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Splatter - Der Moderne Horror

Bachelorarbeit 2010 41 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Definition Splatter

1 Splatter
die historische Aufarbeitung eines Genres
1.1 Vorläufer und das menschliche Verlangen nach Gewalt
1.2 Vom Monster zum Menschen oder „das Monster Mensch“
1.3 Remember it’s just a movie - der Beginn des Splatters
1.4 Die Nacht der lebenden Toten - Splatter wird zum Mainstreamkino
1.5 Die 70er Jahre
1.6 Die 80er Jahre
1.7 Der Splatterfilm heute

2 Der Zuschauer muss geschützt werden 13 FSK, Indizierung und Zensur am Beispiel Deutschland
2.1 Gesetzgebung
2.2 Kontrollinstutitionen
2.2.1 FSK - Freiwillige Selbstkontrolle
2.2.2 Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften
2.2.3 Staatsanwaltschaft und Gerichte
2.3 The Evil Dead - Ein Fallbeispiel

3 Theorien zur Wirkung von Gewaltdarstellungen
3.1 Die Katharsisthese
3.2 Die Inhibibationsthese
3.3 Kognitive Unterstützungsthese
3.4 Die These von der Wirkungslosigkeit
3.5 Die Lerntheorie
3.6 Stimulationsthese
3.7 Habitualisierungsthese
3.8 Suggestionsthese

Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract (English)

When in 2003 the remake of the 1974 cult classic Texas Chainsaw Massacre was released in theaters and grossed over $100,000,000 worldwide it became a milestone for Hollywood in terms of remaking classic horror/splatter films. Halloween, The Hills Have Eyes, Friday the 13th and more recently in April 2010 the remake of Wes Cravens A Nightmare on Elm Street became box office hits.

The horror/splatter genre, with its gruesome display of violence on screen, and its franchise were rebooted and an often called dead genre became important for the movie industry once again.

The Splatter genre itself started in the early 1960s and shocked audiences and upholders of moral standards were outraged and started a wave of indignation. By its depiction of violence, splatter films and its directors crossed lines, which were declared taboo since the beginning of filmmaking. Never before graphic violence was shown on screen and critics immediately screamed with horror about barbarization. Splatter was immediately called a not tolerable outgrowth of the art of film- making.

What has been started with Herschell Gordon Lewis’s Blood Feast in 1963 set the stage for movies like The Last House on the Left, Texas Chainsaw Massacre or George A. Romero’s Night of the Living Dead and it continues until today with film series like Hostel and Saw.

The outrage of critics never stopped as well. Serious allegations are still made against splatter movies. Violence is said to be glorified and especially teenagers are prepared to use violence by its explicit portrayal in the movies. The inhibition threshold of using violence in real life is said to be reduced and although many films of the splatter genres are listed as culturally, historically and aesthetically significant, critics only see them as perverse graphic portrayals of violence and gore.

In my bachelor thesis I want to discuss the splatter genre and its development. In the first chapter I will concentrate on the history of splatter movies. I will show, how the classic horror era of Frankenstein and Dracula transformed into the genre of splatter throughout the 1950s and 1960s. There should be a basic overview of the history of splatter until today. In addition I will talk about all the barriers it had to overcome since its start. The next chapter will focus on the dealing with splatter movies by the German voluntary self-regulation of the movie industry (Freiwillige Selbstkontrolle - FSK) and its fine line to be a matter of censorship (which is not permitted in Germany at all). Critical Allegations will be discussed in the third chapter and theories of how the portrayal of violence could have an effect on the audience will be included.

The idea is to take a closer look on the splatter genre, which is a subject of controversial public discussion, is often accused wrongly and reduced to its graphic violence by many critics. It’s not my goal to determine, if movies, including graphic violence have bad effects on the viewer, because there are only theories of how it affects the mind and therefore it’s not possible to make a clear and proper statement. There should be a discussion of whether splatter movies are just violence packed perversities or if there is more behind it. Are splatter movies artistically and aesthetically significant or is there a grain of truth in the critic’s point of view?

Abstrakt (deutsch)

Als im Jahre 2003 das Remake des Horrorklassiker The Texas Chainsaw Massacre (dt. Titel: Blutgericht in Texas) in den Kinos veröffentlicht wurde und insgesamt über 100 Millionen Dollar an Einspielergebnissen aufweisen konnte, löste dies einen wahre Welle an Neuverfilmungen alter Filmklassiger des Horror- bzw. Splattergenres aus. Halloween (2007), The Hills Have Eyes (2006), Freitag der 13. (2009) und erst im April 2010 die Neufassung von Wes Cravens A Nightmare on ELm Street konnten Massen an Kinogängerinnen und Kinogängern mobilisieren.

Das Splattergenre mit seinem abschreckenden und blutigem Zeigegestus, das schon viele Male für tot und für irrelevant erklärt worden war, wurde neu belebt und sowohl für Produktionsfirmen als auch für ZuschauerInnen wieder interessant gemacht.

Das Genre als solches startete in den frühen 1960er Jahren und konnte seitdem KinogängerInnen und SittenwächterInnen gleichermaßen schocken und in helle Aufruhr versetzen. Durch die zuvor nie dagewesene Zeigefreudigkeit, was Gewaltakte und Monstrosität anbelangt, wurde dem Splattergenre alsbald der Ruf eines entarteten und verabscheuungswürdigen Auswuchses des Films zuteil. Die Regisseurinnen und Regisseure und die ins Kino strömenden ZuseherInnen wurden als Sinnbild für ein verfallendes Sittenbild ausgemacht und die Angst vor der Barbarisierung der Gesellschaft versetzte KritikerInnen in Angst und Schrecken.

Was mit Herschell Gordon Lewis’s Blood Feast im Jahre 1963 gestartet wurde, ebnete den Weg für unzählige Filme des Horror/Splattergenres und gilt auch heute noch als wegweisend für aktuelle Filmreihen wie Hostel (2005) oder Saw (2004).

Aber nicht nur die FilmemacherInnen arbeiten weiterhin an neuen Horrorstoffen, auch die KritikerInnen verstummten über die Jahre hinweg nicht. Sie richten immer noch schwere Anschuldigungen an den Splatterfilm und seine MacherInnen. So glorifiziere man durch die Filme Gewalt und bereite gerade Jugendliche, die besonders zugänglich für diese Filme seien, für den aktiven Gebrauch von Gewalt im realen Leben vor, bzw. werde deren Hemmschwelle zumindest enorm gesenkt, was die potentielle Anwendung von Gewalt betrifft.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich den Splatterfilm und seine Entwicklung näher betrachten. Es soll die Entstehungsgeschichte des Genres aufgezeigt werden und dabei anfangs Vorläufer und die Transformation von den Horroklassikern wie Frankenstein und Dracula in ein eigenes Filmgenre in den 1960ern behandelt werden. Danach soll eine historische Aufarbeitung erfolgen, die die Entwicklung des Genres bis zum heutigen Tage darstellt.

Im zweiten Kapitel der Arbeit soll der Fokus auf dem (rechtlichen) Umgang mit Splatterfilmen liegen. Die Arbeits- und Vorgehensweise der Freiwilligen Selbstkontrolle und anderen involvierten Stellen soll beleuchtet werden, und hierbei auch auf den schmalen Grad zur Zensur eingegangen werden. Dies wird anschließend auch an einem Fallbeispiel dargestellt.

Im abschließenden Kapitel sollen Wirkungstheorien zum Thema Gewalt behandelt werden. Wertungsfrei sollen diese Theorien dargelegt und ein kurzer Überblick vermittelt werden, welche Annahmen es zur Wirkung von fiktionaler Gewalt im Film auf die Rezipientinnen und Rezipienten gibt, bzw. inwiefern diese durch den Konsum von gewalttätigen Filmen, selbst ein höheres Gewaltpotential aufweisen könnten. Da es sich aber hier nur um Theorien handelt, soll, bzw. kann abschließend auch kein Urteil gefällt werden, sondern nur ein genereller Überblick verschafft werden.

Einleitung

1974 bot der amerikanische Regisseur Tobe Hooper sein Filmprojekt The Texas Chainsaw Massacre großen Hollywood-Studios an. Der vom Serienmörder Ed Gein inspirierte Film wurde jedoch von allen angefragten Studios als belanglos und nicht finanzierenswert angesehen und abgelehnt. Nachdem Hooper den Film als Independent-Produktion selbst umgesetzt hatte und letztlich doch in die amerikanischen Kinos bringen konnte, wandten sich KritikerInnen angewidert ab. Die Geschichte einer Kannibalenfamilie im amerikanischen Hinterland, die eine Gruppe von Teenagern nach und nach dezimiert, sei grausam, abscheulich und widerspreche jedem Sinn von gutem.Geschmack. 2003 spielt das Remake von Hoopers Werk weltweit über 100 Millionen US-Dollar an den Kinokassen ein und startet damit eine Welle an Neuverfilmungen von klassischen Splatterfilmen. Und auch das Original ist heute Bestandteil des Museum of Modern Art und gilt als Meilenstein der (Horror)Filmgeschichte.

The Texas Chainsaw Massacre ist nur ein Beispiel für ein Genre, das seit seinem Entstehen mit Vorurteilen und Anschuldigungen zu kämpfen hat. Und doch finden aktuell immer mehr neu aufbereitete Klassiker den Weg ins Kino und sprechen ZuschauerInnenmassen an.

Trotz dem unbestreitbaren Zuspruch seitens des Publikums wird dem Splatterfilm dennoch immer wieder der Kunstcharakter abgesprochen. Der Begriff Kunst ist in vielen Menschen immer noch als eine Darstellungsform des Schönen verankert. Eine Vorstellung, die Filme, in denen Menschen auf grausamste Weise zu Tode kommen, mutierte und verstümmelte Antagonisten Jagd auf Teenager machen und Gewalt und Grausamkeit einen hohen Stellenwert einnehmen, nicht erfüllen.

Splatterfilme zeigen Terror in Form von schockenden Konstellationen von auf Authentizität ausgerichteten Gewalt- und Ekelelementen mit modernen ästhetischen Bild- und Erzählstrategien. Der Schrecken in Form von Körperlichkeit ist seit langem eine treibende Kraft in der Gattung Film, die sich der Splatterfilm zunutze macht.

Das Interesse an der Auflösung und Verschiebung von Körpergrenzen- und Bildern, das Interesse des Menschen an der Öffnung des Körpers am Bildschirm ist scheinbar in vielen Rezipientinnen und Rezipienten verankert. Und diese Rezipientinnen und Rezipienten sind oftmals einem Rechtfertigungszwang ausgesetzt, denn die Frage, wie man Gefallen an einem Genre finden kann, das auf negative Emotionen wie Furcht und Abscheu setzt, ist für viele KritikerInnen nach wie vor unerklärbar.

Obwohl es heutzutage viele Antworten in Form wissenschaftlicher wie nichtwissenschaftlicher Abhandlungen gibt, rückt der Splatterfilm immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Insbesondere, wenn Gewaltverbrechen stattgefunden haben und die TäterInnen im Vorfeld Horror- oder andere Gewaltdarstellungen konsumiert haben sollen. Das Genre, dient ähnlich den sogenannten Killercomputerspielen, als willkommener Erklärungsversuch, wie es zu einer Verrohung der Gesellschaft kommen könne. So vertrat die heutige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Diskussionsrunde im deutschen Fernsehen 1992 die Ansicht, dass TVGewalt verrohe und ging sogar soweit, einen Zusammenhang zwischen Brutalität im Film und dem damals ausgebrochenen Bosnienkrieg herzustellen. Durch solche fragwürdigen Aussagen wird das negative Bild des Splatterfilms und seiner Rezipientinnen und Rezipienten gestärkt und, trotz einer in den letzten Jahren erkennbaren Aufwertung des Genres durch die Wissenschaft, geprägt.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich dieses umstrittene Genre näher betrachten. Zunächst soll der Begriff Splatter definiert werden um danach eine historische Aufarbeitung des Genres zu liefern. Hier soll auf die Anfänge und die Entstehung des Genres Splatter eingegangen und ein Überblick der Entwicklung bis zum heutigen Zeitpunkt geliefert werden.

Im zweiten Kapitel der Arbeit soll die Handhabung der Filme durch öffentliche Kontrollorgane im Mittelpunkt stehen und Institutionen wie die Frewillige Selbstkontrolle, die Bundesprüfstellen und zuständige Gerichte beleuchtet werden. Danach soll die Vorgehensweise an einem konkreten Fallbeispiel nachvollzogen und aufgezeigt werden.

Das dritte Kapitel widmet sich der Wirkung von Gewaltdarstellung auf die Rezipientinnen und Rezipienten. Hier werden wertungsfrei Theorien vorgestellt, die versuchen den direkten Zusammenhang zwischen fiktionaler Gewalt im Film und realen Gewalthandlungen zu erklären.

Ziel der Arbeit ist es, das umstrittene Genre aufzuarbeiten, dessen Entwicklung aufzuzeigen, die öffentliche Handhabung mit dem vorurteilbehafteten Genre zu beleuchten und zu versuchen, eine kurze Abhandlung über Wirkungstheorien, die Effekte auf die Rezipientinnen und Rezipienten zu erklären versuchen, zu liefern.

Es soll versucht werden, folgende Forschungsfrage zu beantworten:

Wie entwickelte sich das Genre Splatterfilm, wie gestaltet sich die öffentliche Handhabung und wie könnte sich die im Genre gezeigte Gewalt auf die Rezipientinnen.und.Rezipienten.auswirken?

Definition Splatter

Splatter bezeichnet sowohl ein Subgenre des Horrorgenres als auch eine Ästhetik, die sich im Laufe der Filmgeschichte auch außerhalb des Horrorgenres durchgesetzt hat. Zusammengesetzt aus den englischen Wörtern to splash und to spatter, die beide am besten mit dem deutschen Wort spritzen übersetzt werden. Dies bezieht sich vor allem auf das Spritzen von Blut, welches in Filmen, die dem Genre Splatter zuzuordnen sind, exzessive verwendet wird. Hierbei steht oft die detaillierte Darstellung von Gewalt und deren Auswirkungen auf den menschlichen Körper im Vordergrund. Gewaltsame Akte werden so aufgelöst, dass den ZuschauerInnen die Art und Schwere der Verletzungen des Körpers direkt vor Augen geführt wird. Der Blick auf die Wunde wird zum wiederkehrenden Merkmal und nahe Kameraeinstellungen, die gewaltsame Akte detailgenau aufnehmen, sind in großem Ausmaß vertreten.

Durch die, im Vergleich zu anderen Genres, oftmals höhere Anzahl von Gewaltakten wird der Splatterbegriff oft ausschließlich mit dem Horrorfilm in Verbindung gebracht, was aber heutzutage nicht mehr ausschließlich der Fall ist. So hielt die Ästhetik des Splatters Einzug in die verschiedensten Filmgenres und ist heutzutage in unzähligen Produktionen abseits des Horrorgenres zu finden.

War die den Zuseherinnen und Zusehern gezeigte Enthauptung der grausame Höhepunkt im Horrorstreifen Freitag der 13., findet man ähnliche Szenen heute auch in Filmen wie Gladiator oder auch in Herr der Ringe: Die Gef ä hrten, die grundsätzlich nicht dem Genre des Horrorfilms zuzuordnen sind. Auch in Fernsehproduktionen wie Emergency Room, CSI oder Greys Anatomy sind reichlich Splatterelemente vertreten. Geöffnete Brustkörbe, detailreiche Obduktionsszenen sind Beispiele, die man früher in ihrem Zeigegestus dem Horrorgenre zugeschrieben hätte.

So muss also grundsätzlich unterschieden werden zwischen dem Splatter als Subgenre des Horrorfilms und der Ästhetik selbst, die Einzug in verschiedenste Bereiche von Film- und TVProduktionen gehalten hat. In der vorliegenden Arbeit soll vor allem das Horrorfilmgenre Splatter behandelt werden, wenngleich auch in der historischen Betrachtung des Genres auch auf Filme, abseits des Horrorkinos, eingegangen wird, die durch ihre Ästhetik, ihre Erzählweise und ihren Aufbau, Vorreiter für das Entstehen des eigenen Genres waren.

1. Splatter

- die historische Aufarbeitung eines Genres

1.1 Vorläufer und das menschliche Verlangen nach Gewalt

Der Horrorfilm gestalte sich in seinen Anfangsjahren größtenteils unblutig und definierte sich durch Spannung und Suspense, auf blutige Schock-Effekte und explizite Gewaltdarstellung wurde nicht nur aufgrund der noch nicht überzeugend genug wirkenden Effekte verzichtet. Dass die ZuschauerInnen, beziehungsweise die Menschen an sich, aber nach expliziten Darstellungen lechzten, war nicht erst am Medium Film zu beobachten.

Das menschliche Verlangen nach Gewalt ist nämlich im Grunde genommen genauso alt wie die Menschheit selbst. Regisseur John Carpenter beschreibt den Menschen an sich als blutrünstig. Wes Craven ergänzt, dass die ersten Werkzeuge, die der Mensch aus Stein gefertigt hatte, solche waren, die es möglich machten zu töten, Körper zu öffnen und Haut abzuziehen. Carpenter geht sogar noch weiter und schreibt dem Menschen tief im Inneren ein Reptilienhirn zu und genau dieser Teil des Menschen sei kaltblütig, töte und schere sich nicht darum. Dazu habe es auch fiktionalen Horror schon immer gegeben. Nimmt man als Beispiel Homers Odyssee, so ist diese gespickt mit Monstern und Zyklopen. Auch für die Römer stellte es Nervenkitzel dar, wenn Menschen in Gladiatorenkämpfen von Tieren zerrissen wurden, beziehungsweise untereinander bis zum Tode kämpften. Die Menschen strömten in Massen in die Arenen, um sich an diesen blutrünstigen Kämpfen bis zum erbitterten Tod zu ergötzen. Das dunkle, nach Blut lechzende Verlangen steckt laut Meinung der oben genannten Filmemacher zutiefst und seit Menschengedenken in uns. (vgl. Bell et al. 2007)

Diese Annahme machte sich auch das 1887 vom Regisseur Oscar Metenier eröffnete Pariser Theatre du Grand Guignol (zu deutsch: großes Kasperltheater) zunutze. In den kommenden 60 Jahren zeigte es als weltweit erstes Horror-Theater makabre Aufführungen, gespickt mit Vergewaltigung, Folter und entfesselter Gewalt vor einem voyeuristischen Publikum. Tausende Stücke wurden geschrieben und aufgeführt, das Ausstechen von Augen, Aufschlitzen der Kehle, brennende Gesichter oder gepfählte Körper waren keine Seltenheit. (vgl. Grand Guignol Online 2006[1] )

Der heutzutage wohl bekannteste Special Effects- und Make-Up-Artist Tom Savini sieht in dem Theater, beziehungsweise in dessen BesucherInnen und Besuchern die direkten VorgängerInnen der heutigen Splatterfans und streicht dadurch das schon immer vorhandene Verlangen der Menschen nach solchen Aufführungen heraus, was den Splatterfilm eigentlich nicht als eine Erfindung und ein Phänomen des 20. Jahrhunderts gelten lässt, sondern einfach eine neue Umsetzung am Medium Film darstellt. (vgl. Bell et al. 2007) Dem Theatre du Grand Guignol wird heute generell von vielen Regisseurinnen und Regisseuren ein großer Anteil an der Entwicklung dessen bescheinigt, was sich später zum Splatterfilm entwickeln sollte.

Zu den ersten filmischen Beispielen, die Elemente der Splatter-Ästhetik verwendeten, zählt Luis Bunuels Un Chien Andalou (deutscher Titel: Ein andalusischer Hund). Hier lässt sich schon 1929 der Zeigegestus erkennen, den man später mit dem Splatterfilm selbst verbindet. (vgl. Höltgen 2005, 20)

Obwohl der Film selbst nicht dem Horrorgenre zuzuordnen ist, beinhaltet er wahrscheinlich die erste auf Zelluloid gebannte Filmszene, die man heute als Splatterinszenierung beschreiben würde. Der in Kollaboration mit dem Surrealisten Salvatore Dali entstandene 16-minütige Kurzfilm zeigt den Zuschauerinnen und Zuschauern in einer Close-Up-Einstellung das Aufschneiden eines Auges durch eine Rasierklinge. Zur damaligen Zeit eine vollkommene Neuheit in der Drastik des Gezeigten.

Hier zeigt sich auch schon ein Grundprinzip des Horrors- und der Splatterästhetik. Wie der pornographische Film zielt er auf eine direkte körperliche Reaktion ab. Die Faszination vom Körper, das Entsetzen einen Körper zu haben und was diesem zustoßen könnte, ist eine typisch postmoderne Qualität des zeitgenössischen Horrorfilms. (vgl. Moldenhauer et al. 2008, 10)

Es folgten Produktionen wie Dwain Espers surrealistischer Film Maniac (1934), der heute als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten gilt. Hier beobachten die Rezipientinnen und Rezipienten eine Katze beim Spielen mit einem menschlichen Herzen. Eine Szene, der heutzutage wohl vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteilwerden würde, damals aber ebenfalls Grenzen des Zeigbaren überschritt.

Zu den ersten im Film gezeigten extremen Gewaltdarstellungen, fernab des klassischen Horrorgenres, ist auch der Propagandafilm The Eternal Jew zu zählen. Der 1940 vom nationalsozialistischen Regime im Stile einer Dokumentation inszenierte Film zeigt das Schlachten einer Kuh durch eine Gruppe von Juden, um koscheres Fleisch zu erlangen. Der Film, dessen Intention in der Inszenierung der Juden als Feindbild Deutschlands lag und der das deutsche Volk auf die Endlösung der Judenfrage einstimmen sollte, zeigt detailgenau wie die Gruppe einer Kuh die Kehle durchschneidet, um sie danach, am Boden liegend, verbluten zu lassen. Diese Szenen wurden in der Fassung, die für Frauen und Kinder bestimmt war, jedoch herausgeschnitten. Adolf Hitler selbst beschrieb die Szenen als Indiz für den Charakter einer Rasse, die ihre stumpfe Rohheit unter dem Mantel frommer Religionsausübung verbergen würde. (vgl. Hornshøj-Møller 1998 [2] )

1.2 Vom Monster zum Menschen oder „das Monster Mensch“

Im Jahre 1957 war The Curse of Frankenstein (Frankensteins Fluch) von Regisseur Terence Fisher der erste Film, der Blut wirklich als Rot darstellte und dem eine ganze Reihe von Filmen der Produktionsfirma „Hammer“ folgen sollten, die dem Blut im Film eine größere Bedeutung zukommen ließen. Die britische Produktionsfirma prägte das Bild der Horrorfilme in den 50er und 60er Jahren. Man orientierte sich an den klassischen Horroradaptionen wie Frankenstein und Dracula und verlieh dem Horrorgenre durch den Zusatz von Blut und gezeigter Gewalt eine neue Wirkung. Grausamkeit wurde immer stärker inszeniert und viele Filme legten erstmals den Fokus klar auf Gewaltdarstellungen. (vgl. Meteling 2006, 69)

Das Ende der 50er Jahre wird generell oftmals als der Übergang vom klassischen zum modernen Horrorfilm bezeichnet, da „mimetisch-illusionistische Erzähltechniken“ im klassischen Horrorfilm „standartisierten Erzählmustern“ wichen, getaucht in immer drastischere Blutbilder. Während diesem Übergang bildete sich der Splatterfilm als eigenständiges Subgenre heraus. (vgl. McCarthy 1984, 48; Hofmann 1994, 7)

Standen zunächst Monster und Sagengestalten wie Dracula und Frankensteins Monster im Mittelpunkt der frühen Horrorfilme, was den Rezipientinnen und Rezipienten immer noch das Schlupfloch zurück in die Realität ließ, wandte man sich zu Beginn der 60er Jahre immer mehr dem „Monster Mensch“ zu. Man entfernte sich vom Bild der Antagonistin bzw. des Antagonisten fernab der Realität und ließ den Menschen aus Fleisch und Blut selbst in die Rolle des Bösewichts schlüpfen. Dies war zwar bei weitem kein neuer Gedanke im Horrorgenre, jedoch kam es zu dieser Zeit auf jeden Fall zu einer Neuorientierung des Horrors.

Dass gerade zu dieser Zeit Serienmörder wie Ed Gein die Schlagzeilen beherrschten könnte als weiteres Indiz angeführt werden, dass man sich nun auch medial dem Bösewicht Mensch intensiver widmete. (vgl. Bell et al. 2007)

1960 erschienen sowohl mit Alfred Hitchcocks Psycho als auch Michael Powells Peeping Tom (deutscher Titel: Augen der Angst) zwei Klassiker des Horrorgenres. Das phantastische Monster, dem man die Monstrosität am nicht-menschlichen Körper ansieht, wird hier nun durch die Figur der menschlichen, psychopatischen SerienmörderInnen ersetzt. (vgl. Meteling 2006, s70) Diese wurden weder in Frankensteins Labor erschaffen, noch hausen sie in fernen Schlössern Transsilvaniens. Es ist das Monster Mensch, das uns eventuell tagtäglich auf der Straße begegnen könnte, das uns auf der Leinwand das Fürchten lehrt.

Während Hitchcocks Psycho von Zuschauerinnen und Zuschauern und Kritikerinnen und Kritikern gefeiert wurde, bedeutete nur wenige Monate zuvor das Erscheinen von Peeping Tom fast das Ende der Karriere von Michael Powell. Zu entrüstet zeigte sich das Publikum und Powell war für viele Jahre als Scharlatan des Films gebrandmarkt, was Produzentinnen und Produzenten davon abhielt, Powell für weitere Projekte zu engagieren.

Auch für Karlheinz Böhm, der in Peeping Tom die Hauptfigur, einen mit seinem Kamerastativ mordenden Kameramann spielt, war die Hollywoodkarriere durch die negative Resonanz, die dem Film aufgrund seiner beklemmenden Thematik entgegenschlug, schlagartig beendet. Gerade für Böhm, der ursprünglich nach Hollywood gegangen war, um endlich aus der Rolle des Kaiser Franz-Joseph der Sissi Filme auszubrechen und versuchte als Schauspieler in anderen Rollen ernstgenommen zu werden, war dies ein Tiefschlag in seiner Karriere.

Erst knapp zwei Jahrzehnte später wurden die eigentliche Qualität des Filmes und demzufolge auch die seines Regisseurs und dessen Hauptdarstellers erkannt und zu Recht mit Lob überhäuft. Heute gilt Powells Werk als einer der Meilensteine der Horrorfilmgeschichte, wenngleich er für immer im Schatten des beinahe zeitgleich erschienenen Psycho stehen wird.

In Punkto Gewaltdarstellung sind beide Streifen aber (bewusst) noch sehr zurückhaltend, was man am besten an der weltberühmten Mordszene in der Dusche in Psycho beobachten kann. Die Schnittsequenz zeigt in schneller Abfolge allein die Filmkader um die tödlichen Wunden herum, die Verletzungen selbst werden jedoch nicht gezeigt, sondern nur angedeutet. (vgl. Köhne et al. 2005, 11)

1.3..Remember,.it’s.just.a.movie.-.Der.Beginn.des.Splatters

Drei Jahre später, 1963 erscheint der Film Blood Feast von Regisseur Herschell Gordon Lewis. Lewis hatte sich in den Jahren zuvor an damals äußerst beliebten Sexfilmchen versucht. Da es ihm aber immer mehr Regisseurinnen und Regisseure gleichtaten, wurde der kurzfristig äußerst lukrative Markt dieser Filme (da mit minimalen Produktionskosten verbunden) bald schon mit massenhaft Produktionen überschwemmt. Lewis suchte eine neue Möglichkeit um mit Filmen mit vergleichsweise geringen Drehkosten Gewinn zu machen und entschied sich alsbald für den Dreh eines Horrorfilms. Der obligatorische Hinweis in späteren Filmtrailern von Lewis „Remember, it’s just a movie“ und die Aufforderung an Menschen mit Herzproblemen und an Schwangere, den Kinosaal besser zu verlassen, hätte auch bei dem daraus entstandenen Werk Blood Feast absolut seine Berechtigung. Lewis Filme verdeutlichen eine Tendenz des Splatterfilms, die danach oftmals zum Selbstläufer wurde: Gewalt wurde detailliert dargestellt und diente zeitweise immer weniger der narrativen Unterstützung, sondern geriet immer häufiger zum Selbstzweck. (vgl. Höltgen. 2005, 21)

Gleich in der ersten Szene des Films beobachtet man eine junge nackte Frau in der Badewanne, die von einer Stimme aus dem Radio noch vor einem Serienmörder gewarnt wird, der danach aber auch schon das Bad betritt und auf die wehrlose Frau einsticht. Die Kamera verfolgt unbewegt aus einer distanzierten Nahaufnahme, nur kurz unterbrochen durch einen Schuss- Gegenschuss, wie dem Opfer zuerst ein Auge ausgestochen und danach ein Arm abgeschnitten wird. Die Handlung rund um einen wirren Diener der ägyptischen Göttin Ischtar, die er mit Körperteilen seiner weiblichen Opfer wiederbeleben will, steht ganz klar nicht im Mittelpunkt des Geschehens, vielmehr folgt eine Aneinanderreihung von blutigen Akten, die das Quälen und die anschließende Ermordung.der.Opfer.zeigt. (vgl. Meteling 2006, 71; Lewis 1963)

Der Autor John McCarty beschreibt die Gewaltdarstellungen folgendermaßen:

„In Nahaufnahmen und meistens ohne einen einzigen Schnitt offenbart uns Lewis, wie

einer Frau die Zunge oder einer anderen das Gehirn herausgerissen wird und wiederum

andere Fleisch- und Blutpuppen zerhackt und zerrissen werden.“ (1984, 48)

Lewis baute also rudimentär auf überschaubare Handlungsstränge und Figurenkonstellationen und bediente sich, bedingt durch die geringen Produktionskosten, weniger einer Spielfilmatmosphäre, sondern eher einer authentisierenden Ästhetik des Dokumentarfilms. Diese Ästhetik sollte sich auch in den folgenden Teilen der „Blood Trilogy“2000 Maniacs (1964) und Color Me Blood Red (1965) fortsetzen. Gordon Herschell Lewis wird heute oftmals als der Erfinder des Splattergenres bezeichnet und wird deshalb auch „Godfather of Gore“ genannt. (vgl. Kuschke 2005, 152)

1.4 Die Nacht der lebenden Toten - Splatter wird zum Mainstreamkino

Können die Filme von Gordon Herschell Lewis zwar als Startschuss für den eigentlichen Splatterfilm bezeichnet werden, dauerte es doch noch fünf Jahre, bis erstmals auch ein kommerziell erfolgreicher und von der breiten Öffentlichkeit beachteter Film den Weg ins Kino fand. 1968 schuf der US-Amerikaner George A. Romero einen der wohl stilprägendsten und bekanntesten Splatterfilme überhaupt: Night Of The Living Dead (deutscher Titel: Die Nacht der lebenden Toten).

Romero lässt in seinem Werk in Schwarz-Weiß-Bildern, die direkt aus den Nachrichtensendungen über die damals anhaltenden Rassenunruhen in den USA stammen könnten, die Toten wiederauferstehen und schuf damit einen Kultklassiker des Zombie- als auch des Splatterfilms. Der Film, dem bis heute sechs Fortsetzungen folgen sollten, wurde zum profitabelsten Horrorfilm aller Zeiten und hinterließ geschockte KinogängerInnen. Vor allem die oben erwähnte Authentizität war so noch nie zuvor gesehen worden und blieb auch bei Kritikerinnen und Kritikern nicht unbemerkt. Der bekannte Filmkritiker Roger Ebert beschreibt den Kinobesuch von Night Of The Living Dead folgendermaßen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Night of The Living Dead

“The kids in the audience were stunned. There was almost complete silence. The movie had stopped being delightfully scary about halfway through, and had become unexpectedly terrifying. […] I don't think the younger kids really knew what hit them. They were used to going to movies, sure, and they'd seen some horror movies before, sure, but this was something else. […] Censorship isn't the answer to something like this. Censorship is never the answer, […] but I don't know how I could explain it to the kids who left the theater with tears in their eyes.” (Ebert 1967[3] )

[...]


[1] http://www.grandguignol.com

[2] http://www.holocaust-history.org/der-ewige-jude/millersville-19980427.shtml

[3] http://rogerebert.suntimes.com/apps/pbcs.dll/article?AID=/19670105/REVIEWS/701050301/1023

Details

Seiten
41
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640837342
ISBN (Buch)
9783640837632
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167285
Institution / Hochschule
Fachhochschule Salzburg
Note
1
Schlagworte
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Titel: Splatter - Der Moderne Horror