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Ist Lyrik übersetzbar?

Original und Übersetzung von Lejb Kwitkos „Di Wig“ stehen sich gegenüber

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.2 Sind Gedichte übersetzbar?
1.2 Das Jiddische im Gegensatz zum Deutschen

2. Kontrastive Gedichtanalyse von „Di Wig“ und „Die Wiege“
2.1 Formale Analyse
2.2 Semantische und syntaktische Analyse
2.3 Interpretation

3. Versuch einer neuen Übersetzung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Übersetzung von literarischen Texten im Allgemeinen ist in der Literaturwissenschaft generell ein sehr umstrittenes Thema. Wozu dienen eigentlich Übersetzungen von literarischen Texten? Nach Bernik (2006, 7) geht es hier in erster Linie um eine kulturelle Verständigung zwischen den Völkern. Jedes Land, bzw. jedes Volk, verfügt dementsprechend über ein Kontingent an literarischen Texten die es wert sind mit anderen Völkern und Kulturen geteilt zu werden. Um die Texte jedem nahe zu bringen, vor allem den Lesern, die nicht der jeweiligen Sprache mächtig sind, werden diese in die Sprache des Lesers übersetzt. Jedoch ist die übersetzte Literatur nicht mit dem Original, das der Übersetzung zugrunde liegt, gleichzusetzen, da es oft durch sprachliche Hürden fast unmöglich ist das Original akkurat in der Übersetzung widerzugeben. Im Folgenden möchte ich dies anhand des jiddischen Gedichts „Di Wig“, von Lejb Kwitko, und dessen Übersetzung „Die Wiege“, von Hermann Hakel, erläutern: ich werde die beiden Versionen kontrastiv auf deren formale und inhaltliche Merkmale analysieren. Anschließend werde ich, basierend auf den Analysen, die Gedichte interpretieren und werde mich abschließend selbst an einer Übersetzung versuchen, deren Zweck es nicht sein soll besser oder „richtiger“ zu sein. Zunächst möchte ich aber im Rahmen dieser Einleitung die Problematik der Übersetzung von Lyrik veranschaulichen.

1.2 Sind Gedichte übersetzbar?

Das Übersetzen von lyrischen Texten und Gedichten ist mit Sicherheit ein sehr schwieriges Unterfangen. Wenn man einmal insbesondere an die Metrik eines Gedichts denkt, die ein fundamentaler Bestandteil der lyrischen Poesie ist, so stellt diese eine riesige Hürde für einen Übersetzer dar. Betrachtet man beispielsweise ein englisches Sonett aus drei Quartetten und einem Couplet, bestehend aus Alexandrinern sowie einem Paarreimschema, so kann man bereits bei einer wörtlichen Übersetzung ins Deutsche die äußerliche Form des Sonetts auflösen. Die Musikalität die von der Metrik und den klanglichen Eigenschaften der Worte und Verse ausgeht könnte also nicht erhalten bleiben. Es verliert die auditive Wirkung, die sich beim Vortrag des Gedichts entfalten sollte, und somit auch seine Kraft. Hinzu kommt noch, dass das Metrum eines Gedichts mit dessen Inhalt verschweißt ist. Also ist die nächste Hürde, der sich der Übersetzer bei seiner Arbeit stellen muss, die der Aussage, des Inhalts und des Stils des Verfassers. Somit sind die Übersetzung des Inhalts und die Umsetzung der formalen und klanglichen Wirkung eine extrem schwierige Aufgabe für einen Übersetzer.

Die Sprache in der Lyrik verfasst ist spielt eine besonders wichtige Rolle. Wie oben bereits erwähnt gilt es für einen Übersetzer mehrere Faktoren zu berücksichtigen - alle Faktoren sind jedoch eng zusammenhängend. Die syntaktischen und semantischen Charakteristika eines Gedichts stehen in sehr enger Beziehung zu den klanglichen Besonderheiten, der Wortwahl und dem individuellen und allgemeinen Wortrhythmus und müssten im Idealfall alle gleichermaßen berücksichtigt werden (Bernik 8).

Was ist nun von einem Übersetzer eines Gedichtes zu verlangen? Der Originaltext muss zunächst verstanden werden. Das heißt, dass die Grundaussage vom Übersetzer erfasst werden muss, also das Gedicht muss von ihm zuerst interpretiert werden. Anschließend muss der Text von ihm in die andere Sprache übertragen werden. Doch diese beiden Arbeitsschritte können Zweifel an der „Richtigkeit“ einer Übersetzung hervorrufen: vor allem lyrische Texte können vom Leser unterschiedlich interpretiert werden. Daher ist eine objektive Übersetzung von vornherein auszuschließen, da die Interpretation des Übersetzers subjektiv ist. Ebenfalls problematisch ist die Übertragung in eine andere Sprache. Die Übersetzung ist beeinflusst von der Wortwahl und dem Stil desjenigen der sich dem Text annimmt. Vielleicht sollte man, wenn man das Thema unter diesen Aspekten betrachtet, den Begriff „Nachdichtung“ anstatt „Übersetzung“ verwenden. (Bernik 13)

1.2 Das Jiddische im Gegensatz zum Deutschen

„Das Jiddische ist die dem Deutschen nächstverwandte westgermanische Sprache.“ (Lötsch 5) Mit diesem Satz beginnt das „Jiddische Wörterbuch“ vom Dudenverlag. Man könnte sich nun vorstellen, dass es, im Bezug auf das Thema dieser Arbeit, für einen Übersetzer wesentlich einfacher sein müsse ein jiddisches Gedicht ins Deutsche zu übertragen. Zwar ähneln sich die beiden Sprachen sehr im Bezug auf Grammatik und Vokabular, jedoch muss das nicht unbedingt bedeuten, dass eine gute und auch kraftvolle Übersetzung zustande kommt. Das Jiddische verfügt nämlich auch über Wörter, die nicht dem Deutschen entstammen, sondern auch über Wörter aus dem Hebräischen, den slawischen und den romanischen Sprachen. Auch die Grammatik weicht stellenweise sogar sehr deutlich vom Deutschen ab. Immerhin liegt das Gelingen einer Übersetzung ja auch an den sprachlichen und stilistischen Fertigkeiten des Übersetzers und an seiner Interpretation. Im Fall von „Die Wiege“ heißt der Übersetzer Hermann Hakel. Hermann Hakel, 1911 in Wien geboren, war selbst Jude und des Jiddischen mächtig. Seit 1934 war er als freier Schriftsteller tätig. Also brachte er beste handwerkliche Voraussetzungen mit um ein jiddisches Gedicht ins Deutsche zu übertragen. An dieser Stelle möchte ich zum Hauptteil meiner Hausarbeit übergehen.

2. Kontrastive Gedichtanalyse von „Di Wig“ und „Die Wiege“

Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der jiddischen und der deutschen Version hervorzuheben, werde ich zunächst eine formale Gedichtanalyse durchführen (Gedichtform, Strophenform, Metrum, sowie Reimschema und Lautbeziehungen). Im Anschluss daran werde ich mich auf die semantischen und syntaktischen Aspekte konzentrieren. Doch vorher werde ich die beiden Versionen des Gedichts einmal vorstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1 Formale Analyse

Wenn man nun beide Gedichte hinsichtlich der Formalität betrachtet, so sieht man schon auf den ersten Blick, dass sich beide Versionen des Gedichts von der äußeren Erscheinung her unterscheiden. Optisch sieht die Übersetzung schon geordneter aus als das Original. Dies liegt wohlmöglich an der unterschiedlichen Anzahl und Länge der Strophen.

„Di Wig“ besteht aus 14 Versen, die fünf Strophen bilden. Die erste und dritte Strophe bestehen aus je vier Versen, die zweite, vierte und fünfte Strophe aus jeweils zwei Versen. Von der Art und Anzahl der Verse ausgehend, könnte man sagen, dass es sich um ein Sonett handelt - jedoch eher um ein relativ frei gestaltetes Sonett. Hakel andererseits, gelingt es mit seiner Arbeit den angedeuteten „Sonettcharakter“ des Originals noch weiter auszuführen. Er orientiert sich am italienischen Sonett. Es besteht ebenfalls aus 14 Versen, die zusammen vier Strophen ergeben: zwei Quartette und zwei Terzette.

Der metrische Aufbau, sowie die Reimschemen beider Gedichte sehen wie folgt aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Man erkennt, dass beide Versionen des Gedichts von jambischen Versen dominiert werden, was nach Jeßing und Köhnen (149) eine typische Eigenschaft eines Sonetts ist.

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640837021
ISBN (Buch)
9783640837076
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167238
Institution / Hochschule
Universität Trier – Germanistik
Schlagworte
lyrik original lejb kwitkos wig“

Autor

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