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Der Körper - Heil oder Übel unseres Lebens?

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Platons Sichtweise

3. Nietzsches Sichtweise

4. Fallbeispiel Jean-Dominique Bauby

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Das Glück wohnt nicht im Besitze und nicht im

Golde, das Glücksgefühl ist in der Seele zu Hause.

Demokrit

1. Einleitung

Unser Körper wird von uns als etwas ganz Natürliches angesehen, was uns von Geburt an gegeben ist und uns unser gesamtes Leben hindurch begleitet. Ebenso wie wir selbst, macht auch der Körper jegliche Veränderungen mit; er wächst, verändert seine Form in gewissem Maße und wird durch Krankheiten mehr oder minder schwer beeinträchtigt. Wir nehmen ihn als selbstverständlich hin, achten vielleicht manchmal ein wenig mehr auf ihn, dann wieder weniger und machen uns doch die meiste Zeit kaum Gedanken über diese Hülle, die uns jeden Tag umgibt und durch die wir Eindrücke aller Art vermittelt bekommen. Meist gehen wir erst dann tiefer in unsere Gedanken über den Körper, wenn wir alt oder krank sind und uns nicht mehr in der glücklichen Lage befinden, die Funktionen des Körpers, welche uns das Leben mitunter sehr erleichtern, in vollem Maße nutzen zu können.

Wie ist es aber um die Menschen bestimmt, die zu fast 100% auf ihren Körper verzichten müssen, der sie zwar noch am Leben hält, aber ansonsten beinahe vollkommen isoliert ist von dem, was uns umgibt? Eine dieser Krankheiten ist das sogenannte Locked-In-Syndrom, kurz LIS, eine Art Komazustand mit dem Unterschied der kompletten Wahrnehmung der Umwelt bei gleichzeitigem Verlust der Kommunikationsmöglichkeit.

In dieser Arbeit soll es um die Frage gehen, wie ein Leben mit solch einer verheerenden Krankheit aussehen kann und wie das Körperbild von einem der betroffenen Menschen im Vergleich gesehen werden kann zu den Ansichten der Philosophen Platon und Nietzsche, die ihre eigenen, gegeneinander konträren, Vorstellungen von dem Verhältnis zwischen Körper und Seele ausgesprochen haben.

Platon glaubte an die Unsterblichkeit der Seele und vertrat eine Lehre der Seelenwanderung. Für ihn ist die Seele unsichtbar, einfach, unzerstörbar und dem Göttlichen ähnlich. Erst nach dem Tod befreit sich die Seele vom Körper und ist so zu wahrer Erkenntnis fähig. [1]Während Platon ganz klar die Seele über den Körper stellt und diesen nur als ein Hindernis ansieht, ist es für Nietzsche der Körper, der den Menschen ausmacht und der uns das Leben so vermittelt, wie es ist. Man kann verkürzt sagen, dass wir nach Platon in einem Körper sind, wohingegen wir nach Nietzsche selbst der Körper sind.

Diese beiden Zustände des Selbst hat Jean-Dominique Bauby in seinem Leben gehabt. Ende Dezember 1995 erleidet der erfolgreiche Redakteur einen Gehirnschlag und wird all seiner bisherigen Lebensmöglichkeiten beraubt. Vollständig gelähmt und unfähig zu sprechen vollendet er dennoch 15 Monate später sein Buch, welches er mit Hilfe des ESA-Alphabets nur über sein Augenblinzeln diktiert hat. Durch dieses Buch ist es erstmals möglich gewesen, Einblicke in die Welt eines Betroffenen zu erhalten, der äußerlich erstarrt ist, geistig allerdings keinerlei Einschränkungen erlitten hat.

Im Folgenden soll ein Bogen gespannt werden von der Antike bis heute, in dem versucht wird, zwei der grundlegenden Körperbilder der Philosophie, mit dem Schicksal von Bauby zu vergleichen, um eventuelle Gemeinsamkeiten erkennen zu können. Bei Platon ist es sein Werk Phaidon, welches unter genannten Gesichtspunkten untersucht wird, speziell hier die Abschnitte 63d bis 69e und bei Nietzsche sein Werk Also sprach Zarathustra, im Speziellen die Abschnitte Von den Hinterweltlern und Von den Verächtern des Leibes. Das Buch von Jean-Dominique Bauby trägt den Titel Schmetterling und Taucherglocke.

2. Platons Sichtweise

Wie bereits in der Einleitung angesprochen befinden wir uns nach Platon lediglich in einem Körper, der uns im Leben allerdings nur hinderlich ist. Daher strebt der gute Philosoph den Tod an, um dem Körper entfliehen zu können und so Wahrheit und Tugend zu erlangen. Nicht das Leben sondern der Tod wird als höchstes Gut angesehen und ist daher erstrebenswert. Der Tod bedeutet auch nicht das Ende, ganz im Gegensatz zu Nietzsches Betrachtungsweise, er bedeutet lediglich die Trennung von Leib und Seele. Bezugnehmend auf Bauby ist für Platon Krankheit ein weiteres Hindernis, da dadurch zu viel Zeit beansprucht wird, welche wiederum zu wenig Zeit dafür lässt, Erkenntnis zu erlangen.

Im Phaidon sind die letzten Stunden des Sokrates beschrieben, wie er im Gefängnis vor seiner bevorstehenden Hinrichtung mit Freunden unter anderem darüber diskutiert, wie wünschenswert die Trennung von Seele und Körper ist. Von dieser Grundhaltung aus, könnte man annehmen, dass Sokrates nichts sehnlicher wünscht als den Tod und sich fragen, warum er ihn nicht schon vorher gewählt hat, wenn doch das Leben und der Körper ihn in seinem Drang nach Wahrheit und Erkenntnis so hinderlich sind. „Weshalb also sagen sie, es sei nicht recht, sich selbst zu töten, o Sokrates?“[2] – Hierauf antwortet selbiger: „Auf diese Weise nun wäre es also wohl nicht unvernünftig, daß man nicht eher sich selbst töten dürfe, als bis der Gott irgendeine Notwendigkeit dazu verfügt hat, wie die jetzt uns gewordene.“[3] Dieses absolute Verbot des Selbstmordes klingt zunächst paradox, da der Tod für die Menschen dem Leben vorzuziehen ist und eine Art Wohltat darstellt. Sokrates verweist in diesem Zusammenhang auf gewisse Geheimlehren, wonach der Mensch zum Besitz der Götter gehört und auf die Entlassung durch die Götter warten muss, ehe sich der Leib von der Seele zu trennen vermag.[4] Im Folgenden verdeutlicht Sokrates seine Vorstellungen davon, was ihm nach dem Tod auf Erden widerfahren wird und zeigt seinen Freunden auf, dass die Todesbereitschaft die natürliche

Haltung des philosophischen Daseins ist. Er fasst dabei seine Darlegung als philosophische Verteidigung seiner Lebensweise auf.

Wohlan denn, sprach er, laßt mich versuchen, ob ich mich mit besserem Erfolg vor euch verteidigen kann als vor den Richtern. Nämlich, sprach er, o Simmias und Kebes, wenn ich nicht glaubte, zuerst zu andern Göttern zu kommen, die auch weise und gut sind, und dann auch zu verstorbenen Menschen, welche besser sind als die hiesigen, so täte ich vielleicht unrecht, nicht unwillig zu sein über den Tod. Nun aber wißt nur, daß ich zu wackeren Männern zu kommen hoffe; und wenn ich auch das nicht so ganz sicher behaupten wollte: daß ich zu Göttern komme, die ganz treffliche Herren sind…[5]

Echtes Philosophieren ist hier also eine Art Sterben-Lernen. Sokrates hat es bereits angesprochen, dass nach dem Tod dem guten Menschen eine Welt offen steht, die er sich zu Lebzeiten gewünscht hat, die er allerdings wegen seines Körpers nie zu erlangen wagte. „… etwas weit Besseres für die Guten als für die Schlechten.“[6] Weiter erläutert Sokrates nach einigen Momenten, inwiefern der Körper als Hindernis angesehen werden kann und warum die Ablösung der Seele vom Leib so immense Bedeutung hat. Gegenüber den leiblichen Freuden und Ansprüchen des Leibes ist der Philosoph gleichgültig und wendet sich daher nur der Seele zu, da sich für seine Aufgabe, die Vernunft zu erwerben, sich die körperlichen Sinne als Problem darstellen. Auch die schärfsten Sinne, wie die Augen und die Ohren können nicht die Wahrheit der Wirklichkeit wiedergeben, so ist sich Sokrates sicher.[7] Besonders im Phaidon ist die zum Ausdruck gebrachte Lebensfeindlichkeit besonders drastisch. Wie schon angesprochen ist der einzige Sinn des philosophischen Lebens die Vorbereitung auf den Tod. „Und wird nicht das eben die Reinigung sein, was schon immer in unserer Rede vorgekommen ist, daß man die Seele möglichst vom Leibe absondere…, für sich allein zu bestehen, befreit wie von Banden von dem Leibe?“[8] Hiernach folgt Sokrates‘ Argumentation, wie schädlich die Einflüsse der Sinne auf den Geist sind und von welcher Wichtigkeit es ist, sic auf die eigentlichen Objekte des Geistes zu konzentrieren, welche die Ideen sind. Er begründet seine Ausführungen in mehreren Schritten, die hier kurz beleuchtet werden sollen.

[...]


[1] Vgl. Zoglauer, Thomas: Geist und Gehirn, Das Leib-Seele-Problem in der aktuellen Diskussion, Göttingen 1998, Seite22.

[2] Platon: Sämtliche Werke, Band 2, Hamburg 1994, 61e.

[3] Ebd., 62c.

[4] Vgl. Frede, Dorothea: Platons Phaidon, Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, Darmstadt 1999, Seite 16.

[5] Platon, 1994, Seite 63c.

[6] Ebd., 63c.

[7] Vgl. Friedländer, Paul: Platon, Berlin 1975, Seite 36.

[8] Platon, 1994, 67c.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640846832
ISBN (Buch)
9783640843138
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167717
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,7
Schlagworte
körper heil lebens

Autor

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