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Ausgewählte Nebenfiguren in Theodor Fontanes Effi Briest

von Andrea Becker (Autor) Maren Reyelt (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 46 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Nebenfiguren sind immer das Beste“: Die Bedeutung der Nebenfiguren bei Theodor Fontane

3. Ausgewählte Nebenfiguren im Roman „Effi Briest“
3.1 Die Figuren der Natürlichkeit
3.1.1 „Ja, Luise, die Kreatur“: Der Neufundländer Rollo
3.1.2 „Die gute, treue Person“: Das Kindermädchen Roswitha
3.1.3 „Der einzige richtige Mensch hier“: Der Apotheker Gieshübler
3.1.4 „Ein weites Feld“: Herr von Briest
3.2 Die Gesellschaftsmenschen
3.2.1 „O gewiß, wenn ich darf“: Annie von Innstetten
3.2.2 „Von Haltung und Anstand getragen“: Das Hausmädchen Johanna
3.2.3 „...auch das elterliche Haus wird dir verschlossen sein“: Luise von Briest
3.2.4 „Alles dreht sich um die Frage, müssen Sie’s durchaus tun?“: Geheimrat von Wüllersdorf
3.3 „Eine Art Angstapparat aus Kalkül“?: Die Funktionen des Chinesenspuks

4. Schlußbemerkung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit geht auf ausgewählte Nebenfiguren in Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“[1] ein. Dabei soll es nicht allein um eine Charakteristik derselben gehen, vielmehr liegt der Schwerpunkt auf der Darstellung ihrer Beziehung zu den Hauptfiguren und zu dem Romangeschehen allgemein, also auch auf ihren Funktionen. Zudem soll eine Einordnung der Nebenfiguren in Fontanes Realismus-Verständnis vorgenommen werden.

Häufig wird in der älteren Sekundärliteratur nur auf die Hauptfiguren in „Effi Briest“ – oder allenfalls noch auf den Chinesen – eingegangen. Erst in den letzten Jahren hat die Forschung ihr Augenmerk auf die übrigen Gestalten gerichtet. Dabei ist anzumerken, daß einige für die Handlung wichtige Aussagen und Charakterisierungen gerade von den Nebenfiguren stammen. Trotzdem beschäftigte sich die von uns eingesehene Sekundärliteratur oft nur am Rande mit ihnen, so daß wir oft auf allgemeine Interpretationen zum Roman zurückgreifen mußten. Es fehlen z.B. eingehende Studien über Geheimrat von Wüllersdorf oder Annie von Innstetten, über die uns nur sehr wenig Material zugänglich war.

Im folgenden wollen wir kurz die Gliederung unserer Arbeit darstellen: Der Hauptteil beginnt mit der Ausarbeitung der Bedeutung von Nebenfiguren bei Theodor Fontane. Dies geschieht, um ein Grundverständnis im Zusammenhang mit seinen Ansichten von Realismus herzustellen, das für die weiteren Ausführungen nötig ist. Punkt 3 beschäftigt sich mit den Nebenfiguren, auf die wir unser Augenmerk gerichtet haben. Dabei unterscheiden wir zwischen den Figuren der Natürlichkeit und den Gesellschaftsmenschen im Roman. Aufgrund seiner Vielschichtigkeit wird der Chinese gesondert betrachtet. Eine abschließende Erörterung des Zusammenhangs zwischen den beschriebenen Figuren und Fontanes Realismus-Verständnis beendet unsere Hausarbeit.

2. „Nebenfiguren sind immer das Beste“: Die Bedeutung der Nebenfiguren bei Theodor Fontane

Welchen Stellenwert Nebenfiguren bei Theodor Fontane einnehmen, zeigt sich schon in einem Gedicht, das dieser 1890 der Erstausgabe seines Romans „Stine“ als Widmung voranschickte:

Will dir unter den Puppen allen
Grade 'Stine' nicht recht gefallen,
Wisse, ich finde sie selbst nur soso, -
Aber die Witwe Pittelkow!

Graf, Baron und andre Gäste,
N e b e n f i g u r e n s i n d i m m e r d a s B e s t e,
(Hervorhebung durch die Verf.)
Kartoffelkomödie, Puppenspiel,
Und der Seiten nicht allzuviel,
Was auch deine Fehler sind,
finde Nachsicht armes Kind![2]

Auch in einem Brief an Maximilian Harden betont Fontane die Funktion seiner Nebenfiguren: „Es ist richtig, daß meine Nebenfiguren immer die Hauptsache sind (...)“[3]

Diese „Liebe zum Detail“ entspringt Fontanes allgemeinem Interesse am scheinbar Nebensächlichen, am Beiwerk, das er selbst als „die Hauptsache“ bezeichnet hat.[4] Dies alles enthüllt sich besonders deutlich in seinem Roman „Frau Jenny Treibel“, als Fontane Professor Schmidt sagen läßt:

„Das Nebensächliche, soviel ist richtig, gilt nichts, wenn es bloß nebensächlich ist, wenn nichts drin steckt. Steckt aber was drin, dann ist es die Hauptsache, denn es gibt einem dann immer das eigentlich Menschliche.“[5]

Überträgt man diese Aussage auf „Effi Briest“, so läßt sich feststellen, daß es gerade die ‚natürlichen‘ Nebenfiguren sind, die durch ihre Ausgestaltung zu Sinnbildern menschlicher Humanität werden und so die Inhumanität der Gesellschaft mit samt

ihren Werten demaskieren. Elsbeth Hamann schreibt diese Tatsache der Fontaneschen Erkenntnis zu, „daß sich gerade im scheinbar Nebensächlichen die Wahrheit des Menschen zu verbergen pflegt.“[6] Auch Heide Buscher äußert sich ähnlich, wenn sie davon spricht, daß Fontane „solche Nebensächlichkeiten als wesentliche Ausdrucksmittel seiner dichterischen Intention“ verwendet, und weiter: „Dem Detail verleiht er Transparenz für das symptomatisch Allgemeine, für das große Ganze.“[7]

All diese Detailliebe und der Blick auf das Nebensächliche – denn so erscheinen die Nebenfiguren auf den ersten oberflächlichen Blick – zeigen sich auch in einer von Fontane 1853 veröffentlichten Schrift:

„ (...) so geben wir nunmehr unsere Ansicht über das, was er [der Realismus, die Verf.] ist, mit kurzen Worten dahin ab: er ist die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst; er ist, wenn man uns diese scherzhafte Wendung verzeiht, eine »Interessenvertretung« auf seine Art. Er umfängt das ganze reiche Leben, das Größte wie das Kleinste (...) Der Realismus will nicht die bloße Sinnenwelt und nichts als diese; er will am allerwenigsten das bloß Handgreifliche, aber er will das Wahre.“[8]

An diesem Zitat zeigt sich noch einmal sehr deutlich, welchen Stellenwert Fontane dem Kleinsten, also auch dem Nebensächlichen, beimißt. Herausgestellt wird im letzten Satz aber auch das Verhältnis von Wirklichkeit und Wahrheit: Es geht Fontane nicht um die „Sinnenwelt“ an sich, sondern vielmehr darum, was sich hinter dem Augenscheinlichen verbirgt, nämlich die Wahrheit. Dabei soll sich die Literatur an der empirischen Wirklichkeit orientieren,[9] denn Fontane forderte, der Roman solle „eine Geschichte erzählen, an die wir glauben“.[10] Damit ist aber nicht gemeint, daß die Wirklichkeit bloß abgebildet werden soll, es geht vielmehr um den Zusammenhang der Dinge, um die „Verdichtung und Formung (des Faktischen) zur wesentlichen immanenten Bedeutung.“[11] Gerade dieser Zusammenhang wird durch die Nebenfiguren und ihre Beziehungen zum Handlungsgeschehen hergestellt, wenn man hinter das blickt, was Fontane die Figuren sagen läßt. So kann der Schluß gezogen werden, daß die Kernaussagen seiner Werke gerade durch die Nebenfiguren repräsentiert werden.

Fontane geht es aber auch um das ‚Wie’ der Darstellung gerade dieses Verhält-nisses von Wahrheit und Wirklichkeit. Prägendes Stilmittel ist dabei die Verklärung:

„Der Realismus wird ganz falsch aufgefaßt, wenn man von ihm annimmt, er sei mit der Häßlichkeit ein für allemal vermählt. Er wird es ganz echt sein, wenn er sich umgekehrt mit der Schönheit vermählt und das nebenherlaufende Häßliche, das nun mal zum Leben gehört, verklärt hat. Wie und wodurch? Das ist seine Sache zu finden. Der beste Weg ist der des Humors.“[12]

Diese Auffassung von Realismus resultiert aus Fontanes Kritik an der zeitgenös-sischen realistischen Literatur, die für ihn nicht berücksichtigt, daß es im Leben auch Erfreuliches gibt.[13] Fontane dagegen möchte das Häßliche des Lebens nicht unverändert wiedergeben, es soll stattdessen poetisch umgeformt werden, und zwar durch die Verklärung. Diese ist das bewußte Modellieren eines literarischen Textes, also eine Kunstform des Schreibens. Verklärung kann somit als „Gewähr einer eigenständigen poetischen und d.h. erst durch die Sprache der Dichtung gestifteten Wirklichkeit“ verstanden werden.[14]

Hinter diesem Umwandlungsprozeß in der Kunst steckt aber auch eine Anforde-rung an den Leser. Fontane will die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern wie schon ausgeführt den Zusammenhang der Dinge klar machen. Die Häßlichkeiten werden verklärt, häufig durch Humor. Dieser verwandelt das Negative in ein Lächeln. Doch in dem Moment, in dem der Rezipient lacht, soll er anfangen nachzudenken, warum er lacht. Der Leser muß somit erst selbst entschlüsseln, also reflektieren.[15] Dabei wird durch die Verklärung der Blick auf die Wahrheit hinter der textualen Wirklichkeit gelenkt. Diese Leseleistung wird also auch dann relevant, wenn Fontanes Nebenfiguren auftreten und die Wahrheit hinter den Dingen aussprechen.

3. Ausgewählte Nebenfiguren im Roman „Effi Briest“

Alle Figuren des Romans und ihre Ausgestaltung sind bestimmt von dem zentralen Konflikt zwischen Natürlichkeit und den gesellschaftlichen Normen, die es einzuhalten gilt.[16] Jede Nebenfigur repräsentiert dabei jeweils eine dieser beiden Kategorien. Damit können sie entweder Innstetten, dem „Mann von Charakter (...), Prinzipien, (...) Grundsätzen“ (35) oder Effi, der „Tochter der Luft“ (5), dem „Naturkind“ (38), zugeordnet werden. Einzige Ausnahme bleibt der Chinese, er wechselt seine Funktion mit der Perspektive der jeweiligen Figur, die stets eine spezifische Sicht auf den Chinesen haben, weshalb er gesondert betrachtet wird.

Allgemein läßt sich über die Funktion der Nebenfiguren folgendes sagen:

„Ihr Auftreten ruft Assoziationen hervor, spiegelt das Hauptgeschehen oder bereitet es vor, reflektiert die Handlung im Gespräch, ermöglicht einen Wechsel der Perspektive, vermittelt Kontraste oder erzeugt Harmonisierungseffekte.“[17]

3.1 Die Figuren der Natürlichkeit

3.1.1 „Ja, Luise, die Kreatur“: Der Neufundländer Rollo

Rollo, der Neufundländer Innstettens, repräsentiert das natürliche und instinkthafte Verhalten, das im Roman dem gesellschaftlichen Verhalten gegenübergestellt wird. Das „gute, treue Tier“ (82) wird zum Gefährten, Beschützer und Rettungsbringer Effis, der ähnlich wie die „gute, treue“ (122) Roswitha das Natürliche und die Treue als Gegenpol zur Gesellschaft verdeutlicht.

Schon bei der ersten Begegnung mit dem Hund wird sowohl die Funktion als „rettender Beistand“[18], als auch die Verbundenheit zu Effi herausgestellt: „Rollo ist ein Kenner. Und solange du den um dich hast, so lange bist du sicher und nichts kann an dich heran, kein Lebendiger und kein Toter (…).“ (49). Rollo faßt sofort Zutrauen zu seiner neuen Herrin: „Und als diese ihm die Hand hinhielt, umschmeichelte er sie.“ (52). Die Geste des Handgebens ist bei Fontane immer ein sichtbares Zeichen von Nähe.[19] Es entsteht somit ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Frau und Hund. Die Nähe Rollos zu Effi zeigt sich auch während der Chinese spukt:

„Ihr war, als ob ihr das Herz stillstände; sie konnte nicht rufen, und in diesem Augenblicke huschte was an ihr vorbei, und die nach dem Flur hinausführende Tür sprang auf. Aber eben dieser Moment höchster Angst war auch der ihrer Befreiung, denn, statt etwas Schrecklichem, kam jetzt Rollo auf sie zu , suchte mit seinem Kopf nach ihrer Hand [hervorgehoben durch d. Verf.] und legte sich, als er diese gefunden, auf den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder.“ (82)

Diese Nähe ist es, die Rollo zum ‚Ersatz‘ für Innstettens fehlende Liebenswürdigkeit macht, denn „das Bewußtsein seiner Nähe milderte das Gefühl ihrer Verlassenheit“ (76). Als „Trostspender und Ermunterer“ nimmt er im Roman Innstettens Rolle ein, der „über seine Arbeit (…) seine junge, auf Anregung und Zerstreuung angewiesene Frau vernachlässigt“.[20] So übernimmt Rollo immer mehr die Funktion, Effi gegenüber zärtlich zu sein, was eigentlich Innstettens Aufgabe wäre: „Muß nur mal wieder nach dir sehen; ein anderer tut’s doch nicht.“ (114). Rollo leistet Effi instinktiv Gesellschaft, wenn diese sich von ihrem Mann nicht beachtet fühlt.

Rollo ersetzt Innstetten aber nicht nur in diesem Punkt, er übernimmt auch die Funktion eines Beschützers vor Spuk und vor Verbotenem. Hat Innstetten den Hund gleich zu Beginn mit den Worten: „Ich hab ihr (…) gesagt, daß du sie schützen würdest“ (52) vorgestellt, so wird dieses Motiv im Romanverlauf wieder aufgenommen. Rollo begleitet „im Dienste seiner Herrin“ (143) und zudem mit großer „Aufmerksamkeit“ (143) die Ausritte mit Innstetten und Crampas. In dem Augenblick, als Effi auf seine Begleitung verzichtet, kann das Unerlaubte Einfluß auf sie nehmen. Die ehebrecherischen Treffen finden nach dem „Schritt vom Wege“ (161) und ohne Rollo statt, der sich dann auch „nicht recht zufrieden“ (202) zeigt.[21]

Im Zusammenhang mit dem Ehebruch wird Rollo zu einem direkten Ankläger der Gesellschaft. Als Crampas Effi die Geschichte vom König von Thule erzählt, wählt er den Namen Rollo für den Hund, der darin vorkommt. Die Geschichte wird zur Vorausdeutung des Duells, denn der König, der den Geliebten seiner Gemahlin umbringen läßt, wird zum Pendant von Innstetten, der Crampas, den Geliebten seiner Ehefrau, erschießt (156f.). Rollo fällt hier die Rolle eines Anklägers zu:

„Rollo hatte seinen Herrn auf seinem letzten Gange begleitet, und im selben Augenblicke, wo das Beil fiel, hatte das treue Tier das fallende Haupt gepackt, und da war er nun, unser Freund Rollo, an der langen Festestafel und verklagte den königlichen Mörder.“ (157 ).

Lebendig wird im Bild gezeigt, daß Rollo bis in den Tod hinein seinem Herrn die Treue hält. Der Rollo der Geschichte wird so zum Mahnmal, das die Fragwürdigkeit gesellschaftlicher Regeln herausstellt und anklagt. So wird hier schon vorweggenommen, was Innstetten später zum personifizierten Gewissen wird: „ … aber ich hätte das Auge mit seinem Frageblicke, und mit seiner stummen, leisen Anklage nicht vor mir.“ (276).

Rollos wichtigste Funktion, den Konflikt zwischen Natürlichkeit und Gesellschaft zu veranschaulichen, wird bei Effis erstem Besuch in Hohen-Cremmen im Gespräch mit ihrem Vater deutlich:

„Dieses Gespräch ist deshalb so aufschlußreich, weil es darin um eine der »großen Fragen« geht, um das Verhältnis von Mensch und Kreatur, von Gesellschaftsmoral und natürlichem Gefühl, um die zentrale Frage auch des Romans, die sich wie alle »großen Fragen« nicht so leicht beantworten läßt und für die Briest darum seine Lieblingswendung vom »weiten Feld« bereit hat.“[22]

Hier ist es Effis Vater, der die besondere Rolle des Hundes sowohl in Effis Leben, als auch die besondere Rolle der Kreatur im allgemeinen erkennt und artikuliert. So stellt Briest die Treue eines Tieres bis in den Tod hinein dar. Der Hund rette nicht nur einen Verunglückten vor dem Ertrinken, er weiche auch im Tod nicht von dessen Seite. Das „gute, treue Tier“ ist es, dessen Qualitäten denen der Menschen gegenüber gestellt werden:

„Und wenn der Verunglückte schon tot ist, dann legt er sich neben den Toten hin und blafft und winselt so lange, bis wer kommt, und wenn keiner kommt, dann bleibt er bei dem Toten liegen, bis er selber tot ist. Und das tut solch ein Tier immer. Und nun nimm dagegen die Menschheit! Gott, vergib mir die Sünde, aber mitunter ist mir’s doch, als ob die Kreatur besser wäre als der Mensch.“ (134)

Damit antizipiert Briest nicht nur das Ende des Romans, er stellt auch explizit die moralische Überlegenheit des Tieres heraus. Effi nimmt genau diese Thematik wieder auf, wenn sie sagt: „Rollo, ja, das ginge; der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil, daß sich die Tiere nicht so drum kümmern.“ (326). Die Kreatur steht in ihrer instinktiven Zuneigung und Treue über den Menschen und kümmert sich nicht um die gesellschaftlichen Ehr-, Moral- und Schuldbegriffe, „nicht weil sie amoralisch wären“[23], sondern weil sie den Menschen ohne wenn und aber akzeptieren, egal, welche gesellschaftlichen Sünden er auch auf sich geladen hat. Eine einmal gefaßte Zuneigung wird nicht aufgrund irgendwelcher abstrakter Normen revidiert, denn Zuneigung entsteht aus einem natürlichen Gefühl heraus.

Letztendlich ist es auch Rollo, der Effi aus ihrer Einsamkeit nach dem Ehebruch ‚rettet‘, indem er sie wie früher auf ihren Spaziergängen begleitet. So wird Rollo konsequenterweise als „in seiner Treue (…) womöglich noch gewachsen“ (330) geschildert. Als spüre der Hund, daß Effi dringend einen Freund braucht, der zu ihr hält, hat sich in seinem Verhalten nichts geändert, „weil er entweder kein Organ für Zeitmaß hatte oder die Trennung als eine Unordnung ansah, die nun einfach wieder behoben sei“ (330).

Dem gegenüber gestellt wird Innstetten, der sie aus Ehre und nicht aus einem natürlichen Gefühl heraus retten würde: „Rollo würde mich ja natürlich retten, aber Innstetten würde mich auch retten. Er ist ja ein Mann von Ehre“ (134). Bei Rollo verweist das Wort „natürlich“ darauf, daß die Rettung für ihn etwas Selbstverständliches ist und aus seinem Wesen und seiner Zuneigung heraus erfolgen würde.[24] Innstettens Rettung liegt dagegen eine gesellschaftliche Motivation zugrunde. Nicht aus seiner Natur heraus, sondern weil es die Normvorstellungen seiner Schicht verlangen, würde er zur Tat schreiten. Hier deutet sich schon das Duell an, das er auch aus Gründen der Ehre durchführt, obwohl er das ‚Lächerliche‘ daran durchschaut.[25]

Die Schlußszene hebt noch einmal Briests Erkenntnis über das Wesen der Kreatur hervor: „Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht so viel mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am Ende ist es doch das Beste“ (336). Fontane betont noch einmal augenfällig, welchen Stellenwert das im Tier verkörperte Natürliche und die Treue für ihn hat. So erleben Effis Eltern ein Tier, dem Effis Tod „doch noch tiefer gegangen ist als uns“ (336). Das Geschöpf leidet mit den Eltern, ja sogar noch mehr. Als Luise schließlich versucht, die Gründe von Effis Tod zu ergründen, ist es wieder Rollo, der fast so etwas wie eine Antwort parat hat, denn er „schüttelte den Kopf langsam hin und her“ (337). Und so zeigt sich schließlich wieder seine Verbundenheit mit Briest, der ausspricht, was diese Geste sagt: „… das ist ein zu weites Feld.“(337).

3.1.2 „Die gute, treue Person“: Das Kindermädchen Roswitha

Eine besondere Stellung unter den Nebenfiguren des Romans nimmt zweifellos Roswitha Gellenhagen als liebevolles Kindermädchen und treue Dienerin Effis ein. Beschreibungen ihrer äußeren Erscheinung deuten auf ein wenig vorteilhaftes Erscheinungsbild hin. Innstetten nennt sie eine „ganz ramassierte Person“ (118), was soviel wie füllig bedeutet. Im Romanverlauf wird dies immer wieder aufgegriffen: Die Beschreibungen gehen von „stattlich“ (120) und „gute, robuste Person“(122) über „komische Figur“ (128) bis hin zu der Feststellung, daß das Fremdwort „Embonpoint (...) bei Roswitha schon stark eine Beschönigung (…) war“ (256). Dabei fällt auf, daß ihre Charakterisierung als „treu und zuversichtlich“, als „gute, treue Person“ oder als „treue Seele“ oft im Zusammenhang mit Hinweisen auf ihre einfache Herkunft und ihren bescheidenen Bildungsstand steht (118, 122, 125, 301). Auch Effi schildert sie gegenüber Innstetten auf diese Weise: „Gute braune Augen, die einen treu und zuversichtlich ansehen. Aber ein klein bißchen dumm“ (118). Fast scheint es, als ginge es hier um Rollo und nicht um das zukünftige Kindermädchen.[26]

Doch die Beschränktheit, die ihr die anderen unterstellen, ist durchaus nicht das Herausragende an Roswitha. Zwar läßt sich mit ihr

„kein ästhetisches Gespräch führen, auch nicht mal sprechen über das, was in der Zeitung stand, aber wenn es einfach menschliche Dinge betraf und Effi mit einem >ach Roswitha, mich ängstigt es wieder ... < ihren Satz begann, dann wußte die treue Seele jedesmal gut zu antworten und hatte immer Trost und Rat.“ (301)

Herzensgüte scheint hier zum Gegenpol von Bildung zu werden. Roswitha kommt damit eine hohe soziale Kompetenz zu, die sie zu einer gleichberechtigten Gesprächspartnerin auf dieser Ebene macht, denn sie mag zwar über wenig Bildung verfügen, ihre Lebensklugheit ist dafür um so höher.

Wichtig ist auch Roswithas Lebensgeschichte (198ff.). Ihr Schicksal findet seinen Höhepunkt in dem „Vater mit der glühenden Eisenstange“, der an den Stellen erwähnt wird, die wichtig für ihre Charakterisierung sind.[27] Dies macht ihr Erlebnis zum Angelpunkt ihres Lebens, denn die seelischen Qualen, die sie erlitten hat, prägen sie auch Jahre später noch:

„Aber schrecklich war es. Und weil es so schrecklich war, drum können gnäd’ge Frau auch ganz ruhig sein, von wegen dem Kruse. Wem es so gegangen ist wie mir, der hat genug davon und paßt auf. Mitunter träume ich noch davon, und dann bin ich den andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame Angst …“ (199)

Trotz dieses Schicksals ist Roswitha weder verbittert noch übermäßig mißtrauisch geworden. Vielmehr prägt sie eine die natürliche Humanität verkörpernde Lebenshaltung. So hat sie auf dieser Basis ihre eigene Lebensphilosophie entwickelt:

„Ach, gnäd’ge Frau, Gott und seine Heiligen führen uns wunderbar, und das Unglück, das uns trifft, das hat doch auch sein Glück. Und wen es nicht bessert, dem is nich zu helfen ...“ (200)

Roswitha verdeutlicht hier, daß sie trotz ihrer schrecklichen Vergangenheit „ihren ganz eigenen menschlichen Weg findet.“[28] Dies ist ihre Form der Lebensbewältigung: Hier zeigt sich, daß sie im Gegensatz zum Adel (verkörpert durch Innstetten) nicht mit ihrem Schicksal hadert. Sie hat es akzeptiert und daraus gelernt, d.h. sich weiterentwickelt. So ist es denn auch die „selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha“ (233), deren Credo das Leben an sich ist:

„… alles soll leben. Ich bin nicht für totschießen und kann nicht mal das Knallen hören. Aber bedenken sie doch, Johanna, das ist ja nun schon eine halbe Ewigkeit her (…). Wir sind ja nun schon über sechs Jahre hier, und wie kann man wegen solcher alten Geschichten …“ (280)

Hier wird wieder die Menschlichkeit Roswithas hervorgehoben, die die grausamen Konsequenzen des Konventionsverstoßes nicht nachvollziehen kann. Zudem spricht sie die gleichen Ideen von Schuld und Verjährung wie Wüllersdorf und Innstetten an.[29] Während die Mitwelt (und sogar ihre Eltern) Effi verstößt, hält Roswitha weiterhin zu ihr, bleibt der Herrin weiterhin treu:

„Für Roswitha ist alles gut, was sie mit der gnädigen Frau teilen muß, am liebsten, wenn es was Trauriges ist. Ja, darauf freue ich mich schon ordentlich. Dann sollen sie mal sehen, das verstehe ich. Und wenn ich es nicht verstünde, dann wollte ich es schon lernen.“(300)

[...]


[1] Theodor Fontane: Effi Briest, Stuttgart 1969 ff. Alle folgenden Zitate aus dem Roman wurden dieser Reclam Ausgabe entnommen. Bei folgenden Erwähnungen werden deshalb lediglich die Seitenzahlen in Klammern hinter den Textzitaten angegeben.

[2] Heide Buscher: Die Funktion der Nebenfiguren in Fontanes Romanen unter besonderer Berücksichtigung von "Vor dem Sturm" und "Der Stechlin", Bonn 1969, S. 20.

[3] Theodor Fontane an Maximilian Harden, 20.08.1890, in: Theodor Fontane: Werke, Schriften und Briefe, Abteilung IV, Bd. 4: 1890-1898, München 1980 (=Hanser Ausgabe), S. 57/58.

[4] Elsbeth Hamann: Theodor Fontanes „Effi Briest“ aus erzähltheoretischer Sicht unter besonderer Berücksichtigung der Interdependenzen zwischen Autor, Erzählwerk und Leser, Bonn 1984 (Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, Bd. 353)., S. 151.

[5] Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel, Stuttgart 1998, S. 76.

[6] Hamann: Theodor Fontanes „Effi Briest“ , S. 152.

[7] Buscher: Funktion der Nebenfiguren, S. 22.

[8] Theodor Fontane: Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848, in: Werke, Schriften und Briefe, Abteilung III, Bd. I, S. 242.

[9] Wenn im folgenden von Wirklichkeit gesprochen wird, dann ist damit die empirische Wirklichkeit gemeint, die Fontane zu seiner Lebenszeit vorgefunden hat.

[10] Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Theodor Fontane: Aufsätze, München 1989, S. 239.

[11] Kurt Sollmann: Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen, Frankfurt a. M. 1990, S. 28.

[12] Otto Pniower/Paul Schlenther (Hg.): Theodor Fontane: Briefe Theodor Fontanes, Zweite Sammlung, Bd.2, 2. Aufl., Berlin 1910, S. 219.

[13] Wolfgang Preisendanz: Voraussetzungen des Poetischen Realismus in der deutschen Erzählkunst des 19. Jahrhunderts, in: Richard Brinkmann: Begriffsbestimmung des literarischen Realismus, Darmstadt 1974, S. 466f.

[14] Ebd., S. 469.

[15] Vgl. auch Martin Swales: Epochenbuch Realismus: Romane und Erzählungen, Berlin 1997, S. 42, sowie Hugo Aust: Theodor Fontane: «Verklärung». Eine Untersuchung zum Ideengehalt seiner Werke, Bonn 1974, S. 17.

[16] Vgl. auch Elsbeth Hamann: Theodor Fontane, Effi Briest: Interpretation, 2. überarb. u. erg. Aufl., München 1988, S. 70. Hamann unterscheidet aber zwischen Menschlichkeit und Disziplin. Diese Kategorien erschienen uns aber nicht treffend, weshalb wir die o. g. Einteilung vorgenommen haben.

[17] Hamann 1984, S. 152.

[18] Rolf, Zuberbühler: „Ja Luise, die Kreatur“: Zur Bedeutung der Neufundländer in Fontanes Romanen, Tübingen 1991, S. 57.

[19] Ebd., S. 59.

[20] Manfred Rösel: „Das ist ein weites Feld.“: Wahrheit und Weisheit einer Fontaneschen Sentenz, Frankfurt a. M. u.a. 1997, S. 44.

[21] Ebd.

[22] Zuberbühler: „Ja, Luise, die Kreatur“, S. 61.

[23] Ebd., S. 76.

[24] Rösel: „Das ist ein weites Feld“, S. 57f.

[25] Ebd., S. 58f.

[26] Das Motiv wird später von Roswitha selber noch einmal aufgenommen: „Und dann würden die Leute noch denken, ich hätte die Alte so geliebt wie ein treuer Hund und hätte von ihrem Grabe nicht weggewollt und wäre da gestorben.“ (125). Dies verweist darauf, daß Rollo an Effis Grab die Totenwache halten wird.

[27] Viermal wird diese Geschichte im Roman erwähnt: beim Gespräch mit Effi über den ‚Flirt‘ mit Kruse (199), als Aussage Johannas, die sich darüber erhaben fühlt (256), beim Streit mit Johanna nach dem Duell (281) und als Roswitha zu Effi zieht (301).

[28] Theo Buck: Hommage für Roswitha. Zum Menschenbild Theodor Fontanes, in: Robert Leroy/Eckart Pastor (Hg.): Deutsche Dichtung um 1890, Beiträge zu einer Literatur im Umbruch, Bern u.a. 1991, S. 260.

[29] Hamann: Theodor Fontanes „Effi Briest“, S. 254.

Details

Seiten
46
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638110396
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1677
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – FB 11 (Sprach- und Literaturwissenschaften)
Note
sehr gut
Schlagworte
Fontane Nebenfiguren Rollo Roswitha Briest Gieshübler Annie Luise Wüllersdorf Johanna Chinesenspuk

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