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Stalins Verständnis des Sozialismus - ein Missverständnis?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Diktatur des Proletariats nach Marx und Engels

3. Verwirklichung der sozialistischen Gedanken durch Stalin?
3.1 Der Beginn der stalinistischen Herrschaft
3.2 Die Sowjetunion als Vorreiter
3.3 Eigentum der Produktionsmittel
3.4 Entkulakisierung und überforderte Industrie
3.5 Gewaltsame Durchsetzung der stalinschen Ideen
3.6 Bürokratismus statt Diktatur des Proletariats
3.7 Die Rolle der Partei
3.8 Theoretiker als Rechtfertigung
3.9 Geschichtsverfälschung und Personenkult als Legitimationsinstrumente

4. Fazit

5. Abkürzungsverzeichnis

6. Literatur

1. Einleitung

Stalin steht heute für Diktatur, Massenmorde und unglaubliche Grausamkeit. Scheinbar stützte er sich auf die Theorien von Marx, Engels und Lenin und suchte sein Verhalten und seine Maßnahmen mit angeblich sozialistischen Begründungen zu legitimieren. Doch kann man tatsächlich sagen, dass Stalin den Sozialismus in der Art und Weise versuchte umzusetzen, wie Marx, Engels und weitere es im Sinn hatten? Oder kann man vielmehr von einer „ganz speziellen“ Sichtweise Stalins ausgehen, der die sozialistische Theorie als Deckmantel für sein Agieren missbrauchte; ist sein Verständnis des Sozialismus also eher ein Missverständnis?

In der folgenden Arbeit möchte ich an einigen Merkmalen der stalinschen Herrschaft versuchen, mögliche Differenzen seiner Herrschaft zur sozialistischen Theorie aufzeigen. Aus Gründen der Stärke des Umfangs der Arbeit ist es dabei notwendig, verschiedene Aspekte, wie die Vorgeschichte, also die Herrschaft Lenins, weitestgehend auszuklammern, auch wenn natürlich das Phänomen Stalin nicht aus dem Nichts entstanden ist.

Um Differenzen seines Denkens und Handelns zu den Vorstellungen Marx und Engels und auch Lenins bezüglich dem Weg zum Sozialismus aufzuzeigen, erscheint es mir notwendig, zunächst kurz auf diese einzugehen.

2. Die Diktatur des Proletariats nach Marx und Engels

Die klassische kommunistische Theorie Marx' und Engels sieht als wesentlich an, „dass der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse die Erkämpfung der Demokratie ist. Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktivkräfte möglichst rasch zu vermehren. Es kann dies natürlich zunächst nur geschehen vermittels despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, durch Maßregeln also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind.“1 2

An die Stelle des zerschlagenen Staates solle ein proletarischer treten, der die Errungenschaften der Revolution verteidigen und die Konterrevolution niederhalten solle.3 Die Teilung der Staatsgewalt werde aufgehoben, die allgemeine Selbstverwaltung der Gesellschaft angestrebt: Mit dem Ergreifen der Staatsgewalt und der Verwandlung der Produktionsmittel in Staatseigentum hebe das Proletariat sich selbst und damit alle Klassenunterschiede und -gegensätze und den Staat an sich auf, der bisher zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse notwendig gewesen sei.

„Diktatur des Proletariats“ ist nun Marx' Definition für den Zustand, der in der Übergangsperiode zwischen dem Sturz des Kapitalismus und der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft wirksam werde.4 Diese Diktatur solle jedoch kein System der Zwangsanwendung sein, vielmehr werde erstmals in der Geschichte die arbeitende Klasse über die bisher ausbeutende herrschen.

Der Staat solle zur Selbsterziehung des Proletariats für seine Aufgaben beitragen und zur Entfaltung einer „proletarischen Demokratie“, die schließlich die ganze Gesellschaft umfassen solle.5 Diese Verwandlung des Staates aus einer „besonderen Gewalt“ in die „allgemeine Gewalt“ des Volkes ermögliche freien Zugang zu den öffentlichen Ämtern, ein allgemeines System von Wahl und Abberufung der Funktionäre, sowie deren ständige Kontrolle durch das Volk.6 Das Proletariat schaffe sich eigene Organe in Gestalt der Räte.7 Indem der Staat nun „tatsächlich Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst überflüssig. (...) Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem anderen überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen, der Staat wird nicht „abgeschafft“, er stirbt ab“.8

Im Kommunistischen Manifest wird davon ausgegangen, dass die wachsende Internationalisierung der industriellen Krisen in der sich verflechtenden Weltwirtschaft für einen Gleichschritt des Proletariats sorgen werde. „Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung.“9 Die Ergreifung der Staatsmacht durch Arbeitende werde zuerst und etwa zur gleichen Zeit in den wirtschaftlich entwickeltsten Ländern stattfinden, wo die Ballung des Kapitals in wenigen Händen und die Proletarisierung der übrigen Gesellschaft und Verarmung des Proletariats am weitesten fortgeschritten sei. „Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, das heißt wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein...“ Den „unterentwickelten“ Völkern Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und auch Russlands trauten Marx und Engels dabei keine eigenständige Rolle zu. Sie könnten nur mit Hilfe der bereits sozialistisch gewordenen hochindustrialisierten Länder zum Sozialismus gelangen.10

3. Verwirklichung der sozialistischen Gedanken durch Stalin?

Ließe sich die stalinsche Herrschaft nun tatsächlich in die Gedanken Marx und Engels einreihen, müssten die wesentlichen Aspekte ihrer Vorstellungen, also die Diktatur des Proletariats als ein Übergangszustand, das Absterben des Staates und eine Gleichzeitigkeit der Revolution auf internationaler Basis, als Kennzeichen seiner Herrschaft nachzuweisen sein.

3.1 Der Beginn der stalinistischen Herrschaft

Im Jahr 1922 wurde Stalin auf dem XI. Parteitag zum Generalsekretär der Partei gewählt. Ursprünglich besaß dieses Amt einen eher administrativen als politischen Charakter. Mit den Aufgaben und der Rolle der Partei sowie der Erkrankung Lenins wuchs jedoch auch seine Bedeutung. Stalin war nun der einzige der Parteiführer, der zugleich im Polit-, Organisationsbüro, Parteisekretariat und als Verantwortlicher in zwei Volkskommissariaten arbeitete. Lenin erkannte, dass dies die Gefahr einer autoritären Alleinherrschaft bergen könnte: „Der Genosse Stalin hat eine unbegrenzte Macht in seinen Händen konzentriert.“11 Um einem Machtmissbrauch weniger Führungsmitglieder vorzubeugen und die Kollektivität von Beratung und Entscheidung zu sichern, schlug er vor, die Anzahl der Mitglieder des Zentralkomitees (ZK) bis auf 100 zu erhöhen, die vorrangig aus der Arbeiterklasse stammen sollten. Er befürchtete eine Gegnerschaft zwischen Trotzki und Stalin und eine daraus resultierende Parteispaltung. „Stalin ist zu grob, und dieser Mangel, der in unserer Mitte und unter uns Kommunisten durchaus erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich (...) vom Genossen Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, dass er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft ist.“12

Nach Lenins Tod fehlte die Autorität, die bisher die widerstreitenden Parteiflügel geeint hatte. Stalin hatte durch geschicktes Einsetzen seiner Leute in wichtige Funktionen und Ausschaltung anderer Macht gewonnen, wie Lenin befürchtet hatte. Aus allen innerparteilichen Kämpfen ging er als Sieger hervor.13

3.2 Die Sowjetunion als Vorreiter

Nach Lenins Tod entschied sich Stalin gegen den von Lenin konzipierten Versuch durch Nachholen der kapitalistischen Phase (NÖP) die Produktivkräfte zu entwickeln und stattdessen für den direkten Weg zum Kommunismus, bzw. dem Sozialismus als dessen niedere Form. Die politische und kulturelle Zurückgebliebenheit Russlands, das in vielerlei Hinsicht noch feudalistische Strukturen aufwies, blieb dabei unberücksichtigt.14 Mit seiner „Theorie vom Sozialismus in einem Lande“ begründete Stalin seine Pläne und versuchte diese gegen den Willen der meisten Marxisten seiner Zeit mit Gewalt umzusetzen.15

„Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau notwendig ist (obwohl niemand sagen kann, wie dieses „Kulturniveau“ aussieht, denn es ist in jedem westeuropäischen Staat verschieden), warum sollten wir also nicht damit anfangen, auf revolutionäre Weise die Voraussetzungen für dieses bestimmte Niveau zu erringen, und damit schon auf Grundlage der Arbeiter- und Bauernmacht und der Sowjetordnung vorwärts schreiten und diese Völker einholen“.11 Anhand dieser Aussage wird deutlich, dass auch Stalin bewusst war, dass erst spätere Generationen den Sozialismus erreichen könnten.16 Vorrangig sollte nun nicht mehr die Sowjetunion der Weltrevolution dienen, sondern umgekehrt die ausländische kommunistische Bewegung Moskau.17

3.3 Eigentum der Produktionsmittel

Den Kernaspekt der stalinistischen „Sozialismustheorie“ bildete die Auffassung, dass die Ersetzung des Privateigentums an den Produktionsmitteln durch Staatseigentum gleichbedeutend mit der Schaffung sozialistischer Produktionsverhältnisse war.18 „Darin liegt doch das eigentliche Wesen des Sozialismus - eine staatliche Wirtschaft zu lenken“19 äußerte Molotow hierzu.

Der Stalinismus basierte auf der Allmacht des Apparates und nicht auf der Diktatur des Proletariats.20 Nicht die Produzenten, sondern der sich über die Gesellschaft erhebende und keinerlei Kontrolle unterworfene Staat, bzw. eine über ihnen thronende Bürokratenkaste war Eigentümer aller Produktionsmittel. Die Arbeiter und Bauern hatten weder Kontrollrechte über die Produktion, noch demokratische Rechte.21 Offiziell existierten zwar zwei Eigentumsformen, staatlich und genossenschaftlich, beide waren jedoch zentralistisch verwaltet.22

In den Staatsbetrieben trat der Staat als monopolistischer Unternehmer auf, der die Arbeiterklasse ausbeutete. Ein Mitspracherecht für Arbeitende gab es nicht, alle Festlegungen bezüglich Löhnen, Urlaub, usw. traf die Regierung, die Gewerkschaften wurden zur Fiktion degradiert. Streiks wurden als Verbrechen verfolgt und fanden daher seit Ende der 20er Jahre kaum statt.

In den Genossenschaftsbetrieben nahm der Staat die Rolle eines Feudalherren ein, die Landbewohner waren ihrer Freizügigkeit beraubt, ihre Leistungen wurden meist lediglich in Naturalien entlohnt. In rechtlicher und v.a. sozialer Hinsicht waren sie schlechter gestellt, als vor Aufhebung der Leibeigenschaft.

Um die durch Industrialisierung und Kollektivierung ausgelöste Mobilisierung einzudämmen, wurden die Menschen durch ein zunehmend rigider werdendes System der Disziplinierung und „Fesselung“ an ihren Arbeitsplatz eingeschränkt.23

Die Sowjetunion blieb somit eine Ausbeutergesellschaft, der staatlicher Besitz trug die irreführende Bezeichnung „Volkseigentum“, sozialistisches Eigentum existierte nicht.24

3.4 Entkulakisierung und überforderte Industrie

Obwohl der Marxismus seiner Zeit daran festhielt, dass die Arbeitermacht ohne industrielle Hilfe durch das Proletariat des Westens verloren sei, wollte Stalin mit seiner Politik der gleichzeitigen Kollektivierung und Industrialisierung in der Krise Ende der 20er Jahre die ökonomischen Grundlagen für den Sozialismus schaffen.25 Mit dem Entschluss zu einer aufs äußerste beschleunigten Entwicklung der Industrie stellten sich alle Aufgaben einer werdenden Industriegesellschaft zugleich, gigantische Erschließungs- und Industrieprojekte wurden begonnen. Der Zwang, die Landwirtschaft in den Dienst einer größtmöglichen Primärakkumulation von Industrialisierungsmitteln zu stellen, welche die schwache Industrie selbst noch nicht in genügendem Umfang erbrachte, führte zur gewaltsamen Kollektivierung von Millionen von Bauernwirtschaften. Man versprach sich davon die Lösung des drängenden Getreideproblems und eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse im Dorf. Dies scheiterte jedoch an mangelhafter Arbeitsorganisation und geringer Arbeitsproduktivität in den Großwirtschaften, niedrigen staatlichen Aufkaufpreisen und unsicheren Einkommensverhältnissen der Kolchosbauern26.

Hinzu trat die Aufgabe, Millionen Menschen für die von ihnen verlangte Arbeit zu qualifizieren27

[...]


1 Marx und Engels: Manifest der Kommunistischen Partei von 1848, zit. nach Hofmann, Werner: Was ist Stalinismus?, Heilbronn 1984; S. 35

2 http://www.glasnost.de/pol/gorbi.html

3 Hofmann, a.a.O.; S.37

4 http://www.glasnost.de/pol/gorbi.html

5 Hofmann, a.a.O.; S.37

6 vgl. Marx, nach Hofmann, a.a.O.; S. 38f.

7 Hofmann, a.a.O.; S. 37

8 Engels, zit. nach Hofmann; a.a.O., S. 37

9 Manifest der kommunistischen Partei, zit. nach Hofmann, a.a.O.; S.40

10 http://www.p-moeller.de/pstalin2.htm

11 Elleinstein, Jean: Geschichte des Stalinismus“; Westberlin 1977; S. 48

12 Wolkogonow, Dimitri: Stalin; Düsseldorf 1989; S. 134

13 http://www.p-moeller.de/pstalin2.htm

14 http://www.glasnost.de/autoren/gettel/strat1.html

15 Baum, Irmgard: Idealismus und Stalinismus, in: Arbeitskreis kritischer MarxistInnen, a.a.O.; S. 133

16 vgl. W. I. Lenin, Über unsere Revolution, in: W. I. Lenin: Werke, Band 33, August 1921 - März 1923, S. 464f.; zit. nach http://www.glasnost.de/autoren/bernh/systemueber1.html

17 Behrend, a.a.O.; S. 16

18 Dementsprechend stehen sich als Klassen die Träger der Institution einerseits und der doppelt gezwungene Werktätige andererseits gegenüber: Der Werktätige ist gezwungen zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und mittels außerökonomischen Zwangs.

19 Krauss, a.a.O.; S. 41f.

20 Herzog, Rupert: Stalinismus und Moderne, in: Neugebauer, a.a.O.; S. 51

21 Behrend, a.a.O.; S. 15

22 Ruge, Wolfgang: Stalinismus-Versuch einer Begriffsbestimmung, in: Neugebauer, Wolfgang (Hrsg.) Von der Utopie zum Terror: Stalinismus-Analysen, Wien 1994; S. 14f.

23 Beyrau, Dietrich: Entstalinisierung in: Peter, Antonio; Maier, Robert (Hrsg.): Die Sowjetunion im Zeichen des Stalinismus, Köln 1991; S. 123

24 http://www.glasnost.de/autoren/gettel/strat1.html

25 http://www.kommunistische-debatte.de/sozialismus/su1999_7.html

26 Deppe, Frank; Meyer, Gerhard in: Hofmann, Werner: Was ist Stalinismus?, Heilbronn 1984; S. 9

27 Hofmann, a.a.O.; S. 46

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640838325
ISBN (Buch)
9783640838424
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167422
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
1,0
Schlagworte
Stalin Stalinismus Politische Theorie Internationales Sowjetunion

Autor

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