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Untersuchung zu Erich Kästners "Fabian – Die Geschichte eines Moralisten"

Betrachtung der Darstellung des Frauenbildes unter Berücksichtigung neusachlicher Motive im Roman

von Nanni Peters (Autor)

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Tenor des Romans

3. Fabian und die „Neue Sachlichkeit“

4. Das Frauenbild Erich Kastners

5. Das Frauenbild im Fabian unter Berucksichtigung biographischer Bezuge
5.1 Die vollkommene Mutter
5.2 Irene Moll
5.3 Cornelia Battenberg

6. Fazit

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit entstand im Rahmen der Veranstaltung „Kulturelle Modeme II“, die sich mit den kulturellen und medialen Entwicklungen der Weimarer Republik auseinandersetzte.

Im Fokus der Betrachtung steht die werkimmanente Analyse des Frauenbildes unter Berucksichtigung neusachlicher Motive im Roman „Fabian - die Geschichte eines Moralisten“, verfasst von Erich Kastner. Zahlreiche Werke dieser Zeit (1918 bis 1933) zeichnen sich als sogenannte Zeitromane aus. Sie orientieren sich an Zeitlichkeit und Faktizitat der existenten Realitat und deren realistische literarische Spiegelung.1 Die Autoren der Neuen Sachlichkeit versuchten sich an journalistischer Berichterstattung. Sujets wie expandierende Urbanisierung, das Aufkommen der Entertainment-Branche (Kino, Revue etc.), die kontraren politischen Stromungen der Weimarer Republik und das Selbstverstandnis der Frau, welches in dieser Arbeit anhand des ausgewahlten Romans gesondert betrachtet werden soll. Zu Beginn wird ein kurzer inhaltlicher Uberblick uber den Roman „Fabian - Die Geschichte eines Moralisten“ gegeben. Im zweiten Schritt lindet eine Untersuchung statt, welche Erich Kastners Frauenbild spiegeln soll. Anschliefiend wird im Hinblick auf speziell ausgesuchte werkimmanente Bereiche die Agitation der wichtigsten Frauenfiguren im Roman untersucht, ebenso Fabians Sichtweise auf selbige. Im Roman fallen stets wiederkehrende biographische Bezuge zu Erich Kastner und seiner Lebenswirklichkeit auf, welche an geeigneten Textpassagen zur Untermauerung hinzugezogen werden.

2. Der Tenor des Romans

In diesem neusachlichen Roman, welcher 1931 entstanden ist, werden am Beispiel des kleinburgerlichen Angestellten Fabian die gesellschaftlichen Verhaltnisse der Weimarer Republik gezeichnet. Der Protagonist Jacob Fabian spurt der Frage nach, welches Verhalten angesichts der existenten politischen und wirtschaftlichen Krise angemessen, verantwortungsvoll und moralisch sei. In einem rasanten und montageahnlichen Tempo folgt der Leser dem Protangonisten Fabian von Station zu Station und lernt eine Vielzahl von Menschen, Orten und Schicksalen kennen, die in ihrer Vielfalt und Pragnanz ein Bild der schillerenden Metropole Berlin zeichnen. Es ist gepragt von den sozialen und politischen Spannungen der Weimarer Republik; von einer progressiven Freizugigkeit und Ausgelassenheit der Menschen; von existenziellen, bedrohlichen und sehr dusteren Angsten, welche die Menschen apokalyptisch an den Abgrund ihres Seins taumeln lassen.2 Durch die Perspektive Fabians lernt der Leser ein Milieu kennen, welches durch und durch verkommen erscheint und stark durch unmoralisches Verhalten der Menschen darin gekennzeichnet ist und weiterhin keinen Raum fur idealistische Moralbestrebungen lasst. Allerdings sind fur ihn Passivitat und Zynismus, die Abkehr von gesellschaftlichen Belangen, von Pflichten und Verantwortung keine adaquaten Alternativen.

Der Protagonist scheitert jedoch an seiner Strebsamkeit, wurdevoll in einer Welt des brockelnden Luxus, des rumorenden Untergangs und der sich neu entwickelnden Ideologien zu uberleben. Sven Hanuschek bemerkt in seiner Kastner Biographie, Fabian sei keine lebensfahige Figur und proklamiert, dass das letzte Kapitel fur die Aufforderung an den Leser stehe: „Macht es anders, lebt anders als er!“3 Fabian stirbt letztendlich, als er versucht, ein Kind vor dem Ertrinken zu retten, da er selbst nicht schwimmen kann. Der Titel des letzten Kapitels lautet deshalb: „Lemt Schwimmen!“.

„Zwei StraBenbahnen blieben stehen. Die Fahrgaste kletterten aus dem Wagen und beobachteten, was geschah. Am Ufer rannten aufgeregt Leute hin und wieder. Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.“4 Kastner mochte damit aufzeigen, dass ein moralisches Handeln im Spatkapitalismus nicht moglich ist und zum Untergang der Personlichkeit fuhre. Karlheinz Daniels aufierte sich in seiner ,,Text- und autorenspezifische Phraseologismen, am Beispiel von Erich Kastners Roman Fabian“ dazu folgendermaBen: „Fabian wollte weder im Strom der Zeit mit schwimmen, noch war er in der Lage, gegen den Strom zu schwimmen.“5

3. Fabian und die „Neue Sachlichkeit“

„Und wer die Dummheit beging, diesen Stil die „Neue Sachlichkeit“ zu nennen, den moge der Schlag treffen!“6 Die Literatur-Forschung ist nahezu einhellig vom Gegenteil uberzeugt und begreift den Roman als ein Dokument der Neuen Sachlichkeit. „Diese Stromung stellt eine Ruckkehr zu den Sachen selbst dar, die zu einem Primat der Dinge fuhrt und damit letztlich die Gefahr impliziert, die Verdinglichung der Menschen zu affirmieren.“7 8 Die Bezugnahme auf die Sachwerte des Alltags geht auf die schrecklichen Ergebnisse des I. Weltkrieges, die Inflation und allgemeine Weltwirtschaftskrise zuruck. Die Autoren, zu denen zum Beispiel auch Fallada, Kracauer und Fleisser gehoren, nehmen eine beobachtende Aufienperspektive ein, die sich um Authentizitat bemuht. Zu diesem Zweck werden Dokumente und Reportagen in den Text montiert. Die Neue Sachlichkeit versteht sich als Gebrauchskunst und spiegelt damit ein funktionales Literaturverstandnis. Walter Schiffels beschreibt den „neusachlichen“ Roman als Zeitroman im Sinne einer gegenwartsbeschreibenden Fiktion, die der literarischen Verarbeitung gegenwartiger Geschichtsprobleme dient.9 Weiterhin aufiert sich Kastners Lektor Curt Weller, dass es sich bei dem Roman Fabian nicht um einen Gattungs-Roman handele. Dem Verfasser gehe es darum, „einen Querschnitt durch die Zeit zu geben und seine Menschentypen [...] schlaglichtartig zu beleuchten.“10 Darin liegt gleichwohl das zentrale Anliegen des Romans Fabian. Ab und an lassen sich jedoch eindeutige neusachliche Motive im Roman finden, die wahrend der Analyse der Frauendarstellung gesondert benannt werden.

4. Das Frauenbild Erich Kastners

Gabriele Stadler konstatierte 1991: „Die heilige oder die Hure - auf eines dieser beiden Extreme bleibt Erich Kastners Frauenbild meistens beschrankt“. Kastner bejaht die Gruppe der treusorgenden, hausmutterlichen Mutter mit ihrer Liebe zu Kindern und mit einer, wenn uberhaupt angedeuteten, konservativen Sexualmoral. In einer Rezension von 1928 findet sich eine Vergotterung der Mutter-Figur: „Wer noch den Mut hat, an den inneren Fortschritt der Menschheit zu glauben, [...] der kann es ja nur, wenn er an die grenzenlose Herrschaft der Mutterliebe glaubt und daran, dab es ihr einmal gelingen wird, alle Arten Hafi und Feind- schaft zu uberwinden.11

Durch biographische Dokumentationen lasst sich gut nachweisen, wie sehr Kastner seine Mutter liebte und wie die Beziehung der beiden zueinander gestaltet war.

Im Abschnitt 5.1. der vorliegenden Arbeit „Die vollkommene Mutter“ wird explizit darauf eingegangen. Generell ist zu bemerken, dass Kastner seine Frauenbilder meist in Gegensatzpaaren konstruierte: burgerlich - konservativ versus liberal-progressiv. Souverane und sexuell emanzipierte Damen treten in Verbindung mit einer Gebots- und Verbotsmoral in den Kastner - Texten auf den Plan.12 Drouve weifit in seiner Dissertation ,,Erich Kastner - Moralist mit doppeltem Boden“ daraufhin, dass sich Kastners Darstellung der Frau gegen jede Gleichstellung in der Gesellschaft richte. Weiterhin konstatiert er, dass Kastner alles andere als weltoffen sei, er vertrete vielmehr eine spiefiburgerliche Attitude. Dagmar Grenz bekennt sich in ihrem Essay ,,Erich Kastners Kinderbucher in ihrem Verhaltnis zu seiner Literatur fur Erwachsene“ zu Kastners Fabian in der Weise, dass sie behauptet, der Roman weise eine sexuelle Doppelmoral auf, in dem Frauen lacherlich gemacht wurden. Sie verweist darauf, dass das Hauptmotiv im Roman ,,die sexuell gefallene Frau“ sei. Ebenso aufiert sich der eigentlich wohlgesonnene Werner Schneyder: „Fur selbstbewufite Frauen musse dieser Roman ein Feindbild sein.“13

Es stellt sich durchaus die Frage, ob Erich Kastner der Darstellung der modernen Frau Rechnung tragt. Es existieren einige Gegenstimmen (s.o.), die sich in analytischer Manier dagegen stemmen.

5. Das Frauenbild im Fabian unter Berucksichtigung biographischer Bezuge

Neben den zentralen Themen der Weltwirtschaftkrise und der Arbeitslosigkeit im Roman soll ein drittes Sujet besonders beleuchtet werden, namlich das ambivalente Verhaltnis des Protagonisten Fabian zum weiblichen Geschlecht. Der Roman zeigt ein Panorama verschiedenster Beziehungen zwischen Mann und Frau auf. Es muss in diesem Zusammenhang auf eine spezielle Sichtweise der Liebesbeziehung hingewiesen werden: Nicht die romantische Vorstellung von Liebe wird verhandelt, sondern sie erscheint vielmehr als eine Form eines kaltherzigen und berechnenden Waren-Substitutes. Auffallend ist insbesondere die negative Darstellungsweise der Damen, die Anlass zu Spekulationen geben, welchen Blick Kastner selbst auf die Frauenwelt besafi. Biographisch lassen sich hier einige übereinstimmende Analogien finden.

[...]


1 http://www.grin.com/e-book/54945/das-bild-der-weiblichkeit-im-roman-der-weimarer-republik-frauenbilder (14.02.2010)

2 vgl. Hurst, Matthias: Erzahlsituationen in Literatur und Film. Ein Modell zur vergleichenden Analyse von literarischen Texten und filmischen Adoptionen. Tubingen: Niemeyer 1996. (Medien in Forschung + Unterricht: Ser. A; Bd. 40). S.160.

3 Hanuschek, Sven: Keiner blickt dir hinter das Gesicht. Das Leben Erich Kastners. Munchen: Carl Hanser Verlag, 1999. S. 201.

4 Kastner, Erich: Fabian - Die Geschichte eines Moralisten. Zurich: Artrium Verlag 2006. S.270. Alle folgenden Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe und erscheinen in Klammern im laufenden Text.

5 Daniels zit. in: Rauch, Marja: Erich Kastner. Fabian. Oldenbourg Interpretationen 99. Munchen: Oldenbourg, 2001.S.59.

6 Erich Kastner: „Lyriker ohne Geiuhl“. In: Neue Leipziger Zeitung, 4.12.1927, zit. nach Johan Zonneveld, 1991, S.222.

7 vgl. Rauch, Marja: Erich Kastner. Fabian. Oldenbourg Interpretationen 99. Munchen: Oldenbourg, 2001.S.23.

8 vgl. Rauch, Marja: Erich Kastner. Fabian. Oldenbourg Interpretationen 99. Munchen: Oldenbourg, 2001.S.23.

9 Schiffels, Walter zit. in: Rauch, Marja: Erich Kastner. Fabian. Oldenbourg Interpretationen 99. Munchen: Oldenbourg, 2001.S.24.

10 Wellers, Curt zit. in: Hanuschek, Sven: Keiner blickt dir hinter das Gesicht. Das Leben Erich Kastners. Munchen: Carl Hanser Verlag, 1999. S. 196.

11 Kastner zit. in: Drouve, Andreas: Erich Kastner - Moralist mit doppeltem Boden. In: Marburger Wissenschaftliche Beitrage Bd. 3 (1993). S.234. (Original-Rechtschreibung beibehalten)

12 vgl. Drouve, Andreas: Erich Kastner - Moralist mit doppeltem Boden. In: Marburger Wissenschaftliche Beitrage Bd. 3 (1993). S.235.

13 vgl. Drouve, Andreas: Erich Kastner - Moralist mit doppeltem Boden. In: Marburger Wissenschaftliche Beitrage Bd. 3 (1993). S.236.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640835140
ISBN (Buch)
9783640834648
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167101
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Fakultät I
Note
1,3
Schlagworte
untersuchung erich kästners fabian geschichte moralisten betrachtung darstellung frauenbildes berücksichtigung motive roman

Autor

  • Nanni Peters (Autor)

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