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Die Historisierung der Erinnerung

von Peter Hach (Autor) Edite Vilkina (Autor)

Hausarbeit 2010 21 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Die Komplexität einer Erziehung nach Auschwitz anhand des Ansatzes von Adorno

2. Was bedeutet die ,, Historisierung“ des Nationalsozialismus?

3. Die Frage nach der generationellen Prägekraft

4. Die drei Phasen der Erinnerung
4.1. Die ,,Täter“-Diskussion der Akteure
4.2. Die ,,Täter“-Diskussion der Kinder
4.3. Die ,,Täter“-Diskussion der Enkel

5. Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wenn man über die Erziehung nach Auschwitz reden will, kann man das nicht tun ohne Theodor W. Adorno zu erwähnen, da er die Formulierung „Erziehung nach Auschwitz“ geprägt hat. Sein Radiobeitrag aus dem Jahr 1966 wird immer wieder von diversen Autoren diskutiert und wahrgenommen. In dieser Rede hat Adorno die Hauptaufgabe der Erziehung formuliert, mit dem Ziel, dass Auschwitz nicht noch einmal sein dürfe. Somit bildet er die Grundlage des sozialpolitischen und erziehungswissenschaftlichen Themas und des ersten Abschnittes in dieser Hausarbeit. Zwanzig Jahre nach 1945 hat sich kaumjemand mit dem faschistischen Herrschaftssyndrom beschäftigt1. In der Zeit nach 1945 war es generell typisch, eine Praxis des „Schweigens“ zu pflegen, nicht nur in pädagogischen, sondern in allen wissenschaftlichen Disziplinen und in der Gesellschaft insgesamt, deshalb wurden logischer Weise auch keine pädagogisch - politischen Konsequenzen gezogen2. Man kann behaupten, dass mit Theodor W. Adorno eine neue Phase beginnt- er markiert den Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, sowohl theoretisch als auch historiographisch. Diese neue Phase hat H. Kunert als „quälende Ideologiekritik“3 4 bezeichnet. Die Phase deckt sich mit der „Täter“ - Diskussion der „Kinder“ von Prof. Dr. Manfred Hettling. Dieser untersuchte in seinem Beitrag „Die Historisierung der Erinnerung“ 4 die unterschiedlichen Formen der Erinnerung an den Nationalsozialismus und bezieht sich dabei auf die von Martin Broszat geforderte Historisierung, welche den zweiten Abschnitt dieser Arbeit ausmacht. Ab etwa 1980 begann ein qualitativ neuer Auseinandersetzungstypus mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Hettling bezeichnet diese neue Zeit mit der Formulierung die „Täter“ - Diskussion der „Enkel“. Der dritte Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der generationellen Prägekraft- wie stark sind die jeweiligen Generationen an die Ereignisse des NS-Regimes gebunden? In dem vierten Abschnitt „Drei Phasen der Erinnerung“ geht es um die Historisierung der Erinnerung an den Nationalsozialismus und wie sie sich über drei Generationen geändert hat. Beginnend bei der „Tätergeneration“, welche aktiv am zweiten Weltkrieg, am Völkermord von Millionen von Juden und am Holocaust beteiligt war, über die Generation der Kinder der Täter hin zu den Enkeln wird deutlich, dass sich sowohl das Bild des Nationalsozialismus als auch die Erinnerung daran und das kollektive Selbstbild veränderten. Der zeitlich wachsende Abstand zu den Geschehen des Zweiten Weltkriegs veränderte demnach auch die Diskussionen um Schuld, Verarbeitung, Gedenken und so weiter. Den letzten Abschnitt macht eine Zusammenfassung der Ergebnisse aus, in der Fragen im Umgang mit der NS-Geschichte an die Zukunft gestellt werden.

1. Die Komplexität einer Erziehung nach Auschwitz anhand des Ansatzes von Adorno

Da Adorno in seiner „Erziehung nach Auschwitz“ davon ausgeht, dass Auschwitz nicht noch einmal sein darf, sieht er als Aufgabe der Erziehung an, gegen jegliches Aufkommen von Barbarei entgegen zu wirken.

Da man heute eine Zunahme an NS- Gruppierungen und rechtsextremer jugendlicher Gewalt beobachten kann, könnte man es als Versagen der Aufklärung und der Nachkriegspädagogik ansehen. Die Versprechen der Aufklärung, wie Freiheit, Glück und Verwirklichung der Menschenrechte sind nicht für alle Menschen zu verwirklichen, da wir in einer modernen Gesellschaft leben, deren Fortschritt durch die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede vorangetrieben wird. Adorno bezeichnete diese gesellschaftlichen Differenzen als „Zivilisationsbruch“, wodurch sich eine Wut gegen die Zivilisation entwickelte5.

Obwohl niemand über die Notwendigkeit einer Erziehung nach Auschwitz Zweifel erhebt, ist es nicht klar, wie man sie in der Praxis produktiv umsetzen kann. Adorno selbst schreibt, dass er nicht in der Lage sei, einen Plan für eine Erziehung zu entwerfen, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft und somit eine Wiederholung von Auschwitz nicht zulässt6. Er macht in seinen Ansätzen lediglich Vorschläge, auf denen man aufbauen kann. Alle hängen mit der Feststellung zusammen, dass eine Wiederholung der grausamen Vergangenheit generell möglich ist, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind7. Auf der Grundlage des historischen Materialismus nach Marx und den psychoanalytischen Theorien Freuds, insbesondere der „Ich - Analyse“, behauptet Adorno, dass „...wenn im Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, dagegen aufzubegehren“8. Obwohl sich das sehr verzweifelt anhört, ist die Lage dennoch nicht hoffnungslos. Man muss sich aber bewusst sein, dass überhaupt so etwas Grausames entstehen konnte, was den Anschein „einer überaus mächtigen gesellschaftlichen Tendenz“9 hat und es sehr schwierig sein wird, dagegen zu arbeiten.

Adorno schlägt eine Wendung auf Subjekt vor, um die Mechanismen zu untersuchen, die dazu beitragen, dass die Menschen zu solchen Taten wie dem Holocaust fähig werden.

Es ist sehr wichtig, mit allen der Wissenschaft zur Verfügung stehenden Methoden zu untersuchen, wie der manipulative Charakter, der „Mitläufer Mensch“ zustande kommt. Gegen Besinnungslosigkeit muss man arbeiten, und das soll durch Selbstreflexion geschehen. Das heißt Erziehung muss die kritische Selbstreflexion des Individuums hervorrufen und als Ziel verstanden werden. Adorno sagt, das eine solche Erziehung schon in der frühen Kindheit ansetzen muss. Es ist wichtig mit der nachwachsenden Generation zu arbeiten, da sich dort die Entwicklung zur Ich-Stärke in der Familie, im Kindergarten und in der Schule vollzieht. „In dieser Generation kann die kritische Erfahrung der Psychoanalyse, daß Brutalität und Kälte, die ein Kind erfahren hat, weitergegeben werden, durch pädagogisches Handeln eher wirksam werden.“10 Deshalb sollte jegliche Form von Autorität mehr und mehr abgebaut werden. Die Frage ist dennoch, in wieweit die Institution Schule, die darauf zielt, Erfolg, Leistung und Disziplin zu produzieren, von Anfang an durch vorgefertigte Strukturen und Hierarchien die Erfahrungsfähigkeit der Schüler behindert statt deren Autonomie und Mündigkeit zu fördern. Wie kann die alltägliche Praxis in der Schule aussehen, in der durch Anerkennung und Empathie die Subjektivität gefördert wird? Deswegen weist auch Adorno in seinem Vortrag darauf hin, dass es wichtig ist, zum Beispiel durch Politische Bildung, die Kritik der Staatsraison zu starken.11 Es ist ein Appell an die Vernunft und an die Aufklärung. Pädagogik muss sich von staatlichen und ideologischen Grenzen lösen, um ihrem kritischen und selbstreflexiven Erkenntnisdrang nachgehen zu können. Durch Erziehung soll das kritische Bewusstsein gestärkt und inhumanen Entwicklungen sichtbar gemacht und vorgebeugt werden. Adorno geht auch auf den Bindungsbegriff ein und behauptet, dass es falsch sei, auf die Bindung zu setzen, um etwas Positives damit zu bewirken. Sehr schnell könne sie das Gegenteil von dem hervorrufen, was sie eigentlich bewirken sollte. „Sie bedeuten Heteronomie, ein Sich abhängig machen von Geboten, von Normen, die sich nicht vor der eigenen Vernunft des Individuums verantworten“12 Es ist fatal, auf Bindungen zu setzen, weil sie die Menschen in einer Art permanenten Befehlsnotstand versetzen. Als einzige wahre Kraft gegen das Auschwitz- Prinzip, gilt die Förderung nach Autonomie. Kant bezeichnete sie als; „die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht- Mitmachen“13.

Außerdem weist er auf das Problem des Kollektivs hin. Genauer gesagt auf die blinde Identifikation mit dem Kollektiv und auf die Tatsache der Massenmanipulation. Das Problem des Kollektivs besteht darin, dass es sehr schwierig ist, als Individuum sich der Massenmanipulation zu entziehen. Er spricht an der Stelle über die „Zertrümmerung“14 der einzelnen Individuen. Man muss gegen jede Art von Mitläufertum, Volkssitten oder Initiationsriten wirken, die einem physischen Schmerz zubereiten, weil diese Sitten eine Vorstufe der nationalsozialistischen Gewalttaten sind.

Nach Ad]orno sollen Kinder nicht durch Härte zu Disziplin erzogen werden, also zur Gleichgültigkeit gegen den Schmerz, weil darin die Gefahr besteht, dass derjenige, der schmerzunempfindlicher ist, auch dazu neigt, keine Empathie für andere zu zeigen und die Mitmenschen als Objekte anzusehen. In diesem Zusammenhang macht Adorno auf die fehlende Liebe aufmerksam, weiterhin solle man Kindern bewusst machen, dass man die Angst nicht verdrängen soll.

Doch wie setzt man diesen pädagogischen Imperativ praktisch um? Es lässt sich festhalten, dass der Pädagogik bei der Verarbeitung und Vermeidung des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle zukommt.

Im nächsten Teil wird der Begriff der Historisierung näher erläutert, um zu verstehen, wie die Erinnerungen an die NS-Zeit die nachfolgenden Generationen geprägt haben.

[...]


1 Vgl. H. Kunert, 1997, S. 72

2 Vgl. Ebd, S. 73

3 Vgl. Ebd.

4 In: Moshe Zuckermann (Hg.) (2000): Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte Bd. XXIX. Geschichte denken: Philosophie, Theorie, Methode. Gerlingen.

5 Vgl. Adorno 1971a, S.90.

6 Vgl. Adorno 1970, S. 677

7 Vgl.Ebd., S. 675

8 Ebd.

9 Adorno 1970, S. 675.

10 Perels, in: König, Kohlstruck, Wöll (Hg.) 1998, S.65f.

11 Vgl. Pögger 1990, S. 35

12 Adorno 1970, S. 679.

13 Vgl. Adorno 1970, S. 679.

14 Ebd, S. 677.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640839360
ISBN (Buch)
9783640838875
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167475
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Erziehungswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Historisierung Broszat Hettling

Autoren

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