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Erfahrungsgeschichtliche Methoden: Fotografieren im Ersten Weltkrieg. Die Intention der Amateurfotografen

Hausarbeit 2010 7 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

1. Amateurfotografie: Ein Phänomen des Ersten Weltkriegs

„ ‘Kodak noch fix an den Leibriemen geschnallt, ein mächtiges Stück Stollen noch

in die Hand, ... Knarre in die Hand, ... Affen auf den Buckel und raus‘ [...], so der

Student M. Müller am 1. Dezember 1914 in einem Brief nach Haus. Daß der

Soldat nicht nur kämpft, sondern auch fotografiert, war etwas Neues. Im Krimkrieg,

im amerikanischen Bürgerkrieg und auch im Krieg gegen Frankreich hatten

Berufsfotografen mit ungelenken Kameras und langer Belichtungszeit Gebäude,

Leichen, tote und stehende Soldaten auf die Platte gebannt. Im Ersten Weltkrieg

gibt es erstmals den Schützengraben-Photographen.“[1]

Das Phänomen des Schützengraben-Fotografen, welches Barbara Duden in ihrem Aufsatz anspricht, war in der Tat im Ersten Weltkrieg weit verbreitet: Zwischen 1914 und 1918 fotografierten erstmals die teilnehmenden Soldaten in großem Ausmaß.[2] An die Tradition des Berufsfotografen knüpfte nun der Amateurfotograf an der Front an, der Soldat, welcher gleichzeitig kämpfte und fotografierte.[3] Mithilfe kleiner Rollfilmkameras wurde so der Krieg millionenfach in Fotografien festgehalten, wobei die belichteten Negative entweder an Ort und Stelle entwickelt oder über die Feldpost in die Heimat gesendet wurden. Den Amateurfotografien wurde dabei eine besondere Authentizität zugeschrieben, weshalb es an der deutschen Front kein Verbot der Laienfotografie gab. Die fotografierenden Soldaten mussten lediglich einen Erlaubnisschein einholen. Wie Duden schreibt, entstand „im Laufe von vier Jahren [...] eine Flut von Frontbildern privater Art, ein Massenzeugnis aus dem Krieg [...]“[4], welches später in den Archiven nach Themen wie Personen, Zerstörung und Sehenswürdigkeiten und nach Motiven wie Graben, Etappe, Marsch, Gefangene und Leichen geordnet wurde.

Welche Fragen stellen sich nun im Kontext unseres Seminars „Visuelle Kultur als Forschungsfeld“ und unseres konkreten Themas „Erfahrungsgeschichtliche Methoden: Fotografieren im Ersten Weltkrieg“? Der Fokus meiner Hausarbeit soll auf der Intention der fotografierenden Soldaten liegen. Warum wurden von den Amateurfotografen welche Motive gewählt? Was schien den Soldaten an der Front wichtig zu zeigen? Aber auch: Welche Fragen stellen sich für die kulturwissenschaftliche Analyse des Visuellen? Wie wird die Intention der Amateurfotografen von der Wissenschaft bewertet und wie die daraus resultierende Qualität der Bilder als Quellenmaterial zur Erforschung des Ersten Weltkriegs?

2. Die Intention der Amateurfotografen

Der offensichtlichste Grund für die Amateurfotografie im Ersten Weltkrieg waren die neuen technischen Möglichkeiten. Um 1880 konnten bereits bewegte Motive mithilfe lichtempfindlicher Platten fotografiert werden, doch dieses Verfahren war durch das hohe Gewicht der Platten und deren umständliches Wechseln nicht für den laienhaften Gebrauch geeignet.[5] Die Amateurfotografie im Ersten Weltkrieg wurde technisch möglich durch die Konstruktion der Rollfilmkamera, die der Infanterist am Gürtel tragen konnte. Durch diesen Negativ-Fotoapparat war es den fotografierenden Soldaten an der Front möglich, die Kamera stets griffbereit zu haben.

Ein weiterer wichtiger Grund, warum fotografiert wurde, war der Wunsch vieler Soldaten, den Kontakt zur Heimat aufrecht zu erhalten. Persönliche Erinnerungsfotos waren in Deutschland äußerst beliebt, und so gelangten Millionen von Bildpostkarten und Fotografien von der Front über den Feldpostweg in die deutsche Heimat, wo diese die Sorge der Angehörigen ein wenig mindern konnten.[6]

Das Phänomen der Amateurfotografie im Ersten Weltkrieg kann darüber hinaus auf propagandistische Maßnahmen der Heeresleitungen und auf Werbestrategien des Handels zurückgeführt werden. Die Heeresleitungen förderten gezielt die Laienfotografie, da diese das Durchhalten der Soldaten an der Front gewährleisten sollte.[7] Während des Ersten Weltkriegs war außerdem geradezu eine Heroisierung der Frontfotografen zu beobachten: Soldaten, die gleichzeitig kämpften und dabei den Auslöser betätigten, waren allgemein anerkannt und somit wurde die Fotografie, welche sonst als bloße Freizeitaktivität galt, in hohem Maße aufgewertet.[8] Im ersten Kriegsjahr gelangten durch die Presseabteilung des Generalstabs viele Knipserfotos als sogenannte Augenzeugenberichte in die deutschen Zeitungen und sollten den Lesern in der Heimat die Möglichkeit geben, auf den Schlachtfeldern des Krieges dabei zu sein.[9] Auch Industrie und Handel in Deutschland erkannten früh das Bedürfnis der Frontsoldaten, eine Kamera zu besitzen, und entwickelten neue Werbestrategien, die gezielt die Chronistenpflichten der Soldaten ansprechen sollten.[10] Tatsächlich erlebte die Photographische Industrie in den Jahren 1914-1918 einen großen wirtschaftlichen Aufschwung.

Als weiteren Grund für die soldatische Amateurfotografie ist der Wunsch nach der Dokumentation der Kriegserlebnisse zu nennen.[11] Nicht wenige Soldaten waren im Ersten Weltkrieg erstmals von ihrer gewohnten Umgebung und ihrer Familie getrennt. Durch die Stationierung in fremder Umgebung und durch die unabsehbare Dauer des Krieges wuchs bei den Soldaten das Bedürfnis, die neuen Erfahrungen und das Nicht-Alltägliche in Bildern festzuhalten. Durch die propagandistische Aufwertung des Weltkriegs als Teil der großen Weltgeschichte waren viele Infanteristen darauf bedacht, ihre eigene Teilnahme in Bildern zu dokumentieren.

Desweiteren spielten psychologische Aspekte in der soldatischen Laienfotografie eine große Rolle. Dewitz stellt die These auf, dass viele Kriegsfotografien persönliche Botschaften der Infanteristen enthalten: „So sehe ich jetzt aus! […] So wird bei uns der Krieg geführt! So leben wir!“[12] In der harten Realität des Krieges und seines unabsehbaren Ausgangs kann die Fotografie den Soldaten als Mittel der Selbstbehauptung und als Überlebensstrategie gedient haben.[13] Durch das Festhalten der eigenen Person und der Kameraden im Foto wurde das eigene Überleben dokumentiert, das Selbstbewusstsein stabilisiert und die Kameradschaft gefestigt.

Mit der Intention der Laienfotografen im Ersten Weltkrieg haben sich die beiden Wissenschaftler Bodo von Dewitz und Barbara Duden beschäftigt. Sie repräsentieren zwei unterschiedliche Ansätze, wie die Amateurfotografien gedeutet werden können und wie der historisch-wissenschaftliche Wert der Knipserfotos bemessen werden kann. Warum haben die Soldaten an der Front fotografiert? Was wollten sie mit ihren Bildern ausdrücken? Welchen Wert haben die Fotos als historisches Quellenmaterial? Diesen Fragestellungen haben sich Bodo von Dewitz und Barbara Duden angenommen, was ich im Folgenden näher erläutern möchte.

[...]


[1] Barbara Duden: Der Kodak und der Stellungskrieg. In: BIOS 7. 1994, S. 64.

[2] Bodo von Dewitz: Schießen oder fotografieren? Über fotografierende Soldaten im Ersten Weltkrieg. In: Fotogeschichte 12. 1992, S. 50.

[3] Duden 1994, S. 64-69.

[4] Ebd., S. 67.

[5] Ebd.

[6] Ebd., S. 68.

[7] Ebd.

[8] Dewitz 1992, S. 50.

[9] Duden 1994, S. 64.

[10] Dewitz 1992, S. 51.

[11] Ebd., S. 50-54.

[12] Ebd., S. 54.

[13] Ebd., S. 54-56.

Details

Seiten
7
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640832620
ISBN (Buch)
9783640832095
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166955
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Ludwig-Uhland-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Erster Weltkrieg Weltkrieg Fotografie Fotografieren Soldaten Amateurfotografie Schützengrabenfotograf Bodo von Dewitz Barbara Duden Fotos Fotografie Erster Weltkrieg Soldat Knipserfotos

Autor

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Titel: Erfahrungsgeschichtliche Methoden:  Fotografieren im Ersten Weltkrieg. Die Intention der Amateurfotografen