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Absurdität, Einsamkeit und Tod bei Malraux

Die Welt des Dschungels als Symbol am Werkbeispiel 'La voie royale'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 22 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Begriffe Tod – Absurdität – Einsamkeit nach Malraux
2.1. Der Tod – la mort
2.2. Die Absurdität – l’absurdité
2.3. Einsamkeit – la solitude

3. Der Dschungel als Symbol am Werkbeispiel La voie royale
3.1. Der Dschungel als Symbol für Absurdität und Tod
3.2. Der Dschungel als Symbol für Einsamkeit
3.3. Zusammenfassung: Der Dschungel als Symbol

4. Vergleich der Motive mit La condition humaine

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Anfang des 20. Jahrhunderts kommt es in Europa zu einem Bruch mit den Werten und Idealen des 19. Jahrhunderts. Das traditionelle Bild eines individuellen Menschen als einer Konstante in der Welt, als permanent in der Geschichte, bricht zusammen und mit ihm alle auf diesen Menschen ausgerichteten Wertvorstellungen.[1] Stattdessen treten Fragen der menschlichen Existenz in den Mittelpunkt, welche Existenzphilosophen wie Sartre oder Camus – um die wichtigsten Vertreter des französischen Existenzialismus zu nennen – verschiedenartig zu beantworten versuchen.

Auch der oft als Frühexistenzialist bezeichnete André Malraux, seinerseits Schriftsteller und Politiker, beschäftigte sich in seinen Werken häufig mit Fragen zur Position des Menschen in der Welt und in der Geschichte sowie zum Sinn der menschlichen Existenz im Hinblick auf den alles beendenden Tod des Menschen. Schlüsselbegriffe sind dabei absurdité, mort und solitude. Diese machen – grob gesagt - die Lage des Menschen aus, welche als condition humaine bezeichnet wird und mit der der Mensch unerbittlich zu kämpfen hat.

Doch was genau steckt nach Malraux hinter diesen theoretisch eigentlich kaum fassbaren Gedanken und wie werden sie in seinen Werken umgesetzt, um sie für den Leser auch fühlbar zu machen?

Die vorliegende Arbeit möchte versuchen, eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Zu diesem Zweck sollen die Begriffe mort, absurdité und solitude erst einmal jeder für sich untersucht werden, um einen allgemeinen Überblick über die Denkweise Malraux’ zu gewinnen. Anschließend wird ihre Darstellung insbesondere im Werk La voie royale am Symbol des Dschungels untersucht, mittels welchem Malraux in vielfältiger Weise Bilder von ausgesprochen hoher suggestiver Kraft zeichnet, um jene Leitgedanken von einer theoretischen auf eine literarische Ebene zu führen und sie somit erlebbar zu machen. Nach einer allgemeinen Zusammenfassung der für die literarische Darstellung eigenen Merkmale möchte ich diese mit der Umsetzung der drei Schlüsselbegriffe in La condition humain e[2] vergleichen, um den Horizont hinsichtlich Malraux’ literarischem Schaffen noch zu erweitern. Dabei beschränke ich mich allerdings neben allgemeinen Gesichtspunkten auf die Umsetzung der solitude in beiden Werken, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Zusammenfassende Gesichtspunkte finden sich schließlich im Fazit.

2.Die Begriffe Tod – Absurdität – Einsamkeit nach Malraux

2.1. Der Tod – la mort

Anfang des 20. Jahrhunderts erfuhr das traditionelle Todesdenken in der Gesellschaft einen grundlegenden Perspektivwechsel: „Lebensphilosophie, Phänomenologie und insbesondere Existenzphilosophie […] fragen nicht mehr nach den Formen unseres Daseins in einem jenseitigen, postmortalen Leben, sondern nach der Gegenwart des Todes im jetzigen Leben und im Bewusstsein der Lebenden.“[3] Der deutsche Philosoph und Soziologe G. Simmel formuliert es so:

„Aber in jedem einzelnen Momente des Lebens sind wir solche, die sterben werden, und er wäre anders, wenn dies nicht unsere mitgegebene, in ihm irgendwie wirksame Bestimmung wäre. So wenig wir in dem Augenblick unserer Geburt schon da sind, fortwährend vielmehr irgend etwas von uns geboren wird, so wenig sterben wir erst in unserem letzten Augenblicke. Dies erst macht die formgebende Bedeutung des Todes klar. Er begrenzt, d.h. er formt unser Leben nicht erst in der Todesstunde, sondern er ist ein formales Moment unseres Lebens, das alle seine Inhalte färbt: die Begrenztheit des Lebensganzen durch den Tod wirkt auf jeden seiner Inhalte und Augenblicke vor; die Qualität und Form eines jeden wäre eine andere, wenn er sich über diese immanente Grenze hinauserstrecken könnte.“[4]

In Malraux’ Werken ist das Motiv des Todes eines der am häufigsten wiederkehrenden. Auch er greift auf das neue Denken zurück; der Tod ist bei Malraux nicht mehr das, was man in der Gesellschaft als das Sterben eines Lebewesens an sich kannte und in unserer heutigen Zeit wieder kennt, sondern etwas Allgegenwärtiges. Allerdings kommen in Malraux’ Werken weitere Aspekte hinzu: la mort meint oft vor allem unendliche Einsamkeit.: «Entre ces rares éclaircies, mirages d’une distraction ou d’une lassitude, la vie durcit contre nous, jusqu’à la solitude suprême, celle de la mort […] » [5] . In diese Einsamkeit spielen weitere Betrachtungsweisen hinein; der Begriff mort meint auch den Verlust von Freiheit, Kraft, Mut und Hoffnung, sowie das Gefangensein im eigenen Körper, das unweigerliche Zugehen auf den Tod, die Ohnmacht dem eigenen Leben gegenüber, den körperlichen sowie den inneren Zerfall, der nicht aufgehalten werden kann: «La vraie mort, c’est la déchéance. […] Vieillir, c’est tellement plus grave! – Accepter son destin, sa fonction, la niche à chien elévée sur sa vie unique…On ne sait pas ce que c’est la mort quand on est jeune…» (VR, S. 43f). Es stellt sich immer wieder die Frage, welchen Sinn das menschliche Leben eigentlich hat, wenn der Mensch doch sterben muss.

Doch trotz dieser stark pessimistischen Züge nennt Malraux zwei Möglichkeiten, um sich gegen den Tod, die Einsamkeit und den schleichenden Verfall aufzulehnen: érotisme und aventure, zwei verzweifelte Versuche, durch Zerstreuung und Ablenkung dem Schicksal zu entkommen, das Unabwendbare aufzuhalten und abzuändern.

Natürlich stellt sich hier unweigerlich die Frage, ob nicht der Selbstmord die einfachste Lösung wäre, dem Schicksal zu entkommen, denn érotisme und aventure können nicht zu einer Abwendung des Todes oder der Einsamkeit führen, höchstens zu zeitweiser Ablenkung des Menschen von ihrem Schicksal; doch die Möglichkeit des Selbstmords wird sowohl von Malraux, als auch von Camus und Sartre einstimmig abgelehnt; Malraux betrachtet den Selbstmord als eine Täuschung: «Celui qui se tue court après une image qu’il s’est formée de lui-même: on ne se tue jamais que pour exister. Je n’aime pas qu’on soit dupe de Dieu .» (VR, S. 15).

Wie aber soll der Mensch mit der Sinnlosigkeit seines eigenen Lebens umgehen? Wie soll er mit dem ständig drohenden Tod leben? Denn leben soll er, soviel steht fest; und möglichst „un sens à [son] non-sens“[6] finden. An dieser Stelle weißt Mounier[7] auf das Paradoxe im Denken Malraux’ hin: Warum hat der Mensch den Willen, ein an sich absurdes und sinnloses Leben zu führen, und das Bedürfnis, dem Leben Werte abzuringen, obwohl er doch weiß, dass es keine Werte birgt? Und dies immer unter dem Gesichtspunkt «de vivre d’une certaine façon. La vie est une matière, il s’agit de savoir ce qu’on en fait – bien qu’on n’en fasse jamais rien, mais il y a plusieurs manières de n’en rien faire.» (Perken in VR, S. 134).

Dies ist einer der Gründe, warum einige Malraux-Forscher, so zum Beispiel Ball, in Malraux´ Figuren einen mit unerbittlicher Wut geführten Kampf gegen den Tod sehen: “This struggle gives meaning to their lives which otherwise would be pointless. “[8] Dieser Kampf ist gekennzeichnet durch Aktion: «L’absence de finalité donnée à la vie était devenue une condition de l’action.» (VR, S. 45). Dass dieser Kampf von vornherein schon verloren ist, scheint ebenfalls paradox, spielt aber für Malraux’ Figuren keine Rolle. Von daher scheint es mir angebrachter, nicht von einem Kampf als solchem zu sprechen, sondern eher – wie bisher getan - von Zerstreuung oder Ablenkung von der unabänderlichen Gewissheit des Todes. Wie auch immer man es bezeichnen mag, fest steht: Solange noch Leben im Menschen ist, kann dieser die Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz nicht akzeptieren; die Suche nach Abenteuern – auch erotischer Art – ist die einzige Verteidigung des Menschen gegen den allgegenwärtigen Tod, der als eine Art Herausforderung betrachtet wird, „ohne die sowohl künstlerisches Schaffen als auch revolutionäres Handeln vielleicht unnötig, möglicherweise bedeutungslos und wahrscheinlich unmöglich wären.“[9] In diesem Sinne gewinnt Malraux dem Tod durchaus auch etwas Positives ab[10]: Auf der einen Seite regt er den Menschen dazu an, etwas den Tod Überlebendes zu kreieren, auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit, zu einem selbst gewählten Zeitpunkt und für etwas, woran man glauben kann, zu sterben. Hier meint Malraux nicht den Selbstmord im eigentlichen Sinne, sondern eher die Missachtung jeder Todesgefahr. Das erklärt die Handlung Claudes und Perkens, die sich im vollen Bewusstsein der Lebensgefahr aus der geordneten Gesellschaft zurückziehen, um sich im Dschungel zu behaupten:

«’Ce qu’ils appellent l’aventure, pensait-il [Claude]l, n’est pas une fuite, c’est une chasse: l’ordre du monde ne se détruit pas au bénéfice du hasard, mais de la volonté d’en profiter.’ […]Etre tué, disparaître, peu lui importait: il ne tenait guère à lui-même, et il aurait ainsi trouvé son combat, à défaut de victoire. Mais accepter vivant la vanité de son existence? […] Qu’était ce besoin d’inconnu […], sinon la défense contre elle [la mort]?» (VR, S. 45).

Der Artikel ‘Nature, Symbol of Death in La voie royale’ fasst zusammen, warum Malraux’ Figuren den Tod hassen, ja von ihm besessen sind:

“Death is the irrefutable proof of the absurdity of life.[[11] ] The characters are obsessed by this absurdity. They do not wish to live perpetually, nor do they strive to conquer death. They are intent rather upon struggling against the weight of defeat and humiliation which death brings to their vitality and strength of will. With instinctive energy and ardent courage, they impatiently await the opportunity to fight this invincible foe.”[12]

Der Tod nimmt dem Leben jeden Sinn, der Mensch versucht, sich diesen wiederzuerkämpfen. Er verleiht dem menschlichen Leben Absurdität, wie es ein Lexikoneintrag zu La voie royale formuliert: „Das Unerträgliche tritt ein: der langsame wissende Tod. Das Absurde vollzieht sich, noch absurder als in der ewigen Bedrohung des plötzlichen Todes, in konsequenten Schritten der Zerstörung.“[13]

Doch was genau versteht Malraux unter Absurdität? Neben den bereits erwähnten Aspekten der aus der Bedrohung der menschlichen Existenz resultierenden absurdité möchte das nächste Kapitel nun versuchen, eine theoretische Antwort auf diese Frage zu finden.

2.2. Die Absurdität – l’absurdité

Das Lexikon für Existenzialismus und Existenzphilosophie gibt für den Begriff ‚Absurd’ folgende allge meine Erläuterung:

„Die Erfahrung des Absurden als das Schlechthin Widersinnige […] verweist auf eine Widersprüchlichkeit, die konstitutiv ist für das Existieren als Mensch, gleichwohl aber weder logisch noch ethisch aufgelöst werden kann. Das Leben in einer antinomischen Struktur, die das Streben nach Sinn und Glück von vornherein sabotiert, wird zur Zerreißprobe für das Individuum, das sich gezwungen sieht, im Sinnlosen nach einer Nische für die Realisierung seiner Vorstellung eines gelungenen Selbstentwurfs zu fahnden.“[14]

Jeder Schriftsteller und Philosoph aber hat seine ganz eigene Auffassung und Interpretation für diesen Begriff. Für Malraux meint Absurdität den „vergebliche[n] Versuch des Ich, mit sich und der Welt fertig zu werden, wobei das Ich die Unabänderlichkeit einer Situation fühlt, die die menschlichen Kräfte übersteigt und der er insofern ausgeliefert ist.“[15] ; es kommt hier also zur Widersprüchlichkeit der Existenz und zur vermeintlichen Sinnlosigkeit des Lebens noch der Aspekt der Unabwendbarkeit und Planlosigkeit einer Situation hinzu, unbezwingbare, nichtmenschliche Kräfte, die das menschliche Vermögen weit übersteigen und aus der eine Hilflosigkeit des Menschen gegenüber der Welt und gegenüber sich selbst resultiert. Nach Malraux ist Absurdität auch eine Folge der Richtungslosigkeit bestimmter Kräfte, denen der Mensch unterworfen ist. Im menschlichen Leben entsteht weiterhin eine unüberwindbare Kluft zwischen „Sein“ und „Sein wollen“, zwischen zu hohen Erwartungen an das Leben und der ernüchternden Realität. Die von Wünschen und Ängsten bestimmte Innenwelt des Menschen steht im Gegensatz zu einer unüberschaubaren Außenwelt, was zu einer „Diskrepanz zwischen den menschlichen Erwartungen und dem, was diese Welt zu bieten vermag“[16] führt. Hier wird deutlich, dass Malraux den Begriff der Absurdität nicht nur als Darstellung eines historischen Gesellschaftszustandes sieht[17] sondern das Erlebte und Gesehene vor einem metaphysischen Hintergrund, d.h. in Hinblick auf Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit und des menschlichen Seins, deutet. Dass sich Absurdität sowohl im Menschen als auch in der Welt finden lässt, zeigt eine Auswahl von Ursachen nach Leeker[18]:

a) Die Absurdität des Menschen in sich, welche die Unbegreiflichkeit des eigenen Ichs, das aus Träumen, Wünschen und Fantasien ein irreales Selbst- und Wirklichkeitsbild zusammenstellt, meint. Dies passiert aufgrund der unkontrollierbaren, nicht analysierbaren und irrationalen psychischen Struktur des Ich.
b)Die Absurdität des Menschen in der Welt meint die Wirkungslosigkeit seines Handelns, seine Machtlosigkeit gegenüber der Zeit, dem Tod und der Angst. Es lässt sich hier eine dreistufige Entwicklung feststellen:

1. Absurdität ist gefühltes Resultat einer erlebten Frustration, z.B. als es Claude nicht gelingt, im Urwald von Kambodscha die Reliefs von den Ruinen zu trennen: «Claude frappait presque sans conscience, comme marche un homme perdu dans un désert. Sa pensée en miettes, effondrée comme le temple, ne tressaillait plus que de l’exaltation de compter les coups […] »(VR, S. 102).
2. Verallgemeinernde Übertragung der absurdité vom Objekt der Enttäuschung auf die gesamte Umwelt: «Après tant d’éfforts, la forêt reprenait sa puissance de prison. Dépendance, abandon de la volonté, de la chair même.» (VR, S. 103)
3. Übertragung von der gesamten Umwelt auf das Metaphysische, auf die Frage nach dem Sinn des Lebens: «Vous savez aussi bien que moi que la vie n’a aucun sens: á vivre seul on n’échappe guère à la préuoccupation de son destin… La mort et là, comprenez-vous, comme…comme l’irrefutable preuve de l’absurdité de la vie….» (VR, S. 132).

An dieser Entwicklung wird deutlich, dass „das Absurde bei Malraux nicht eine Grundtatsache des Lebens ist, sondern dass es einer bestimmten historischen Krisensituation bedarf, damit die Welt dem Menschen so erscheint.“[19]

c) Absurdität der Welt an sich, der Welt als anders gearteter Kosmos, da die Welt an sich unüberschaubar, inkohärent und zufällig ist. Sie bleibt trotz allen Bemühens eine unbekannte Größe, worin sich die Feindseligkeit der Welt gegenüber dem Menschen äußert.

2.3. Die Einsamkeit – la solitude

Malraux unterscheidet zwei Typen von Einsamkeit: eine durch die äußere Situation bedingte Einsamkeit – man kann hier von Isolation sprechen - und eine ontische, das heißt vom Bewusstsein unabhängige, metaphysische Einsamkeit. Beide Arten der Einsamkeit sind immer negativ.

Die durch die äußere Situation bedingte Isolation ist bei Malraux meist willentlich, d.h. bewusst herbeigeführt, so zum Beispiel bei Claude und Perken: « […]sa [Perkens] façon de dire ‚ils’ en parlant des passagers – et peut-être des hommes – comme s’il eût été séparé d’eux, par son indifférence à se définir socialement. » (VR, S.14) Aufgrund ihrer Ablehnung einer als absurd empfundenen Gesellschaft dulden sie keine Gemeinschaft, sondern suchen einen Ersatz in der so genannten Brüderlichkeit, der fraternité virile welche eine emotionale Erfahrung der Wirklichkeit in der freundschaftlichen Bindung an einen anderen Menschen möglich macht: «On ne pense pas sans danger contre la masse des hommes. Vers qui irais-je, sinon vers ceux qui se défendent comme moi?» (VR, S.70). Diese ist aber nicht zu verwechseln mit Freundschaft, denn sie basiert weniger auf gegenseitiger Sympathie als auf der Tatsache, Gefangener des gemeinsamen Feindes Schicksal zu sein.

Die metaphysische oder ontische Einsamkeit zeigt sich zum einen in der Einsamkeit gegenüber der Welt und manifestiert sich bei Malraux „als Einsamkeit […] besonders gegenüber der erdrückenden Unendlichkeit und Fremdheit des Kosmos“[20], zum anderen in einer der psychischen Struktur inhärenten Unfähigkeit zu zwischenmenschlicher Kommunikation, welche auf der unüberwindbaren Trennung zwischen der Seelenaußen- und irrationalen Seeleninnenwelt des Menschen beruht. Auch diese beiden Formen der Einsamkeit sollen zum Beispiel in La voie royale mittels der fraternité virile überwunden werden, wobei die Frage, ob dies gelingt oder nicht, an anderer Stelle diskutiert werden sollte.

Neben diesem Versuch, der Einsamkeit zu entkommen, ist auch die Ablenkung vom Tod durch Abenteuer eine Möglichkeit, diese zumindest auszufüllen[21]:

«C’est un homme réellement seul, - et comme tous les hommes seuls, obligé de meubler sa solitude, ce qu’il fait avec le courage. […]Voici à peu près ce qu’il me disait: Te faire casser la gueule, tu t’en fout ou tu ne t’en fout pas. […] Et depuis que je me fous de crever, que ça me plait plutôt, tout peut se faire: Si les choses vont mal elles ne peuvent toujours pas aller plus loin que mon revolver…» (VR, S. 119f.)

Malraux benutzt verschiedene Mittel, um die ontische Einsamkeit darzustellen[22], so zum Beispiel über sein Erotikkonzept. Danach führt Erotik allerdings dazu, dass jeder Partner eigentlich nur mit sich selber schläft, indem er versucht, die Gefühle des anderen nachzuempfinden, jedoch aber Opfer eines Trugschlusses wird und sich im Grunde nur mit sich selbst beschäftigt.[23] Dieses Konzept der Erotik hat zur Folge, dass Liebe oder Ehe für Malraux ungeeignete Mittel sind, um die solitude zu überwinden, was auch das Nichtvorhandensein echter Liebespaare in seinen Werken erklärt.[24] Anders sieht es jedoch aus, wenn Erotik bewusst dazu benutzt wird, um sich zu zerstreuen, wie es zum Beispiel Grabot in La voie royale tut: « ’Qu’est-il venu faire ici, Grabot?’ – ‚De l’érotisme, d’abord […]’». (VR, S. 118). Hier verhilft Erotik kurzzeitig zu einer Ablenkung von Einsamkeit, Todesgedanken und Sinnfragen, stellt jedoch niemals eine Lösung aller Fragen oder eine dauerhafte Überwindung der Einsamkeit dar.

Weiterhin werden Malraux’ Konzepte und Bilder überspannt von der personalen Erzählsituation, welche die Innenperspektive einer Figur ausleuchtet und somit ebenfalls der Darstellung der Einsamkeit des Ich in einer fremden Welt dient. Dies zeigt sich vor allem in La Voie Royale: «Son dessein, tant qu’il l’avait supporté seul, l’avait retranché du monde, lié à un univers incommunicable comme celui de l’aveugle ou du fou […]» (VR, S.47). In diesem Werk bleibt die Perspektive des Erzählers nicht nur auf eine Person – Claude – beschränkt; im letzten Drittel findet sich häufig auch die Perkens. Durch diese doppelte Perspektive ergibt sich die Möglichkeit, dass

[...]


[1] für eine ausführliche Darlegung der Gründe für diese Entwicklung siehe

Leeker, Joachim: Die Perspektive der Wirklichkeitsflucht im Romanwerk von André Malraux. Versuch einer Typologie. Genève: Librairie Droz 1977, S. 1-18.

[2] Die Wahl dieses Werks erschien mir deshalb sinnvoll, weil es zusammen mit La voie royale und Les conquérants eine thematische Einheit bildet: Alle drei spielen in Fernost und basieren auf den persönlichen Asien-Erlebnissen Malraux’.

[3] Thurnherr, Urs; Hügli, Anton (Hrsg.): Lexikon Existenzialismus und Existenzphilosophie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007, S. 253.

[4] Simmel, Georg: Zur Metaphysik des Todes. in: Logos, 1911/II, 1. Heft, S.58, Zugriff am 08.09.2009 um 11.50 Uhr unter http://www.digizeitschriften.de/no_cache/home/jkdigitools/loader/?tx_jkDigiTools_pi1[IDDOC]=643119&tx_jkDigiTools_pi1[PAGELOGICALCURRENT]=58&tx_jkDigiTools_pi1[rotate]=360.j

[5] Mounier, Emmanuel: Malraux, Camus, Sartre, Bernanos: L’éspoir des désespérés. Paris: Éditions du Seuil 1953, S. 23.

[6] Mounier, Emmanuel: Malraux, Camus, Sartre, Bernanos, S. 25

[7] ebd.

[8] Ball, Bertrand Logan Jr.: Nature, Symbol of Death in La voie royale. In: The French review, Vol.35, Nr.4. American Association of teachers of French 1962, S. 390.

[9] Leeker: Die Perspektive der Wirklichkeitsflucht…, S. 23.

[10] Hier unterscheidet sich Malraux z.Bsp. von Sartre, der sich weigert, dem Tod irgendeinen Sinn abzugewinnen oder ihm einen Wert zuzuschreiben: „[La mort] ne peut qu’ôter à la vie toute signification“
Sartre, Jean-Paul: L’Être et le Néant, Paris: Gallimard 1949, S. 623.

[11] Dieser Satz findet sich auch in La voie royale: « La mort est là, comprenez-vous, comme… l’irréfutable preuve de l’absurdité de la vie.», S. 132; siehe auch Kapitel 2.2.

[12] Ball: Nature, Symbol of Death…, S.390.

[13] Manuel Thomas: La voie royale. In: Rössig, Wolfgang (Hrsg.): Hauptwerke der französischen Literatur, Bd. 2: Das 20. Jahrhundert, Die Literaturen außerhalb Frankreichs. Einzeldarstellungen und Interpretationen. München: Kindler Verlag 1996, S. 143.

[14] Thurnherr; Hügli: Lexikon Existenzialismus und Existenzphilosophie, S. 72
Anmerkung: Das Zitieren aus einem Lexikon für Existenzialismus bezeichnet Malraux nicht gleichzeitig als Existenzialist. Ich möchte mich hier an die Auffassung des Autors des Lexikons halten:
„Das Etikett „Existenzphilosophie“ hat zunächst allgemein seine Berechtigung, soweit es zur besseren Orientierung im Bereich der Philosophie des 20. Jahrhunderts. beiträgt. Streng genommen werden […] oft die jeweiligen Anliegen derjenigen Denker verfehlt, deren philosophische Arbeiten mit ihm charakterisiert werden sollen.“, ebd., S. 9.

[15] Leeker, Joachim: Existentialistische Motive im Werk Alberto Moravias: ein Vergleich mit Malraux, Camus und Sartre. Rheinfelden: Schaeuble 1979, S. 22.

[16] Leeker: Existentialistische Motive…, S. 106.

[17] anders als einige Zeitgenossen, vgl. dazu: Leekers Vergleich mit Moravia in: Perspektive der Wirklichkeitsflucht, 1977.

[18] ebd. , S. 19ff.
Die Auswahl beschränkt sich auf die für La voie royale grundlegenden Formen der Absurdität und lässt die A. des Menschen in der Geschichte u. die A. der Welt als historisch gewordene Gesellschaft außer Acht.

[19] ebd., S. 21.

[20] Leeker: Existenzialistische Motive …, S. 60.

[21] ausführlicher zur Ablenkung vom Tod siehe Kapitel 2.1. Der Tod – la mort.

[22] bis personale Erzählsituation vgl. Leeker: Existenzialistische Motive …,, S. 61.

[23] Dieser Aspekt wird in La voie royale weniger behandelt als jener, sich mittels Erotik zu zerstreuen, um von der Thematik des Todes abzulenken. Ersterer findet sich zum Beispiel in La condition humaine: «Son plaisir jaillissait de ce qu’il se mît à la place de l’autre, c’était clair: de l’autre, contrainte; contrainte par lui. En somme il ne couchait jamais qu’avec lui-même.» (CH, S. 232).

[24] In Malraux Werken gibt es nur zwei Darstellungen von Beziehungen, die aber beide scheitern: Zum einen zwischen Kassner und seiner Frau Anna in Le Temps du Mépris und zum anderen Kyo und seine Frau May in La Condition humaine. Kyo bemerkt immer wieder die Unmöglichkeit, seine Frau zu kennen; sie scheint ihm komplett fremd zu sein. (CH, S.49ff. u. S.56f.) Auch Perken spricht von der Entfremdung von seiner Ex-Frau aufgrund des körperlichen Verfalls. (VR, S.59 u. S.62).

Es sind vor allem diese Bemerkungen, die zu der folgenden, in der Forschung vorherrschenden Meinung geführt haben: Bei Malraux ist jede Form der Liebe „[…] Enttäuschung, Schwindel und Nichtigkeit […], wonach das unvermeidliche Fiasko des menschlichen Mitseins zur völligen Einsamkeit […] führt […].“
Espiau de la Maestre, André: Der Sinn und das Absurde. Salzburg: Müller 1961, S. 21.

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640835669
ISBN (Buch)
9783640835904
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167159
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
absurdität einsamkeit malraux welt dschungels symbol werkbeispiel

Autor

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Titel: Absurdität, Einsamkeit und Tod bei Malraux