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Überlegungen zu einer pädagogischen Theorie der Erziehungsberatung

Diplomarbeit 2008 119 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Einleitung

1 Kindheit im Wandel – Aktualität und Bedarf von Beratung
1.1 Auswirkungen einer zunehmenden Komplexität der Lebenswelt
1.2 Pluralisierung der Familienformen

2 Erziehungsberatung in Theorie und Praxis
2.1 Vorabklärung zentraler Begrifflichkeiten
2.1.1 Erziehung
2.1.2 Beratung
2.1.3 Erziehungsberatung
2.2 Historische Entwicklung der Erziehungsberatung
2.2.1 Die Anfänge der institutionalisierten Erziehungsberatung
2.2.2 Erziehungsberatung im Nationalsozialismus
2.2.3 Erziehungsberatung seit 1945
2.3 Aufgaben der Erziehungsberatung
2.3.1 Vorüberlegungen zum Aufgabenspektrum
2.3.2 Vom JWG zum neuen KJHG
2.3.3 Erziehungsberatung im Kontext der Jugendhilfe
2.3.4 Erziehungsberatung und ihre Doppelfunktion als Prävention und
Intervention
2.4 Methoden
2.4.1 Diagnostik in der Erziehungsberatung
2.4.1.1 Zur Bedeutung der Diagnostik heute
2.4.1.2 Diagnostik als offener Prozess innerhalb des
Beratungsgeschehens
2.4.1.3 Exkurs: Spiel als diagnostisches Medium
2.4.2 Der Einfluss psychotherapeutischer Konzepte auf die
Erziehungsberatung
2.4.2.1 Psychoanalytische Verfahren
2.4.2.2 Der klientenzentrierte Ansatz
2.4.2.3 Das Konzept der Verhaltensmodifikation
2.4.2.4 Familientherapeutische bzw. systemische Perspektive
2.4.3 Offene Formen der Beratung
2.5 Rahmenbedingungen und Grundsätze in der Beratungsarbeit
2.5.1 Teamwork
2.5.1.1 Teamarbeit als Prinzip in der Erziehungsberatung
2.5.1.2 Beteiligte Berufsgruppen: Aufgaben- und Rollenverteilung im
Team
2.5.1.3 Gleichberechtigung und hierarchische Teamstrukturen
2.5.1.4 Teamarbeit aktuell
2.5.2 Schweigepflicht
2.5.3 Kostenfreiheit für den Klienten
2.5.4 Freiwillige Inanspruchnahme
2.5.5 Hilfe zur Selbsthilfe

3 Überlegungen zu einer pädagogischen Theorie der Erziehungsberatung
3.1 Theoriebildung allgemein – Beratungstheorie konkret
3.1.1 Von der Hypothese zur Theorie
3.1.2 Gegenüberstellung von Alltagstheorie und Wissenschaft
3.1.3 Alltagstheorien im Beratungsprozess
3.1.4 Anforderungen an eine Beratungstheorie
3.1.5 Schwierigkeiten der Formulierung einer Beratungstheorie
3.1.6 Pädagogik als Beratungswissenschaft
3.2 Pädagogische Beratung als Handlungsdisziplin
3.2.1 Begriffliche Vorüberlegungen und Einordnung
3.2.2 Beratung als soziales Phänomen: Die Anfänge pädagogischer
Beratung bei K. Mollenhauer
3.2.3 Was ist pädagogische Beratung – Gegenüberstellung verschiedener
Sichtweisen
3.2.4 Orientierungsprinzipien für pädagogische Beratung
3.3 Erfahrungen in der Erziehungsberatung
3.3.1 Das Interesse des Pädagogen an lebensgeschichtlichen Erzählungen
3.3.2 Die Bedeutung von Erfahrungen im Beratungsprozess
3.3.3 Bereitstellen eines Erfahrungsraumes – ein Konzept von
Erziehungsberatung
3.4 Die Berater-Klient-Beziehung
3.4.1 Beziehung als Hintergrundphänomen
3.4.2 Gestaltung einer Vertrauensbeziehung
3.4.3 Schwierigkeiten und Konflikte bedingt durch die Beratungsbeziehung
3.4.4 Authentizität als treibende Kraft in der Berater-Klient-Beziehung
3.5 Erziehungsberatung im Fokus psychoanalytischer Pädagogik
3.5.1 Der Beitrag der Psychoanalyse für die Pädagogik
3.5.2 Eigenschaften einer psychoanalytisch-pädagogischen
Erziehungsberatung
3.5.2.1 Fördern positiver Übertragungsgefühle mit dem Ziel einer
stabilen Arbeitsbeziehung
3.5.2.2 Tiefenpsychologisches Verstehen (un-)bewusster Prozesse
3.5.2.3 Arbeiten an der Veränderung von Beziehungen im Sinne einer
Verbesserung von Entwicklungsbedingungen
3.5.2.4 Schließen eines pädagogischen Arbeitsbündnisses
3.6 Erziehungsberatung als Spannungsfeld
3.6.1 Zur begrifflichen Abgrenzung von Beratung, Therapie und Erziehung
3.6.1.1 Beratung vs. Therapie
3.6.1.2 Erziehung vs. Therapie
3.6.2 Erziehungsberatung zwischen Jugendhilfe und Gesundheitswesen
3.6.2.1 Zur Frage therapeutischer Leistungen in der Erziehungsberatung
3.6.2.2 Auswirkungen des Psychotherapeutengesetzes
3.6.2.3 Der Krankheitsbegriff in der Beratung – Tücken und Chancen

4 Praxisteil: Befragung von Erziehungsberatungsstellen:
„Erziehungsberatung – Beratung oder Therapie?“
4.1 Über Methodik und Fragestellung
4.2 Erörterung und Diskussion der Rückmeldungen

5 „Back to basics“ – zurück zur Erziehung oder: Der Versuch einer Aufgaben-Neubestimmung der Erziehungsberatung aus pädagogischer Sicht

Schlussbetrachtung: Fazit und persönliche Stellungnahme

Anhang

Literatur

Vorwort

„Es tut uns leid, wir nehmen in unserer Beratungsstelle nur Studenten der Psycholo­gie für Praktika an.“ – Diese oder ähnliche Aussagen bekam ich während meines Pädagogik-Studiums mehrmals zu hören. Ich musste sie in ihrer Endgültigkeit so hinnehmen, wenngleich ich mich als angehende Pädagogin ungerecht behandelt und hinsichtlich meiner Kenntnisse vorschnell verurteilt fühlte, ohne die Chance erhalten zu haben, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Diese Tatsache gehört neben meinem ausgeprägten Interesse an Beratung und Therapie zu den wesentlichen Gründen, die mich dazu bewegt haben, meine Diplomarbeit der Erziehungsberatung zu widmen.

Die in der Praxis bestehende, nahezu ausschließliche Alleinherrschaft der Psychologen in der Erziehungsberatung halte ich nicht für gerechtfertigt, da eine psychologisch ausgerichtete Beratungsarbeit vornehmlich durch eine Bandbreite an psychotherapeutischen Methoden und Konzepten geprägt ist. Diese lassen eine eher durchstrukturierte Beratungssituation vermuten, in der dem Berater[1] nur wenig Frei­raum und Möglichkeit für ein klientenorientiertes Handeln bleibt. Vielmehr scheint sich (psychologische) Beratung verstärkt auf die Probleme von Ratsuchenden zu fokussieren und sich von den Menschen und ihrer je individuellen Lebensgeschichte zu entfernen.

Der Pädagogik per se stehen keine spezifischen Methoden zur Verfügung, denn sie ist, dadurch dass sie in viele Lebensbereiche hineinreicht, nicht ohne weiteres fassbar. Pädagogen konzentrieren sich in ihrem Handeln auf ihr Gegenüber, auf den Menschen in seiner Gesamtheit – nicht nur reduziert auf seine Probleme, sondern mit all seinen Fähigkeiten und Eigenschaften – und machen ihn zum Ausgangspunkt der Beratung, der Erziehung, des Gesprächs, der zwischenmenschlichen Interaktion, mit dem Ziel, ihm zu Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit zu verhelfen.

Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich die Anstellung von Psychologen in Erziehungsberatungsstellen überflüssig bzw. die Anwendung therapeutischer Ele­mente in der Beratung unwichtig halte. Allerdings denke ich, dass eine Orientierung am Ratsuchenden und seiner individuellen Geschichte in der heutigen Zeit weitest­gehend verloren gegangen ist. Deshalb möchte ich für eine „pädagogischere“ Haltung gegenüber denjenigen plädieren, die sich Hilfe suchend an eine Erziehungs­beratungsstelle wenden, und das Interesse wieder verstärkt auf den einzelnen Menschen lenken, denn für diesen gibt es nichts wichtigeres, als mit seinem persönlichen Anliegen ohne Vorbehalte von seinem Gegenüber angenommen zu werden.

An dieser Stelle möchte ich einigen Menschen danken: Gerade weil die Anfertigung der Diplomarbeit eine Zeit voller Höhen und Tiefen war, eine Zeit, die von Unsi­cherheit und Zweifeln geprägt war, aber auch eine Zeit, die einen immer wieder neuen Mut schöpfen und an sich glauben ließ, möchte ich an erster Stelle Freunden und Familie für die emotionale Unterstützung sowie für kritische Kommentare danken; Prof. Bittner für seine Betreuung sowie für wertvolle Anregungen; und nicht zuletzt den Fachkräften der Erziehungsberatungsstellen, die bereit waren, sich im Rahmen einer Fragebogenaktion an meiner Diplomarbeit zu beteiligen.

Einleitung

Erziehung hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewonnen und begleitet die Menschen als Thema stetig in ihrem Alltag: Elternkurse werden zur Vorbereitung auf die Mutter- und Vaterschaft angeboten und dabei Tipps und Anregungen vermittelt, wie das familiäre Zusammenleben mit einem Kind entwicklungs- und bedürfnisorientiert gestaltet werden kann. Fernsehshows gewäh­ren Einblick in die kindliche (Nicht-)Erziehung und führen die Familien regelrecht „auf dem Präsentierteller“ vor. Dabei werden wilde Szenarien und Konflikte zwischen Kindern und Eltern oder Geschwistern untereinander zur Schau getragen, die dann gemeinsam mit der „Super-Nanny“ oder den „Supermamas“ analysiert und lösungsorientiert besprochen werden. Auch Zeitungen bringen regelmäßig Berichte über Fälle elterlicher Gewalt gegenüber ihren Kindern und meist ist es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Skandal die Medien beherrscht.

Diese kurze Illustration verdeutlicht, dass sich in der Gesellschaft intensiver denn je mit Erziehung beschäftigt wird und werden muss. Immer mehr Eltern suchen in der heutigen Zeit Erziehungsberatungsstellen auf, weil die Probleme mit ihrem Nach­wuchs über Hand nehmen und sie sich mit ihrem Erziehungsauftrag überfordert fühlen. Gefühle wie Verzweiflung, Wut und Versagensängste sowie die Hoffnung, durch professionelle Ratschläge eine schnelle Hilfe zu erhalten, sind dabei dominie­rend. Oft wird das Hilfeangebot jedoch erst sehr spät wahrgenommen, wenn sich eine Krisensituation so verfestigt hat, dass sich die Eltern, am Ende ihrer Kräfte angelangt, nicht mehr im Stande fühlen, das Problem allein zu bewältigen.

Die Angelegenheiten, mit denen sich Ratsuchende[2] an eine Erziehungsberatungs­stelle wenden, gestalten sich immer komplexer und vielschichtiger, was auf einen gestiegenen Hilfebedarf hinweist, der mitunter eine Folge des schnellen Wandels in der Gesellschaft darstellt. Um den Anspruch, Kinder und Eltern auf ihrem Lebens­weg durch das gesellschaftliche Dickicht zu begleiten und zu unterstützen, gleicher­maßen professionell und qualitativ erfüllen zu können, muss Erziehungsberatung immer auf dem neuesten Stand sein.

Die Frage ist: kann sie mit ihren jetzigen Sichtweisen und Methoden den vielfältigen Veränderungen gerecht werden und sich diesen anpassen oder sollte sie vielmehr ihre Arbeit hinsichtlich ihres momentanen Aufgabenverständnisses neu überdenken?

Die Diplomarbeit gliedert sich in vier aufeinander aufbauende Abschnitte, die nun im Folgenden kurz vorstellt werden:

In einem ersten Punkt soll näher auf den erwähnten gesellschaftlichen Wandel eingegangen werden, dem die Kindheit in der heutigen Zeit unterworfen ist. Die Auswirkungen machen sich in einer zunehmenden Komplexität der Lebens- und Sozialisationsbedingungen und einem erweiterten Handlungs- und Entscheidungs­spielraum bemerkbar und erfordern von der Familie enorme Anpassungsleistungen sowie ein Schritt halten mit den fortwährenden Veränderungen. Diese neue Orientie­rungslosigkeit und Unsicherheit wird zudem von familiären Umbrüchen genährt, die sich in einer Pluralisierung von Familienformen offenbaren. Dadurch dass sich immer mehr Eltern aufgrund erschwerter Lebens- und Erziehungsbedingungen mit ihrem Hilfebedürfnis an Erziehungsberatungsstellen wenden, entsteht ein hoher Beratungsbedarf, der Erziehungsberatung als unterstützendes Angebot heute erfor­derlicher denn je macht.

Von diesem Wandel und seinen Folgen für das Kind und seine Familie ausgehend werde ich mich im nächsten Abschnitt ausführlich mit der Erziehungsberatung befassen, wobei es mir sinnvoll erscheint, als Einführung in den Gegenstand vorab einige zentrale Begrifflichkeiten – nämlich Erziehung, Beratung und auch Erzie­hungsberatung – zu umreißen und zu erläutern.

Im Folgenden soll auf die historische Entwicklung der institutionalisierten Erzie­hungsberatung, deren Aufgaben auf dem Hintergrund rechtlicher Bestimmungen, vor allem im Kontext des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, sowie auf methodische Kon­zepte von Erziehungsberatung eingegangen werden. An Methoden stehen dabei in erster Linie die Diagnostik, verschiedene psychotherapeutische Verfahren, die die Arbeit in Erziehungsberatungsstellen beeinflussen, und offene Formen von Beratung im Mittelpunkt.

Schließlich werde ich auf einige handlungsleitende Grundsätze und Rahmenbe­dingungen zu sprechen kommen, die sich für eine Tätigkeit in der Erziehungsbera­tung als wichtig erweisen. Darunter fallen beispielsweise das Teamwork-Prinzip sowie gesetzliche Rahmenbedingungen wie in etwa Kostenfreiheit, Freiwilligkeit etc., die dem Klienten eine möglichst reibungslose Inanspruchnahme der Hilfe ermöglichen.

Es ist anzumerken, dass die Erziehungsberatung ein breit gefächertes Feld ist, von dem nicht ohne weiteres eine vollständige Darstellung gegeben werden kann. Da eine solche den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, spiegeln die behandelten Gesichtspunkte meine persönliche Auswahl wider, die hinsichtlich der Themen­stellung von Bedeutung sind. So wird beispielsweise auf eine Schilderung spezifi­scher Anwendungsbereiche[3] von Erziehungsberatung z.B. Trennung und Scheidung, elterliche Gewalt, Lern- und Leistungsstörungen verzichtet, da diese hinsichtlich der Themenstellung kaum an Relevanz erlangen und ohnehin an mehreren Stellen der Arbeit auftreten.[4] Dem Leser soll vielmehr ein Überblick über die Erziehungsbera­tung in theoretischer und praktischer Hinsicht gegeben werden.

Aufbauend auf diesen Ausführungen zur Erziehungsberatung werden anschließend ausgewählte Aspekte vorgestellt, die sich als Bestandteile einer pädagogischen Theorie der Erziehungsberatung eignen:

Zunächst halte ich es für zweckmäßig, sich neben inhaltlichen Gesichtspunkten auch mit grundlegenden Anforderungen an eine wissenschaftliche Theorie auseinander­zusetzen und sich den Schwierigkeiten, die sich hinsichtlich der Formulierung einer pädagogischen Beratungstheorie ergeben, zu stellen. Im Anschluss wird pädago­gische Beratung als Handlungsdisziplin genauer unter Betracht genommen, angefangen bei Mollenhauers Abhandlung „Das pädagogische Phänomen ‚Beratung’“ (1965) bis hin zu verschiedenen Sichtweisen pädagogischer Beratung sowie konkreten Orientierungsprinzipien für pädagogisches Handeln.

Diesen eher theoretischen Vorüberlegungen folgen spezifische Elemente einer Theorie der Erziehungsberatung. Es ist auffallend, dass sie sich allesamt am Menschen – am Ratsuchenden wie am Berater – orientieren, entsprechend meiner eingangs formulierten Zielsetzung, dem Ratsuchenden sowie seinem individuellen Anliegen in der Beratungssituation wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

So habe ich neben der Vertrauensbeziehung, die Berater und Klient gemeinsam auf­bauen und als Fundament der Beratung zu Grunde legen müssen, Erfahrungen bzw. Erzählungen über Erlebnisse eine gewichtige Stellung innerhalb des Beratungs­geschehens zugewiesen. Verstanden als „Erziehungs-, Bildungs- und Lerngeschichten“ (Bittner 1997, 80) liefern diese dem Berater wertvolle Informationen und ermöglichen ein besseres Verständnis des jeweiligen Gesprächs- bzw. Interaktionspartners. Darüber hinaus werde ich die Bedeutung von Erfahrungen anhand des Konzepts von Erziehungsberatung als Bereitstellen eines Erfahrungs­raumes veranschaulichen.

Da neben dem beobachtbaren Verhalten und den Erzählungen, die der Klient gegenüber dem Erziehungsberater verbal äußert, auch den unbewusst ablaufenden Prozessen in der Beratungssituation Beachtung geschenkt werden muss, werde ich mich gezielt mit Anregungen befassen, die die Psychoanalyse für eine pädagogische Erziehungsberatung bereithält. Dabei soll zuerst der Ertrag der Psychoanalyse als Wissenschaft vom Unbewussten für die Pädagogik beleuchtet und überdies einige Charakteristika einer psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsberatung darge­stellt werden, die mir förderlich für den Verlauf des Beratungsprozesses erscheinen.

Im Hinblick auf eine pädagogische Beratungstheorie ist es unabdingbar, sich auch mit Erziehungsberatung als Spannungsfeld zu beschäftigen. Nicht nur ein schwammiger, unpräziser Gebrauch der Begriffe Beratung, Therapie und Erziehung, der eine Abgrenzung erschwert bzw. in der Praxis unmöglich macht, determiniert die Erziehungsberatung als konfliktreiches Tätigkeitsfeld, sondern auch ihre Stellung zwischen Jugendhilfe- und Gesundheitssystem. Hieraus ergeben sich Spannungen zum einen bezüglich der Streitfrage, inwiefern therapeutische Leistungen in einem beraterischen Kontext angeboten werden dürfen, zum anderen aber auch insbesondere durch die Auswirkungen des neuen Psychotherapeutengesetzes auf die Erziehungsberatung und die Tücken und Chancen, die der Krankheitsbegriff in sich birgt.

Dass Erziehungsberatung ein spannungsreiches Feld darstellt, geht auch direkt aus der Praxis hervor. In einer Befragung von Erziehungsberatungsstellen wurden Fachkräfte aufgefordert, zu der Frage Stellung zu nehmen, was Erziehungsberatung sei, Beratung oder Therapie. Aufbauend auf dieser Umfrage habe ich eine Erörterung und Diskussion der einzelnen Reaktionen der Fachkräfte durchgeführt und in Zusammenhang mit meinen eigenen Darstellungen gebracht.

Im Anschluss an die Auswertung der Fragebogenaktion werde ich dann den Versuch unternehmen, die Aufgaben von Erziehungsberatung aus pädagogischer Sicht neu zu bestimmen und dabei auf Grundlage der vorherigen Ausführungen meine eigenen Gedanken entfalten.

Abschließend werde ich in einer zusammenfassenden Betrachtung meine persönliche Vorstellung einer pädagogisch gelungenen, sprich subjektorientierten Erziehungs­beratung zum Ausdruck bringen, indem ich den Verlauf eines Beratungsprozesses phasenweise darstelle. In diesem Zusammenhang möchte ich einige kritische Worte zur aktuellen Kostenkonzentration in der Erziehungsberatung verlieren und die Diplomarbeit mit einer persönlichen Stellungnahme zur Professionalisierung päda­gogischen Handelns abrunden.

1 Kindheit im Wandel – Aktualität und Bedarf von Beratung

„Jeder kann sich nur so gut selbstverwirklichen, wie es seine Umgebung zuläßt.“

Arthur Koestler (engl. Psychologe)

Erziehungsberatung wird in der heutigen Zeit mehr denn je in Anspruch genommen. Dies deutet darauf hin, dass Kinder und Jugendliche zunehmend unter Verhaltensauf­fälligkeiten leiden, die aber oftmals durch die Eltern und deren Erziehung ausgelöst werden. Viele Eltern fühlen sich dann später, wenn Probleme auftauchen, über­fordert, weil sie nicht gelernt haben, wie Erziehung richtig „funktioniert“, und benö­tigen deshalb Hilfe von außen. Somit sind nicht nur die Kinder in ihrer eigenen Entwicklung erheblich beeinträchtigt, sondern auch ein konfliktfreies Zusammenleben als Familie gestaltet sich bedingt durch die Verhaltensauffällig­keiten schwierig.

Dass Kindheit heutzutage alles andere als unbeschwert ist, sondern unter erschwerten Sozialisationsbedingungen stattfindet, kann in erster Linie auf einen gesellschaftlichen Wandel und dessen weit reichende Auswirkungen zurückgeführt werden, aber auch auf Veränderungen, die die Familie als Lebensform betreffen.

Auf die Auswirkungen des gesellschaftlichen sowie familiären Wandels auf das Kind und seine Familie soll nun explizit eingegangen werden und dadurch der aktuelle Bedarf an Beratung zum Ausdruck gebracht werden.

1.1 Auswirkungen einer zunehmenden Komplexität der Lebenswelt

Die Verhaltensauffälligkeiten und Beeinträchtigungen, anlässlich derer Eltern ihre Kinder in Beratungsstellen anmelden, sind von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen abhängig und müssen stets auf einem solchen Hintergrund betrachtet werden. Es gilt heute als unumstritten, dass „gesellschaftliche Bedingungen bzw. in weitestem Sinne Umwelteinflüsse ... Einfluß auf individuelle und familiäre Lebens­wirklichkeiten“ (Hundsalz 1995, 39) nehmen.

Die gesellschaftlichen Veränderungen können an der beständigen Zunahme der Wahlmöglichkeiten und Informationen sowie an der neuen Vielfalt von Angeboten zur Lebens- und Freizeitgestaltung beobachtet werden und bringen für den einzelnen Menschen sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich: Auf der einen Seite entstehen dadurch vielfältige Möglichkeiten sich auszuprobieren und damit verbunden größere Handlungs- und Entscheidungsfreiheiten. Auf der anderen Seite hat der gesellschaft­liche Wandel auch höhere Risiken für das Individuum zur Folge, da das Fällen von Entscheidungen durch den erweiterten Handlungsspielraum ein hohes Maß an Selbstständigkeit und die Übernahme von Eigenverantwortung erfordert. (vgl. Krause 2003, 19f.)

Inwiefern sich diese gesellschaftlich bedingte Tendenz zur „ Individualisierung und Pluralisierung der Lebenswelten“ (ebd., 19, Hervorh. im Original) in der kindlichen (Persönlichkeits-)Entwicklung niederschlägt, soll im Folgenden umrissen werden.

In der Schule strömt eine unüberschaubare Flut an Informationen auf die Kinder und Jugendlichen ein. Von ihnen wird erwartet, mehr Lernstoff in immer kürzerer Zeit zu bewältigen. Dadurch stellen sich zunehmend Konzentrationsschwierigkeiten und ein geringeres Durchhaltevermögen beim Lösen von Aufgaben ein. Die Schüler können nur schwer bei der Sache bleiben und schweifen leicht ab, was letztendlich ein Absinken ihrer schulischen Leistungen zur Folge hat.

Schulischer Misserfolg ist nicht selten auf zu hohe Leistungserwartungen von Seiten der Eltern zurückzuführen. Diese wünschen sich meist, dass aus ihrem Kind einmal etwas Besseres wird. (vgl. Hornstein 1977, 128) Durch ihre Vorstellungen und Wün­sche gerät das Kind in eine schwierige Situation. Es will natürlich die Erwartungen der Eltern erfüllen, jedoch wirken sich diese beeinträchtigend auf das Leistungsver­mögen des Kindes aus und rufen verstärkt Ängste hervor. So nimmt der Teufelskreis aus Leistungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten seinen Lauf.

Die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt erzeugt unter den Schülern zusätz­lichen Druck, gute Leistungen zu erzielen, denn die Chancen einen Ausbildungsplatz zu bekommen sinken mit abnehmendem Bildungsgrad. (vgl. Vernooij 2005, 303) Ihre Bemühungen gleichen einem Konkurrenzkampf, der sie während ihrer ganzen Schullaufbahn und darüber hinaus begleitet. Nur Kinder, die in einem konstanten familiären Klima aufwachsen und die Unterstützung durch die Familie erfahren, können sich diesem Leistungsdruck erfolgreich widersetzen. Wer darauf nicht ent­sprechend vorbereitet ist, wird nicht lange mit den Klassenkameraden mithalten können. Hundsalz (1995) stellt folgerichtig fest: „Soziale Herkunft ist ein wichtiger determinierender Faktor für den Schulerfolg“ (ebd., 46). Die soziale Schicht steht also in Zusammenhang mit dem Erfolg eines Kindes oder Jugendlichen in der Schule. Dadurch dass nicht alle sozialen Schichten aufgrund unterschiedlicher perso­naler Kompetenzen und Ressourcen die Möglichkeit haben, vorhandene Entwick­lungschancen gleichermaßen auszunutzen, spaltet sich die Gesellschaft zunehmend in Gewinner und Verlierer. (vgl. Krause 2003, 20)

Auch Eltern fühlen sich mit den Folgen des gesellschaftlichen Wandels überfordert und haben erheblich mit dem erweiterten Entscheidungsspielraum zu kämpfen. Gelingt es ihnen nicht, sich an die neuen Anforderungen anzupassen, werden sie zu „Modernisierungsverlierern“ (ebd., 20). Dies macht nicht nur den Eltern selbst zu schaffen, sondern wirkt sich indirekt auch auf die Kinder aus, denn viele neigen auf­grund der ausgeprägten Belastungssituation dazu, körperliche Gewalt an ihren Kindern auszuüben, um das Gefühl der Hilflosigkeit auf diese Weise zu kompensieren. Kinder aus sozial benachteiligten Familien leiden deshalb besonders unter körperlicher Gewalt durch ihre Eltern, da hier am meisten Probleme und Krisen bestehen und gleichzeitig nicht ausreichend Kompensationsmöglichkeiten vorhanden sind. (vgl. Körner 1998, 284f.) Die Kinder wachsen zudem häufig unter ungünstigen Bedingungen in einer wenig förderlichen Umgebung auf und sind in ihren Entwick­lungsmöglichkeiten enorm eingeschränkt. Die Mutlosigkeit und Resignation sowie die verlorene Hoffnung auf eine bessere Lebensqualität überträgt sich von den Eltern auf ihre Kinder.

Die eigenen Eltern so zu erleben, verursacht beim Kind eine große Unsicherheit und Verzweiflung, haben Eltern doch eine Vorbildfunktion, an der sich die Kinder ständig neu definieren. Kommt diese ins Wanken und passt nicht mehr in das Schema der kindlichen Vorstellungen, wird dem Kind sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggezogen und der familiäre Rahmen, der bisher Schutz und Halt geboten hat, beginnt zu bröckeln. Die von den Eltern übertragenen Existenzängste haben bei Kindern oft psychische Erkrankungen zur Folge. Sie werden z.B. depressiv und ziehen sich immer mehr aus ihrem sozialen Umfeld zurück.

Diese Rückzugstendenzen von Kindern werden von zwei weiteren Umständen, die mit dem gesellschaftlichen Wandel einhergehen, verstärkt:

Zum einen hat sich die „Wohnumwelt[5] als wichtige Sozialisationsbedingung für Kinder“ (Hundsalz 1995, 46) nachhaltig verändert. In den 50er und 60er Jahren haben Kinder und Jugendliche bedeutsame Impulse für ihre Entwicklung durch die sogenannte „Straßensozialisation“ erhalten. Seitdem haben sich Lern- und Lebenser­fahrungen fast vollständig in die familiäre Privatsphäre verlagert; nur noch wenige Freizeitaktivitäten finden in der Öffentlichkeit statt. Durch diese Entwicklung weisen öffentliche Freiräume nur eine „geringe Nutzbarkeit als Spiel-, Begegnungs- und Bewegungsräume“ (Hurrelmann 2002, 249) auf und Kinder haben nur wenig Mög­lichkeiten sich auszuprobieren, unmittelbare Erfahrungen zu machen und eigene Kräfte und Fähigkeiten zu entfalten. (vgl. ebd., 249f.) Durch den zunehmenden Verkehr und andere Gefahrenquellen können Kinder kaum noch ohne Begleitung zum Spielen ins Freie gehen und sind damit von den elterlichen Zeitressourcen abhängig, die arbeitsbedingt oftmals nicht gegeben sind.

Außerdem ist die Konsumorientierung sowie die Nutzung technischer Geräte in den vergangenen 50 Jahren deutlich angestiegen. Raffinierte Werbespots üben vor allem auf Kinder und Jugendliche eine starke Anziehungskraft aus und vermitteln den Ein­druck eines Zusammenhangs zwischen Konsum und Persönlichkeitswert. (vgl. ebd., 247) Kinder verbringen ihre Freizeit heutzutage verstärkt vor dem Fernseher und flüchten sich in die virtuelle Welt der Computerspiele. In dieser verspüren sie Kontrolle und Macht über sich und andere und kompensieren damit die Fähigkeit der Selbststeuerung und die Sozialkompetenz, an denen es ihnen im realen Leben mangelt. Folgen eines übermäßigen Medienkonsums sind neben Bewegungsunlust und krankhafter Adipositas vor allem soziale Isolation und Vereinsamung. Außerdem besteht die Gefahr einer Reizüberflutung, da die angestauten Emotionen nicht ausgelebt und dadurch nicht verarbeitet werden können.

Die Auswirkungen einer zunehmend komplexer werdenden Lebenswelt erweisen sich als verheerend für Kinder und Jugendliche und machen die Notwendigkeit und den aktuellen Bedarf von Beratung sehr deutlich.

1.2 Pluralisierung der Familienformen

Nicht nur in der Gesellschaft finden Veränderungen statt, auch die Familie als Lebensform, die ihrerseits Einfluss auf die Entwicklung des Heranwachsenden nimmt, unterliegt einem Wandel.

Die Familie gilt als wichtigste soziale Bezugsgruppe, gefolgt von Schule und peer-groups, der das Kind in seinem Leben angehört. Ihr kommt eine hohe Sozialisa­tionswirkung zu, da sie Kindern und Jugendlichen einen geschützten Raum bietet, in dem soziale Erfahrungen gemacht und Handlungen, Gedanken, Urteile und Ein­stellungen erprobt werden können. (vgl. Schäfers 2001, 103)

Die Kernfamilie bildete in Deutschland lange Zeit den vorherrschenden Familientyp und setzt sich aus den Eltern und meist zwei heranwachsenden Kindern zusammen. Gegenwärtig repräsentiert sie allerdings eher ein Idealbild von Familie, welches heutzutage so nicht mehr ausschließlich existiert. (vgl. Kurz-Adam 1995, 95) Während die Kernfamilie in den 60er Jahren noch weit verbreitet war, erlag sie in der folgenden Zeit einem enormen Bedeutungsverlust. Seitdem verkörpert sie nicht mehr den alleinigen Familientyp, sondern es treten verstärkt neue Formen auf, z.B. (nicht-) eheliche Lebensgemeinschaften, getrennt lebende Eltern und sogenannte Patchwork-Familien. Allein erziehende Eltern hat es zwar früher schon vereinzelt gegeben, je­doch ist deren Zahl bis heute gewaltig angestiegen; diese Lebensform ist meist keine freiwillige Entscheidung, sondern resultiert aus einer vorangegangenen Scheidung. (vgl. Hurrelmann 2004, 107f.)

Diese Pluralisierung familialer Lebensformen ist auf das Zusammenwirken mehrerer Faktoren zurückzuführen: Einmal sind die Eheschließungen fast um die Hälfte gesunken. Gleichzeitig hat sich die Scheidungsrate in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt; mittlerweile wird jede dritte Ehe in Deutschland geschieden, Tendenz steigend. Außerdem ist festzustellen, dass sich Familien zahlenmäßig verkleinern, da die Kinderzahl immer mehr zurückgeht und knapp die Hälfte der Kinder ohne Geschwister aufwächst. Ferner sind immer weniger Mütter und Väter bereit, auf die Ausübung einer Berufstätigkeit zu verzichten. (vgl. Mrozynski 1998, 1f.)

Inwiefern ergibt sich nun aus dieser bestehenden Vielfalt an Formen familiären Zusammenlebens ein Beratungsbedarf?

Kinder und Jugendliche erleben die Scheidung der Eltern, die in der Erziehungsbe­ratung übrigens die Spitzenposition unter den Anlässen bildet, als gravierenden Einschnitt in ihr Leben und haben mit unterschiedlichen Auswirkungen und Verän­derungen zu kämpfen.

Den Verlust der elterlichen Solidarität empfinden sie als starke psychische Belastung und können die Ursachen meist nur schwer nachvollziehen. Dadurch dass Eltern ihre Kinder über die bevorstehende Trennung häufig nicht ausreichend informieren, können diese keine entsprechenden Verarbeitungsmechanismen aufbauen, können diese keine entsprechenden Verarbeitungsmechanismen aufbauen und mit der neuen Situation deshalb nur schwer umgehen. In vielen Fällen werden die Beziehungs­probleme der Eltern auf dem Rücken der Kinder ausgetragen und diese in Streitig­keiten hineingezogen, so dass schon im Kindesalter die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, Schaden nimmt. Häufig steigen die Anforderungen an die Selbstständig­keit der Kinder sprunghaft an, da der jeweilige Elternteil – in 80% der Fälle ist dies die Mutter – die „Doppelbelastung als Alleinerzieher und Alleinverdiener“ (Hurrelmann 2004, 113) bewältigen muss. Diesen Anforderungen werden Kinder und Jugendliche oft nicht gerecht und fühlen sich maßlos überfordert. Darüber hinaus leiden sie unter Isolation, weil mit einer Trennung der Eltern meist ein Wohn­ortwechsel verbunden ist, der sie aus der gewohnten Umgebung herausreißt und zum Auseinanderbrechen von Freundschaften führt. (vgl. ebd., 111ff.)

Es ist nahe liegend, dass nicht nur eine Scheidung, die ich hier beispielhaft angeführt habe, sondern auch eine neue Partnerschaft eines allein erziehenden Elternteils ver­bunden mit der Integration der Stiefgeschwister in den Familienverband negative Auswirkungen auf den Sozialisationsprozess des Kindes oder Jugendlichen zur Folge haben können. Diese kommen mit der veränderten Familien- und Lebenssituation nur schwer klar und reagieren vielfach mit Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen, was sie letztendlich mit ihren Eltern in die Erziehungsberatung führt.

Trotz all dieser familiärer Entwicklungen und Veränderungen erweist sich die Familie als äußerst stabil und wird vor allem von jüngeren Menschen nach wie vor wertgeschätzt. (vgl. Mrozynski 1998, 2) Es liegt somit weniger ein Bedeutungs­verlust der Familie vor, sondern lediglich ein Wandel der Familienstrukturen. Befra­gungen zufolge hat die Familie keineswegs an Bedeutung eingebüßt. (vgl. Nave-Herz, zit. nach Hundsalz 1995, 48)

Das Interesse, eine eigene Familie zu gründen, hat also nicht nachgelassen, was als positiv gewertet werden sollte. Die Erziehungsberatung kann dieses Interesse aufgreifen und stützen, indem sie es als ihre Aufgabe betrachtet, „die Fähigkeit der Familie zur Erfüllung ihrer Aufgaben zu stärken“ (Mrozynski 1998, 3, Hervorh. im Original).

Somit kann festgehalten werden, dass Kinder und Jugendliche aufgrund der gesell­schaftlichen und familiären Umbrüche unter erschwerten Sozialisationsbedingungen aufwachsen und sich in einer immer unübersichtlicheren Lebenswelt zurechtfinden und behaupten müssen. „Durch wenig vorgegebene Verhaltensregeln und Werte­muster werden immer wieder neue Abstimmungen und Lebensentscheidungen nötig. Wo dies alles nicht zur Zufriedenheit gelingt, wächst Beratungsbedarf.“ (Kurz-Adam 1995, 166)

2 Erziehungsberatung in Theorie und Praxis

„ ... daß es Aufgabe von Erziehung[sberatung] sein soll, Kinder und Jugendliche in die Welt, in das Leben der Welt so einzuführen, daß sie imstande sind, ihr Leben zu leben.“

Günther Bittner 1996

2.1 Vorabklärung zentraler Begrifflichkeiten

Wenn man sich mit Erziehungsberatung beschäftigt, ist es erforderlich, zunächst auf die Begrifflichkeiten, aus denen sich diese zusammensetzt, und auch auf Erziehungs­beratung per se einzugehen. Die folgende Darstellung soll vorerst nicht bestimmend für ein Verständnis von (Erziehungs-)Beratung im Rahmen dieser Arbeit sein, sondern lediglich einer groben Begriffsklärung und einer ersten Einführung in die Thematik dienen.

2.1.1 Erziehung

Erziehung gilt neben der Bildung als wichtigster Grundbegriff der Pädagogik. Ihr Ziel ist es, dem Menschen zu Autonomie und Mündigkeit zu verhelfen und ihn dabei zu unterstützen, seine inneren Kräfte und Fähigkeiten zum Vorschein und Einsatz zu bringen. Erziehung betrifft in erster Linie den Menschen als Individuum, zielt also auf Entwicklung und Wachstum ab; außerdem bezieht sie sich auf den Menschen als soziales Wesen, als Mitglied der Gesellschaft und versteht sich demnach als Soziali­sation. (vgl. Böhm 2000, 156f.) Erziehung kann sowohl intentional, das heißt als planmäßiger Vorgang mit bestimmten erzieherischen Absichten, als auch funktional, bezogen auf den „absichtslosen Einfluß der Verhältnisse und das Geflecht sozialer Interaktionen“ (ebd., 157), aufgefasst werden.

Erziehung befindet sich seit jeher in einem grundlegenden Zwiespalt: Zum einen ist sie Fremd-Erziehung, sprich kann als Einwirkung von außen gesehen werden, zum anderen ist sie Selbst-Erziehung, also ein Vorgang, in dem ein Mensch „aus eigener Einsicht und aus eigenem Entschluß Erziehungsziele übernimmt ... sowie nach Kräften und Möglichkeiten an ihrer Realisierung arbeitet“ (ebd., 490). Vernooij (2005) bezeichnet Erziehung als einen Prozess, bei dem „zunächst fremdgesteuert, mit zunehmendem Alter auch selbstgesteuert ... auf die Entfaltung einer selbständi­gen, verantwortungsbewussten Persönlichkeit hingewirkt wird mit dem Ziel ... Mündigkeit zu erreichen“ (ebd., 40).

Folglich sollte unter dem Begriff der Erziehung – vor allem in der Erziehungsbera­tung – ein individueller Selbstgestaltungsprozess verstanden werden, so dass eine Fremd-Erziehung durch den Berater als Hilfe zur Selbsthilfe lediglich ergänzend zur Selbst-Erziehung erforderlich wird.

2.1.2 Beratung

Beratung wird von Menschen heutzutage in einer „immer unübersichtlicher werdenden Welt“ (Bollnow 1959, 78) mehr denn je in Anspruch genommen. Dies hat zu einem enormen Ausbau des Beratungsangebots und der „Ausbildung eigener Beratungsberufe“ (Bittner 2001, 223) geführt. Eheberater kümmern sich um Probleme in der Partnerschaft, Studienberater betreuen Studenten bei Angelegen­heiten rund um ihr Studium, Berufsberater helfen Schülern bei der Berufswahl und Erziehungsberater ... welche Aufgaben kommen ihnen zu? Die Frage lässt sich in diesem Zusammenhang nicht beantworten; allerdings werde ich anderweitig erneut darauf zu sprechen kommen.[6]

Doch zunächst zurück zum Begriff der Beratung. In ihm verbirgt sich das kleine Wörtchen „Rat“. Ursprünglich verstand man unter Rat vorhandene Mittel im Sinne von Vorrat oder Hausrat; erst einige Zeit später wandelte sich seine Bedeutung in Hilfe und Unterstützung. (vgl. Manstetten 1987, 6)

Es muss zwischen zwei Hilfeformen unterschieden werden:

Zur Veranschaulichung wird bei Bittner (2001) das Beispiel eines Fremden von Bollnow (1959) herangezogen, der sich bei einem Einheimischen nach dem Weg erkundigt: Der Einheimische hat mehrere Möglichkeiten auf die Frage einzugehen: er kann sachliche Informationen liefern, die dem Fremden helfen den richtigen Weg schnurstracks zu finden oder er kann eine persönliche Empfehlung für einen speziellen Weg, verbunden mit einem schönen Ausblick, aussprechen. (vgl. ebd., 80f.)

Demzufolge kann zwischen einer informativen Auskunft und einer Beratung unter­schieden werden. Eine Information ist sachlicher Natur, nicht sonderlich zeitaufwendig und besitzt nur „minimalen bzw. gar keinen Prozeßcharakter, wie er für eine echte Beratung kennzeichnend ist“ (Manstetten 1987, 8), während eine Beratung umfangreicher und von einer größeren Intensität geprägt ist. Außerdem ist es bei der Beratung im Gegensatz zur reinen Information wichtig, dem Ratsuchenden Einsicht zu vermitteln, denn in einer Beratung muss die Entscheidung von diesem selbst gefällt werden. Der Berater unterstützt den Klienten zwar dabei, Lösungsmög­lichkeiten zu entwickeln und verschiedene Gründe für diese abzuwägen, er trifft jedoch nicht die Entscheidung und überträgt die Verantwortung dem Ratsuchenden. (vgl. ebd., 8)

Eine Beratung kann also rein aufklärender Natur sein, sich aber auch als wechselsei­tiges kommunikatives Geschehen, als Beratungsgespräch, vollziehen. Sie ist nicht nur auf das be-raten im seinem ursprünglichen Sinne von „Rat geben“ beschränkt, sondern reicht in den meisten Fällen weit darüber hinaus.[7]

2.1.3 Erziehungsberatung

Gemäß der eben beschriebenen Missverständnisse von Beratung ist auch der Begriff der Erziehungsberatung leicht irreführend und verleitet dazu, deren Aufgabenfeld auf die in ihm enthaltende Aufgabe zu reduzieren: Beratung in der Erziehung. Dies stellt sich jedoch als unangemessen heraus, denn aufgrund der aktuellen Veränderungen[8] kann und darf Erziehungsberatung nicht auf die Beratung in Erziehungsangelegen­heiten beschränkt sein, sondern muss sich den vielfältigen Problemen der heutigen Zeit anpassen.

Bittner (2001) vertritt in diesem Zusammenhang die These, dass „Erziehungsbera­tung schon immer unter einem falschen Etikett gesegelt ist“ (ebd., 223) und der Berater eine ziemlich komplexe Figur darstellt, da er nur vereinzelt der Aufgabe der Beratung im eigentlichen Sinne nachgeht. (vgl. ebd. 223) Den Erziehungsberatern sei es eigentlich schon immer klar gewesen, dass es in der Erziehungsberatung nicht vornehmlich um Wissensvermittlung geht, sondern vielmehr um die Befähigung zu einem neuen zwischenmenschlichen Handeln. (vgl. Bittner 2007, 13)

Erziehungsberatung hat es mit einer großen Vielfalt persönlicher Anliegen zu tun, denn sie „gewährt bei Erziehungsschwierigkeiten, Verhaltensstörungen und Schul­problemen ... Beratung, psychologische, ärztliche und ggf. therapeutische Betreuung für Eltern, Kinder und Jugendliche“ (Böhm 2000, 159). Somit wendet sich Erzie­hungsberatung nicht nur an Eltern, sondern bietet auch Kindern und Jugendlichen ihre Unterstützung an. Dabei steht immer das Kindeswohl und dessen Sicherstellung gemäß § 27 des KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) im Vordergrund.

Es gestaltet sich schwierig, eine knapp umrissene Definition der Erziehungsberatung abzugeben, da der Übergang von einer Begriffsklärung hin zu einer Beschreibung des Aufgabenfeldes fließend und schnell vollzogen ist. Ich möchte es deswegen bei dieser kurzen Umschreibung belassen und mich nun im Folgenden ausführlicher mit der Erziehungsberatung in theoretischer sowie praktischer Hinsicht beschäftigen.

2.2 Historische Entwicklung der Erziehungsberatung

Die institutionalisierte Erziehungsberatung blickt auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurück. Ihre Anfänge können zu Beginn des 20. Jahrhunderts konstatiert werden. Schon immer kam durch die Arbeit von Erziehungsberatungsstellen der aktuelle gesellschaftliche Zustand zum Ausdruck und auch heute noch lassen sich Entwicklungen und Veränderungen anhand deren Tätigkeit wahrnehmen. Vermutlich veranlasste dies Vossler dazu, die Erziehungsberatungsstellen als „gesellschaftliche Seismografen“ zu bezeichnen.

2.2.1 Die Anfänge der institutionalisierten Erziehungsberatung

Die ersten Erziehungsberatungsstellen wurden 1896, angeschlossen an psychologi­sche Einrichtungen, eröffnet, z.B. die „Psychological Clinic Lightner Witmer“ in den USA oder die Sprechstunde von Sully in England, ein Angebot für Eltern von schwierigen Kindern. (vgl. Bornemann 1963, 49)

In Deutschland wurden die ersten Einrichtungen, die als Vorläufer der gegenwärtigen Erziehungsberatung angesehen werden können, durch die Initiative von Medizinern und Heilpädagogen ins Leben gerufen. Hier können Fürstenheims „Medico-pädago­gische Poliklinik für Kinderforschung und Erziehungsberatung“ (Daumenlang 1983, 76), die 1906 in Berlin gegründet wurde, und Homburgers heilpädagogische Bera­tungsstelle in Heidelberg genannt werden. Homburger widmete sich bereits vorher Problemkindern und deren Eltern, jedoch erwies sich die psychiatrische Klinik als Beratungsort als unvorteilhaft und somit bot er ab 15. April 1917 seine heilpädagogi­sche Beratung einmal wöchentlich in der Heidelberger Kinderklinik an. (vgl. Bittner 2001, 224)

Die Erziehungsberatung geht nicht nur auf eine, sondern auf verschiedene Wurzeln zurück: Die heilpädagogischen Bestrebungen erhielten enormen Aufschwung durch die Tiefenpsychologie, die erstmals die Existenz psychischer Erkrankungen und die Wirksamkeit der Psychotherapie bei solchen vertrat. Besonders zu betonen sind in diesem Zusammenhang Freuds Erkenntnisse über Verhaltensauffälligkeiten und deren Entwicklung in der frühen Kindheit sowie die Überlegungen von Adler, die er in seiner Individualpsychologie zum Ausdruck brachte. (vgl. Bornemann 1963, 49f.) Adler gründete seine erste Beratungsstelle, nachdem er 1915 begonnen hatte, in der Volkshochschule regelmäßig Vorträge über Erziehung zu halten. Aufgrund der Tatsache, dass die Beratungsstelle der Volkshochschule angegliedert war, sieht Bittner „eine ihrer [der Erziehungsberatung] wesentlichen Wurzeln“ (Bittner 2001, 225) in der Erwachsenenbildung. Die psychoanalytische Erziehungsberatung bildete sich erst einige Zeit später heraus; sie wurde entscheidend durch Aichhorn geprägt, der die Bedeutung psychoanalytischer Praktiken für die Beratung verdeutlichte. (vgl. ebd. 225)

In Deutschland, Österreich und der Schweiz bildeten sich verstärkt nach dem ersten Weltkrieg verschiedenste Erziehungsberatungseinrichtungen heraus, deren Gründung und Aufbau vor allem Adler und seinen Schülern zu verdanken war. (vgl. Bornemann 1963, 49f.) Diese rasante Ausbreitung machte eine baldige gesetzliche Verankerung der Erziehungsberatung erforderlich. Durch die Verabschiedung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes im Jahr 1922 wurde sie Teil des Systems der Jugendhilfe, wodurch sie ihr gesetzliches Fundament erhielt. Einige Jahre später war die Zahl an Erziehungsberatungsstellen in Deutschland bereits auf 42 gestiegen. (vgl. Daumenlang 1983, 76)

2.2.2 Erziehungsberatung im Nationalsozialismus

Die Fortentwicklung der Erziehungsberatung wurde jedoch in Deutschland durch die Wirtschaftskrise und die Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933 unterbrochen. Vielmehr wurde sie von den Nationalsozialisten für eigene Zwecke umfunktionali­siert und dazu verwendet, die NS-Ideologie zu verbreiten. Im Mittelpunkt des Interesses stand nicht mehr das Individuum, sondern das Volk als Ganzes.

Je nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe galten folgende erzieherische Zielsetzungen: Die erste Gruppe repräsentierte den Typ Mensch, bei dem aufgrund idealer Erbanlagen keine pädagogische Arbeit geleistet werden musste. Diesen Kin­dern und Jugendlichen wurde außerordentlich viel Zuwendung und Fürsorge gegeben; ihnen kam das Privileg der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel zu. Der dritten Gruppe wurden die Schwererziehbaren zugeordnet. Diese galten aufgrund ihrer genetischen Veranlagung als nicht mehr sozialisierbar, so dass päda­gogische Bemühungen bei ihnen als überflüssig angesehen wurden. Demnach lag der Fokus der pädagogischen Behandlung auf der zweiten Gruppe. Die Kinder und Jugendlichen dieser Gruppe galten anlagebedingt als minderwertig, aber noch reso­zialisierbar und wurden in Fürsorgeanstalten untergebracht. (vgl. Geib 1994, 279)

Durch die Initiative der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) entstand eine Erziehungsberatung, die stark von nationalsozialistischen Grundsätzen geprägt war. Deren Aufgabe bestand in der Selektion und Sicherstellung der „Früherfassung aller der Erziehungsberatung bedürftigen Fälle“ (Hundsalz 1995, 25). Um 1936/37 gab es bereits 3 345 Erziehungsberatungsstellen, die nach diesem Muster arbeiteten, wobei die meisten von ihnen mit Laienhelfern besetzt waren. (vgl. ebd., 25) Damit wollte die NSV das alltägliche Leben durchbrechen und die Menschen auf diesem Weg noch intensiver in das System des Nationalsozialismus einbinden.

2.2.3 Erziehungsberatung seit 1945

Die institutionalisierte Erziehungsberatung erlebte schließlich ab 1945 eine gewaltige Ausbreitung, was auf zwei zentrale Gründe zurückzuführen ist:

Zunächst erzeugten durch den Krieg bedingte Veränderungen in Familie und Gesell­schaft große Unsicherheiten und führten zu einem wachsenden Bedarf an Beratung. Weiterhin wurde der Ausbau der Erziehungsberatung durch neue Gesetze und Bestimmungen gefördert. So kam es im Jahr 1953 zu einer Erneuerung des JWG (Jugendwohlfahrtsgesetz), das die Beratung in Erziehungsfragen als Aufgabe der Jugendämter erklärte. Außerdem trat 1991 das KJHG in Kraft, welches einen Meilenstein in der Geschichte der Erziehungsberatung darstellt. (vgl. Hundsalz 1995, 27+36)

„Nicht mehr der Gnadenakt der Hilfsgewährung steht im Vordergrund, sondern das partnerschaftliche Aushandeln der in Anspruch zu nehmenden Hilfe, meis­tens in Form einer gemeinsamen Hilfeplanung, an der Eltern und Kinder ... beteiligt sein müssen.“ (Kühnl 2000, 12)

Die gegründeten Erziehungsberatungsstellen orientierten sich an dem Modell der child-guidance clinics, die in den USA bereits seit den 20er Jahren existierten. Betont wurde dabei deren „doppelte Zielsetzung von Anpassung und individueller Persön­lichkeitsentwicklung“ (Geib 1994, 287). Dass diese beiden Bestrebungen einen Widerspruch in sich darstellen, wurde dabei vollkommen außer Acht gelassen. Ein besonderes Merkmal der child-guidance clinic verkörperte schon damals die multi­disziplinäre Zusammenarbeit von Arzt, Psychologe und Sozialarbeiter, Sozialpädagoge oder Pädagoge. Diese wird auch heute noch in Erziehungsberatungs­stellen umgesetzt.[9]

Auch das alltägliche Leben stand unter amerikanischer Beeinflussung. Durch Reedu­cation-Programme wurde gezielt versucht, die von der NS-Zeit geprägten Sichtweisen und Einstellungen umzuformen und den deutschen Lebensstil dem amerikanischen „way of life“ anzupassen.

In den 70er Jahren kam es zu einem regelrechten Erziehungsberatungs-Boom: Inner­halb von zehn Jahren verdoppelte sich die Zahl der Einrichtungen, so dass man im Jahr 1982 784 Stellen zählte. (vgl. ebd., 287f.) Trotzdem kann laut Hundsalz (1995) bis heute von einer ausreichenden Deckung des Bedarfs an Beratung in keinster Weise die Rede sein. Gleichzeitig mit der Expansion des Berufsfeldes der Erzie­hungsberatung kam es zu einer regelrechten „Therapeutisierungswelle“ (ebd., 288), die auch die Erziehungsberatungsstellen überflutete und deren methodische Vorge­hensweisen prägte. Vermutlich war es das „handfeste“ Wissen über psychotherapeu­tische Verfahren, was viele zu einer Umorientierung in ihrem beruflichen Werdegang bewegte, da sie sich von der Therapie im Gegensatz zur beraterischen Tätigkeit mehr Sicherheit versprachen.

Ein Versuch der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung 1985/86, dieser Thera­peutisierung in Form von Arbeitsgemeinschaften entgegenzuwirken, verlief im Sande. Statt der Diskussion möglicher Gesichtspunkte einer Theorie der Erziehungs­beratung und einer Klärung ihrer Aufgaben in der Praxis wurden die Mitschriften der Arbeitsgemeinschaften „ad acta“ gelegt. (vgl. ebd., 288f.) Daraus wird ersichtlich, dass einer intensiven Auseinandersetzung mit Erziehungsberatung in Theorie und Praxis geschickt ausgewichen wurde und der Klärungsbedarf, der schon damals vorhanden war und bis heute noch ist, bewusst unter den Teppich gekehrt wurde.

2.3 Aufgaben der Erziehungsberatung

Bevor ich auf die Aufgaben von Erziehungsberatung im Detail eingehe und diese auf dem Hintergrund ihrer rechtlichen Bestimmungen darstelle, soll das Aufgabenspekt­rum der Erziehungsberatung grob abgesteckt und unter Bezugnahme auf die zentralen Zielgruppen skizziert werden. Dahinter steht die Absicht, vorab eine Orientierung für die weiteren Ausführungen zur Erziehungsberatung zu geben.

2.3.1 Vorüberlegungen zum Aufgabenspektrum

Für den Laien ergibt sich häufig folgendes Bild von Erziehungsberatung:

Eltern haben Schwierigkeiten mit ihrem Kind und suchen eine Beratungsstelle auf, um sich professionelle Hilfe zu holen. Der Berater hört sich die Probleme der Eltern mit ihrem Kind an und bietet ihnen als „Mann vom Fach“ ohne Umschweife konkrete Tipps und Lösungsvorschläge an, die schließlich zuhause umgesetzt werden können und die familiäre Situation wieder ins Lot bringen.

Diese Vorstellung vom Aufgabenverständnis von Erziehungsberatung als schnelle Hilfe für Eltern bei Erziehungsproblemen ist vermutlich immer noch in den meisten Köpfen der Bevölkerung präsent, heutzutage aber mehr als überholt.

Grundsätzlich können der Erziehungsberatung zwei Hauptaufgaben zugeordnet werden: Einzelfallarbeit und Prävention.

In der Einzelfallarbeit konzentriert sich die Hilfe, wie die Bezeichnung bereits impli­ziert, auf einen konkreten Fall. Dabei wird den Eltern natürlich unter anderem Bera­tung im Sinne einer informativen Aufklärung angeboten, in der sie Fragen zur Entwicklung und Erziehung ihres Kindes stellen können. Außerdem besteht die Möglichkeit, mit Eltern in Form von Gruppenberatung zu erarbeiten, wie sie positiv auf ihre Kinder einwirken und diese in ihrem Verhalten bestärken können. Solche Elterntrainings verfolgen in erster Linie das „Ziel der Änderung erziehungsrelevanter Einstellungen“ (Schmidt 1978, 151) und sollen zudem die Entwicklung bestimmter Fähigkeiten wie z.B. Einfühlungsvermögen, Kommunikation und Kooperation för­dern, die in alltagsnahen Rollenspielen geübt werden können. (vgl. ebd., 151f.) Eltern haben in diesem homogenen Rahmen ferner Gelegenheit, sich gegenseitig über Erfahrungen auszutauschen, was in gewisser Weise eine entlastende und befrei­ende Wirkung haben kann.

Neben der Elternarbeit steht die therapeutische Behandlung des Kindes im Mittel­punkt der Einzelfallarbeit. Hier bieten sich verschiedene methodische Konzepte an, auf deren Grundlage in der Praxis vorgegangen werden kann.[10] Prinzipiell kann mit einem Kind, je nach Störung oder Auffälligkeit, einzeln oder in einer Gruppe gearbeitet werden. Bei einem Kind, das sich aggressiv gegenüber Gleichaltrigen ver­hält und Defizite im Sozialverhalten aufweist, ist beispielsweise ein Gruppentraining besonders geeignet, da die neu erworbenen Sozialkompetenzen in der Gruppe direkt angewendet und ausprobiert werden können; bei einem ängstlichen, gehemmten Kind bietet sich eher der geschützte Rahmen einer Spieltherapie an.

Die zweite Hauptaufgabe, die in den Zuständigkeitsbereich der Erziehungsberatung fällt, besteht in der Präventionsarbeit, die meist als offene Beratung durchgeführt wird. So werden Präventionsprogramme beispielsweise in Form von Kinder-Workshops organisiert, die verschiedene Problemfelder z.B. sexueller Missbrauch ansprechen sollen. Aber auch Elternarbeit, Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Vorträge in Kindergärten und Schulen für Erzieher und Lehrer spielen eine wichtige Rolle in der präventiven Arbeit der Erziehungsberatung. (vgl. Körner 1998, 447)

Ausgehend von diesen praxisnahen Vorüberlegungen gilt es nun, die Aufgaben der Erziehungsberatung auf der Grundlage der rechtlichen Bestimmungen des KJHG genauer zu behandeln.

2.3.2 Vom JWG zum neuen KJHG

Die Aufgaben der Erziehungsberatung sind im KJHG[11] gesetzlich festgeschrieben. Seit dieses 1991 eingeführt wurde und das JWG als bisher geltendes Jugendrecht abgelöst hat, kam es zu Veränderungen im Aufgabenverständnis der Jugendhilfe. Im Gesetzesentwurf des KJHG wird hervorgehoben, dass der eingreifende Charakter der Leistungen des JWG im KJHG durch einen präventiv geprägten Leitgedanken ersetzt wird. (vgl. Hundsalz 1995, 58) Die grundlegende Zielsetzung der Jugendhilfe besteht seither darin, Eltern in ihrem Erziehungsauftrag zu unterstützen und nicht darin, ihnen die Erziehungsverantwortung abzunehmen. Jugendhilfe soll somit Eltern bei Erziehungsaufgaben als Partner zur Seite stehen.

[...]


[1] Des besseren Verständnisses wegen verwende ich in meinen Ausführungen durchgängig die männliche grammatikalische Form.

[2] Neben der Bezeichnung „Ratsuchender“ wird in der Arbeit auch der eher therapeutisch geprägte Ausdruck „Klient“ gebraucht.

[3] Körner & Hörmann (1998) liefern in ihrem Handbuch einen umfangreichen Einblick in verschiedene Anwendungsbereiche von Erziehungsberatung.

[4] vgl. u.a. 1 Kindheit im Wandel – Aktualität und Bedarf von Beratung

[5] Mit Wohnumwelt sind vorhandene Freiräume, Spielplätze, Kindergärten etc. gemeint.

[6] vgl. dazu 2.3 Aufgaben der Erziehungsberatung; 5 „Back to Basics“ – zurück zur Erziehung oder: Der Versuch einer Aufgaben-Neubestimmung der Erziehungsberatung aus pädagogischer Sicht

[7] Dies ergaben auch die Rückmeldungen meiner Fragebogenaktion. (vgl. 4 Praxisteil: Befragung von Erziehungsberatungsstellen: „Erziehungsberatung – Beratung oder Therapie?“)

[8] vgl. 1 Kindheit im Wandel – Aktualität und Bedarf von Beratung

[9] Das Prinzip der Teamarbeit wird an anderer Stelle genauer behandelt. (vgl. dazu 2.5.1 Teamwork)

[10] vgl. 2.4 Methoden

[11] siehe Sozialgesetzbuch (SGB VIII)

Details

Seiten
119
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640841080
ISBN (Buch)
9783640839469
Dateigröße
906 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167386
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Schlagworte
Beratung Erziehungsberatung Pädagogik Therapie pädagogische Theorie Erziehung

Autor

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Titel: Überlegungen zu einer pädagogischen Theorie der Erziehungsberatung