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Stößt die Rational-Choice-Theorie mit dem Wahlparadoxon an ihre Grenzen?

Eine Betrachtung und Bewertung der wichtigsten Auflösungsversuche

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rational-Choice-Theorie
2.1 Die Down´schen Zusatzannahmen
2.2 das Parteiendifferential

3. Das Wahlparadoxon

4. Auflösungsversuche
4.1Neuinterpretation der Entscheidungswahrscheinlichkeit p
4.2 Neuinterpretation der Kosten C
4.3 Neuinterpretation des Nutzens B
4.4 Einführung neuer Parameter

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2.1: Methodologischer Individualismus

1. Einleitung

"Wenn Wahlverhalten wirklich instrumentelles Verhalten ist, das ausschließlich auf die Auswahl einer Regierung gerichtet ist, dann macht es in Massendemokratien für den einzelnen letztlich keinen Sinn, sich an Wahlen zu beteiligen."[1]

Bürklin und Klein machen mit diesem Zitatdeutlich, mit welcher geringen Wahrscheinlichkeit eine einzelne Stimme den Ausgang einer Wahl entscheidend beeinflussen kann. Zahlen für diese Wahrscheinlichkeit finden sich bei Müller, ihm zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wähler die entscheidende Stimme abgibt bei Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten, sie ist also fast Null.[2]

Es stellt sich somit die Frage, aus welchen Gründen ein Wahlberechtigter bereit ist die Kosten einer Wahl, die ihm durch Informationsbeschaffung und Zeit entstehen, zu tragen, wenn seine Stimme ohnehin nur eine infinitesimal kleine Entscheidungs-kraft hat.

Besonders aus der Perspektive der Rational-Choice-Theorie (im folgenden RCT), die dem Akteur ein stets bewusstes, nutzenmaximierendes (also rationales) Verhalten unterstellt[3], scheint eine Wahlbeteiligung eine irrationale, unvernünftige Handlung zu sein. Formal darstellen lässt sich diese Überlegung durch folgende einfache Formel: seien C (costs) die Kosten und B (benefit) der Nutzen einer Handlung, so wird der rationale Akteur eine Handlung nur dann durchführen, wenn das Differential B – C positiv ist, der Nutzen also die Kosten übersteigt[4].Da jedes Ergebnis einer möglichen Handlung nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eintritt, müssen sowohl der Nutzen als auch die Kosten einer Handlung mit der Eintrittswahrscheinlichkeit diskontiert werden. Es ergibt sich die Formel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit R als Nettonutzen der Handlung. Angewandt auf die Wahlbeteiligung ist die Wahrscheinlichkeit Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten für das Eintreten der Kosten gleich Eins, sie kann also weggelassen werden, wohingegen die Wahrscheinlichkeit Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten für das Eintreten des Nutzens, wie eben beschrieben, gegen Null geht.

Schnell wird klar, dass der Wert für R negativ und eine Wahlbeteiligung damit irrational wäre. Auf Grundlage der RCT ist also eigentlich davon auszugehen, dass keine Wahlbeteiligung stattfindet. Man muss nun nicht lange überlegen, um auf den Kern des Problems zu stoßen. So zeigen empirische Beobachtungen eine ganz andere Wirklichkeit, als sich mit der RCT vermuten lässt: stets liegt die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen innerhalb der BRD weit über zweidrittel der Wahlberechtigten.[5]

Dieser offensichtliche Widerspruch zwischen Theorie und Empirie ist für die RCT höchst problematisch und wird als das "Paradox thatate rational choicetheory" [6] wahrgenommen.

In dieser Arbeit soll es nun um die Frage gehen, ob die RCT bei der Erklärung der Wahlbeteiligung tatsächlich an ihre Grenzen gestoßen ist und "aufgegessen wurde", oder ob die Zusammenhänge bisher einfach falsch interpretiert wurden.

Dazu werden zunächst die, für diese Untersuchung wichtigen, Grundannahmen der RCT, sowie die Zusatzannahmen von Anthony Downs, vorgestellt, da dieser "als Pionier der RCT bezeichnet werden" [7] kann und "die überwältigende Mehrheit aller Beiträge aus der Wahlforschung, die dem Rational-Choice-Ansatz zuzurechnen sind, [...] als Erweiterungen, Abwandlungen oder Anwendungen des von Downs skizzierten Modells verstanden werden [können]" [8].Eine weitere Ergänzung bildet anschließend das Parteiendifferential, dessen Kenntnis für das Verständnis der untersuchten Auflösungsversuche erforderlich ist.

Das nächste Kapitel ist der genauen Beschreibung des Wahlparadoxons gewidmet, um anschließend auf die zu untersuchenden Auflösungsversuche eingehen zu können. Um die Arbeit übersichtlich zu gestalten, wurden die verschiedenen Versuche nach den Parametern geordnet, an denen sie ansetzen.

Natürlich findet sich in der Literatureine geraume Menge verschiedenster Versuche das Wahlparadoxon aufzulösen, deren genaue Beschreibung den Rahmen dieser Arbeit allerdings sprengen würde. Daher wird sich diese Arbeit nur auf die wichtigsten, weil am häufigsten zitierten und am meisten beachteten, Versuche konzentrieren. In diese Kategorie gehören zweifellos der Ansatz von Riker und Ordershook sowie das Modell von Grafstein, die versuchen die Entscheidungs-wahrscheinlichkeit p neu zu interpretieren, um das Wahlparadoxon umgehen zu können. Palfrey und Rosenthal beziehen sich ebenfalls auf die Eintrittswahrschein-lichkeit p, stellen jedoch einen spieltheoretischen Ansatz vor.

Darauf folgt der Ansatz von Niemi, der sich an der Neuinterpretation der Kosten der Wahlbeteiligung versucht.

Den aktuellsten Ansatz stellen Edlin, Gelman und Kaplan vor, indem sich auf eine Neuinterpretation des Nutzen konzentrieren.

Anschließend folgen die Modelle, die neue Parameter einführen. Hier wird zunächst ein Auflösungsversuch von Downs selbst, durch Zuhilfenahme des Parameters L (Partizipationswert) untersucht und anschließend der, in der Literatur wohl beachtesten Ansatz, von Brennan und Lomasky mit dem neuen Parameter Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (expressiver Nutzen) analysiert. Der letzte Ansatz stammt wieder von Riker und Ordershook, die den Parameter d (duty) einführen.

Nach der Analyse der Auflösungsversuche werden die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst und die eingangs gestellte Frage, ob die RCT trotz des Wahlparadoxons Bestand haben kann, beantwortet.

2. Die Rational-Choice-Theorie

Zunächst muss festgestellt werden, dass es die eine RCT nicht gibt, da sich, je nachdem welche Annahmen getroffen werden, unterschiedliche Varianten ergeben. Dennoch gibt es einen zugrunde liegenden harten Kern, der allen Varianten gemein ist:

Die Grundlage einer jeden Handlungstheorie ist zunächst die "Vorstellung, dass Handeln absichtsgeleitet ist" [9]. So bildet die Annahme, dass sich die Akteure bewusst für eine Handlung entscheiden und zweckgerichtet Ziele verfolgen, die erste Grundannahme der RCT.[10]

Desweiteren stehen in den Rational-Choice-Analysen stets "kollektive Explananda [der Makroebene im Mittelpunkt, die] auf die Wirkungen des Handelns der Akteure auf der Mikroebene zurückgeführt [werden]" [11]. Phänomene der Makroebene, wie beispielsweise die Höhe der Wahlbeteiligung, werden also ausschließlich mit Hilfe der Mikroebene, in dem Fall die Entscheidung der Wahlberechtigten wählen zu gehen, erklärt. Dieses Prinzip nennt sich methodologischer Individualismus und bildet zusammen mit der Vorstellung des bewussten Handelns die Basis der Rational-Choice-Modelle. So werden zunächst, mit Hilfe von Brückenannahmen, die Bedingungen festgelegt unter denen die Handlungen der Akteure stattfinden (Logik der Situation). Anschließend wird, mit Hilfe der RCT, analysiert aus welchen Gründen sich der Akteur für eine bestimmte Handlung entscheidet (Logik der Selektion), um dann mit Hilfe von Transformationsregeln den kollektiven Effekt der Handlungen auf der Mikroebene zu erklären (Logik der Aggregation).[12] Abbildung 2.1 soll diesen Zusammenhang verdeutlichen.

Abbildung 2.1: Methodologischer Individualismus[13]

Auf dieser beschriebenen Basis baut der harte Kern der RCT auf. Zum harten Kern gehört zunächst die Vorstellung, dass der Akteur über eine klare Präferenzordnung verfüg,.[14] demnach also in der Lage ist zu entscheiden "welche unter den jeweils effektiv gegebenen Handlungsalternativen unter Berücksichtigung aller damit verbundenen Vor- und Nachteile den Präferenzen des betreffenden Individuums am meisten entspricht"[15]. Außerdem wird davon ausgegangen, dass die Präferenzen geordnet sind. Dazu müssen Sie zwei Konsistenzbedingungen erfüllen: Erstens müssen sie eine Konnektivität aufweisen, d.h. das Individuum muss "zwei Güter gegeneinander abwägen und sagen können [...], welches Gut es dem anderen vorzieht, oder ob es zwischen beiden indifferent ist" [16]. Und sie müssen zweitens transitiv, also logisch und widerspruchsfrei geordnet sein: wird beispielsweise die Handlungsfolge A der Handlungsfolge B vorgezogen und gleichzeitig Handlungsfolge B der Handlungsfolge C, dann folgt, dass Handlungsfolge A auch Handlungsfolge C vorgezogen werden muss.[17]

[...]


[1] Bürklin, Wilhelm; Klein, Markus: Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung, Opladen: Leske und Budrich, 1998, S. 124.

[2] vgl. Mueller, Dennis C.: Public Choice III, Cambridge u.a.: Cambridge University Press, 2003, S. 304f.

[3] vgl. Schwenk, Christian: Das Wahlparadoxon. Die Achillesferse der Rational-Choice-Theorie, Wiesbaden: Drewipunkt, 2008, S. 21f.

[4] vgl. Esser, Hartmut: Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 1: Situationslogik und Handeln, Frankfurt am Main u.a.: Campus-Verlag, 1999, S. 258.

[5] Statistische Bundesamt Deutschland: Tabelle Wahlbeteiligung nach Geschlecht und Altersgruppen seit 1983, URL: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pk/

2006/Repraesentative__Wahlstatistik/Wahlbeteiligung__Rep__Wahlstatistik05,property=file.pdf. (zuletzt überprüft am 19.09.2010).

[6] Arzheimer, Kai; Schmitt, Annette: Der ökonomische Ansatz, in: Falter, Jürgen W.; Schoen, Harald (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden: VS Sozialwissenschaften, 2005, S. 286.

[7] Schwenk, Christian: Das Wahlparadoxon. Die Achillesferse der Rational-Choice-Theorie, Wiesbaden: Drewipunkt, 2008, S. 10.

[8] Arzheimer, Kai; Schmitt, Annette: Der ökonomische Ansatz, in: Falter, Jürgen W.; Schoen, Harald (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden: VS Sozialwissenschaften, 2005, S. 250.

[9] Kunz, Volker: Theorie rationalen Handelns. Konzepte und Anwendungsprobleme, Opladen: Leske und Budrich, 1997, S. 50.

[10] vgl. Mensch, Kirsten: Die segmentierte Gültigkeit von Rational-Choice-Erklärungen. warum Rational-Choice-Modelle die Wahlbeteiligung nicht erklären können, Opladen: Leske und Budrich, 1999, S. 76.

[11] Kunz, Volker: Rational Choice, Frankfurt u.a.: Campus Verlag, 2004, S. 24.

[12] vgl. Kunz, Volker: Rational Choice, Frankfurt u.a.: Campus Verlag, 2004, S. 24-28.

[13] Eigene Darstellung nach: ebenda, S. 26.

[14] vgl. ebenda, S. 80.

[15] Zimmerling, Ruth: 'Rational Choice'-Theorien: Fluch oder Segen für die Politikwissenschaft?, in: Kunz, Volker (Hrsg.); Druwe, Ulrich: Rational Choice in der Politikwissenschaft: Grundlagen und Anwendungen, Opladen: Leske und Budrich, 1994, S. 16.

[16] Schwenk, Christian: Das Wahlparadoxon. Die Achillesferse der Rational-Choice-Theorie, Wiesbaden: Drewipunkt, 2008, S. 19.

[17] vgl. ebenda.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640846788
ISBN (Buch)
9783640842964
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167711
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Politikwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
stößt rational-choice-theorie wahlparadoxon grenzen eine betrachtung bewertung auflösungsversuche

Autor

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