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Zentralbankunabhängigkeit und Inflation

Seminararbeit 2007 22 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Betrachtung
2.1. Überraschungsinflation als Mittel der Geldpolitik
2.2. Das Zeitinkonsistenzproblem
2.3. Ansätze zur Lösung des Zeitinkonsistenzproblems

3. Empirische Betrachtung
3.1. Kriterien der Unabhängigkeit
3.2. Indizes zur Messung der Zentralbankunabhängigkeit
3.2.1. Indizes mit rechtlichen Quantifizierungskriterien
3.2.2. Indizes mit verhaltensbezogenen Quantifizierungskriterien
3.3. Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Unabhängigkeit und Inflation

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1: Grafische Darstellung des GMT-Index

Tabellenverzeichnis:

Tabelle 1: CUK- und TOR-Index für 14 ausgewählte Länder

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Der Zusammenhang zwischen Zentralbankunabhängigkeit und Inflation spielte bis zu den 80er Jahren praktisch keine Rolle. Im Laufe der 90er Jahre erschienen zahlreiche Publikationen zur theoretischen Analyse und zur empirischen Belegbarkeit eines bestehenden Zusammenhangs zwischen Zentralbankunabhängigkeit und Inflation bzw. zur Widerlegung desselben.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Zusammenhang zwischen der Unabhängigkeit einer Notenbank und ihren Auswirkungen auf die Inflation im Hinblick auf die aktuelle Literatur zur Theorie und Empirie zu untersuchen.

Die Arbeit ist dabei wie folgt aufgebaut:

Gegenstand des zweiten Kapitels ist die theoretische Betrachtung einer Wirtschaft, in der die Regierung versucht, ihre eigenen konjunkturpolitischen Interessen zu Lasten einer höheren Inflationsrate zu verfolgen. Neben der modelltheoretischen Betrachtung sollen dabei in der Literatur herausgearbeitete Hypothesen zur Lösung dieses Problems analysiert werden.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der empirischen Belegbarkeit der im zweiten Kapitel dargestellten theoretischen Betrachtungen. Dabei werden im Anschluss an die Begriffsbestimmung zur Zentralbankunabhängigkeit die gängigsten Indizes zur Zentralbankunabhängigkeit beispielhaft dargestellt. Im Anschluss daran werden die in der Literatur herausgearbeiteten Zusammenhänge zwischen Zentralbankunabhängigkeit und Inflation herausgearbeitet und analysiert.

Im vierten Kapitel werden die wesentlichen Ergebnisse dieser Arbeit zusammenfassend dargestellt.

2. Theoretische Betrachtung

2.1. Überraschungsinflation als Mittel der Geldpolitik

Preisstabilität und damit eine „stabile“ Inflationsrate stellt in der Literatur das Hauptziel der meisten Zentralbanken im Weltwirtschaftssystem dar. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist das vorrangige Ziel der Preisstabilität sogar verfassungsmäßig in Artikel 4, Absatz 2 sowie Artikel 105 des EG-Vertrages kodifiziert1.

In mehreren Arbeiten wurde jedoch festgestellt, dass es für eine Regierung und die hieran gebundene Zentralbank als Organ der Regierung von Interesse sein kann, durch das Herbeiführen einer höheren Inflationsrate eine Geldpolitik zu verfolgen, die eigenen konjunkturpolitischen Zielen dient2.

Anreizpunkte für eine Regierung, eine solche Überraschungsinflation zu generieren, wurden in der Literatur durch Cukierman3 unter Bezug auf Barro und Gordon4 dargestellt.

So kann unter Berücksichtigung der kurzfristigen Phillipskurve die Höhe der Beschäftigung (employment motive) nur durch eine überraschende Inflation beeinflusst werden.

Zum zweiten kann das Einkommen (revenue motive) des Staates durch eine Inflation erhöht werden, da die festgelegten Zinsen der Staatsanleihen nominal definiert sind und daher im Falle des Anstiegs der Inflation „günstiger“ durch den Staat zurückgezahlt werden können (Seignorageeffekt). Schließlich kann eine überraschende Inflation nach Cukierman zum Ausgleich der Zahlungsbilanz (balance of payments motive) zum Abbau der Staatsverschuldung genutzt werden.

Leidtragende einer (überraschenden) Inflation ist jedoch die Gesellschaft und damit die Unternehmen und privaten Haushalte, deren rationale Erwartungen an die Inflationspolitik der Regierung durch eine Überraschungsinflation nicht erfüllt werden. Im Ergebnis werden sie daher der Regierung in den auf die Überraschungsinflation folgenden Perioden hinsichtlich ihrer Inflationspolitik keinen Glauben mehr schenken und ihre erwartete Inflationsrate entsprechend (höher) anpassen. Dieses Verhalten wird in der Literatur als Zeitinkonsistenzproblem bezeichnet (siehe 2.2.).

2.2. Das Zeitinkonsistenzproblem

Mittels der Geldpolitik ist eine Zentralbank (d.h. für den Fall einer abhängigen Zentralbank die Politiker einer Regierung) in der Lage, schnell d.h. mit geringer Verzögerung auf makroökonomische Schocks zu reagieren sowie diese absichtlich herbeizuführen. Hierdurch gewinnt die Geldpolitik als konjunkturpolitisches Mittel an Bedeutung, konfrontiert sie aber andererseits mit dem sogenannten Problem der Zeitinkonsistenz5. Nach Kydland und Prescott6 sowie Barro und Gordon7 versteht man unter dem Zeitinkonsistenzproblem den Umstand, dass es für eine Regierung unter bestimmten Voraussetzungen reizvoll sein kann, das Ziel einer längerfristigen Preisstabilisierung und damit einer niedrigen Inflationsrate zugunsten einer kurzfristigen konjunkturpolitischen Maßnahme zurückzustellen.

Grundlage des Zeitinkonsistenzproblems ist eine Ökonomie, in der die Wirtschaftsobjekte zwar rationale Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung der Inflation bilden, sie ihre Verträge (z.B. Tarifverträge, Immobilienfinanzierungen) aber nur nominal und für eine gewisse Dauer abschließen. In diesen Fällen ist es für die Geldpolitik möglich, nach Vertragsschluss die realen Preise zu verändern. So führt eine expansive Geldpolitik bzw. unerwartete Inflation, infolge der Orientierung der Arbeitsnachfrage der Unternehmen am Reallohn, zu einer erhöhten Arbeitsnachfrage und damit zu einem höheren realen Sozialprodukt, also einem für die Regierung günstigen Zustand.

Hinsichtlich der formalen Darstellung des Zeitinkonsistenzproblems existieren in der Literatur mehrere Varianten, von denen das auf der Arbeit von Kydland und Prescott basierende Barro-Gordon-Modell nachfolgend in den wesentlichen Grundzügen dargestellt und erläutert wird8.

Aus Sicht eines Politikers entstehen in jeder Periode Kosten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten die durch die Gleichung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

dargestellt werden können. Es ist ersichtlich, dass der erste Summand die Kosten, der zweite Summand hingegen den Nutzen der Inflation darstellt. Somit wird deutlich, dass eine Überraschungsinflation, d.h. ein Anstieg der Differenz zwischen tatsächlicher und erwarteter Inflationsrate Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten zu einem Absinken der Kosten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten führt.

Ziel des Politikers ist es demnach, seine erwartete Kostenfunktion unter Berücksichtigung des Abzinsungsfaktors Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten wie folgt zu minimieren:

(2) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Das Modell unterstellt nun einen Politiker, der ein Geldinstrument kontrolliert, welches ihm ermöglicht, die Inflationsrate Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenfür jede Periode festzulegen9. Die Auswirkungen seines Handelns im Rahmen von diskretionärer, geregelter und täuschender Geldpolitik können im Barro-Gordon-Modell wie folgt dargestellt werden:

Für den Fall einer diskretionären Geldpolitik und die Kenntnis der Inflationserwartungen der Gesellschaft wird der Politiker zur Minimierung seiner Kostenfunktion (2) die Inflationsrate mittels der Gleichung (1) mit Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten bestimmen. Bedingt durch rationale Erwartungen der Gesellschaft (private Haushalte und Unternehmen) beträgt die Inflationserwartung Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Da somit im Gleichgewicht kein Inflationsschock besteht, mithin die Differenz zwischen erwarteter und tatsächlicher Inflationsrate den Wert null annimmt, betragen die Kosten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Für den Fall einer geregelten Geldpolitik (policy under a rule) wird die Existenz einer Regel vorausgesetzt, die es dem Politiker zwar ermöglicht, die Inflationsrate festzulegen, diese jedoch von Parametern abhängt, die sowohl dem Politiker als auch der Gesellschaft bekannt sind. Da beide Parteien über dieselben Informationsgrundlagen verfügen, gilt Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten, was wiederum dazu führt, dass in Gleichung (1) der zweite Summand aus der Gleichung entfällt und nur der erste Term mit Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenübrig bleibt. Zur Minimierung der Inflationskosten ist es nunmehr zielführend, eine tatsächliche Nullinflation in sämtlichen Perioden anzustreben. Für diesen Fall betragen die Kosten sodann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der dritte von Barro und Gordon angeführte Fall ermittelt die Kosten des Politikers, sofern dieser durch Täuschung (cheating) die geltenden Regeln bricht, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Hierzu wird unterstellt, dass die Gesellschaft (die der im zweiten Fall dargestellten Regel folgt) eine Nullinflation erwartet. Aus der Gleichung (1) folgend wird der Politiker die Inflationsrate nunmehr mit Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten festlegen. Mittels der Funktion zu (2) ergeben sich die geschätzten Inflationskosten für den Politiker mit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Die geschätzten Kosten sind also negativ und damit

- sowohl geringer als im Falle einer diskretionären Geldpolitik
- als auch geringer als für den Fall, in denen der Politiker den Regeln der Geldpolitik folgt.

Im Ergebnis bleibt daher festzuhalten, dass zur Minimierung der Kostenfunktion des Politikers bzw. des Staates somit ein Anreiz für eine Überraschungsinflation besteht.

Barro und Gordon kommen in ihrer Arbeit zu dem Ergebnis, dass auf eine überraschende Inflation in der Periode t stets eine „Bestrafung“ des Staates durch eine höhere erwartete Inflation in der Folgeperiode (t+1) einhergeht, auch wenn der Staat in der Folgeperiode seine Inflationspolitik wieder diskretionär oder regelkonform gestaltet. Die Reputation des Staates wird erst in der darauf folgenden Periode (t+2) wieder hergestellt. Hierbei handelt es sich um den Umstand, der als Zeitinkonsistenz bezeichnet wird.

Eine Erhöhung der erwarteten Inflationsrate durch die Gesellschaft führt in der auf die überraschende Inflation folgenden Periode daher unter Berücksichtigung der Gleichung (1) zu höheren Kosten und damit zu einem Verlust für den Staat10.

2.3. Ansätze zur Lösung des Zeitinkonsistenzproblems

Zur Lösung des beschriebenen Zeitinkonsistenzproblems existieren in der Literatur mehrere Theorien. Die nachfolgenden Ausführungen haben den Lösungsansatz von Barro und Gordon, den Ansatz von Rogoff sowie den Ansatz von Walsh, Persson und Tabellini zum Gegenstand.

Das auf der Arbeit von Kydland und Prescott basierende Barro-Gordon-Modell stellt einen Lösungsansatz des Zeitinkonsistenzproblems durch den Erwerb von Glaubwürdigkeit der Regierung dar11.

Der Ansatz kann anhand der nachstehenden gesellschaftlichen Verlustfunktion12 verdeutlicht werden, deren Minimierung Ziel der Regierung ist:

(3) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten mit

(4) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (Lukas-Funktion).

[...]


1 Vgl. Junius/Kater/Meier/Müller (2002), S. 33.

2 Vgl. Persson/Tabellini (1997).

3 Vgl. Cukierman (1992a).

4 Vgl. Barro/Gordon (1983), S. 102-104.

5 Vgl. Berger (1997), S. 90.

6 Vgl. Kydland/Prescott (1977), S. 475-477.

7 Vgl. Barro/Gordon (1983), S. 102 ff.

8 Vgl. Barro/Gordon (1983), S. 104 ff.

9 Vgl. Barro/Gordon (1983), S. 105.

10 Vgl. Barro/Gordon (1983), S. 109.

11 Vgl. Barro/Gordon (1983), S. 104 ff, Kydland/Prescott (1977), S. 475 ff sowie Illing (1997), S. 161 ff.

12 Vgl. Berger (1997), S. 3 f., Berger/de Haan/Eijffinger (2000), S. 3-5 sowie Barro/Gordon (1983), S. 29 ff.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640835614
ISBN (Buch)
9783640835997
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167148
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
3,0
Schlagworte
Gordon Zeitinkonsistenz Barro

Autor

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Titel: Zentralbankunabhängigkeit und Inflation