanenter Problemlösung verstanden werden (vgl. Breit 2005, S. 112). Zunächst soll das problemlösende Denken der Schüler/-innen angeregt werden, indem der Lehrer das vorhandene Problem so darstellt, dass die Schüler/-innen davon berührt sind und durch diesen Druck von selbst nach einer Lösung suchen wollen (vgl. Breit 2005, S. 109). Dabei ist zu beachten, dass diese Methode sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, da die Schüler/-innen selbstständig das Problem begreifen und bearbeiten sollen und da somit lehrerzentrierter Unterricht ausgeschlossen ist. Um das politische Problem zu untersuchen, schlägt Breit fünf Kategorien vor: „Ausmaß, Ursachen, Folgen, Lösungskonzepte (Akteure, Interessen), Maßnahmen“ (Breit 2005, S. 112). Ausgehend von diesen Kategorien hat Breit einige Fragen entwickelt, die den Schüler/-innen beim Verstehen und Analysieren des Problems helfen sollen.1 Anhand konkreter Fallbeispiele sollen die Schüler­innen die Komplexität politischer Probleme kennen lernen und zum Nachdenken über eventuelle Lösungen für diese Probleme gebracht werden. Sie sollen eine Lösung als dringlich empfinden (vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung 1999, S. 9). Erfolgreiches, problemorientiertes Lernen findet dann statt, wenn die Lernenden eigenständig mögliche Lösungen für ein politisches Problem finden (oder zumindest versuchen zu finden) und diese verschiedenen Lösungen im Hinblick auf ihre Folgen einschätzen können. Sowohl das Hinterfragen der Effizienz und der Legitimität der Lösungen (vgl. Breit & Weißeno 2008, S. 26-27), als auch das Hineinversetzen in die Lage unterschiedlicher Interessengruppen sollte in einem problemorientierten Lernprozess stattfinden, um die Komplexität der jeweiligen Probleme erfassen zu können, um erkennen zu können, dass politische Probleme sich kaum eindeutig beantworten lassen (vgl. Breit 2005, S. 123) und um sich schließlich auch ein eigenes Urteil der Situation und ihrer möglichen Lösung bilden zu können.

Ein weiteres fachdidaktisches Prinzip ist das exemplarische Lernen. Der Grundgedanke dieses didaktischen Mittels ist, dass „der Lernende an einer begrenzten Zahl von ausgewählten Beispielen [...] aktiv [...] verallgemeinerbare Kenntnisse, Fähigkeiten, Einstellungen erarbeitet“ (Klafki 2007, S. 143-144). Die Erkenntnisse, die aus den Beispielen gewonnen werden, können also auf viele ähnliche politische Sachverhalte projiziert werden. Man geht davon aus, dass der Lernweg vom anschaulichen Beispiel ausgeht und induktiv vom Konkreten zum Abstrakten verläuft (vgl. Grammes 2005, S. 95). Wichtig ist, dass das Lernen an den Beispielen als Unterrichtsinhalt selbst wahrgenommen werden muss: Das Beispiel selbst ist der Lerninhalt und eben nicht nur eine ergänzende Veranschaulichung. Das Problem als Handlungsv]orhaben weckt Interesse in den Schüler/-innen und hilft beim Hineinversetzen in die politische Problemstellung (vgl. Aebli 1963, S. 96-97). Die Schwierigkeit für den Lehrenden besteht darin, geeignete Beispiele auszuwählen und sicherzustellen, dass die Lernenden keine vorschnellen Schlüsse bei der Übertragung ihrer gewonnenen Erkenntnisse von der einen Sachlage auf eine andere machen.

Perspektivenwechsel ist ein weiteres fachdidaktisches Prinzip der sozialwissenschaftlichen Bildung, welches auch in der entwickelten Unterrichtsreihe dieser Arbeit seine Anwendung finden soll. Es sagt aus, dass die Lernenden sich in die Sichtweise der betroffenen und der handelnden Personen hineinversetzen sollen (vgl. Breit 1992, S. 6-7). Erst so stellen sich die unterschiedlichen Interessen verschiedener Akteure deutlich heraus und durch einen Vergleich dieser Perspektiven entwickelt sich das Verständnis von politischen Handlungsmöglichkeiten weiter. Besonders bei der Analyse von Fallbeispielen ist es wichtig, dass die Schüler/-innen das politische Problem von diversen Blickwinkeln aus betrachten, um sicherzustellen, dass die Lernenden nicht vorschnell für eine Seite Partei ergreifen (vgl. Breit 1999, S. 386-387). Auch ist der Perspektivenwechsel wichtig für die eigene politische Urteilsbildung der Schüler/-innen, da letztere durch ihr so erlangtes, differenziertes Wissen über die verschiedenen Interessenslagen nun in der Lage sind, eigenständig abzuwägen und sich schließlich ein Urteil zu bilden.

„Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muß auch im Unterricht kontrovers erscheinen.“ (vgl. Richter & Weißeno 1999, S. 32), so lautet ein Leitsatz des Beutelsbacher Konsens von 1976. Das fachdidaktische Prinzip der Kontroversität gilt bis heute als eines der bedeutendsten im Bezug auf den sozialwissenschaftlichen Unterricht und soll im Folgenden genauer erklärt werden. Um als Lehrperson „Manipulation durch Unausgewogenheit bzw. Parteilichkeit“ (Grammes 2005, S. 126) zu vermeiden, sollen möglichst viele unterschiedliche, durchaus kontroverse/gegensätzliche Standpunkte zu einem politischen Thema in den Unterricht integriert werden. Erst „[d]ie Kontroverse erzwingt die plausible Argumentation und ermöglicht durch ein profiliertes Pro und Contra die eigene Meinungsbildung“ (Richter & Weißeno 1999, S. 132). Das genaue Betrachten einer politisch kontroversen Situation zeigt die Komplexität eines Sachverhalts auf und verhilft den Schüler/-innen so dazu, ihr Wissensspektrum zu erweitern, um sich abschließend eine differenzierte, eigene Meinung bilden zu können.

Die persönliche Urteilsbildung ist das letzte fachdidaktische Prinzip, welches ebenfalls in der nachfolgenden Unterrichtsreihe eingesetzt werden soll. „Politische Urteilsbildung ist eine zentrale Aufgabe der politischen Bildung. [...] Ziel des Politikunterrichts ist das politische Urteil.“ (Richter & Weißeno 1999, S. 199). Erreicht wird die politische Urteilsbildung seitens der Schüler/-innen durch einen sozialwissenschaftlichen Unterricht, welcher die obigen fachdidaktischen Prinzipien aktiv im Unterricht aufgreift - durch exemplarisches Lernen, Problemorientierung, Perspektivenwechsel und Kontroversität erhalten die Schüler/-innen die nötige, fachliche Grundausstattung, um sich ein differenziertes, eigenes Urteil über ein politisches Thema bilden zu können und somit das höchste Ziel der sozialwissenschaftlichen Bildung zu erreichen: Politische Mündigkeit und Autonomie. In einem abwechselungsreichen Unterricht, der die Kontroversen eines sozialwissenschaftlichen Themas aufzeigt, ist es wahrscheinlich und erwünscht, dass die Schüler/-innen letztendlich zu unterschiedlichen Urteilen und Meinungen kommen.

3. Unterrichtsreihe

Thema: Einführung von Mindestlöhnen in der BRD - Ja oder Nein?

Die zentralen Lernziele, welche in der folgenden Unterrichtsreihe zum Thema „Mindestlohn in Deutschland“ erreicht werden sollen, sind bereits dargelegt worden. Einzelne, konkretere Lernziele der jeweiligen sieben Unterrichts(doppel-)stunden und die fachdidaktischen Prinzipien dazu werden im Verlauf der Unterrichtsreihe an den entsprechenden Stellen deutlich gemacht werden. Die Materialien, die in den Unterrichtsstunden genutzt werden sollen, sind im Anhang dieser Arbeit zu finden. Vom Aufbau her ist das zehnstündige Unterrichtskonzept in leicht abgeänderter Form (lediglich die Reihenfolge ist variiert worden) an den Fragen zur Untersuchung politischer Probleme (vgl. Breit 2005, S. 112) orientiert:

- „Um was geht es? Worin besteht das Problem? Welches Ausmaß besitzt das Problem?
- Wie ist das Problem entstanden?
- Wer ist von dem Problem betroffen? Welche Gefährdungen gehen von dem Problem aus?
- Welche Lösungskonzepte liegen vor?
- Wer hat sie entwickelt (Akteure)? Welche Interessen sind damit verbunden? Welche Folgen sind bei Verwirklichung eines dieser Lösungskonzepte vorhersehbar?“ (Breit 2005, S. 112)

Breits Fragenkonzept zur Untersuchung politischer Probleme eignet sich sehr gut für das vorliegende Thema der Unterrichtsreihe, da die Einführung von Mindestlöhnen als „Problem“ interpretiert werden kann, für das eine Lösung gefunden werden soll. Außerdem hilft ein solcher Aufbau des Unterrichts den Schüler/-innen dabei, sich ein persönliches Urteil zu bilden, weil die Thematik so von vielen Seiten, auch kontrovers, beleuchtet wird.

Ich könnte mir vorstellen, dass man den vorliegenden Unterrichtsentwurf gut an eine Unterrichtsreihe zum Thema „Soziales Sicherungssystem in Deutschland“ anknüpfen könnte und dass, mit entsprechender Überleitung, ein Unterrichtskonzept z.B. zum Thema „Sozialer Wandel, soziale Ungleichheit in Deutschland“ darauf folgen könnte.

3.1 Einzelstunde: Einführung in das Thema „Mindestlöhne“, u.a. anhand eines Fallbeispiels

Die erste Einzelstunde der Unterrichtsreihe zum Thema Mindestlohn dient als Einführung ins Thema. Ziel ist es, grundlegende Fakten zum Mindestlohn zu klären. Nach dem Fragenschema von Breit sollen die Fragen „Um was geht es?“, „Worin besteht das Problem?“ und „Wer ist von dem Problem betroffen?“ in dieser Unterrichtsstunde beantwortet werden. Dazu werden zunächst die Prinzipien des exemplarischen Lernens bzw. der Problemorientierung angewandt: Die Schüler/-innen lernen ein konkretes Fallbeispiel kennen. Sie sollen sich in die Situation von „Nicole Busse“ hineinversetzen, sodass sie durch die erzeugte Empathie einen gewissen Druck verspüren, nach einer Lösung für das Problem der geringverdienenden Frau Busse suchen zu wollen. Nachdem der Begriff „working poor“ im Plenum besprochen worden ist, wird die Klasse in drei Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe bekommt einen der drei Artikel mit dem Arbeitsauftrag, diesen zu lesen und sich innerhalb der Gruppe kurz über den zentralen Inhalt auszutauschen. Gruppe 1 erhält den Artikel „Eiertanz um den Mindestlohn“, welcher einen Kommentar über die Unentschlossenheit der deutschen Regierung bzgl. der Mindestlohneinführung enthält, an Gruppe 2 wird der Artikel „Ein Mindestlohn in Deutschland?“ ausgeteilt, welcher eine Pro­Argumentation beinhaltet und Gruppe 3 erhält den Artikel „Contra Mindestlohn“, eine Argumentation gegen die Mindestlohneinführung. Anschließend stellt jede Gruppe die wichtigsten Informationen des gelesenen Artikels den anderen Mitschüler/-innen vor, sodass basale Fakten wie etwa die Fragen „Inwiefern gibt es bereits einen Mindestlohn in Deutschland?“, „Was spricht laut den Artikeln für bzw. gegen den Mindestlohn?“ und „Welche Alternative zum Mindestlohn wird vorgeschlagen? (➔ Kombilohn)“ im Plenum geklärt werden.

In einer abschließenden Diskussion sollen die Schüler/-innen erste Meinungen zum Thema Mindestlohneinführung äußern. Die Diskussion kann durch folgende Fragen und Impulse des Lehrers geleitet werden, um die Schüler­innen mit weiteren zentralen Informationen zu versorgen und um sie schließlich zu einer ersten Meinungsäußerung zu bewegen: Sind die starken Lohnunterschiede in Deutschland gerecht? Was ist eure Ansicht bzgl. der sogenannten Gruppe der „working poor“? Bedenkt, dass zwischen 11 und 13 Prozent der Beschäftigten in Deutschland Stundenlöhne von weniger als 7,50 € verdienen. Sollte es einen Mindestlohn in Deutschland geben, um den Menschen, die trotz Arbeit als arm gelten, zu helfen? Aber könnte ein Mindestlohn nicht zu riskant sein, wenn man die möglichen Folgen betrachtet? - Denn in anderen europäischen Mindestlohnländern wie etwa Großbritannien müssen nur etwa 1-2% der Beschäftigten den dortigen Mindestlohn überhaupt in Anspruch nehmen.

3.2 Doppelstunde: Gewinnung von Kenntnissen über die Realität vom Mindestlohn (Institutionenkunde)

Die zweite Unterrichtsstunde beschäftigt sich weitgehend mit Institutionenkunde auf der Makroebene. Ziel dieser Unterrichtsstunde ist, dass die Schüler/-innen Grundwissen über Faktoren erlangen, die die Entscheidung für oder gegen die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns beeinflussen können. Dazu zählen z.B. Kenntnisse über die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung, über die Standpunkte der größten deutschen Parteien zum Thema Mindestlohn, über das Allgemeinverbindlichkeitsgesetz und das Arbeitnehmer-Entsendegesetz und über die ab Mai 2009 eingeführten, branchenbezogenen Mindestlöhne in Deutschland. Die Fragen „Welches Ausmaß besitzt das Problem?“, „Wie ist das Problem entstanden?“ und „Welche Gefährdungen gehen von dem Problem aus?“ (nach Breits Konzept) werden somit in dieser Doppelstunde behandelt.

Als Einstieg soll die Bevölkerungsentwicklung von 1910 bis 2050 dienen. Anhand der verschiedenen Bevölkerungspyramiden ist erkennbar, dass in Zukunft deutlich weniger junge Menschen und deutlich mehr ältere Menschen in Deutschland leben werden. Im Unterricht soll hervorgehoben werden, dass dies и. a. eine Ursache dafür ist, dass die Erwerbstätigen immer mehr Lohnabgaben haben, um die Rente der vielen älteren Bürger zu sichern. Im Plenum soll auch deutlich werden, dass diese Entwicklung - in Verbindung mit der Tatsache, dass bereits jetzt etwa 10 Millionen Deutsche in Armut leben und nicht wenige davon den sogannten „working poor“ angehören - langfristig zu einer finanziell desaströsen Situation der Deutschen führt, welche dringend einer entgegenwirkenden Lösung bedarf, wie zum Beispiel der Einführung eines Mindestlohns.

Um weitere, grundlegende Fakten und Informationen über den aktuellen Standpunkt großer deutscher Parteien zum Mindestlohn zu erlangen, soll im Plenum der Text „Wie funktioniert der Mindestlohn?“ gelesen werden und die darin enthaltenen Begrifflichkeiten, wie das Allgemeinverbindlichkeitsgesetz und das Arbeitnehmer-Entsendegesetz, geklärt werden. Danach sollen die Schüler­innen, ebenfalls im Plenum, den Text und die Grafik zu den aktuellen, branchenbezogenen Mindestlöhnen lesen und beurteilen. Die Lehrperson könnte hierzu folgende, anregende Fragen stellen: Wie beurteilt ihr die Differenzierung zwischen Ost- und Westdeutschland - warum gibt es diese Aufteilung überhaupt? Findet ihr, dass die Mindestlöhne gerecht angesetzt sind? Wo gibt es eventuelle Besonderheiten/„Unstimmigkeiten“ angesichts der Höhe der Mindestlöhne?

Um im Folgenden das Thema Mindestlohn auch auf internationaler Ebene zu erkunden, soll die Balkengrafik „Gesetzliche Mindestlöhne pro Stunde 2009“ genauer angeschaut werden. Die Schüler/-innen erfahren so über die europäischen Länder, die schon einen gesetzlichen Mindestlohn haben und über die Höhe dieses Lohns. Durch die starken Unterschiede bzgl. der Lohnhöhe (zwischen 0,71€ in Bulgarien und 9,49 € in Luxemburg) soll den Schüler/-innen bewusst werden, wie schwer es sich tatsächlich gestaltet für Deutschland eine Mindestlohnhöhe festzulegen.

Nach einem kurzen Lehrer-Impuls, durch welchen die Schüler/-innen über die Realität der Mindestlohnsituation der EU-Länder Frankreich und Großbritannien aufgeklärt werden, sollen die Lernenden im Plenum über die Fragen diskutieren, inwiefern die Mindestlohnfrage und -höhe auf Deutschland übertragbar ist, welchem Länder-Beispiel man folgen könnte und ob man das überhaupt kann, da in Deutschland ja rund 10-11% mehr Beschäftigte von dem vorgeschlagenen Mindestlohn von 7,50€ betroffen wären als z.B. in Großbritannien. Der vorangehende Lehrer-Impuls könnte wie folgt lauten: Der Mindestlohn in Frankreich war zu hoch angesetzt (8,44 €) und war deshalb eine Ursache für die hohe Arbeitslosigkeit bei den jüngeren Beschäftigten. Der Mindestlohn in Großbritannien hat wiederum keine gravierenden Nachteile mit sich gebracht. Allerdings müssen auch nur 1-2% der Arbeitnehmer in Großbritannien tatsächlich Mindestlöhne beziehen.

Abschließend soll eine Diskussion stattfinden, in welcher sich die Schüler/-innen ein vorläufiges Urteil bilden sollen und anhand der Informationen über die Mindestlohnsituation im europäischen Ausland mögliche Risiken für Deutschland bei Einführung eines Mindestlohns absehen sollen. Mögliche Diskussionsfragen könnten folgendermaßen lauten: Welche Gefährdungen würdet ihr prognostizieren, wenn es etwa im nächsten Jahrzehnt immernoch kein staatliches Mindesteinkommen als garantierte Existenzminimum-sichernde Maßnahme in Deutschland gäbe? Welche Folgen könnte es geben? Wie gravierend beurteilt ihr diese möglichen Folgen? Wäre die Einführung von Mindestlöhnen trotzdem sinnvoll oder nicht?

3.3 Einzelstunde: Sichtweisen und Interessen verschiedener Akteure

Nach der Doppelstunde, die sich weitgehend mit Institutionenkunde auf der Makroebene beschäftigte, sollen die Lernenden in der darauffolgenden Einzelstunde wieder auf der Mikroebene arbeiten. Ziel ist es, dass die Schüler­innen sich über die unterschiedlichen Sichtweisen und Interessen eines Unternehmers und eines Geringverdieners (Stundenlohn von unter 7,50€) im Bezug auf die Mindestlohnfrage im Klaren werden. Dazu soll das fachdidaktische Prinzip des Perspektivenwechsels angewandt werden und die Schüler/-innen sollen sich der Beantwortung der nach Breit formulierten Fragen zur Untersuchung politischer Probleme „Welche Lösungskonzepte liegen vor?“ und „Wer hat sie entwickelt (Akteure)?“ nähern.

In Partnerarbeit sollen die Schüler/-innen ein mögliches Gespräch zwischen einem Unternehmer und einem Geringverdienenden erarbeiten. Dazu werden die Artikel „Schluss mit working poor“ und „Auswirkungen eines Mindestlohns auf kleinere und mittlere Unternehmen“ an die Partnergruppen ausgeteilt. Anhand der Texte können die Schüler/-innen Argumente für bzw. gegen den Mindestlohn aus den zwei verschiedenen Positionen gewinnen und daraufhin einen fiktiven Dialog unter Berücksichtigung der zwei unterschiedlichen Interessenslagen entwickeln. Ein zentrales Argument für die Einführung eines Mindestlohnes ist z.B., dass die Ausweitung des Billiglohnsektors - und somit die Ausbeutung der Arbeitnehmer - ohne einen Mindestlohn immer weiter voranschreitet. Ein zentrales Argument gegen das garantierte Mindesteinkommen ist z.B., dass relativ viele Unternehmen die Löhne nicht bezahlen können und somit gezwungen wären, einigen Arbeitnehmern zu kündigen. Nach Beendigung dieser Aufgabe können einige Partnergruppen ihr erarbeitetes Gespräch den Mitschüler/-innen im Plenum vortragen.

Am Schluss diskutieren die Schüler/-innen im Plenum die in den vorgestellten Dialogen eingebrachten Argumente für bzw. gegen den Mindestlohn. Sie sollen sich in beide Sichtweisen, in die des Unternehmers und in die des Geringverdieners, hineinversetzen und die damit verbundenen Interessen und Lösungsvorschläge für die Lohnsituation nachvollziehen. Der Lehrer kann die Schüler/-innen abschließend noch fragen, welche Argumente sie als am wichtigsten einstufen würden, für welche Position sie persönlich eher Partei ergreifen würden und warum. So ergibt sich ein weiteres, vorläufiges Meinungsbild der Schüler/-innen.

3.4 Doppelstunde: Vor- und Nachteile von Mindestlöhnen

Die Schüler/-innen haben in der letzten Stunde über mögliche Lösungskonzepte zweier unterschiedlicher Akteure diskutiert und in der folgenden Doppelstunde soll nun die Frage „Welche Folgen sind bei Verwirklichung eines dieser Lösungskonzepte vorhersehbar?“ (nach Breit) beantwortet werden. Ziele dieser problemorientierten Unterrichtsstunde sind, dass die Schüler/-innen die Vor- und Nachteile eines Mindestlohnes zunächst aus objektiver Perspektive, von der Makroebene ausgehend, kennenlernen sollen und dass sie am Schluss, aus subjektiver Sicht, ein eigenes Urteil darüber fällen sollen.

[...]


1 Das im weiteren Verlauf dargelegte Unterrichtskonzept habe ich nach diesen Kategorien aufgebaut. (Siehe auch Seite 6 dieser Arbeit.)

Details

Seiten
51
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640850884
ISBN (Buch)
9783640851256
Dateigröße
915 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167803
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Schlagworte
Unterrichtsentwurf Didaktik Sozialwissenschaften Mindestlohn Kontroversität sozialwissenschaftliche Bildung fachdidaktische Prinzipien Exemplarisches Lernen Problemorientierung Perspektivwechsel persönliche Urteilsbildung Klafki Breit Kombilohn Unterricht working poor Geringverdiener Talkshow politische Debatte

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