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Michael Walzer - Gerechtigkeit als komplexe Gleichheit

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zum Denkansatz Walzers
2.1. Geisteshaltung Walzers, die sich in seinem Programm artikuliert
2.2. Vorbemerkung zu den Sphären

3. Die Entfaltung der Gerechtigkeitstheorie Walzers
3.1. Die Operationsbasis: Eine pluralistische Gütertheorie
3.2. Die Grundnorm: Komplexe Gleichheit
3.2.1. Einfache Gleichheit
3.2.2. Komplexe Gleichheit

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema Gerechtigkeit beschäftigt die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Zu aller Zeit versuchten die Menschen – und sie versuchen es immer noch - festzulegen, was als gerecht anzusehen ist und was als ungerecht gilt. Es gibt heute, genau wie damals, die verschiedensten Ansichten, welcher Weg eingeschlagen werden soll, um die Welt gerecht zu machen. Platon schuf mit seinem Werk Politeia eines der ältesten Werke des Abendlandes, das der Gerechtigkeit gewidmet war. Knapp 50 Jahre später, etwa in der Mitte des 4. Jahrhunderts vor Christus, entstand Aristoteles‘ fünftes Buch der Nikomachischen Ethik, in dem dieser Grundlegendes zum Thema Gerechtigkeit festhielt.[1] Sein Werk besitzt heute noch Gültigkeit, obwohl die Strukturen der meisten Gesellschaften - im Vergleich zur damaligen Zeit – viel komplizierter geworden sind. Der Umfang der zur Verfügung stehenden Güter ist im Laufe der Zeit immens angestiegen. Die Tauschaktivitäten moderner Industriegesellschaften (und ggf. auch anderer Gesellschaften) sind kaum noch zu überblicken. Dieser Pluralität trägt Michael Walzer, ein amerikanischer Philosoph, in seiner Gerechtigkeitstheorie Rechnung. Sein Werk entstand in Auseinandersetzung mit dem Werk A Theory of Justice (1971) von John Rawls in den 1980er Jahren. Walzer war der Meinung, dass die in Rawls‘ Werk vertretenen Thesen der Gesellschaft, wie sie in Wirklichkeit ist, nicht gerecht werden, da diese auf deren Vielfältigkeit nicht eingehen.

In der folgenden Arbeit soll die Gerechtigkeitstheorie Michael Walzers dargelegt werden, die er in seinem Werk Sphären der Gerechtigkeit entfaltet. Das Thema dieser Arbeit „Gerechtigkeit als komplexe Gleichheit“ ergibt sich dabei insofern, als dass Walzer sein Hauptaugenmerk auf die komplexe Gleichheit richtet. Wie es dazu kommt, wird sich im Verlauf der Arbeit zeigen.

In einem ersten Schritt soll die Geisteshaltung Walzers dargelegt werden, sozusagen die Voraussetzungen, auf die er seine komplette Theorie stützt. Anschließend folgt eine Vorbemerkung zu den Sphären, da diese eine Grundvoraussetzung sind, damit das System der komplexen Gleichheit realisiert werden kann. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit Walzers pluralistischer Gütertheorie. Hier wird erörtert, welche Arten von Gütern in seinen Augen relevant sind und dass sich deren Verteilungskriterien grundlegend unterscheiden. Nachdem die Grundlagen dargelegt wurden, die notwendig für Walzers Theorie vorausgesetzt werden, soll die komplexe Gleichheit als Grundnorm in den Blick genommen werden. Hierbei bedarf es zuerst einer Erläuterung, weshalb die einfache Gleichheit von Walzer als nicht auf Dauer realisierbar abgelehnt wird und dass es aus seiner Sicht sinnvoller ist gegen die Dominanz anstatt gegen das Monopol an sich vorzugehen.

Abschließend werden in einem kurzen Resümee die wichtigsten Merkmale der Gerechtigkeitstheorie zusammengefasst.

An dieser Stelle soll noch kurz darauf hingewiesen werden, dass diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es werden lediglich die Grundzüge seiner Gerechtigkeitstheorie erläutert, um einen allgemeinen Einblick in die Thematik zu erhalten. Genauere Analysen können in der folgenden Arbeit nicht geleistet werden, da diese den vorgegebenen Rahmen sprengen würden.

2. Zum Denkansatz Walzers

2.1. Geisteshaltung Walzers, die sich in seinem Programm artikuliert

Walzer verleiht seiner „Geisteshaltung, die der Theorie der Gerechtigkeit zugrunde liegt“[2] im letzten Abschnitt seines Werkes Ausdruck. Er setzt hier drei Begriffe in Beziehung zueinander. In der deutschen Übersetzung von Walzers Werk lässt sich die Relation dieser Begriffe nicht so detailgenau erläutern, wie im englischen Original. Christoph Seibert beschäftigt sich in seinem Werk Politische Ethik und Menschenbild mit der englischen Originalfassung Spheres of Justice. Er verwendet hierbei die von Walzer gebrauchten Begriffe „opinions of mankind“, „individual minds“ und „social meanings that constitute our common life“.[3] Er geht davon aus, „dass Walzer sein eigenes Programm vor dem Hintergrund einer Prämisse entfaltet, welche die Anerkennung von Differenzen innerhalb der Menschheit zur Tugend erklärt“[4]. Betrachtet man die drei genannten Begriffe noch zusätzlich unter der genannten Prämisse, so kann davon ausgegangen werden, dass Walzer die Menschheit nicht als ein Ganzes sieht, denn er will gerade die Differenzen der Menschen anerkennen. „Ansichtig ist die Menschheit somit nur in Form ihrer individuellen Realgestalten. Und diese differieren nach Walzer nicht nur im Blick auf ihre zeitliche und räumliche Situation, sondern[…] gerade auch im Blick auf ihre gemeinsam ausgebildeten Lebensideale und Lebensformen“[5]. Zusammenfassend lässt sich hierzu sagen, dass es die Menschheit als abstraktes Ganzes nicht gibt, es sind die einzelnen Menschen und deren verschiedene soziale Hintergründe, die hier betrachtet werden müssen, da sonst der Verschiedenheit einzelner Menschen, die ja de facto die Menschheit bilden, nicht die Beachtung geschenkt wird, die ihr zu eigen ist. Wichtig ist hierbei noch zu betonen, dass Walzer sein Augenmerk nicht auf die Meinung eines einzelnen Individuums legt, sondern auf die Meinung einer breiten Masse von Individuen, die Einfluss auf das Zusammenleben hat.[6]

Walzers Meinung nach wäre es nicht sinnvoll eine Theorie aufzustellen, die mehr als ein Volk in Augenschein nimmt, denn „nähmen wir den gesamten Erdball als unseren Rahmen, dann müßten wir etwas imaginieren, was bislang nicht existiert: eine Gemeinschaft, die alle Menschen überall einschließt“[7]. In einer politischen Gemeinschaft fühlen sich die Menschen untereinander verbunden, doch zwischen allen Völkern der Erde ist eine enge Verbundenheit nicht gegeben. „Die Anerkennung der unterschiedlichen kulturellen Eigenlogiken fordert daher eine jeweils kulturspezifische Ausarbeitung von distributiver Gerechtigkeit.“[8] Somit entwirft Walzer seine Gerechtigkeitstheorie im Hinblick auf die Gesellschaft der USA, da sich jede Kultur durch ihre Eigenarten und Eigenschaften von anderen unterscheidet.

Er sieht eine bestehende Gesellschaft dann als gerecht an, wenn sich die soziale Praxis in Übereinstimmung mit allen Mitgliedern vollzieht.[9] Wie er sich das im Einzelnen vorstellt, wird sich im Laufe dieser Arbeit noch deutlicher herausstellen.

2.2. Vorbemerkung zu den Sphären

In diesem Kapitel soll eine kurze Vorbemerkung zu den Sphären erfolgen, in die Walzer das gesellschaftliche Leben einteilt. Es wäre durchaus möglich diese Bemerkungen zu einem späteren Zeitpunkt einzugliedern, doch könnten sich die hier gegebenen Informationen als wichtig für das weitere Verständnis dieser Arbeit herausstellen.

Da Walzers Gerechtigkeitstheorie darauf basiert, dass „die menschliche Gesellschaft […] eine Distributions-, eine Verteilungsgemeinschaft [ist]“[10], liegt sein Augenmerk auf einer gerechten Verteilung der vorhandenen Güter. Menschen drücken sich durch ihren Besitz aus, sie geben etwas davon an Andere oder tauschen es, das ist eine der häufigsten Gründe weshalb sie untereinander zusammenkommen. Die Menschen imaginieren die unterschiedlichsten Güter, die sie gerne besitzen würden, daraus ergeben sich eine ungeheure Gütervielfalt und ebenso viele Verteilungsverfahren. Um dieser Pluralität gerecht zu werden, „vertritt Walzer die Vorstellung einer Eigenständigkeit von Gerechtigkeitsregeln und der Autonomie einzelner Verteilungssphären“[11]. Er teilt das gesellschaftliche Leben in Sphären ein, da die verschiedenen Güter nach den unterschiedlichsten Distributionsregeln verteilt werden. Für Walzer steht fest, dass es die eine universelle Verteilungsregel nicht geben kann: „[J]edes der Güter [ist] nach seinen ihm eigentümlichen Gerechtigkeitsgründen und in Übereinstimmung mit der Bedeutsamkeit zu verteilen, die es für eine bestimmte Gruppe von Menschen hat.“[12]

Walzer unterscheidet insgesamt elf Sphären: Mitgliedschaft und Zugehörigkeit, Sicherheit und Wohlfahrt, das Amt, harte Arbeit, Freizeit, Geld und Ware, Erziehung und Bildung, Anerkennung, politische Macht, Verwandtschaft und Liebe, göttliche Gnade. In jeder dieser Sphären werden die ihnen angehörenden Güter nach den unterschiedlichsten Verteilungsregeln verteilt, keine ist mit der anderen zu vergleichen oder in eine Rangordnung zu bringen, genau das macht ihre Pluralität aus. Walzer versucht nicht einmal diese zu universalisieren, er beschreibt lediglich deren Eigenschaften, so wie er meint, dass sie tatsächlich in der Gesellschaft vorhanden sind. Er erhebt keinen Anspruch darauf, dass seine Sichtweise die einzig mögliche ist, zudem betont er, dass diese Abgrenzung der Sphären mehr eine Kunst als eine Wissenschaft darstellt.[13]

Soweit einige Vorbemerkungen zu der Trennung der einzelnen Sphären voneinander, dieses Thema wird in Kapitel 3.2.2. – bei der Erläuterung der komplexen Gleichheit – wieder aufgegriffen.

3. Die Entfaltung der Gerechtigkeitstheorie Walzers

3.1. Die Operationsbasis: Eine pluralistische Gütertheorie

Walzer legt in dem gleichnamigen Kapitel seine Theorie der Güter dar, die er für notwendig erachtet, um zu klären, was er unter dem Begriff Güter überhaupt versteht. Ebenfalls weist er darauf hin, dass die zu verteilenden Güter nicht einfach da sind, sondern „Menschen ersinnen und erzeugen Güter, die sie alsdann unter sich verteilen“[14]. Damit verweist Walzer darauf, dass der Güterprozess natürlich nicht erst mit der Verteilung beginnt, sondern das Ausdenken und Fertigen spielt dabei auch eine entscheidende Rolle.

Von Belang für die Verteilungsgerechtigkeit Walzers sind die sozialen Güter, also Güter, die für eine breite Masse relevant sind. Hier verhält es sich, wie bei seiner Betrachtungsweise der Menschheit: Es sind die einzelnen Menschen, die relevant sind, allerdings nur insofern ihre Meinung sich auf das Kollektiv auswirkt und das geschieht dann, wenn eine größere Anzahl das Gleiche ersinnt. Auf die Güter bezogen bedeutet das wiederum, dass lediglich diejenigen zu betrachten sind, die nicht nur für den Einen oder Anderen vereinzelt relevant sind, sondern für eine Vielzahl von Menschen gleichermaßen. Wobei Walzer sogar bezweifelt, ob es eine Art privater Güter überhaupt geben kann.[15]

Zwischenmenschliche Beziehungen drücken sich meist durch den Besitz und den Tausch sozialer Güter aus, weshalb hieraus Herrschaftsansprüche gegenüber anderen abgeleitet werden können. Hier setzt Walzers kritischer Blick auf die Gesellschaft an, er versucht zu zeigen, dass sich bestimmte Methoden, wie sich verschiedene Menschen oder Gruppen Güter aneignen, im Grunde gegen die im Menschen intrinsisch vorhandene Vorstellung der Verteilung von Sozialgütern bewegen.[16]

Für Walzer besteht kein Zweifel daran, dass die Komplexität sozialer Verflechtungen sich nicht einfach aufheben lässt. Da jeder Mensch eine andere Vorstellung davon hat, welche Güter er besitzen möchte und da heutzutage in einer Gesellschaft zumeist mehrere Millionen Menschen leben, potenzieren sich folglich auch die Güter und die ihnen eigenen Verteilungsweisen ins Unermessliche und Unüberschaubare. Daher besteht für ihn auch keine Möglichkeit ein Set an Grundgütern auszuwählen, dass alle Menschen gleichermaßen begehren könnten. Die Pluralität, die real in einem Volk vorherrscht, lässt sich nicht auf einige wenige Güter zusammenschrumpfen. Daraus folgt logisch, dass es auch kein einzelnes Verteilungskriterium für so viele verschiedene Güter geben kann, da dies schlichtweg nicht möglich wäre.[17] Jede Sphäre folgt ihren eigenen Kriterien: „unterschiedliche Güter für unterschiedliche Personengruppen aus unterschiedlichen Gründen auf der Basis unterschiedlicher Verfahren“[18]

Walzer beschreibt in einem weiteren Punkt, dass sich die Bedeutung der sozialen Güter wandelt und mit ihnen die Distributionskriterien. Aus diesem Grund kann eine Gerechtigkeitstheorie auch nur anhand der momentan zu beobachtenden Gesellschaft erarbeitet werden. Er spielt darauf an, dass sich die Bedeutung verschiedenster Dinge im Laufe der Zeit ändern kann und dass sein Werk somit nicht in der Lage ist eine allgemeine Gültigkeit zu beanspruchen. Dennoch gibt es „Schlüsselgüter, deren, man könnte fast sagen, charakteristische, normative Verteilungsstrukturen sich über Grenzen (wenn auch nicht über sämtliche) von Zeit und Raum hinweg immer wieder durchgesetzt haben“[19]. Seibert nennt hier Güter wie Nahrung oder Familie, Notwendigkeit von Ämtern oder Strafen. Doch auch wenn diese Güter eine Art übergreifende kulturelle Bedeutung besitzen, so besteht dennoch, weder zwischen ihnen, noch in zeitlich-historischer Sicht, ein einheitliches Verteilungskriterium, auch dieses muss anhand der jeweils geltenden Praxis ermittelt werden.[20]

[...]


[1] Vgl. Höffe, Otfried: Gerechtigkeit. Eine philosophische Einführung. München ³2007, S. 20ff.

[2] Walzer, Michael: Sphären der Gerechtigkeit. Ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit. Aus dem Englischen von Hanne Herkommer. Frankfurt/New York 1994, S. 45.

[3] Vgl. Seibert, Christoph: Politische Ethik und Menschenbild. Eine Auseinandersetzung mit den Theorieentwürfen von John Rawls und Michael Walzer. Stuttgart 2004, S. 189.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Walzer: Sphären der Gerechtigkeit, S. 451.

[7] Ebd., S. 62f.

[8] Seibert: Politische Ethik und Menschenbild, S. 190.

[9] Vgl. ebd., S. 192.

[10] Walzer: Sphären der Gerechtigkeit, S. 26.

[11] Frühbauer, Johannes J.: Ungleichheit rechtfertigen. Notizen zur Idee der ‚komplexen Gleichheit‘ und zur Balance zwischen Freiheit und Gleichheit, in: Kurzke-Maasmeier, Stefan u.a. (Hg.): Baustelle Sozialstaat! Sozialethische Sondierungen in unübersichtlichem Gelände. Münster 2006, S. 44.

[12] Walzer: Sphären der Gerechtigkeit, S. 12.

[13] Vgl. ebd., S. 12.

[14] Ebd., S. 31.

[15] Vgl. ebd., S. 32f.

[16] Seibert: Politische Ethik und Menschenbild, S. 198.

[17] Vgl. ebd., S. 201ff.

[18] Walzer: Sphären der Gerechtigkeit, S. 58.

[19] Ebd., S. 35.

[20] Vgl. Seibert: Politische Ethik und Menschenbild, S. 203 (insb. Fußnote Nr. 59).

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640837250
ISBN (Buch)
9783640837663
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167244
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Schlagworte
Gerechtigkeit Walzer Gleichheit komplex einfach Dominanz Monopol Pluralität Spheres of justice options of mankind individual minds social meanings Ethik Menschenbild Grundnorm

Autor

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Titel: Michael Walzer - Gerechtigkeit als komplexe Gleichheit