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Der NS-Parteirichter Walter Buch - Leben und Werk im Lichte seiner Zeit

Essay 2011 10 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

1. Ausgangslage

Als Major a.D. Walter Buch im November1927 den Vorsitz über den „Untersuchungs- und Schlichtungsausschuss“ (USchlA) der NSDAP übernahm, konnte noch niemand ahnen, welch ungeheure Bedeutung diese Institution in Deutschland in den kommenden Jahren erlangen sollte1. Unter der Ägide von Buch wurde das USchlA-System immer weiter ausgebaut. Die Hauptaufgabe der USchlAs sollte in der Prüfung von Anträgen zu Ausschlüssen, gegebenenfalls die Prüfung von Aufnahme-Erklärungen und die friedliche Schlichtung von Streitigkeiten innerhalb der NSDAP sein2. Der USchlA mit Sitz in München und mit Walter Buch als dessen Vorsitzendem wurde bald zu einer Art Oberster Gerichtshof der Partei, dem „Reichs-USchlA“, der allen anderen USchlAs vorstand3.

Man vermag sich vorzustellen, welchen Einfluss die Parteigerichtsbarkeit angesichts der Tatsache, dass bis 1945 geschätzte 8,5 Millionen Deutsche Mitglied der NSDAP waren, auf die personelle Struktur und die Disziplinierung der Mitglieder der Partei hatten. Gelenkt und geleitet wurde die Parteigerichtsbarkeit durch den Reichs-USchlA in München, welcher später in Oberstes Parteigericht umbenannt werden sollte. Den Vorsitz über diese Institution hatte bis zum Jahre 1945 Walter Buch inne, dessen Person daher aus rechtshistorischer Sicht mehr Aufmerksamkeit zukommen sollte als bislang geschehen4.

2. Die Lebens- und Geisteswelt Walter Buchs

Obwohl er von Hitler bereits im November 1927 auf einer Tagung der Gauleiter in Weimar als neuer 1. Vorsitzender des Reichs-USchlA vorgestellt, wurde Walter Buch offiziell von Hitler durch Verfügung am 1. Januar 1928 zum „Obersten Richter der Partei“ ernannt5. Walter Buch wurde am 24. Oktober 1883 in Bruchsal / Baden als Sohn eines Senatspräsidenten am badischen Oberlandesgericht geboren. Nach dem Abitur trat er als Fahnenjunker in ein badisches Infanterieregiment ein. 1904 wurde er zu Leutnant, 1913 zum Oberleutnant befördert. Er diente im ersten Weltkrieg als Regimentsadjutant. Nach dem Ende des Weltkriegs 1918 verließ er als Major und Bataillonskommandeur die Armee. Als Grund für seinen Abschied gab er später an, er habe nicht „unter Eberts Flagge“ dienen wollen6. Bald nach seinem Ausscheiden aus der Armee trat er dem nationalistischen und antisemitischen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund bei.

Buch war ein überzeugter Antisemit, was schließlich mit ein Grund dafür war, dass er, als eigentlich Konservativer, zur damals revolutionären NSDAP fand. Buch schrieb später:„Der Nationalsozialist hat erkannt: Der Jude ist kein Mensch. Er ist eine Fäulniserscheinung. Wie sich der Spaltpilz erst im faulenden Holz einnistet und sein Gewebe zerstört, so konnte sich der Jude erst im deutschen Volk einschleichen und Unheil anrichten, als es geschwächt ... innerlich zu faulen begann ...“7. Der Untergang des deutschen Kaiserreiches war nach Buchs Überzeugung ebenfalls das Werk des Judentums, da „der Jude im Zweiten Reich seine Zeit gekommen wähnte und mit seinem Geschrei: „Hie Bürger -hie Proletarier“ den deutschen Menschen zu seinem Sklaven machen zu können glaubte“8, und „Der Deutsche merkte nicht, wie ... vor allem das Eindringen jüdischen Blutes in seinen Körper sein Mark langsam und stetig aushöhlten, wie schließlich sein ganzes Wesen von diesem Fremden überwuchert und bis in den Kern angefressen wurde, bis der Stamm der deutschen Eiche, die die ganze Welt beschattet hatte, im November des Verrats morsch zusammenbrach ... Der Friedensvertrag von Versailles und die ihm folgenden Abmachungen und Verträge haben es kundgetan, dass der Jude wirklich der Gegenmensch ist ...9. Das Judentum habe aber nicht nur die Vernichtung des Kaiserreiches zum Ziel gehabt, vielmehr sei die deutsche Niederlage im Weltkrieg nur eine Stufe im Verschwörungsplan des Weltjudentums zur Vernichtung des deutschen Volkes: „Es kann heute ohne Mühe die Behauptung bewiesen werden, dass die französische Revolution unter anderem vor allem vom jüdischen Gegenmenschen angezettelt wurde zur Vernichtung des germanisch-nordischen Bluts. Sie barg in sich die Abkehr von der idealistischen Weltanschauung und wurde die Geburtsstätte des Materialismus, des Liberalismus und damit des Marxismus“10.

Nach der Meinung Buchs stellte „der Jude als Verwandlungskünstler“ insbesondere eine Gefahr für die deutsche Familie, die rassische Reinheit und damit für das Überleben des deutschen Volkes dar: „Mit dem Kampfgeschrei aller gegenrassigen Umwälzungen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ begann er seit der französischen Revolution den Bau des deutschen Volkes zu berennen. Heimlich stahl er sich durch die Gesetze, die seine Gleichberechtigung brachten, in den deutschen Volkskörper, schlich er sich in die deutsche Familie ein ... Der Deutsche hat begonnen, sich mit dem Gegenmenschen zu kreuzen und damit seinem Blute untreu zu werden“ 11. Dies sei eine Entwicklung, der „der Gegenmensch in teuflischer Schläue Vorschub geleistet hat. Man sehe ihn sich an, wie er in seiner ursprünglichen Gestalt, in schmierigem Kaftan, mit verfilztem langen Bart seine listigen Äuglein aus den Winkeln der Großstädte hervorstechen läßt, bevor er den Sprung ins Bad, den Gang zur Schere des Haarschneiders gewagt hat und sich als geschmeidiger „Kavalier“ in den Tanzdielen auf die Jagd nach deutschen Mädchen begibt ... Zu allen Zeiten haben Juden widernatürliche Unzucht getrieben, versuchten sie unglückliche, ihnen verfallene Opfer durch Erpressungen auszusaugen. Jetzt ist diese Schändlichkeit ihnen auch willkommener Zweck, das Familiengefüge und damit den Volkskörper zu zerstören“12.

Aber auch andere Bereiche seien von einer jüdischen Verschwörung „zur Vernichtung germanisch-nordischen Blutes“ durchsetzt, wie zum Beispiel die Wissenschaften: „Es ist schon erstaunlich, in wie weitem Umfang es der Gegenmensch verstanden hat, sich in den Besitz der hohen Schulen zu setzen. Der wirkliche deutsche Gelehrte ist ihm schier schutzlos preisgegeben. Wer dieses Rätsels Lösung finden will, der überzeuge sich davon, dass etwa 75 Prozent der deutschen Gelehrten judenblütige Mischlinge sind. Ihnen allen fehlt der Kompass des Verstandes, der im reinen Blute liegt ... Der Jude hat mit verblüffender Zielsicherheit die deutschen hohen Schulen erobert und von hier aus seinen Drachensaat in die Herzen junger wissensdurstiger Menschen gelegt ... bis Ehre und Sitte verkehrt, das Recht verbogen war, und langsam das Deutsche Volk dahinsiechte“13. Dies Bedrohung konnte, so glaubte Buch, am besten durch die NSDAP überwunden werden, denn das oberste Ziel der Partei sei „die Erhaltung der deutschen Art ... Wenn wir auch noch das Volk ohne Raum sind, wenn auch noch zu viele Menschen auf engem Raum leben müssen, so ist es doch nicht so, dass wir Überfluss hätten an gutem, starkem Blut. Nur dies bürgt uns aber dafür, dass der Raumnot in Zukunft ein Ende bereitet werden kann“14.

Diese politischen Überzeugungen, die Buch zu einem erklärten Gegner der Weimarer Republik machten, erklären die vielfältigen politischen Aktivitäten, die Buch in den Jahren nach seinem Abschied aus der Armee entwickelte. So war er nicht nur Mitglied des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes“, sondern war ebenfalls dem „Deutschen Vaterländischen Orden“15 beigetreten und ein aktives Mitglied der konservativen „Deutschnationalen Volkspartei“ (DNVP). Außerdem war er bis Mai 1927 Mitglied im „Deutschvölkischen Offiziersbund“ und im „Bund Oberland“16. Darüber hinaus war Buch Mitherausgeber der „Badischen Wochenzeitung“, die ursprünglich ein Mitteilungsblatt des örtlichen Schutz- und Trutzbundes gewesen war, von Buch jedoch nach dessen Beitritt zur NSDAP17 zu einem Organ der Partei umgeformt wurde. Zu dieser Zeit lebte er mit seiner Frau in Scheuern, einem Vorort von Karlsruhe18.

Buch verließ im Mai 1927 die DNVP und wandte sich den Nationalsozialisten zu. Als Begründung für diesen Wechsel gab er später an: „Meine politische Arbeit begann im Jahre 1920 durch meinen Vater bei den Deutschnationalen und musste da sofort enden, als man mir zumutete, aus meiner Stellung zum Judentum ein Hehl zu machen. Meine Abneigung gegen die Fremdrassigen habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. So ist es nur natürlich, dass ich zu Hitler kam...“19. Das genaue Datum von Buchs Eintritt in die NSDAP ist nicht bekannt. Die Ortsgruppe Karlsruhe, der auch Buch angehörte, wurde im Mai 1922 offiziell gegründet20. Er selbst hatte aber bereits seit 1921 aktiv in der NSDAP mitgearbeitet und die Gründung der Ortsgruppe vorbereitet.

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1 Dieses Thema ist ausführlich behandelt in: Block, Die Parteigerichtsbarkeit der NSDAP, Berlin 2001, und McKale, The Nazi Party Courts, Hitlers Management of Conflicts in his Movement, Kansas, 1974.

2 Satzung vom 22. Mai 1926, § 7.e), Bundesarchiv NS 26 / 91.

3 McKale, Der öffentliche Dienst und die Parteigerichtsbarkeit, in: Rebentisch/Teppe (Hrsg.), Verwaltung contra Menschenführung im Staat Hitlers. Studien zum politisch-administrativen System, Göttingen 1986, S.238.

4 Vgl. zum Forschungsstand McKale, The Nazi Party Courts, S.53 ff sowie Block, Parteigerichtsbarkeit der NSDAP, S. 25 ff.

5 Vgl. dazu Walter Buch, Ziel und Aufgaben der Parteigerichtsbarkeit in: Der Parteirichter, 1.Jhg. 1934/1935, S.15 f.

6 Buch an Fanderl vom 2. November 1931, Bundesarchiv OPG „Walter Buch“.

7 Buch, Des nationalsozialistischen Menschen Ehre und Ehrenschutz, 5.Aufl., München 1939, S. 15; auch in: Deutsche Justiz 1938, S.1660.

8 Buch, Des nationalsozialistischen Menschen Ehre und Ehrenschutz, S.7; Deutsche Justiz 1938, S.1658.

9 Buch, Untergang und Aufstieg der deutschen Familie, in: Der Parteirichter, 1.Jhg., 1934/1935, S.51.

10 Buch, Untergang und Aufstieg der deutschen Familie, in: Der Parteirichter, 1.Jhg. 1934/1935, S.51.

11 Buch, Der Parteirichter, 1.Jhg. 1934/1935, S.52.

12 Buch, Der Parteirichter, 2.Jhg. 1935/1936, S.2.

13 Buch, Der Parteirichter, 2.Jhg. 1935/1936, S.12 f.

14 Buch, Deutsche Justiz 1938, S.1661.

15 Vgl Austrittsschreiben vom 13. Mai 1927, Bundesarchiv NS 26 / 1374.

16 Vgl. Austrittsschreiben an beide Organisationen vom 2. und 15. Mai 1927, Bundesarchiv NS 26 / 1374.

17 Buch trat aus all diesen Organisationen mit Hinweis auf die Anordnung Hitlers vom 5. Februar 1927 aus, nach der Mitglieder der NSDAP nicht gleichzeitig Mitglieder eines anderen politischen Vereins sein durften, vgl. „Rundschreiben an die Gauleitungen und selbständigen Ortsgruppen der NSDAP“ vom 5. Februar 1927, in: Tyrell, Führer befiehl, S.165 f..

18 Zu dieser Zeit war Buch infolge seiner vielfältigen politischen Aktivitäten so viel auf Reisen, dass er Frau und Kinder nur noch selten sehen konnte, vgl. Gerda an Martin Bormann vom 28. November 1943, in: Hugh Redwald Trevor-Roper, The Bormann Letters, The private correspondence between Martin Bormann and his wife from January 1943 to April 1945, London 1954, S.34 f.

19 Buch an Grimm vom 24. Juli 1930, Bundesarchiv NS 26 / 1374.

20 Völkischer Beobachter v. 14.06.22.

Details

Seiten
10
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640837922
ISBN (Buch)
9783640838639
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167151
Note
Schlagworte
ns-parteirichter walter buch leben werk lichte zeit

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