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Drieu la Rochelles Novelle "Le voyage des Dardanelles" - eine Geschichte des déracinements?

Frankreich in der Identitätskrise und Barrès Nationalismuskonzept als Lösungsversuch?

Seminararbeit 2011 21 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Aufriss: Frankreich in der Identitätskrise

3. Barrès‘ Nationalismuskonzept als „ Lösungsversuch“

4. Le voyage des Dardanelles- eine Geschichte des déracinements?
i. Der Gegensatz von Normandie und Marseille
ii. Symptome der Entwurzelung und literarischer Rassismus
b. Der déraciné in der Ferne: erneute Identitätsbildung oder Entsolidarisierung?

5. Zusammenfassung

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Ausführung werde ich darlegen, wie sich das Nationenkonzept des Maurice Barrès und die sich vor allem in seinem Werk « Les déracinés » manifestierende und propagierte Ideologie des déracinements („Entwurzelung“) in Drieu la Rochelles « Le voyage des Dardanelles » wiederspiegelt. Dafür werde ich zunächst kurz den historischen Kontext schildern, die Persönlichkeit des Maurice Barrès vorstellen sowie sein Nationenkonzept erläutern um dann anschließend die ideologischen Parallelen in Drieu la Rochelles « Le voyage des Dardanelles » anhand der intensiven Text- und Passagenanalyse zu analysieren um die These zu begründen.

Durch die soeben angekündigte Analyse von Textpassagen, vor allem der kontrastreichen Gegenüberstellung der Normandie im Vergleich zu der Hafenstadt Marseille, möchte ich zeigen, wie sich die Barrèssche Ideologie in Drieus Werk literarisch wiederspiegelt.

2. Aufriss: Frankreich in der Identitätskrise

Frankreich: Seit der französischen Niederlage 1870/71 im selbst initiierten Deutsch-Französischen Krieg waren der Stolz und das Nationalbewusstsein der Franzosen stark geschwächt. Die Niederlage an sich, der Verlust Elsass-Lothringens und die quasi aus der Niederlage resultierende Deutsche Reichsgründung, die mit der die Franzosen demütigenden Kaiserproklamation in Versailles vollzogen wurde, nahmen den Franzosen jegliches Selbstbewusstsein und jeglichen Stolz. Während das neu gegründete Deutsche Reich rasant an Kraft, Anerkennung und Macht gewann, gelang es Frankreich nur langsam, sich neu zu konstituieren. Trotz des Neuanfangs durch die Gründung der Dritten Republik, war das Einheits- und Nationalbewusstsein der Franzosen weiterhin geschwächt und wurde durch die außenpolitische Isolierung und innerpolitische Spannungen zusätzlich belastet. Die Regierung bemühte sich auf zahlreichen Wegen, eine solide Basis für ein neues Nationalbewusstsein zu schaffen. Doch schon kurze Zeit nach der Gründung der Dritten Republik wurde das Vertrauen der Menschen in ihre Regierung durch weitere Vorfälle erschüttert. Im Jahr 1889 sorgte der Panamaskandal für Erregung[1]. In den Korruptionsfall der für den Bau des Panamakanals verantwortlichen Baugesellschaft waren führende, teilweise jüdische Politiker und Industrielle involviert. Kurze Zeit darauf, 1894, folgte die Dreyfus-Affäre[2], die für die Gesellschaft und die Politik Frankreichs weitaus beachtlichere Konsequenzen hatte. Der Fall des jüdischen Hauptmanns Dreyfus, der zu Unrecht als Spitzel der deutschen Botschaft beschuldigt und verurteilt worden war, trieb den Antisemitismus in Frankreich auf den Höhepunkt und schwächte die katholische Kirche, die sich mit einer auffällig konservativen Haltung in den Fall eingemischt hatte. Darüber hinaus hatte die Dreyfus-Affäre aber auch direkte Auswirkungen auf die Gesellschaft, welche sich seither in traditionell-konservative Dreyfus-Gegner (antidreyfusards) und parlamentarisch-demokratische Republikbefürworter (dreyfusards) spaltete. Zahlreiche politische Gruppierungen, unter ihnen die Action française [3], nährten seither die anti-demokratischen, proto-faschistischen sowie antisemitischen Gedanken in Frankreich.

Die sozialen und politischen Spannungen führten im Jahr 1905 auch zur gesetzlichen Trennung von Kirche und Staat, wodurch die Kirche ihre Vorbildrolle und ihre Stellung als zentraler Erziehungsträger verlor. Auch das Militär verlor an Macht und Vertrauen und in der Bevölkerung verbreitete sich eine pazifistische, antimilitaristische Stimmung. Durch Patriotismus, der durch die Ästhetisierung der Niederlage und der Transzendierung des Kriegstods gestützt wurde, sollte eine Gegenideologie zum Antimilitarismus und Pazifismus geschaffen und das Nationalbewusstsein gestärkt werden. So versuchten beispielsweise Veteranenvereine dieser Stimmung durch heroisch-ästhetisierte Gedenkzeremonien an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 entgegen zu wirken. Auch Intellektuelle und Schriftsteller haben sich mit der Problematik intensiv auseinander gesetzt und die Stärkung des französischen Zusammenhalts und Nationalbewusstseins durch die Entwicklung und Propagierung von Nationsmodellen und Wertesystemen zu etablieren versucht, um die französische Nation auf diese Weise wiederzuvereinen. Während der Großteil dieser sich jedoch auf die „geistesgeschichtlichen Ursachen der Niederlage unter dem unmittelbaren Eindruck von 1870/71“ beschränkten, richtete sich Barrès Aufmerksamkeit auf „Phänomene sozialer Desintegration, die für ihn die anhaltende Schwäche der Nation erklärten.“[4] In Roman de l'énergie nationale, Les Déracinés(1897), L'Appel au soldat (1900) und Leurs Figures (1902) betreibt Barrès „eine Gesellschaftsanalyse, die die innenpolitische Zerrissenheit Frankreichs mit dem Bildungssystem begründet“[5] und die notwendige Verbundenheit der französischen Nation mit «le nationalisme, le traditionalisme et l‘attachement aux racines, à la famille, à l'armée et à la terre natale» propagiert. Dieses Nationalismuskonzept, das Grundlage meiner weiteren Analyse sein wird, möchte ich im Folgenden vorstellen.

3. Barrès‘ Nationalismuskonzept als „ Lösungsversuch“

In seinem Roman Les Déracinés identifiziert Barrès das republikanische Bildungssystem als Ursache für die Auflösung der traditionellen gesellschaftlichen Zusammenhänge und verurteilt in diesem Zusammenhang die Abwertung der Regionen gegenüber der zentralpolitisch bedeutungsvolleren Hauptstadt. Das Bildungssystem in Verbindung mit der Zentralismuspolitik und dem sich daraus ergebenden Zwang, die Heimatregion zu verlassen um in die Stadt zu gehen, sei demnach die Hauptursache für den nationalen Werteverfall[6]. Nach Barrès‘ Theorie entstehe nationale Identität aus der Verwurzelung des Individuums in seiner Heimatregion und seiner Familie («la nationalité française est faite des nationalités provincales»[7] ). Das Individuum verliere seine Identität und seine Orientierung jedoch sobald es die heimatliche Region und Umgebung verlässt um zum Beispiel in die großen Städte auszuwandern und ist somit ein déraciné, ein „Entwurzelter“.[8] Die Zentralismuspolitik kritisiert er insofern, dass sie die Individuen auf sich allein stellt und sie sogar zwingt, gegeneinander zu arbeiten, anstatt als Nation als ein Ganzes zu handeln. Die Einzelenergien kämen somit nicht mehr der französischen Nationalgemeinschaft zugute“[9], sondern es kämpfe jeder einzig und allein nur für den eigenen Zugang zur Macht. Der Zentralismus zwingt die jungen Menschen also, das Wohl der Nation und solidarisches Gemeinschaftsdenken zu vernachlässigen und sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten zu sorgen.

Barrès argumentiert weiter, dass „mit dem Aufbrechen der lokalen und regionalen Identitätsstrukturen somit auch der Verlust der nationalen Identität drohe“[10], da das Individuum ohne den „identitätsstiftenden Rahmen der Heimatregion“, die ihm eine „konkrete Vorstellung von der Nation“[11] liefert, nur für sich selbst handele und nicht zum Nutzen der Nation eine Eigeninitiative entwickele, sodass der énergie nationale wichtige Kraftquellen verlorengingen.[12] Er setzt sich deshalb gegen den Zentralismus und für eine „moralische Erneuerung der Nation durch die in den Regionen verankerten Werte und Traditionen“[13] ein. 1899 erörtert Barrès in seiner Konferenz La terre et les morts: sur quelles réalités fonder la consciene francaise die Notwendigkeit « de restituer à la France une unité morale, de créer ce qui nous manque depuis la révolution : une conscience nationale ». [14]

[...]


[1] [1] Vgl. Frank, S. 253 ff.

[2] Vgl. Frank, S. 341 ff.

[3] Vgl. Frank, S. 581 ff.

[4] Bendrath, S.66.

[5] Bendrath, S.66.

[6] Bendrath, S.83-85.

[7] Sternhell, S. 327.

[8] Bendrath, S.66.

[9] Bendrath, S. 76.

[10] Bendrath, S.70.

[11] Bendrath, S. 78.

[12] Bendrath, S.71.

[13] Bendrath, S.87.

[14] Barrès, La terre et les morts, S.15.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640841202
ISBN (Buch)
9783640840601
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167424
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Romanische Philologie-Literaturwissenschaft
Note
2.0
Schlagworte
Drieu la Rochelle Barrès Nationalismuskonzept Frankreich déracinement Literaturwissenschaft Identitätskrise

Autor

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