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Pflegefall Gesundheitswesen - Entwicklung der Pflegeversicherung

Die Situation der ambulanten und stationären Pflege in Deutschland

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 28 Seiten

VWL - Gesundheitsökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Notwendigkeit der Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen

2 Die historische Notwendigkeit der Pflegeversicherung

3 Das Sozialgesetzbuch XI – Die Pflegeversicherung
3.1 Die Finanzierung der Pflegeversicherung
3.2 Pflegebedürftigkeit

4 Die Pflegereform 2008 – Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz
4.1 Veränderungen in der ambulanten Versorgung
4.2 Veränderungen in der stationären Versorgung

5 Kritik am System „Pflegeversicherung“

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Florence Nightingale gilt allgemein als die erste Theoretikerin der Pflege. Sie war die Erste, die in einer Art Leitfaden für die Pflege beschrieb, „was Pflege ist und was sie nicht ist“ (Nightingale, Notes on Nursing 1895). Nach Nightingale hat Pflege demnach ganz konkrete Aufgaben und Ziele und sollte vor allem darin bestehen, durch gesundheitsfördernde Umweltbedingungen die Gesundheitsentwicklung der zu Pflegenden zu beschleunigen. In ihrem Sinne hat Pflege sowohl eine therapeutische als auch eine tertiär-präventive Funktion (Mühlum et al. 1997, S. 67).

Ein Jahrhundert nach Nightingale befindet sich die Pflege in Deutschland in einer Zeit der grundlegenden Veränderungen und in einer Umbruchsituation. Wir leben in einer Zeit, in der sich die inneren und äußeren Rahmenbedingungen für das gesellschaftliche Zusammenleben grundlegend verändern. Die Grundlagen unserer Gesellschaft verändern sich nicht nur, die Veränderung wird gar zur Grundlage der modernen Gesellschaft (Friedrich et al. 1998, S. 320). Ausschlaggebend dafür ist u.a. die zunehmende Zahl alter und hochbetagter Menschen und damit die einhergehende zunehmende Verschiebung im Krankheitspanorama in Richtung auf chronische Krankheiten. Seitens der Gesundheitspolitik wurde in den neunziger Jahren mit zahlreichen Reformversuchen und Gesetzesinitiativen begonnen, auf die vielfältigen Probleme im Pflegebereich zu reagieren. An exponierter Stelle ist hier die 1995 im ambulanten Sektor und ein Jahr später auch im Bereich der stationären Versorgung eingeführte Pflegeversicherung zu nennen. Damals wurde von Norbert Blüm (Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung a.D. CDU) der Versuch unternommen, eine über zwanzig Jahre währende Auseinandersetzung über den besten Weg zur Absicherung des Risikos „Pflegebedürftigkeit“ unter Rückgriff auf traditionelle sozialstaatliche Instrumente zu beenden. Gleichzeitig greifen aktuell politisch intendierte sozial- und gesundheitspolitische Reformbestrebungen, im Zuge derer marktwirtschaftliche Mechanismen im Gesundheitswesen eingeführt und die Auslagerung vormals dem stationären Sektor vorbehaltener Behandlungsoptionen und Patientengruppen forciert werden.

Nachfolgend wird beschrieben, warum sich das deutsche Gesundheitswesen und mit ihm die Pflege in Deutschland zukünftig verändern wird und wie sich die Situation der ambulanten und stationären Pflege nach Einführung des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes 2008 und der damit verbundenen Reformimpulse darstellt. Zugleich wird der Frage nachgegangen, vor welche Herausforderungen sich die Pflege in der Zukunft gestellt sieht.

1 Die Notwendigkeit der Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen

Der Markt im Gesundheitswesen und mit ihm die Pflege in Deutschland unterliegt seit Anfang der neunziger Jahre einer starken Veränderungsdynamik.

Die finanziellen, strukturellen und kulturellen Bedingungen der Leistungserbringung im Gesundheits- und Sozialwesen sind im Hinblick auf größere Kompliziertheit und Komplexität zunehmender Veränderung unterworfen.

Dies zwingt alle Akteure im Gesundheitswesen, sich auf neue Anforderungen einzustellen.

Was die Unternehmen und Volkswirtschaften im Wettbewerb der Zukunft unterscheiden wird, ist die Gesundheit ihrer Menschen und die Qualität ihres Gesundheitswesens ganzheitlich gesehen: körperlich, seelisch, geistig, sozial und ökologisch. In der Umstrukturierung des Gesundheitswesens von Krankheits- auf Gesundheitsorientierung schlummern deshalb die größten Produktivitätsreserven. Um diese Ressourcen zu erschließen, werden neue Konzepte, Strategien und Angebote benötigt, die nicht auf die Reparatur von Krankheiten, sondern auf die Herstellung und Erhaltung von Gesundheit und Wohlbefinden ausgerichtet sind und den Menschen ganzheitlich ernst nehmen (Oberender et al. 2006, S. 19 ff.).

Wie kaum ein anderer Bereich ist das Gesundheitswesen in der Lage, Konsum und Investitionen auf sinnvolle und arbeitsintensive Angebote und Nachfragen zu lenken. Das lässt sich an der Entwicklung der Beschäftigung deutlich ablesen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat schon 2001 ein Gutachten vorgestellt, in dem es wirtschaftliche Aspekte der Märkte für Gesundheitsdienstleistungen und deren ökonomischen Chancen unter sich verändernden demografischen und wettbewerblichen Bedingungen untersuchte. Das DIW stellte darin fest, dass sich der Anteil der Erwerbstätigen im Gesundheitswesen an den Erwerbstätigen insgesamt alleine in den alten Bundesländern in den letzten dreißig Jahren verdoppelt hat. In absoluten Zahlen verdoppelte sich im selben Zeitraum auch die Zahl der Beschäftigten von 1,03 Mio. auf 2,1 Mio. Dazu zählt das DIW neben Ärzten, Zahnärzten, Apothekern sowie Assistenz- und Pflegepersonal in Praxen, Kliniken, ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen auch sonstige Gesundheitsdienstberufe sowie das Wirtschafts- und Verwaltungspersonal in Ämtern, Kliniken und Krankenversicherungen. Einschränkend stellt das Institut fest, dass der Anteil der Teilzeit-Jobs im Gesundheitswesen überproportional hoch ist. Berücksichtigt man darüber hinaus die Impulse, die auf andere Wirtschaftsbereiche ausgehen, gibt das Gesundheitswesen direkt und indirekt sogar circa 4,5 Mio. Menschen einen Job (DIW 2001, S. 132 ff.).

Die Gesundheitsausgaben werden weiter enorm zunehmen.

Die Veränderungen in der Zukunft werden aber nicht nur das Gesundheitswesen revolutionieren und ein kräftiger Innovationsschub sein, sie werden auch erhebliche Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes mit sich bringen. Das deutet sich bereits in dramatischer Weise in der demografischen Entwicklung an. Zwischen 1800 und 2000 hat das Durchschnittsalter der Menschen um das Zweieinhalbfache zugenommen. Angesichts der Innovationspotenziale, die im Gesundheitswesen schlummern, kann nicht ausgeschlossen werden, dass zukünftig vergleichbare Steigerungen erreicht werden können. Neben Fortschritten in der medizinischen Forschung werden zukünftig Fortschritte in der Informationsmedizin ganz neue Möglichkeiten zur besseren Prävention und Gesundheitsvorsorge erschließen, die die Heilung von bisher unheilbaren Krankheiten ermöglichen und dadurch wirksam zur Verlängerung des Lebens beitragen. Dadurch könnte sich das Lebensalter merklich verlängern, was dramatische Folgen für die Sozialsysteme, hier insbesondere die Pflegeversicherung, hätte, die sich bereits jetzt in einer schweren Finanzierungskrise befinden (Nefiodow 2006, S. 78-83). Denn aufgrund der demografischen Entwicklung der deutschen Bevölkerung und des sich wandelnden Krankheitsspektrums ist damit zu rechnen, dass die Gesundheitsausgaben weiterhin enorm zunehmen werden. Die grundsätzliche Frage, ob es sich bei den infolge der zunehmenden Lebenserwartung gewonnenen Lebensjahren um Jahre handelt, die behinderungs- und beschwerdefrei verbracht werden können, oder ob diese von Krankheit und Pflegebedürftigkeit gekennzeichnet sind, wird in der Wissenschaft aktuell kontrovers diskutiert (Oberender et al. 2006, S. 111 ff.).

Der Bedarf an altersgerechten Gesundheitsleistungen wird steigen.

Unbestritten wird aber die demografische Veränderung in den nächsten Jahren eine höhere Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen der gesetzlichen und privaten Kranken- und Pflegeversicherungen mit sich bringen. Nach 2020 entfaltet die demografische Veränderung hier aber eine noch deutlich stärkere Dynamik (Prötzig 2007, S. 23 ff.). Betrachtet man gleichzeitig die Kinderzahlen in Deutschland, so liegen diese seit bereits nunmehr 33 Jahren unter jenem Wert, der für eine langfristig stabile Bevölkerungsentwicklung notwendig wäre (Kröhnert et al. 2006, S. 3). Doch erst langsam stellt sich die deutsche Nation der demografischen Herausforderung. Denn geringe Kinderzahlen bei gleichzeitig zunehmender Lebenserwartung bedeuten hohe Kosten für eine alternde Gesellschaft - bei gleichzeitig schwindender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Betrachtet man die Zahl der Geburten je 1.000 Einwohner, so liegt Deutschland, wie schon vor 30 Jahren, weltweit auf dem letzten Platz. Dieser Messwert ist besonders wichtig, denn er beschreibt die Kopfstärke der nachwachsenden Generation, die für die Lösung der Zukunftsaufgaben zur Verfügung steht. Sie ist im Vergleich zu den Älteren die es zu versorgen gilt, nirgend wo so klein wie in Deutschland. Das gesamte System der sozialen Versorgung, der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung gerät unter enormen Druck. Die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der sozialen Pflegeversicherung wird daher durch eine disproportional verlaufende Entwicklung zwischen Bevölkerung und Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen gekennzeichnet sein. Obwohl die Zahl der Empfänger von Leistungen der GKV und der Pflegeversicherung auf lange Sicht abnimmt, wird die Nachfrage nach altersgerechten Gesundheitsleistungen (z.B. Pflegedienstleistungen) aufgrund der zukünftigen Veränderungen innerhalb der Bevölkerungsstruktur und auch im Hinblick auf die höhere Krankheitshäufigkeit älterer Menschen ansteigen (Oberender et al. 2006, S. 110–115).

Die Pflege steht vor vielfältigen Herausforderungen.

Aber eine nachhaltig funktionierende Gesellschaft braucht eine im Altersaufbau gut gemischte Bevölkerung sowie eine Wirtschaft, die ausreichend Werte schafft und alle notwendigen Gesundheitsdienstleistungen zur Verfügung stellt. Demografische und ökonomische Entwicklung sind somit für die Zukunftsaussichten der verschiedenen Regionen in Deutschland gleichermaßen wichtig: Eine florierende Wirtschaft sorgt für Wohlstand. Doch sie ist nichts ohne Konsumenten und Nachwuchs an motivierten und gut qualifizierten Arbeitskräften und Unternehmen (Kröhnert et al. 2006, S. 4 ff.). Damit steht die Pflege in Deutschland vor vielfältigen Herausforderungen.

2 Die historische Notwendigkeit der Pflegeversicherung

Eine der Kernaussagen in der Regierungserklärung des Bundeskanzlers am 30. Januar 1991 vor dem Deutschen Bundestag in Bonn war eine alsbaldige und grundlegende Veränderung und eine umfassende Verbesserung der Situation der Pflegebedürftigen (Kohl 1991, S. 35). Dazu sollte noch in derselben Legislaturperiode das Risiko der Pflegebedürftigkeit sozial abgesichert werden. Bis dahin waren pflegebedürftige Menschen, sofern sie nicht ehrenamtlich von Angehörigen gepflegt oder die erforderliche professionelle Pflege nicht selbst finanzieren konnten, auf Sozialhilfe angewiesen, d.h., bis zur Einführung der Pflegeversicherung wurden Pflegeleistungen für Bedürftige aus der Sozialhilfe finanziert. Diese so genannte „Hilfe in besonderen Lebenslagen“ bestand zu rund 60% aus Pflegeleistungen (Raffelhüschen et al. 2004, S. 6).

Pflegeleistungen sollten demnach nicht mehr als Sozialhilfeleistungen, sondern als Versicherungsleistungen erbracht werden, bei denen der Leistungsanspruch nicht mehr von der wirtschaftlichen Bedürftigkeit der pflegebedürftigen Person abhängig sein sollte. Es sollten sowohl die notwendigen Sach- und Geldleistungen gewährt werden, als auch die ambulante, stationäre und teilstationäre Pflege-Infrastruktur ausgebaut und schließlich die Situation der professionellen wie vor allem auch der ehrenamtlichen Pflegekräfte grundlegend verbessert werden. Die Verwirklichung eines solchen Gesamtkonzepts sollte eine Initialzündung auslösen, die zugunsten der Pflegebedürftigen in der Gesellschaft eine neue Kultur des Helfens entstehen lassen sollte (Kohl 1991, S. 35). Auf der anderen Seite standen überdurchschnittlich ansteigende Krankenhaus-, Arzneimittel- und Pflegeausgaben, gestiegene Beitragsätze bei den gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen und Beitragsverluste aufgrund steigender Arbeitslosigkeit. Der Gesetzgeber unternahm seit 1977 mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, durch wiederholte gesetzliche Regelungen zu Kostendämpfungen und Sparmaßnahmen zu gelangen (Seidler & Leven 2003, S. 262). Leider blieb der langfristige Erfolg dieser Maßnahmen bislang aus. Mit der Einführung einer gesetzlichen Pflegeversicherung sollte zur damaligen Zeit, politisch gewollt, eine umlagefinanzierte Versicherung eingeführt werden, die im Pflegefall einen Kostenanteil der häuslichen oder stationären Pflege sichert und die Fälle der Pflegebedürftigkeit als Maßnahme der Pflegevorsorge abdeckt.

3 Das Sozialgesetzbuch XI – Die Pflegeversicherung

Die Grundsätze der Pflegeversicherung sind in den §§ 1–13 des SGB XI geregelt.

Die Pflegeversicherung ist in Deutschland eine umlagefinanzierte Pflichtversicherung im Rahmen des deutschen Sozialversicherungssystems. Die Pflegeversicherung wurde zum 1. Januar 1995 unter der Regierung Helmut Kohl mit dem Sozialgesetzbuch XI (SGB XI) als Pflichtversicherung eingeführt („Gesetz zur sozialen Absicherung des Risikos der Pflegebedürftigkeit, Pflegeversicherungsgesetz – PflegeVG“).

Die Pflegeversicherung wurde neben der Kranken-, Berufsunfall-, Renten- und Arbeitslosenversicherung als fünfte Säule der gesetzlichen Sozialversicherung eingerichtet und dient der Absicherung des Risikos der Pflegebedürftigkeit. Sie trägt bei nachgewiesenem, erheblich erhöhtem Bedarf an pflegerischer und an hauswirtschaftlicher Versorgung von mehr als 6 Monaten Dauer einen Kostenanteil der häuslichen oder stationären Pflege. Sie orientiert sich dazu am Grundsatz „Pflegeversicherung folgt der Krankenversicherung“. Die Träger der Pflegeversicherung sind die Pflegekassen, die den Krankenkassen angegliedert sind, ihre Aufgaben jedoch in eigener Verantwortung als rechtsfähige Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Selbstverwaltung wahrnehmen. Einbezogen in die gesetzliche Pflegeversicherung werden grundsätzlich alle Personen, die der gesetzlichen Krankenversicherung angehören. Leistungsberechtigt sind Personen, die wegen Krankheit oder Behinderung dauerhaft in erheblichem Maße auf Hilfe bei den Verrichtungen des täglichen Lebens angewiesen sind (Carels & Pirk 2005, S. 176). Vorrang vor Pflegeleistungen haben präventive oder rehabilitative Leistungen. Vorrang vor stationären Pflegeleistungen haben Leistungen zur häuslichen oder teilstationären Pflege. Dabei hat der Pflegebedürftige ein Wahlrecht zwischen Geldleistungen bei ehrenamtlicher Pflege oder Pflegesachleistungen, ebenso darf er unter den allgemein zugelassenen Pflegeeinrichtungen die Einrichtung frei wählen, durch die er gepflegt werden soll. Bei stationärer Pflege werden nur die Pflegekosten übernommen. Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung trägt der zu Pflegende. Für Menschen, die Pflegehilfe benötigen, ohne die Voraussetzungen des Pflegeversicherungsgesetzes zu erfüllen, bleibt das SGB XII leistungsverpflichtend.

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Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640846689
ISBN (Buch)
9783640842766
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167683
Note
Schlagworte
Pflegeversicherung Gesundheitswesen ambulant stationär Pflege Pflegepersonal Belastungen Zukunft Finanzierung Demographie demografische Herausforderung Krankenversicherung Deutschland Krankenhaus Altenpflege

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