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Historische Rekonstruktion des Zusammenhangs zwischen dem Bürgertum des 18. Jahrhunderts und der Entwicklung der Geschlechtscharaktere

Die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Historisch-soziologische Rekonstruktion der Entwicklung des Bürgertums

2. Die Entstehung der Geschlechtscharaktere

3. Zusammenschau

4. Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Thema der Geschlechter ist in unserem täglichen Leben in verschiedensten Bereichen allgegenwärtig. Gesellschaftliche Veränderungen wie z.B. von der Wohn- und Arbeitssituation bis hin zur Industrialisierung sowie der Einfluss neuer geistiger Strömungen wie z.B. der Rationalismus machen deutlich, inwieweit die unterschiedlichsten Bereiche miteinander verflochten sind und sich wechselseitig beeinflussen. Da das Thema Geschlecht in den verschiedenen Bereichen stets involviert ist bedeutet dies, dass das Thema Geschlecht selbst ein Bereich unter anderen Bereichen ist und daher eine reziproke Beziehung mit ihnen haben muss. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass das Thema Geschlecht für die Soziologie ein bedeutsames Forschungsgebiet ist, weil es einen relevanten Beitrag zur Erklärung von soziologischen Problemen in anderen Bereichen liefert wie z.B. in der Arbeitssoziologie.

Dass es Männer und Frauen gibt, ist unbestritten. Warum sind die heutigen Vorstellungen[1] der Geschlechter soziologisch betrachtet so wie sie sind, d.h. warum haben Männer und Frauen als Geschlechter ihre jeweiligen Rechte, Pflichten und Rollen inne? Da die Momentaufnahme der Geschlechter nur die Gegenwart abbilden kann, bedeutet das, dass die Geschlechter wie wir sie erleben etwas Gewordenes sind. Es ist nun einem besseren Verständnis von Geschlecht äußerst förderlich, wenn man die historische Entwicklung soziologisch rekonstruiert. Insbesondere sollten relevante Zeitabschnitte in der Entwicklung der Geschlechter hervorgehoben werden. Ziel dieser Arbeit ist eine soziologische Rekonstruktion der Entwicklung der Geschlechter mit dem Fokus auf der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, weil sich hier entscheidende Veränderungen ergeben haben und diese deswegen in diesem Kontext besonders relevant ist.

1. Historisch-soziologische Rekonstruktion der Entwicklung des Bürgertums

Beginnen wir unsere Betrachtungen in der Zeit vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, d.h. vor der Industrialisierung. Die vorindustrielle, ständische Gesellschaft war eine Hausväter-Gesellschaft, in deren Mittelpunkt das so genannte „ganze Haus“ als Produktions-, Konsum- und Lebensgemeinschaft stand.[2] In der Hausväter-Gesellschaft war der Vater, der Mann der Familie, die uneingeschränkte Autorität in der Familie. Das bedeutet, dass die Frau sowie alle anderen Mitglieder oder Anwesenden des Haushalts dem Mann unterstellt waren.

Die Familie der vorindustriellen Zeit grenzt sich von der heutigen Familie dadurch ab, dass die Wohnverhältnisse keine Trennung zwischen einem Bereich der Eltern und einem der Kinder oder auch familienfremden Personen gab.[3] Nave-Herz unterscheidet in der vorindustriellen Zeit zwei Arten von Familientypen: Familien mit Produktionsmittel und Familien ohne Produktionsmittel.[4]

In Familien mit Produktionsmittel wurde am selben Ort gelebt und gearbeitet wie z.B. auf einem Bauernhof. Außer der Küche erfüllten die Räume eines Hauses keinen bestimmten Zweck und waren daher Allzweckräume, d.h., dass diese auch von allen sich im Haushalt befindlichen Personen genutzt werden konnten und auch wurden. Aus dem Gesagten geht ferner hervor, dass die Zahl der sich im Haushalt befindlichen Personen stark fluktuierte. Z.B. waren im Sommer und Herbst auf einem Bauernhof mehr Leute wegen der Feld- und Erntearbeit, des Hütens von Vieh und diverser Reparaturen oder Bauarbeiten im bäuerlichen Haushalt untergebracht als im Winter, in dem es diese Arbeiten nicht gab oder diese nicht ausgeführt werden konnten.

Diese Leute, die nicht zur Kernfamilie gehörten wie z.B. Knechte, Mägde, Handwerker, Lehrlinge etc., hielten sich nun mit der Kernfamilie in einem Haushalt in den Allzweckräumen auf. Durch diese Wohnsituation wurde eine eigene Privatsphäre oder ein Refugium für den Einzelnen unmöglich. Es gab auch keine getrennten Arbeitsbereiche für Männer und Frauen. Sowohl Männer als auch Frauen arbeiteten auf dem Feld, im Stall, bei Reparaturen am Haus etc.

Bei Familien ohne Produktionsmittel wurde an verschiedenen Orten gelebt und gearbeitet. Gelebt wurde im Haus und gearbeitet außer Haus. Wohnen und Erwerbstätigkeit waren also getrennt. Während sich die Männer als z.B. Gerichtsdiener, Türsteher, im Bau- und Transportgewerbe verdient machten, halfen die Frauen in fremden Haushalten als Wasch- oder Nähfrau. Auch in den Familien ohne Produktionsmittel gab es im Haushalt keine Privatsphäre für die Anwesenden.[5]

Die beiden Familientypen haben eine Sache gemein: In keiner der beiden Typen gibt es eine eigene Privatsphäre für die Mitglieder des Haushalts. Erwähnenswert ist auch, dass in der Familie mit Produktionsmittel überhaupt keine Trennung der männlichen und weiblichen Arbeitsbereiche erfolgte, wohingegen in den Familien ohne Produktionsmittel sich zwar die Tätigkeitsfelder von Mann und Frau unterschieden, jedoch nicht der Ort dieser Tätigkeitsfelder. Der Ort der Erwerbstätigkeit von Mann und Frau war derselbe: Er war außer Haus und nicht im Haus!

Allmählich bildete sich das Bürgertum des 18. Jahrhunderts heraus.

Hier verlor das Haus erst allmählich den Charakter eines öffentlichen Versammlungsortes, der das Kennzeichen aller vorindustriellen, nordwestlichen und mitteleuropäischen Familien war.[6]

Als Ursachen sind Veränderungen in den Wohnsituationen der Familien zu nennen. Ab dem 18. Jahrhundert zogen einige vermögende Familien aus dem Stadtkern in die idyllische und ruhige Vorstadtgegend. Die Erwerbstätigen machten sich z.B. als Banker, Ärzte oder Kaufleute verdient. Mit dem Umzug in die Vorstadt fand in diesen Familien zum ersten Mal eine Trennung von männlichen und weiblichen Tätigkeitsbereichen statt – vor allem am Ort dieser Tätigkeitsbereiche. Insbesondere waren die Frauen davon betroffen, weil diese nun im Gegensatz zum Mann, der außerhaus erwerbstätig war, den ganzen Tag auf den Innenbereich des Hauses verwiesen waren.[7] An dieser Stelle tritt das erste Mal eine klare Zuweisung von Männern und Frauen in getrennte lokale Bereiche ihres Wirkens auf und somit kann das als eine Weichenstellung für zukünftige Rollenvorstellungen angesehen werden. Es setzte sich also sukzessiv die Trennung von Haushalt und Betrieb und somit die Trennung von Privatleben und Berufsarbeit durch.

Für diese Entwicklung sind zwei Ursachen zu nennen:[8] Erstens war eine vermehrte Produktion von Waren für den Markt und die damit verbundene Ausbreitung von Manufakturen und später Fabriken zu verzeichnen. Zweitens setzten sich nach und nach Bürokratie und Formalia durch, die wiederum ihrerseits das Behörden- und Beamtentum zur Folge hatten. Es ist ersichtlich wie das Privatleben (Wohnsituation, Rollenverteilung etc.) durch Veränderungen im wirtschaftlichen Sektor beeinflusst wurde, weil die Veränderung der privaten Wohnsituation und die damit einhergehenden Veränderungen auf die Wirkbereiche von Mann und Frau, die wiederum deren Rollenverständnis beeinflussen, eine Reaktion des Privaten auf Veränderungen im Wirtschaftlichen war.

Ein weiteres Merkmal der neuen Wohnsituation war die Vereinzelung der Zimmer, was durch die Einrichtung von Fluren, die bis dahin unbekannt waren, ermöglicht wurde. Es entstanden so Esszimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer etc., die den im Haus lebenden Menschen erstmals eine Privatsphäre garantierten, weil diese ihnen erstmals Rückzugsmöglichkeiten eröffneten.[9] Mit der Veränderung der Wohnsituation bildete sich auch eine neue Art der Intimität zwischen den Familienmitgliedern – insbesondere zwischen Mann und Frau – aus. Ehen wurden auch zur damaligen Zeit nicht mehr ausschließlich aufgrund von zweckrationalen Aspekten geschlossen, sondern auch aufgrund von Gefühlen zwischen Mann und Frau. Die romantische „Liebe“ wurde seitdem als Eheschließungsmotiv immer wichtiger und dominiert heute fast ausschließlich das Ideal einer Beziehung oder Ehe. Zu dieser Zeit entstand im Bürgertum des 18. Jahrhunderts das heute noch vorherrschende Ideal der bürgerlichen Familie. Auch die Einführung des heutigen Begriffs der Familie ist in das Ende des 18. Jahrhunderts zu verorten: „Gegen Ende des 18. Jahrhunderts griff der preußische Staat tief in die hausherrlichen Rechte ein. So ist 1794 im Allgemeinen Landrecht erstmals nicht mehr von Hausständen die Rede, man bediente sich stattdessen des modernen Begriffs der Familie.“[10] Analog zur Ausbildung des Begriffs Familie bildete sich durch die veränderte Wohnsituation auch das aus, was wir heute unter dem Begriff „Öffentlichkeit“ verstehen: „Der Begriff Öffentlichkeit kommt im Deutschen am Ende des 18. Jahrhunderts in der politischen Diskussion auf, nachdem bereits längere Zeit die öffentliche Meinung des räsonierenden Publikums als notwendige Vermittlungs- und Kontrollinstanz zwischen Fürstenstaat und Untertanen-Gesellschaft propagiert und etabliert worden ist.“[11]

Es darf somit konstatiert werden, dass die Ursachen des Aufkommens des Diskurses um Geschlechtscharaktere und die damit verbundene Rollenverteilung zwischen Mann und Frau ein Bündel aus wirtschaftlichen sowie politischen Veränderungen und die Reaktionen des Privatlebens (z.B. Wohnsituation) darauf waren.

Ab dem 18. und 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend die so genannte „Gatten-Familie“ durch, in der die Alleinverantwortung und -erziehung von Kindern an die Eltern und überwiegend an die Mutter übertragen wurde.[12] Die Form der Gattenfamilie korrelierte positiv mit dem damaligen „Ergänzungstheorem der Geschlechter“, nach dem Mann und Frau von Natur aus auf Ergänzung durch das jeweilige geschlechtliche Komplement angewiesen waren.[13] Haben sich Mann und Frau gefunden, so ergänzen sich die gegengeschlechtlichen Komplemente zu einem Ganzen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass diesem Ergänzungstheorem zufolge Ein-Eltern-Familien etwas fehlen musste und daher wurden diese als defizitär angesehen.[14] Man sieht hier im Bürgertum erstmalig die starke Verwiesenheit und Abhängigkeit von Mann und Frau aufeinander zu Tage treten. Weiter oktroyieren diese Faktoren – neue Wohn- und Arbeitsverhältnisse, Ergänzungstheorem der Geschlechter, Gatten-Familie – Mann und Frau erstmalig bis dato unbekannte Rollenverhältnisse. Anders als in vorindustriellen Familien sowohl mit als auch ohne Produktionsmittel fand hier erstmals eine klare Trennung des Arbeitsortes zwischen Mann und Frau statt und zwar war der Mann außerhaus tätig, wohingegen die Wirkstätte der Frau auf das Wohnhaus begrenzt war. „Der Mann sollte >>das Haupt<<, die Frau die >>Seele der Familie<< sein, wodurch beide ihre unterschiedlichen Pflichten zu erfüllen hätten.“[15] Wo zu Beginn der sich ändernden Wohnverhältnisse erstmals eine Trennung der Wirkstätten von Männern und Frauen festgestellt wurde, kann man an dieser Stelle eine Zuschreibung, eine Wertung der Rollenverhältnisse, die durch getrennte Wirkstätten von Mann und Frau zustande kamen, feststellen. Mit der Änderung der Wohnsituation ging nicht nur eine Trennung der Wirkstätten von Mann und Frau einher, es ging darüber hinaus auch eine Trennung und Wertung der psychischen Bereiche einher. Wo die Erwerbstätigkeit des Mannes außer Haus immer noch zweckrational geprägt war, war das Wohnhaus als Wirkstätte der Frau emotional konnotiert. Wo die Wirkstätte des Mannes rational, pragmatisch, konkurrierend und emotionslos war, sah man die Wirkstätte der Frau als herzlich, warm, liebevoll und empathisch an. Mann und Frau waren – dem damaligen Ideal der bürgerlichen Familie folgend – auch darauf angelegt, sich in ihren Bedürfnislagen – sowohl materiell als auch emotional – physisch und psychisch zu ergänzen. Man sieht an dieser Stelle folgendes: Je strikter die Trennung von Wohn- und Erwerbsbereich und der damit einhergehenden Trennung der psychischen Bereiche erfolgt, desto stärker sind diese komplementären Bereiche aufeinander verwiesen und somit voneinander abhängig. Wenn z.B. der Mann ausschließlich mit Geschäftspartnern außerhaus an der Übernahme eines konkurrierenden Unternehmens arbeitet, so ist er aufgrund seiner Arbeit und der dort herrschenden Emotionslosigkeit stärker darauf angewiesen, seine emotionalen Bedürfnislagen im „warmen“ Wohnhaus zu befriedigen.

Nun müssen die dargebrachten Ausführungen eine notwendige Relativierung erfahren: Es handelt sich bei dem oben beschriebenen Entwicklungen einzig um die Entwicklungen des Bürgertums, nicht um die einer die ganze Gesellschaft umfassenden. Weite Teile der Gesellschaft waren von diesen Entwicklungen nicht betroffen und pflegten ihre gewohnten Arbeits- und Wohnverhältnisse weiter wie bisher.[16] Innerhalb der Wohnsituationen der Arbeiterschaft gab es weiterhin keine Räume mit einem speziellen Zweck, dies waren weiterhin Allzweckräume, d.h. es gab keine Privatsphäre. Sowohl die besagten Wohnverhältnisse des Großteils der Bevölkerung als auch die Erwerbstätigkeit von Frauen und Kindern war Gang und Gäbe.[17]

Mit dem Beginn der Industrialisierung, ca. Mitte des 18. Jahrhunderts, verschärfte sich die Trennung von Wohn- und Erwerbsbereich zusehends. Allerdings ist es ein Irrtum, dass die Familie dem Prozess der Industrialisierung passiv ausgeliefert war und sich ihr strukturell angepasst hätte.[18] Die Familie spielte eine aktive Rolle und zwar in Form von Vetternwirtschaft: An Arbeit in den Fabriken gelangte man meist nur über Familienmitglieder und Verwandte, die Arbeitsplätze vermittelten, Migration organisierten und bei der Anwerbung und Einschulung junger, neuer Arbeitskräfte tätig waren. Es arbeiteten in den Fabriken selbstverständlich auch Frauen und Kinder. Die Industriearbeit für Frauen und Kinder wurde allerdings zeitlich limitiert. Z.B. wurden 1839 Gesetze zur Beschränkung der Kinderarbeit erlassen und im selben Jahr wurde in Preußen durch ein „Fabrikregulativ“ die Industriearbeit für Kinder unter neun Jahren verboten, für Kinder von neun bis sechzehn Jahren auf zehn Stunden täglich und 51 Stunden wöchentlich begrenzt sowie Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit untersagt.[19] Ab 1870 galt der 12-Stunden-Takt und das Arbeitsschutzgesetz von 1891 legte die tägliche Höchstgrenze für Frauen auf zehn Stunden und an den Tagen vor Sonn- und Feiertagen auf acht Stunden fest.[20] An dieser Stelle eröffnet sich die Frage, welche Frauen denn von diesen Gesetzen betroffen waren. Nave-Herz unterscheidet im 19. Jahrhundert vier Typen von Frauen:[21] Frauen aus der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht, die nicht arbeiten müssen; Frauen, die sich in der Landwirtschaft, im Handel oder im Gewerbe verdingen; Fabrikarbeiterinnen; unverheiratete Dienstmädchen und verheiratete Hilfskräfte. Man sieht, dass die Frauen des Bürgertums gerade einmal ein Viertel der vier angeführten Frauentypen repräsentieren. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Ausbildung und Entwicklungen der Geschlechterrollen im Bürgertum keinesfalls repräsentativ für die gesamte Gesellschaft sind. Erst nach und nach übertrugen sich die Ideale der Geschlechterrollen des Bürgertums auch auf die Angehörigen anderer Schichten und Milieus.

Der Zeitgeist gegen Ende des 18. Jahrhunderts war geprägt vom Gedanken der Aufklärung. Eine der geläufigsten Definitionen von Aufklärung ist die von Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“[22] Der Begriff „Ausgang“ bezeichnet einen Prozess. Reformuliert bedeutet das, dass der Mensch zwar in einem Zeitalter der Aufklärung lebt, aber noch nicht aufgeklärt ist. Dies trifft insbesondere auf das (Bildungs-)Bürgertum der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert zu.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ist der Übergang von einer ständischen Gesellschaft zu einem modernen Industrie- und Verwaltungsstaat zu verorten, was auch der Übergang vom „ganzen Haus“ zur modernen, aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzten Familie bedeutete.[23]

Das Bürgertum der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist somit der soziale Ort, an dem sich das einstige „Ideal“ und die heutige „Norm“ der Geschlechterrollen unserem Verständnis nach ausbildeten. Als Ursachen sind zum einen wirtschaftliche Veränderungen wie z.B. die Industrialisierung anzuführen. Diese Veränderungen wirkten sich ihrerseits auf den privaten Bereich der Menschen (Veränderung der Wohnverhältnisse) aus. Die veränderten Wohn- und Arbeitsverhältnisse wiederum wirkten sich auf eine lokale Zuweisung von Mann und Frau in die Bereiche Erwerbs- und Hausarbeit aus. Erst vor diesem Hintergrund konnte sich der Diskurs der Geschlechtscharaktere im Bürgertum des 18. Jahrhunderts etablieren. Andere Gesellschaftsschichten waren von diesem, einzig im Bürgertum prävalenten, Diskurs nicht betroffen. Erst nach und nach drang dieser Diskurs auch in andere Gesellschaftsschichten vor.

Die Ausbildung dieses Diskurses um Mann und Frau wirkte auf das Bürgertum und das Bürgertum wirkte wiederum auf diesen Diskurs. Das Bürgertum verstand und konstruierte sich selbst durch diesen Diskurs: „Bürgerlichkeit wurde repräsentiert durch das Paar.“[24]

Das bürgerliche Familienmodell setzte sich im Laufe der Zeit immer stärker durch und fand Mitte des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland seine stärkste Verbreitung.[25]

Nachdem beschrieben wurde, welche Veränderungen sich vor und nach der Industrialisierung abspielten, ist es nun daran zu zeigen, wie diese Veränderungen auf die psycho-soziale Selbst- und Fremdzuschreibungen hinsichtlich der Geschlechter wirkte.

2. Die Entstehung der Geschlechtscharaktere

Wie im vorherigen Punkt bereits erwähnt, brachte die Dynamik der Trennung der lokalen Bereiche von Haus- und Erwerbsarbeit ein psycho-soziales Attributionsschema mit sich. Den Frauen und Männern (des Bürgertums) wurden aufgrund ihrer biologischen Verschiedenheit unterschiedliche Wirkbereiche, komplementäre sowie auch gegensätzliche Charakterzüge zugeschrieben. Das Konzept der Geschlechtscharaktere bildete sich im 18. Jahrhundert aus und wurde im 19. Jahrhundert dazu verwendet, physiologische Geschlechtsmerkmale auf psychologische zu übertragen.[26] Der Gedanke dahinter – bewusst oder unbewusst – war, die Natur bzw. das Wesen von Mann und Frau zu erfassen, gegeneinander abzugrenzen und in ein Ordnungsschema zu bringen. Intention war – entgegen aufklärerischer Postulate – ein System zu entwerfen, das die im Alltag des „ganzen Hauses“ schon vielfach praktizierte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Rollenzuschreibung normativ aufrechterhalten und neu legitimieren sollte.

Es ist als Kontrastprogramm angelegt, in dem die von der Natur abgeleiteten physischen und psychischen Eigenschaften von Mann und Frau eben diesen für den öffentlichen Bereich und jene für den häuslichen Bereich prädestinierten. Dem Mann wurden Prädikate wie z.B. Aktivität, Tapferkeit, Durchsetzungsvermögen, Gewalt, Geist, Vernunft und Wissen, der Frau hingegen Prädikate wie z.B. Passivität, Schwäche, Bescheidenheit, Abhängigkeit, Güte, Gefühl, Empfänglichkeit, Liebenswürdigkeit, Taktgefühl und Schönheit zugeschrieben.[27]

Betrachtet man das Beschriebene vor der Folie der Geschichte, so ist zu konstatieren, dass die Geschlechtscharaktere im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts erfunden wurden und erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre relevante Position im psycho-sozialen Wertgefüge der Menschen verlieren.[28] Nach Hausen erfuhr das Konzept der Geschlechtscharaktere im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts eine völlig neue Qualität: „Der Geschlechtscharakter wird als eine Kombination von Biologie und Bestimmung aus der Natur abgeleitet und zugleich in das Innere der Menschen verlegt.“[29] Wo früher die Standesdefinitionen als reliable Referenzfolie der Orientierung dienten, traten also im 18. Jahrhundert Charakterdefinitionen an deren Stelle. Betrachtet man nun diesen Wechsel vor dem Hintergrund der Hausvätergesellschaft, so erkennt man, dass die bis dato gängigen Bilder des Hausvaters oder der Hausmutter von den neuen der Geschlechtscharaktere abgelöst wurden. Das bedeutet weiter, dass aus partikularen Geschlechtsbildern generelle wurden, weil die Geschlechtscharaktere das gesamte männliche und weibliche Geschlecht zu erfassen intendierten. Auch die aus dem Hausstand abgeleiteten Rechte und Pflichten werden nun auf die einzelnen Personen als Eigenschaften projiziert. Es entstand durch das Aufkommen der Geschlechtscharaktere ein völlig neues Bild von Mann und Frau mit ihren den Geschlechtscharakteren korrespondierenden Eigenschaften, Rechten und Pflichten sowie der Vorstellung des Ideals von Familie. Das Neue an diesem Bild von Mann und Frau war schlicht die Annahme, dass Mann und Frau unterschiedliche Wesen hätten, die es zu beschreiben galt und aufgrund der Beschreibung der Wesensmerkmale von Mann und Frau wurden diese unterschiedlichen Wirkbereichen zugeordnet.

Nun ist es an dieser Stelle sinnvoll danach zu fragen, warum sich das Konzept der Geschlechtscharaktere überhaupt etablieren konnte. Der damals herrschende Humanismus richtete den Fokus vom Kollektiv der Gesellschaft auf das Individuum.[30] Da Ehepaare und Familien die kleinsten Einheiten eines Zusammenschlusses von Individuen waren, wurden auch diese Formen individueller Zusammenschlüsse zusehends interessanter und daher rückten diese ebenfalls in den Brennpunkt. Ursache dieses neuen Interesses war das Aufkommen der philosophischen Anthropologie und Psychologie.[31] Das besondere Merkmal, das die Anthropologie von anderen Geisteswissenschaften wie z.B. Psychologie oder Soziologie abgrenzt, ist zum einen deren Selbstbezüglichkeit. Zum anderen grenzt sie sich von anderen Geisteswissenschaften durch eine herausragende anthropologische Position ab. Das Spezielle an dieser Position ist die gleichwertige Berücksichtigung der Innenperspektive („Wer sind wir?“) sowie der Außenperspektive („Was ist der Mensch?“).[32] Die Innenperspektive zielt auf unsere reflexive und intersubjektive Selbstverständigung ab, wohingegen die Frage der Außenperspektive uns Orientierungswissen liefern sollte.

Die damalige anthropologische Erfassung der Geschlechter ist somit ein Gemisch aus Biologie, Bestimmung und Wesen des Menschen und sie zielen darauf ab, die „naturgegebenen“ Gattungsmerkmale von Mann und Frau festzulegen.

Auf dieser anthropologischen Grundlage versuchte man damals Aussagen über das Wesen der Geschlechter aus allgemeinen Erfahrungszusammenhängen der sozio-ökonomischen realen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung abzuleiten. So lag es nahe, dass, wenn man damals das Bürgertum mit den dort herrschenden Rollenverteilungen betrachtete, sich das Tun des Mannes mehr als das denkende, aktive, sich im öffentlichen Raum bewegende und für die gesellschaftliche Produktion zuständige angesehen wurde, wohingegen sich das Tun der Frau mehr als fühlendes, passives, sich im häuslichen Raum bewegendes und für die private Reproduktion zuständiges präsentierte.

Man kann nun auch verstehen, welches Motiv hinter dem Konzept der Geschlechtscharaktere steht: Es ist der Versuch einer Realisierung eines Ordnungsschemas, mithilfe dessen man ein altes Ordnungssystem durch ein neues ersetzt. Da dieses Ordnungsschema aus dem, was die beiden Geschlechter sind und tun, dasjenige ableitet, was die beiden Geschlechter sein und tun sollen, hat das Konzept der Geschlechtscharaktere einen imperativen Charakter, weil es dem Mann produktive, öffentliche, der Frau hingegen reproduktive, häusliche Tätigkeiten zuschreibt. Das Konzept der Geschlechtscharaktere ist somit ein dichotomes Ordnungsschema, das seine Zuordnungskriterien in letzter Konsequenz in der Biologie, in der Natur des Menschen sieht. Die im Konzept der Geschlechtscharaktere implizite Idee der Ergänzung von Mann und Frau stilisiert den physischen, biologischen, sexuellen Reproduktionszweck zu einem Imperativ der psychischen Verschmelzung.

Vor diesem Hintergrund ist es auch verständlich, dass das natürliche Wesen von Mann und Frau präzise erforscht werden musste, weil ja die natürlichen Merkmale von Mann und Frau dem Konzept der Geschlechtscharaktere nach die Wirkbereiche von Mann und Frau indizieren sollten, denen man im alltäglichen Leben dann faktisch sowohl Mann als auch Frau zuordnete. Man „liest“ gleichsam aufgrund der natürlichen Welt die Geschlechtscharaktere ab und nimmt das Abgelesene gleichsam als Legitimation der Trennung von Mann und Frau bzw. von Erwerbs- und Berufsarbeit her.

Die Geschlechtscharaktere sind somit ein deterministisches und auch fatalistisches Konzept, da die biologischen Merkmale bei der Geburt schon bestimmen, welche Eigenschaften das Individuum hat und welche Rechte und Pflichten mit diesen Eigenschaften im weiteren Lebensverlauf einhergehen.

[...]


[1] Unter dem Begriff „Vorstellung der Geschlechter“ verstehe ich alles, was ein Mensch mit den jeweiligen Begriffen Mann und Frau assoziiert wie z.B. biologische Merkmale, Eigenschaften, Präferenzen, Dispositionen, Lebensbereiche, Rechte und Pflichten.

[2] Vgl. Behnke, 1997, S. 20.

[3] Ein weit verbreiteter Irrtum sei an dieser Stelle ausgeräumt: Die Vorstellung, dass damals der Großteil vorindustrieller Haushalte Mehrgenerationenhaushalte waren, ist falsch. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, die Mehrzahl der Haushalte damals umfassten jedoch selten drei Generationen. Dies liegt an der wesentlich höheren und früheren Sterberate der Menschen damals.

[4] Vgl. Nave-Herz, 2004, S. 45f.

[5] Vgl. Nave-Herz, 2004, S. 47.

[6] Vgl. ebd. S. 48.

[7] Vgl. ebd. S. 49.

[8] Vgl. Behnke, 1997, S. 21.

[9] Vgl. Nave-Herz, 2004, S. 49f.

[10] Behnke, 1997, S. 20.

[11] Hausen, 1992, S. 82. Bemerkenswert scheint in diesem Kontext folgendes: „An einem parallel zum Begriff der Öffentlichkeit konstruierten Begriff Privatheit fehlte es lange.“ Hausen, 1992, S. 83.

[12] Vgl. Nave-Herz, 2004, S. 52.

[13] Vgl. ebd. S. 52.

[14] An dieser Stelle treten Wertungen von Familienformen zu Tage. Familien mit beiden Elternteilen sind näher am Ideal des Ergänzungstheorems der Geschlechter als Familien mit nur einem Elternteil und somit werden diese mit einem höheren Wert versehen als Ein-Eltern-Familien. Diese Bewertungsschablone mit den vorgegeben Wertungen Zwei-Eltern-Familie=gut (i.S.v. vorteilhaft), Ein-Eltern-Familie=schlecht (i.S.v. nachteilig) hat sich bis in unsere Zeit erhalten.

[15] Ebd. S. 52.

[16] Vgl. Behnke, 1997, S. 25

[17] Vgl. Nave-Herz, 2004, S. 46.

[18] Vgl. ebd. S. 54.

[19] Vgl. ebd. S. 54f.

[20] Vgl. ebd. S. 55.

[21] Vgl. ebd.

[22] Kant, 1784, S. 481. Der Begriff der Aufklärung wurde damals häufig missverstanden als „Aneignung von Wissen“ mit Hilfe dessen man die Welt besser erkennen und verstehen kann und somit in letzter Instanz „aufgeklärt“ sei. Tatsächlich aber meinte Kant – überspitzt gesagt –, dass man seinen eigenen Verstand gebrauchen sollte und eben genau nicht auf die „unmündige“, bequeme Art des gängigen Instrumentariums und der aktuellen Inhalte, die verschiedene Disziplinen und Autoritäten stellen, rekurrieren sollte. Man bemerkt hier, dass die zeitgenössische Strömung der Aufklärung eine denkbare Ursache des wachsenden Interesses für z.B. Anthropologie sein könnte, weil das Postulat der Aufklärung – missverstanden – doch die Rezipienten (Menschen des Bürgertums) dazu auffordere, sich mehr Wissen über sich und die Welt anzueignen.

[23] Vgl. Behnke, 1997, S. 10.

[24] Lipp, 1992, S. 103.

[25] Vgl. Nave-Herz, 2004, S. 56.

[26] Vgl. Hausen, 1976, S. 363.

[27] Vgl. ebd. S. 368.

[28] Vgl. Hausen, 1976, S. 369.

[29] Ebd. S. 369f.

[30] Der Begriff des Humanismus wurde von Friedrich Immanuel Niethammer 1808 in seiner Schrift „Der Streit des Philanthropismus und des Humanismus in der Theorie des Erziehungsunterrichts unserer Zeit“ in Deutschland etabliert, obwohl das Wort Humanismus bereits seit dem 16. Jahrhundert geläufig war. Der Begriff des Humanismus bedeutet das Streben nach einer menschenwürdigen Daseinsgestaltung auf Grund der Erschließung und Wiederbelebung der griechisch-römischen Sprachkultur. Vgl. Regenbogen / Meyer, 2005, S. 296f.

[31] Z.B. Kants „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ oder Humboldts „Plan einer vergleichenden Anthropologie“. Vgl. Hausen. 1976, S. 374 u. Frevert, 1995, S. 54.

[32] Vgl. Thies, 2009, S. 17.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640831517
ISBN (Buch)
9783640830978
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166949
Note
1,7
Schlagworte
historische rekonstruktion zusammenhangs bürgertum jahrhunderts entwicklung geschlechtscharaktere konstruktion geschlecht

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Titel: Historische Rekonstruktion des Zusammenhangs zwischen dem Bürgertum des 18. Jahrhunderts und der Entwicklung der Geschlechtscharaktere