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Interreligiöser Dialog. Vergleichende Darstellung der Stellungnahmen H.Kesslers und W. Pannenbergs

Seminararbeit 2009 17 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theologie der Religionen

3. Die Einstellung zum interreligiöse Dialog im Vergleich der katholischen und evangelischen Kirche
3.1 Hans Kessler „Pluralistische Religionstheologie und Christologie - Thesen und Fragen“
3.2. Wolfhart Pannenberg „Das Christentum eine Religion unter anderen“
3.3. Ein zusammenfassender Vergleich - Kessler / Pannenberg

4. Stellungnahme des katholischen Lehramts und der evangelischen Kirche zum interreligiösen Dialog
4.1 Neue lehramtliche Aussagen auf katholischer Seite
4.2 Stellungnahmen der evangelischen Kirche zum interreligiösen Dialog

5. Schluss

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

„Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater: So glaube jeder sicher seinen Ring Den echten. - Möglich; dass der Vater nun Die Tyrannei des einen Rings nicht länger

In seinem Hause dulden wollen! - Und gewiss;Dass er euch alle drei geliebt, und gleich Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,

Um einen zu begünstigen. - Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochenen Von Vorurteilen freien Liebe nach!“1

In dem Drama „Nathan der Weise“ spricht Nathan diese Verse im Gespräch mit dem Moslem Saladin. Mit seiner Ringparabel versucht Lessing die Frage nach der einen, wahren Religion zu lösen, indem er absichtlich dieser scheinbar unlösbarem Frage aus dem Weg geht. Es gehe nicht um die einzelnen Religionen als Religionsgemeinschaften, sondern allein um den jewei- ligen Menschen, wie Nathan dem Tempelherrn zu verstehen gibt. Lessing geht es also um ein Ideal des Zusammenlebens, das durch Toleranz, Vernunft, Gleichberechtigung und Mensch- lichkeit geprägt ist und bei dem nicht der transzendente Gehalt und die Wahrheit der Religion im Vordergrund stehen.

Diese Annahme vertritt auch die pluralistische Religionstheorie von z.B. John Hick. Nämlich, dass es eine Vielfalt von Heilswegen gibt, die alle genau gleich zu Gott führen bzw. zur Er- kenntnis einer absoluten, transzendenten Wirklichkeit. Neben diesem gibt es noch das Modell des Inklusivismus und des Exklusivismus, die ich im ersten Kapitel meiner Arbeit kurz erläu- tern möchte. Danach widme ich mich den Professoren Hans Kessler auf katholischer Seite und Wolfhart Pannenberg auf Seite der evangelischen Kirche und ihren jeweiligen Artikeln und Beiträgen zum Thema des interreligiösen Dialoges. Ihre Ansichten werde ich zuerst ein- zeln zusammenfassen und danach vergleichend darstellen. Um den Vergleich zu unterstützen, ziehe ich zudem die lehramtlichen Äußerungen der katholischen Kirche und die Arbeit des Ökumenischen Rates der evangelischen Kirchen zu diesem Thema hinzu.

Meine Absicht ist es deutlich zu machen, wie die Einstellung des Christentums zu dem mit der Pluralität der Religionen in unserer heutigen Zeit verbundenen Thema des interreligiösen Dialoges ist und in wieweit sich eventuell Unterschiede in der Sichtweise dieser beiden Konfessionen ergeben und wie sie begründet sind.

2. Die Theologie der Religionen

Bei der Frage des Verhältnisses zu den anderen Religionen gibt es drei Grundmodelle, die ich im Folgenden kurz erläutern werde.

Die Pluralität der Religionen ist ein Merkmal unserer heutigen, modernen Lebenswelt. Sie bezeichnet auf die Theologie im Allgemeinen und die Fundamentaltheologie im Speziellen bezogen, die „teilweise nicht mehr in Einheit synthetisierbare, teilweise aber auch divergie- rende und konfligierende Vielfalt unterschiedlicher, weltanschaulicher [...] Geltungsansprü- che.“2 Somit charakterisiert sie die heute, seit der Aufspaltung der Christenheit, bestehende Vielfalt von Bekenntnissen und Religionen. Innerhalb dieser Theologie der Religionen gibt es drei Grundmodelle, die die Frage des Verhältnisses zu den anderen Religionen zu klären be- anspruchen.

Der Exklusivismus schließt für andere Religionen den Heilsvermittelnden- bzw. den Offenbarungscharakter deutlich aus. Beispielhaft für diese Haltung war auch die katholische Kirche mit ihrer Lehre. Sie vertrat bis zum zweiten Vatikanischen Konzil die Ansicht extra ecclesiam nulla salus - eine Aussage des Cyprian von Karthago.3

Das Grundmodell des Pluralismus, deren berühmtester Vertreter John Hick ist, beschreibt eine Vielzahl von Heilswegen, die alle genau gleich zu Gott führen. Hick erklärt sein Werk als kopernikanische Revolution. Dieses Modell besagt, dass das Christentum oder die Kirche nicht mehr in der Mitte stehen und alle Religionen um dieses Zentrum kreisen (=Exklusivismus). Gott ist das Zentrum, um das das Christentum als einer der Planeten kreist. Die absolut transzendente Wirklichkeit selbst offenbart sich in den verschiedenen Religionen, also nicht nur in der Bewegung des Menschen zu Gott hin.4

Das Modell, welches unter anderem vom zweiten Vatikanischen Konzil vertreten wurde, ist das des Inklusivismus. Er spricht allen Menschen die Möglichkeit zu, das Heil zu erlangen. Auch wenn Jesus Christus der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist, haben andere Religionen bzw. Menschen aber teil an dieser Mittlerschaft.5 Die Nicht-Christen kön- nen das Heil durch die Gnade erlangen, die ihnen durch den Heiligen Geist gegeben worden ist.6

Eine charakteristische Gestalt für die Protestanten ist Karl Barth, für den alle Religionen, außer der Christlichen, ein Bemühen sind, die Gunst Gottes zu gewinnen, also sich selbst zu Gott zu erheben. Somit stellt Religion Unglauben und Sünde dar.7 In der Offenbarung ist es hingegen Gott, der die Menschen sucht. Das Christentum vereinigt für ihn beide Momente, den der Offenbarung und den der Religion. Alles, was außerhalb des Glaubens an Jesus Christus ist, ist seiner Ansicht nach der Sünde unterworfen.

Jean Danielou, der zwischen dem Übernatürlichem und dem Natürlichen unterscheidet, stand diesen Ansichten auf katholischer Seite gegenüber. Für ihn ist die christliche Religion übernatürlich. Die anderen Religionen betrachtet er als kosmischen Bund also als Vorgeschichte des Heils. Sie würden über ein Wissen von Gott aus ihrer natürlichen Veranlagung heraus verfügen, allerdings noch nicht über die Gnade, die erst durch Jesus Christus in Erfüllung gehe.8 Der natürliche Glaube ist also hingeordnet auf den übernatürlichen, auf die jüdisch-christliche Offenbarung. Dies spricht eindeutig gegen die Position von Barth.

In unseren Tagen wurde die inklusivistische Position maßgeblich von Karl Rahner transzendentaltheologisch begründet und in zahlreichen Artikeln entfaltet.

3. Die Einstellung zum interreligiöse Dialog im Vergleich der katholischen und evangelischen Kirche

3.1 Hans Kessler „Pluralistische Religionstheologie und Christologie - Thesen und Fragen“

Hans Kessler, katholischer Professor für Systematische Theologie, beginnt seine Ausführun- gen unter der Überschrift Pluralistische Religionstheologie und Christologie - Thesen und Fragen, ein Beitrag der zusammen mit anderen in dem Buch Christus allein? von Raymund Schwager erschienen ist, mit eigens erlebten interreligiösen Erlebnissen und Begegnungen, die seinen Umgang mit der Pluralität der Religionen prägten und ihn zu Überlegungen bezüg- lich dieses Themas anregten.

Er stellt klar, dass ein interreligiöser Dialog nur dann als ehrlicher Dialog, also als Dialog, der nicht nur mit etwaigen strategischen oder taktischen Mitteln die eigene Position zu stärken versucht, angesehen werden könne, wenn niemand mit dem Anspruch beginne, er allein besitze die volle Wahrheit Gottes. Vielmehr müsse eine Gleichberechtigung entstehen, indem sich ein jeder auch für die mögliche Wahrheit der jeweils anderen Religion öffne und einsehe, dass auch die Religion seines Gegenüber ein Ort echter Gottesbegegnung sein könnte. Allerdings sei auch nur diejenige Person dialogwürdig, die für ihre eigene Religion eintrete, sie ernst nehme und deshalb seinen Dialogpartner auch darauf hinweise, was er z.B. anders sehe und auch warum dies so sei. So dürfe es für uns als Christen nicht bedeuten, dass unser Missionscharakter nicht gewahrt werden könne, wenn wir in den interreligiösen Dialog eintre- ten. Dass dies jedoch oft auf Schwierigkeiten stoße, sei offensichtlich, da z.B. auch der Abso- lutheitsanspruch, der mit dem christlichen Glauben verbunden sei, diesem entgegenzustehen scheine.

Die Tatsache, dass dies jedoch nicht unbedingt so sein müsse, dass nämlich gerade diese Überzeugung einen Dialog nicht hemmen, sondern fördern könne, erklärt Kessler im Folgen- den. Derjenige, der in seiner eigenen Religion verwurzelt sei, werde aus ihrer Mitte und der damit eröffneten Glaubensperspektive heraus die ganze Wirklichkeit wahrnehmen. Die ganze Wirklichkeit beziehe sich vor allem auf die anderen Religionen. Dieses Recht müsse ein jeder allerdings auch den anderen Religionen zugestehen.9 Dies stellt Kessler als Hauptaussage in seinem Beitrag deutlich heraus.

Weiter versucht Kessler in seiner Entgegnung Stellung gegen die Behauptungen der Pluralisten zu beziehen, dass nämlich auch in der Bibel die tu solus altissimus Aussagen bzgl. Jesu Christi nicht in einer exklusiven Form verstanden werden müssen.10 Für Kessler ist und bleibt das Bekenntnis zu Jesus Christus das Zentrum des christlichen Glaubens. Diese Aussa- ge werde z.B. durch Joh 1 gestützt, wo Jesus als der „inkarnierte Logos-Sohn und so [als] [...] Offenbarer Gottes“11 dargestellt werde. Da Jesus selbst behauptete, dass sich das Kommen Gottes „in seinem Wirken“12 ereigne und dieser Anspruch z.B. durch die Apg 4,12 („in kei- nem anderen ist das Heil“) noch bekräftigt wird, stelle sich -so Kessler- die Frage, wofür er diesen Anspruch erhoben habe.

Jesus stelle den Inhalt seiner Verkündigung, die „anbrechende Basileia,“13 in den Vorder- grund und eben dieser Inhalt definiere die Bestimmung der Person Jesu. Das Osterereignis erweise die verlässliche Wirklichkeit der Güte Gottes. Zwar würden die Transzendenz Gottes auch andere erweisen, jedoch kämen die Menschen nur durch Jesus Christus zum Heil.14 So führt Kessler weiter an, dass es inkonsequent wäre, „wenn Christen für diesen Gott und diesen Weg andere nicht zu gewinnen suchten.“15 Da niemand zu sehen sei, der auch in der Ge- schichte diese Güte Gottes real symbolisiere, bleibe, so Kessler, „Jesus der Sache nach das allein und end-gültige und letzt-maßstäbliche Kriterium für wahrhaft erlösende (und humani- sierende) Beziehung zum wahren Gott und für befreit-befreiende Beziehung zu Mitmen- schen.“16

Entgegen der Erwartungen führt bei Kessler diese Annahme und Position nicht zu einer ausgrenzenden und unterdrückenden Exklusivität gegenüber den anderen Religionen, da auch in ihnen Menschen das Heil finden könnten. Er verweist unter anderem auf Thomas von Aquin, der die Möglichkeit mehrerer Inkarnationen ebenfalls nicht ausschließen wollte.17 Gegen die Ausführungen des Pluralisten Hick, der aus dem allgemeinen Heilswillen Gottes und der Partikularität des Christentums auf die Gleichwertigkeit der Religionen schließe, führt Kessler an, dass diese Annahme auch eine gleichgestaltete Rezeptivität der Menschen in Bezug auf die Offenbarung Gottes einschließe, die so keinesfalls gegeben sei.

Für eine Christologie, die sich an den Inhalten der Botschaft Jesu Christi orientiere, ergebe sich also nun, dass Jesus nicht die „einzige bedeutsame, exklusive und absolute Offenbarung Gottes“18 sein müsse, allerdings die normative, ohne die man den Logos des Vaters nicht eindeutig bestimmen könne. Allerdings müssten die Menschen auch dafür bereit sein. Sie könnten durch die Religionen „in ihrem Suchen nach Gott und nach erfüllter Menschlichkeit“19 gefördert, aber auch gehindert werden.

Jesus sei der Logos des Vaters in „endlicher, partikulär-begrenzter, zeichenhafter und d.h. immer auch vorläufiger Gestalt.“20 Sein Wesen wolle sich daher weiter ausbreiten und „in andere Kontexte und Daseinsgestalten hinein übersetzen, und zwar so universal, bis ‚Gott alles in allem ist‘ (1 Kor 15,28).“21

Zudem sei der Inhalt der Offenbarung Gottes „durch Jesus im Geist endgültig und unüberholbar maßgeblich.“22 Da wir Menschen allerdings Fehler begehen und nicht-erkennen, sei die Offenbarung oft von Missverständnissen und Verstellungen geprägt.

[...]


1 Lessing, Vers 2032-2042.

2 LThK S. 361.

3 Anmerkung.: weitere Dokumente, die sich auf dieses Modell beziehen u.a.: Bulle „Unam Sanctam“ von Papst Bonifatius VIII; Die Bulle Cantate domino (Konzil von Florenz) und die Ansprache Pius IX „Singulari quadam.“

4 vgl. Danz, S. 154ff.

5 vgl. RM 5.

6 vgl. GS 22.

7 vgl. Barth, KD, 17.

8 vgl. Danielou, S. 126-143.

9 Kessler, S. 160.

10 vgl. ebd. S. 160f.

11 ebd. S. 161, Anm. 6.

12 ebd. Anm. 7.

13 ebd. S. 162.

14 Joh 14,6 u Apg 4,12.

15 Kessler, S. 164.

16 ebd. S. 164.

17 ebd. S. 166, Anm. 13.

18 ebd. S. 166.

19 ebd. S. 167.

20 ebd. S. 169.

21 ebd. S. 170.

22 ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640836178
ISBN (Buch)
9783668125346
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167155
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,7
Schlagworte
Interreligiöser Dialog Interreligiös Pluralität

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