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Der Einfluss der grande-écoles auf die Rekrutierung parlamentarischer Eliten in Frankreich

Liberté, egalité, exclusivité?

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitungd

II. Konzeptualisierung

III. Das System der grande-écoles

IV. Kandidatenrekrutierung in Frankreich
IV.l Gaullistische Parteien / Union pour la mouvement populair
IV.2 Parti Socialiste

V. Fazit

VI. Quellen und Literaturverzeichnis

I. Einleitungd

"Frankreichs Elite-Unis: Gleiche Schicht - gleiche Denke". So titelte der Stern am 19. Februar 2004 (Stern online,2004) und sprach damit vielen Franzosen aus dem Herzen. Während in Deutschland die "Elite- Unis" erst mit der Exzellenzinitiative der letzten Jahre aus der Taufe gehoben wurden, (Bundesministerium für Bildung) blickt Frankreich auf eine seit der französischen Revolution bestehende Zweiteilung des Hochschulsystems zurück. Während dieüberwiegende Anzahl der Studenten normale Universitäten besuchen, scheint sich die französische Elite, sei es Politik, Verwaltung oder Wirtschaft, fast ausschließlich aus den Abgängern der sogenannten grandé-ecoles zu rekrutieren. So waren 7 der letzten 10 Premierminister der V. Republik sogenannte "enarques", also Abgänger der ENA (Ecole nationale d'administration) (Zeit online,2006). Pascal Bourdieu sprach angesichts dieser wachsenden Schicht von einem "neuen Staatsadel" (Bourdieu,1989,S.1). Viele Franzosen mit ihrem traditionellen Sinn für Gleichheit und Gerechtigkeit ist dies ein Dorn im Auge, weswegen in regelmäßigen Abständen eine Abschaffung der Eliteschulen gefordert wird. (Zeit Online, 1995)

Doch ist der Einfluss der "Enarchen" auf die französische Politik wirklich so groß, wie sie von den Franzosen subjektiv wahrgenommen wird?

Diese Frage sinnvoll und eindeutig zu klären wird in einer 15-seititgen Seminararbeit nicht möglich sein. Es bietet sich deshalb an, gemäß der Themen des Seminars, das Hauptaugenmerk auf das französische Parlament, die assemblée nationale, und die zugehörige Kandidatenrekrutierung zu legen. Anhand dieser, und der sie begründenden Strukturen innerhalb der Parteien, kann geklärt werden, welche Bedeutung die Abgänger der grande- écoles und vor allem der Verwaltungshochschule ENA, in der französischen Legislative haben.

Die forschungsleitende Fragestellung soll hier also lauten:

Welche Bedeutung hat das französische System der grandé-ecoles in der V. Republik für die parlamentarische Rekrutierung der beiden größten Parteien, UMP und PS ?

Die Reduzierung des Forschungsfeldes auf die "Union pour la mouvement populaire" (im Weiteren UMP) bzw. der ihr vorausgehenden gaullistischen Parteien und der Parti Socialiste (im Weiteren PS) scheint sinnvoll, um im französischen Parteiensystem zwei klare "Pole" gegenüberstellen und vergleichen zu können. Ziel wird es hier sein, zu klären, welche Partei mit ihren Kandidatenselektionsmechanismen Abgängern von Elitehochschulen die besseren Quereinstiegsmöglichkeiten schafft und inwiefern diese genutzt werden.

Um die Forschungsfrage zu klären, wird es zunächst wichtig sein einige grundlegende Begriffe vorzustellen und zu definieren. Dies wird im Kapitel "Konzeptualisierung" geschehen. Des Weiteren wird dort ein Bewertungsmaßstab vorgestellt, um die Kandidatenselektion der beiden Parteien in ein Schema einordnen und anhand dessen bewerten zu können.

Das darauf folgende Kapitel " Das System der grande-écoles" soll einenüberblicküber die französische Hochschullandschaft und vor allem die grande-écoles geben. Hier werden sowohl die Entstehung, die Struktur, als auch die Bedeutung für die französische Gesellschaft erläutert. Ebenso werden Auswahlmechanismen, die soziale Herkunft und typische Werdegänge der Studenten beschrieben, um ein Fundament für die darauf folgenden Kapitel und die darin beschriebenen Zusammenhänge zwischen Bildung und Politik zu legen.

Das Kapitel Kandidatenrekrutierung in Frankreich beschäftigt sich allgemein mit der Selektion der Parlamentskandidaten und ihrer Begründung im französischen Wahlsystem, sowie den formalen Voraussetzungen für eine Kandidatur als Parlamentsangehöriger. Eingegangen werden soll vor allem auf die typischen Werdegänge eines Parlamentariers, aber auch die sogenannte "parachutage", also den "Abwurf" von geeigneten Kandidatenüber für die Parteien sicheren Wahlkreisen.

In den Unterkapiteln "Kandidatenselektion in den gaullistischen Parteien" und "Kandidatenselektion in der Parti Socialiste" wird ausführlich auf die Kandidatenrekrutierung der beiden Großparteien eingegangen, ein klares Muster herausgearbeitet und jeweils in ein graphisches Schema zur Bewertung eingetragen, bevor sie im Fazit noch einmal gegenübergestellt werden und jeweils die Bedeutung der grandè-ecoles auf die jeweiligen Selektionsvorgänge bewertet wird.

Zur Bearbeitung der Fragestellung werde ich mich hauptsächlich auf Monographien, Sammelbandbeiträge und Online-Quellen stützen. Maßgeblich waren für mich hier vor allem die Werke von Michael Hartmann zur Elitenrekrutierung und von Romy Messerschmidt zur parlamentarischen Kandidatenselektion. Allgemein ist zu sagen, dass der Forschungsstand sowohl zur Rekrutierung von Parlamentskandidaten in Frankreich, als auch zu den grande- écoles weit fortgeschritten ist und somit auch ausreichend Literatur zur Verfügung steht. Allein in der Schnittstelle zwischen den beiden Themenfeldern klafft eine Lücke, die ich mit der Beantwortung meiner Fragestellung schließen möchte.

Da wir uns im Verlauf der Arbeit vor allem auf die Herkunft parlamentarischer Eliten in Frankreich (also ihre Sozialisation in den grande-écoles, ihre typischen politischen Werdegänge und ihrer Rekrutierung durch die Parteien) konzentrieren, ist es wichtig diese zu Beginn einzugrenzen. Sie können so als gemeinsamer Ausgangspunkt genutzt werden um sich methodisch mit dem Thema auseinander zu setzen.

Als parlamentarische Eliten im Sinne von Funktionseliten verstehen wir hier:

„..die mehr oder weniger geschlossenen sozialen undpolitischen Einflußgruppen, welche sich aus den breiten Schichten der Gesellschaft und ihren größeren und kleineren Gruppen aufdem Wege der Delegation oder der Konkurrenz herauslösen, um in der sozialen oder derpolitischen Organisation des Systems eine bestimmte Funktion zuübernehmen “

Diese Definition von Otto Stammer schließt alle wichtigen Aspekte des Elitenbegriffs ein und schlägt eine Brücke zum Wesen der Parlamentarier als vom Volk gewählte Vertreter in der Politik.

Für eine abschließende Darstellung der Bedeutung der grande-ecoles für die beiden großen Parteien bietet sich das Bewertungsschema von Gideon Rahat und Reuven Hazan aus ihrer Arbeit " Candidate Selection Methods. An Analytical Framework" an. Dieser ermöglicht die Einordnung der Parteien in einem Koordinatenkreuz anhand der Exklusivität der an der Aufstellung beteiligten Parteimitglieder und der Zentralität des Aufstellungsortes. Ziel ist es hier, eine Korrelation zwischen der Positionierung von Elite-Hochschulabgängern als Parlamentskandidaten und der Exklusivität/Zentralität der Kandidatenselektion in der Partei darzustellen.

Um die Rekrutierungsmechanismen der französischen Elite zu verstehen, muss man sich intensiv mit dem französischen Hochschulsystem auseinandersetzen. Dieses ist zweigeteilt - in Universitäten und grande-écoles. Während das Gros der Studenten an den staatlichen Universitäten studiert, rekrutiert sich die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Elite Frankreichs zurüberwiegenden Mehrheit aus Abgängern der grande-écoles. So hatten 1993 57 Prozent der Generaldirektoren von Frankreichs 200 wichtigsten Wirtschaftsunternehmen einen Abschluss an einer der drei etabliertesten grande-ecoles (Hartmann online).

Diese grande-écoles bestehen zum Teil seit der französischen Revolution und wurden gegründet um qualifizierte Beamte für öffentliche Ämter auszubilden. Die wichtigste von ihnen und zugleich von zentraler Bedeutung für diese Arbeit ist die ENA, die Ecole nationale d'administration.

Sie bildet eine zentrale Wegmarke für einen Großteil der Karrieren französischer Politiker (zu nennen sind hier beispielsweise die Staatspräsidenten Jaques Chirac und Valerie Giscard d'Estaing) und bildet quasi die Brücke zwischen Hochschule und Laufbahn in der Politik. Gegründet wurde sie im Jahre 1945 auf die Anordnung Charles de Gaulles um einen von Kollaborateuren freien und "demokratisierten" (Braun,1999,S.168) Verwaltungsapparat aus Abgängern eben dieser Schule zu begründen. Ziel war es die Vergabe von wichtigen Posten in Frankreichs Bürokratie durch nach Leistung bemessenen Kriterien zu ermöglichen und die Jahre der Vetternwirtschaft und des Postengeschachers zu beenden. Dies sollte mittels sogenannter concours geschehen. Dies sind landesweit einheitliche, schriftliche Leistungstests, die gefolgt von einem mündli]chen Auswahlgespräch, eine faire und von der Herkunft der Anwärter unabhängige Auswahl der Studenten ermöglichen sollten. Für diese concours bereiten sich die französischen Studenten bis zu 2 Jahre in sogenannten classe preperatoires vor. Bei Nichtbestehen der Aufnahmeprüfungen an den grande-ecoles wird diese Zeit auf die Dauer eines Universitätsstudiums angerechnet. (Braun, 1999, S.180)

Vom Grundsatz her ist hier also auf ein ausgeglichenes und faires System zu schließen, das Kindern aus jeder Gesellschaftsschicht prinzipiell die Möglichkeit gibt an einer Eliteschule zu studieren. Folgt man allerdings den Erläuterungen Pierre Bourdieus, der umfassende Studien zum Thema der Elitensoziologie in Frankreich (und hier vor allemüber das Bildungssystem) durchgeführt hat, so ist dies wohl nicht gelungen. Zöglinge aus der Oberschicht haben 23 mal mehr Chancen, in die ENA aufgenommen zu werden, als Arbeiterkinder (ZEIT - Diktatur der Diplome). Bourdieu spricht hier von der Entstehung eines neuen Staatsadels (Bourdieu,1989, S.l). Dies impliziert laut Sebastian Braun "hochselektive Barrieren" im Bildungssystem die es für Kinder unterer Schichten außerordentlich schwierig machen, sich für höhere Bildungseinrichtungen zu qualifizieren. 70 bis 80 Prozent der Studierenden an den grande­ecoles stammen aus Familien von größeren Unternehmern, akademischen Freiberuflern, leitenden Angestellten und hohen Beamten (Bourdieu,l989,S.l92)

Die Gründe hierfür sind vielschichtig und können vor allem durch zwei Aspekte erklärt werden. Zum einen die Weitergabe von sozialem und kulturellen, als auch Bildungskapital (bei einem Kind aus dem Bildungsbürgertum ist es weit wahrscheinlicher, dass die richtige Umgebung für einen gehobenen Bildungsweg gegeben ist als bei dem Kind aus einer Arbeiterfamilie), sowie der klassenspezifische Habitus, der kaum antrainiert werden kann, jedoch bei sämtlichen Auswahlgesprächen eine große Rolle spielt.

Sind diese Auswahlverfahren zur Zulassung zu einer grande-école jedoch erfolgreich gemeistert, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch das Studium erfolgreich abgeschlossen werden kann (Braun,l999,S.l86)

In einem idealtypischen Werdegang bis in die Spitzen der nationalen Politik besteht dieses Studium aus zwei Teilen. Zum einen dem Studium an einer der "grundlegenden" grande- écoles (etwa dem Sciences Po in Paris), sowie dem anschließendenübergang auf die ENA , mit einem 27-monatigem (Spiegel Online,2007) Studium des Rechts, der Politik und der Verwaltung. Ist auch diese Wegmarke passiert, ist man verpflichtet für die nächsten l0 Jahre für den französischen Staat zu arbeiten. Dies geschieht in einem der sogenannten corps, wie etwa dem corps de finances, der obersten Finanzaufsicht. Diese beruflichen Stationen sind es, die den sogenannten esprit de corps (zu deutsch: Korpsgeist) begründen, also die innerliche Kohärenz zwischen den politischen Akteuren in Frankreich. Viele von ihnen haben schon zusammen die ENA absolviert oder in einem der corps gearbeitet. (Braun l999,S.l90) Nach diesen folgt oft der Einstieg in die nationale Politik, oftmals mit der Zwischenstationüber lokale Ämter.

Dies führte unlängst auch zu der Umsiedelung der ENA von Paris nach Straßburg. Es sollten zu enge Verknüpfungen zwischen Studenten und der Politik unterbunden werden und ein unabhängigeres Studieren ermöglicht werden. (Zeit online,l995, Diktatur der Diplome) Herauszuarbeiten wie dieser Quereinstieg, ohne langwierige Mitarbeit in einer Partei möglich ist, und wie häufig dies in den beiden Großparteien Frankreichs geschieht, wird die Aufgabe der folgenden Kapitel sein.

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Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640830237
ISBN (Buch)
9783640829835
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166883
Institution / Hochschule
Universität Trier – Politikwissenschaften
Note
2,3
Schlagworte
ENA Frankreich Grandes-écoles Elitenrekrutierung Elite Bildungselite Sciences Po Assemblée nationale

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