Lade Inhalt...

Zur Demokratisierung Indiens und Abgleich mit dem Theorie-Ansatz von Dr. Hartmut Elsenhans

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Überblick seit der Unabhängigkeit

3. Zur Elsenhansschen Theorie
3.1 Marginalität
3.2 Rente
3.3 Staatsklasse
3.4 Lösungsansätze
3.5 Umsetzungsprobleme

4. Anwendung der Elsenhansschen Theorie auf Indien
4.1 Zur Situation vor der wirtschaftlichen Liberalisierung
4.2 Zur Situation nach der wirtschaftlichen Liberalisierung

5. Schlussteil

1. Einleitung

Diese Hausarbeit soll im Rahmen des Modulseminars „Demokratisierung und sozio-ökonomi- scher Wandel in Asien“ den Demokratisierungsprozess Indiens seit seiner Unabhängigkeit veranschaulichen. Es sollen Hemmnisse, wie auch Besonderheiten aufgezeigt und problemati- siert werden.

Dazu soll zuerst und kurz die geschichtliche Entwicklung Indiens seit der Unabhängigkeit nachgezeichnet werden, um besondere Ereignisse hervor zu heben und später auf vereinzelte Fälle eingehen zu können. Dieser kurze Abschnitt erhebt bewusst keinen Anspruch auf Vollständigkeit, um den Rahmen einer Hausarbeit nicht zu sprengen.

Anschließend soll der entwicklungstheoretische Ansatz von Dr. Hartmut Elsenhans beschrie- ben werden, um so eine theoretische Grundlage für weitere Betrachtungen zu schaffen. Hier- bei wird insbesondere auf die in seiner Theorie zentralen Begriffe Marginalität, Rente und Staatsklasse eingegangen. Außerdem sollen Maßnahmen beschrieben werden, die Elsenhans für die Überwindung von Marginalität, Rentenökonomie und Staatsklasse vorsieht. Weiterhin soll auf mögliche Probleme bei der Umsetzung dieser Maßnahmen eingegangen werden.

Schließlich soll die Elsenhanssche Theorie auf die wirtschaftlichen und politischen Entwick- lungen Indiens angewendet werden. Dabei wird eine zeitliche Trennlinie am Beginn der wirt- schaftlichen Liberalisierung Indiens gesetzt, um Veränderungen noch besser deutlich machen zu können. Auch hierbei können nur bestimmte zentrale Vorkommnisse und Probleme ange- sprochen werden.

2. Geschichtlicher Überblick seit der Unabhängigkeit

Nachdem Indien 1947 unabhängig von der Kolonialherrschaft Großbritanniens wurde, konstituierte sich Indien mit Jawaharlal Nehru als Regierungschef 1949 als Republik. Dazu trat 1950 die erste indische Verfassung in Kraft.

Geerbt hatte Indien aus der Kolonialzeit seinen Status als wenig industrialisierten Agrarstaat. Das indische Handwerk war durch aufkeimende Massenproduktion in Europa und demzufolge durch aus Großbritannien eingeführte Fertigwaren niederkonkurriert1 2. Dennoch existierten demkoratische Rahmenbedingungen, z.B. Wahlen, eine organisierte Verwaltung, sowie ein politisch regierungserfahrener Indischer Nationalkongress INC.

Bis 1967 dominierte der INC die indische Politik. Dieser etablierte eine so genannte mixed economy, das heißt eine Verbindung zentralverwaltungs- und marktwirtschaftlichen Elementen, um die weit verbreitete Armut zu überwinden und wirtschaftliches Wachstum zu garantieren3. Man führte ein Lizenzsystem ein, das den staatlichen Einfluss auf die private Wirtschaft erhalten sollte. Dabei konnten private Unternehmer nur dann Unternehmen gründen und Waren produzieren, wenn ihnen eine Lizenz dazu erteilt wurde. Mit Hilfe von Schutzzöllen sollte die Nachfrage nach heimischen Produkten gestärkt werden, mittels Landreformen feudale Strukturen auf dem Land aufgebrochen werden.

1964 wurde Indira Gandhi nach dem Tod ihres Vaters Jawaharlal Nehru Premierministerin. Da dessen durchgesetzte Landreformen nur bedingt erfolgreich waren und die Vernachlässigung der Landwirtschaft durch den indischen Staat nach den Dürrejahren 1965 und 1966 in einer Wirtschaftskrise gipfelte, startete man die so genannte Grüne Revolution4. Sie stellte ein weit reichendes Modernisierungsprogramm für die Landwirtschaft dar, das die Gründversorgung der indischen Bevölkerung sichern sollte. Hierzu führte man unter Anderem neue ertragreiche Pflanzensorten, Schädlingsbekämpfungs- und Düngemittel, sowie neue Maschinen ein. Auf diesem Wege wurde eine fruchtbarer Boden für die beginnende Industrialisierung geschaffen. 1975 rief Indira Gandhi den Ausnahmezustand als Antwort auf Unruhen und Proteste in verschiedenen indischen Bundesstaaten aus, was sie dazu befähigte, demokratische Rechte zu beschränken und autoritär zu herrschen. Bis 1977 hielt sie daran fest, ehe sie an einer Wiederwahl scheiterte und die Janata-Partei als Vorgänger der heutigen BJP die Macht übernahm. Doch schon 1980 konnte der INC und mit ihm Indira Gandhi wieder an die Macht kommen. Kurz nachdem Indira Gandhi 1984 ermodert wurde, übernahm ihr Sohn Rajiv Ghandi bis 1989 ihr Amt, worauf mehrere Koalitionsreagierungen von jeweils kurzer Dauer folgten5. Erst ab 1991 konnte unter Pamulaparthi Venkata Narasimha Rao wieder eine stabile Regierung gebildet werden. Gleichzeitig setzte man von nun an auf eine wirtschaftliche Liberalisierung Indiens. Es folgten weitreichende ökonomische Liberalisierungsmaßnahmen unter Finanzminister Manmohan Singh, so unter Anderem die Öffnung des Marktes und des Finanzsektors für private und ausländische Investoren, Streichungen von staatlichen Subventionen, eine Abwertung der Rupie, Senkung der Zölle und letztlich die Abschaffung des Lizenzsystems6 7.

Auf diesem Wege hat sich Indien wieder erfolgreich in den Weltmarkt eingliedern können. „Die Kehrseite des Booms ist das Elend der Nachzügler mit der Horrorspirale von Bevölkerungswachstum und Massenarmut.“8 Dagegen richten sich diverse Förderprogramme für Landarbeiter, beispielsweise mittels kostenloser Verteilung von Lebensmitteln. Zusätzlich sicherte man 36 Millionen Familien auf dem Land 100 Tage Arbeit jährlich zu und erließ 35 Millionen Bauernfamilien ihre Schulden. Der Staat subventioniert stark, um den Reispreis niedrig zu halten. Allerdings geht der gesamte Reformprozess nur langsam voran und es gibt noch große Lücken beim Ausbau der Infrastruktur, des Bildungs- und Versorgungssektors.9 Doch ein Land, „[…] das ein Sechstel der Menschheit beherbergt, stellt alle, die Sorge um es tragen, vor große Aufgaben. Die bisherige Erfahrung lehrt, daß Indien fähig ist, seine Probleme zu meistern. Es ist ein altes Land mit einer ehrwürdigen Tradition, aber zugleich mit einer überwiegend jungen Bevölkerung, die die Zukunft gestalten wird.“10

3. Zur Elsenhansschen Theorie

Elsenhans' Theorie ist keine Demokratietheorie in dem Sinne, dass sie eine Art Checkliste bietet, wie beispielsweise jene Wolfgang Merkels, die sich abarbeiten lässt und ab einem bestimmten Übereinstimmungsgrad das Label Demokratie vergibt.

Vielmehr versteht Elsenhans unter Demokratie einen „[…] politischen Regimetyp, der - in seiner vollen Ausprägung - an Marktwirtschaft und an autonome sowie zivilisierte Zivilgesellschaft gebunden ist.“11 Er versucht also, politologische, soziologische und ökonomische Perspektiven miteinander zu verbinden. In dieser Hinsicht versteht Elsenhans Demoktratie als politischen Partizipationsgrad, der es erlaubt, „[…] eine die Unterschichten insoweit stärkende Umverteilung durchzusetzen, daß diese die Möglichkeit erhalten, in den Marktprozeß einzugreifen.“12

Dabei untersucht er, wie sich aus nicht-autonomen autonome Zivilgesellschaften entwickeln, in denen Demokratie geleistet wird, welche Hemmnisse dabei auftreten und unter welchen Bedingungen dieser Entwicklungszustand im Endeffekt stabil bleiben kann, um sich konsolidieren zu können. Eine autonome Zivilgesellschaft ist hierbei eine Gesellschaft, die sich vorwiegend friedlich, also zivilisiert, agiert und deren Akteure bei der Ressourcenaneignung unabhängig von politischer Macht, also autonom sind, sodass wirtschaftlicher Fortschritt und eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung ohne staatliche Bevormundung garantiert ist. Autonomie entsteht hierbei durch das Vorhandensein eines freien Verhältnisses von Kapital und Arbeit auf einem liberalen Markt, auf dem beide entsprechend ihrer Verhandlungsmacht agieren.

Elsenhans ist der Auffassung, dass sich eine solche zivilgesellschaftliche Autonomie als Ergebnis von profitorientiertem Wirtschaften herstellen lässt. Wenn Kapitalismus funktioniert, benötigt er in seinem Funktionieren den Staat nicht, höchstens als Rahmen, nicht aber in Detailangelegenheiten. Auf mikroökonomischer Ebene ist dann allein die Produktivitätssteigerung der Wirtschaft durch Stückkostenreduktion und auf makroökonomischer Ebene allein der Anstieg der Realeinkommen der Masse der Bevölkerung relevant, sodass die Nachfrage aufrecht erhalten, wenn nicht sogar durch Innovation gesteigert werden kann. Auf diesem Wege soll im Endeffekt eine Vollbeschäftigung sichernde kapitalistische Entwicklung ohne großes Eingreifen seitens des Staates möglich werden13.

Dennoch finden sich aus internationaler Sicht Staaten, in denen die ökonomischen Voraussetzungen für die Autonomie von Zivilgesellschaft nicht gegeben sind, so zum Beispiel in Entwicklungsländern. Dort ist die soziale Struktur von einem Großteil Unterschicht, viel Marginalität, einer fehlenden oder sehr kleinen Mittelschicht und der Existenz einer Staatsklasse gekennzeichnet. Diese Merkmale zeichnet Elsenhans als Hemmnisse einer erfolgreichen Implementation eines kapitalistisch-orientierten System und letztlich einer autonomen Zivilgesellschaft aus. Sie führen zu Produktivitätssteigerungen ohne Steigerung der Masseneinkommen und zum Ausbleiben des Überganges zu kapitalistischen Produktionsweisen.

Zum besseren Verständnis sollen die zentralen Begriffe Marginalität, Rente und Staatsklasse nun ausführlicher beschrieben werden.

3.1 Marginalität

„Maginalität tritt dort auf, wo Grenzarbeiter weniger als das für ihre eigene Reproduktion notwendige Subsistenzeinkommen produzieren.“14 Sie beschreibt eine dauerhafte Existenz am Subsistenzminimum, die durch ein Überangebot an Arbeitskraft verfestigt wird. Wo eine zusätzliche Arbeitskraft mehr kosten würde, als sie zu produzieren in der Lage ist, weshalb sie nicht mehr eingestellt wird, entsteht Marginalität. Marginalisierte Arbeitskräfte sind überflüssig und nicht beschäftigt. Marginale Arbeitskräfte sind beschäftigt, erwirtschaften aber einen Etrag unterhalb ihrer Reproduktionskosten.

[...]


1 Vgl. Kulke, Hermann / Rothermund, Dietmar: Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute. München 2006, S. 333.

2 Vgl. Mann, Michael: Geschichte Indiens. Vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Paderborn / München / Wien / Zürich 2005, S. 289.

3 Vgl. ebd. (Anm. 1), S. 396.

4 Vgl. ebd. (Anm. 1), S. 402f.

5 Vgl. Kulke, Hermann / Rothermund, Dietmar: Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute. München
2006, S. 412.

6 Vgl. Mann, Michael: Geschichte Indiens. Vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Paderborn / München / Wien /
Zürich 2005, S. 305.

7 Vgl. Müller, Harald / Rauch, Carsten: Indiens Weg zur Wirtschaftsmacht. In: Aus Politik und Zeitgeschichte,
No. 22, 2008, S. 9.

8 Ihlau, Olaf: Indien auf dem Sprung zur Weltmacht. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, No. 22, 2008, S. 5.

9 Vgl. ebd. (Anm. 7), S. 11.

10 Vgl. ebd. (Anm. 5), S. 449.

11 Elsenhans, Hartmut: Das Internationale System zwischen Zivilgesellschaft und Rente. Berlin 2001, S. 210.

12 Ebd. (Anm. 11), S. 210.

13 Vgl. Elsenhans, Hartmut: Das Internationale System zwischen Zivilgesellschaft und Rente. Berlin 2001,
S. 34.

14 Ebd. (Anm. 13), S. 210f.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640830169
ISBN (Buch)
9783640829897
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166714
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Schlagworte
Indien Elsenhans Demokratisierung Kapitalismus Grüne Revolution Entwicklung Entwicklungsland Politikwissenschaft

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zur Demokratisierung Indiens und Abgleich mit dem Theorie-Ansatz von Dr. Hartmut Elsenhans