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Negative Eschatologie

Überlegungen zu Politik und Ethik in Ratzingers Lehre von den letzten Dingen

Seminararbeit 2010 39 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung
1 Zur Fragestellung und Absicht dieser Arbeit
2 Anmerkungen zur Vorgehensweise
3 Zur Selbstverortung Ratzingers in der eschatologischen Diskussion

II Eschatologie als das ,,Wesen des Christlichen“ beijoseph Ratzinger
1 Geschichte und Relationalitat. Hermeneutische Grundlagen der Eschatologie
1.1 Zugange zur Geschichte: Eschatologie zwischen Metaphysik und Schriftauslegung
1.2 Zugange zur Relationalitat: Eschatologie zwischen Theologie und Anthropologie
2 Tod und Unsterblichkeit. Zur individuellen Dimension der letzten Dinge
2.1 Zugange zur Theologie des Todes: Kommunikation und Gottesgemeinschaft
2.2 Zugange zur Unsterblichkeit: Personalitat und dialogische Verwiesenheit auf Gott
2.3 Zwischenfazit: Eschatologie als das ,,Wesen des Christlichen“
3 Auferstehung und Parusie. Zur universalen Dimension der letzten Dinge
3.1 Zugange zur Lehre von der Auferstehung: Christus in der Geschichte
3.2 Zugange zur Lehre von der Wiederkunft Christi: Liturgie als Parusie

III Eschatologie im Verhaltnis zu Politik und Ethik bei Joseph Ratzinger
1 Eschatologie und Ethik. Normative Anspruche zwischen Tod und Unsterblichkeit
1.1 Elemente des Ethischen: Dialogische Unsterblichkeit und das Ethos des Todes
1.2 Grenzen des Ethischen: Systematische Annaherungen an eine negative Eschatologie
2 Eschatologie und Politik. Weltgestaltung zwischen Utopie und Hoffnung
2.1 Elemente des Politischen: Ethos und Erlosung zwischen Kirche und Staat
2.2 Grenzen des Politischen: Systematische Annaherungen an eine negative Eschatologie
3 Negative Eschatologie. Einige Schlussfolgerungen zu Politik und Ethik

IV Schluss
1 Zusammenfassung
2 Ausblick

V Literaturverzeichnis
1 Primarliteratur
2 Sekundarliteratur

Einleitung

1 Zur Fragestellung und Absicht dieser Arbeit

Wer sich als Christ in unserer Zeit, als wissenschaftlich ausgebildeter Theologe zumal, mit Anfragen nach dem christlichen Verstandnis der ,Lehre von den letzten Dingen‘ konfrontiert sieht, der gerat daruber, wie es scheint, abseits der seelsorgerischen Praxis leicht in Verlegenheit: Zu befremdlich wirkt heute die offenkundige AnmaBung des christlichen Glaubens, unserer weitgehend sakularisierten Gesellschaft noch Bedenkenswertes uber das Leben nach dem Tod, uber das Ende der Welt und uber dergleichen mehr mitteilen zu wollen. Vor diesem Hintergrund mussen jedoch, so meine ich, zwei Befunde besonders erstaunen: Zum einen ist angesichts der fundamentalen Bedrohung, derer wir uns etwa durch den anthropogenen Klimawandel gegen- ubersehen, vielerorts eine neue Popularitat apokalyptischer Untergangsszenarien zu beobachten. Zum anderen ist es merkwurdig und augenfallig, dass ungeachtet dieser wohl prazedenzlosen Gefahrdungen die Versprechungen eines politischen Machbarkeitsdenkens fur uns zunehmend an innerer Glaubwurdigkeit verloren haben.[1]

Die vorliegende Arbeit unternimmt es, diesen Doppelbefund aufzugreifen und aus syste- matisch-theologischer Perspektive den bescheidenen Versuch einer Verhaltnisbestimmung von christlicher Eschatologie zum Miteinander von Politik und Ethik zu leisten. Ich mochte dabei jedoch weniger meinen eigenen Gedanken nachgehen, sondern vielmehr die Ansichten von JO­SEPH RATZINGER im Einzelnen rekonstruieren und zugleich einer kritischen Wurdigung unter- ziehen. Ich vermute, dass nur wenige Werke die eschatologische Debatte der vergangenen Jahr- zehnte in einem solchen MaBe befruchtet und gepragt haben, wie der umfassende Entwurf des jetzigen Oberhaupts der romisch-katholischen Kirche.[2] Wenngleich diese Untersuchung also in- nerhalb der wissenschaftlichen Diskussion um die vielzitierte Eschatologie des gegenwartigen Paps- tes nur einen Nebenaspekt aufgreifen mag, so bin ich doch der Ansicht, dass sich aus dem hier gewahlten Zugriff zugleich ein tieferes Verstandnis von Joseph Ratzingers theologischem Den- ken im Ganzen gewinnen lasst. Dazu werde ich vor allem versuchen, Ratzingers eigene Sichtwei- se auf Politik und Ethik als einen Ausdruck ,negativer Eschatologie' zu plausibilisieren und hoffe, auf diese Weise vielleicht eine etwas andere Perspektive auf einen der bedeutendsten Theologen unserer Zeit freilegen zu konnen.

2 Anmerkungen zur Vorgehensweise

Welche Vorgehensweise empfiehlt sich, um die Bedeutung der christlichen Eschatologie in ihrem Verhaltnis zu Politik und Ethik bei Joseph Ratzinger in angemessener, das heiBt in text- naher und systematischer Weise nachzeichnen zu konnen? Nun, in einem ersten Schritt werden wir fragen mussen, wie Ratzingers Eschatologie — die uns ja in der etwas statutarischen Form eines Lehrbuchs gegenubertritt — insgesamt in ihrem theologischen Profil zu charakterisieren ist. Dazu werde ich eingangs einen recht ausfuhrlichen Gesamtuberblick wagen und darzustellen versuchen, inwieweit Eschatologie nach Ratzinger als das „Wesen des Christlichen''[3] verstanden werden muss. In diesem Zusammenhang erscheint es mir notig, vor allem auf die hermeneuti- schen Voraussetzungen der Eschatologie Ratzingers hinzuweisen (Kpt. II/1), ehe ich in knappen Strichen die individuelle (Kpt. II/2) und die universale (Kpt. II/3) Dimension seiner Lehre werde umreiBen konnen. An diese systematischen Vorbereitungen anknupfend, werde ich mich in ei­nem zweiten Schritt der eigentlichen Thematik dieser Arbeit zuwenden. Was lasst sich, von den bisherigen Uberlegungen ausgehend, uber das Verhaltnis von Eschatologie und (Individual-) Ethik bei Ratzinger aussagen? Diese gewiss umfangreiche Fragestellung wird im Mittelpunkt des Kapitels III/1 stehen. Ich werde hier versuchen, einige positive Elemente des Ethischen in Rat­zingers Lehre von den Jetzten Dingen' zu identifizieren, um von dort aus die Grenzen des Ethi­schen in den Blick zu bekommen und so einen ersten Anlauf zur Bestimmung einer ,negativen Eschatologie' zu unternehmen. Das sich anschlieBende Kapitel III/2 folgt einer ahnlichen Logik und fragt nach dem Verhaltnis von Eschatologie und Politik im Horizont christlicher Weltgestal- tung. Auch hier soll zunachst der positive Gehalt aus Ratzingers AuBerungen extrahiert werden, um vor diesem Hintergrund umso deutlicher die konstitutiven Grenzen des Politischen fur die Konzeption einer ,negativen Eschatologie' hervortreten zu lassen. Ein kurzes Zwischenfazit wird dann versuchen, uber den Ansatz einer ,negativen Eschatologie' im Anschluss an Joseph Ratzin­ger einige Schlussfolgerungen zu Politik und Ethik aus eschatologischer Perspektive abzuleiten (Kpt. III/3). Zum Abschluss der Arbeit werde ich das Gesagte in einigen wenigen Worten zu- sammenfassen und einen kurzen Ausblick auf weiterfuhrende Fragestellungen geben (Kpt. IV).

Ein Wort noch zur Textgrundlage: Ich beziehe mich in meinen Ausfuhrungen vorwie- gend, aber nicht nur, auf die 2007 erschienene Neuausgabe der Eschatologie Joseph Ratzingers. Daruber hinaus greife ich vereinzelt auch auf die Einfuhrung in das Christentunf,[4] die Theologische Prinzipienlehre’[5], die Aufsatzsammlung Kirche, Okumene und Politik [6] sowie auf einige kleinere Schrif- ten Ratzingers zuruck. Der Einfachheit halber und um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu spren- gen, werde ich dabei von einer weitgehenden Konsistenz des ratzingerschen Denkens im Zeitver- lauf ausgehen. Es versteht sich von selbst, dass ich die dabei angesprochenen Fragestellungen bei weitem nicht werde erschopfend behandeln konnen.

3 Zur Selbstverortung Ratzingers in der eschatologischen Diskussion

Bevor ich wie angekundigt versuche, Ratzingers Lehre von den Jetzten Dingen‘ einer sys- tematischen Profilierung zu unterziehen, sind noch einige Bemerkungen zum Umfeld der escha­tologischen Diskussion angebracht, die vor allem im Anschluss an die Erstauflage der Escbatologie im Jahre 1977 entbrannte.[7] Im Vorwort zur 2007 erschienenen Neuausgabe spricht Ratzinger selbst von „zwei tiefgehende[n] Umbruchen“[8], mit denen er sich wahrend der Ausarbeitung sei­nes Werkes maBgeblich konfrontiert gesehen habe: Zum einen habe die Theologie den christli- chen Begriff der ,Hoffnung‘ zunehmend ins Praktische gewendet und diese weithin als „aktive Tugend“[9] und als „die Welt verandernde Tat“[10] aufgefasst. Zum anderen sei die Rede von einer ,Unsterblichkeit der Seele‘ von vielen Theologen als letztlich unbiblischer Platonismus verstanden und mithin abgelehnt worden.[11] Vor diesem Hintergrund ist Ratzingers Eschatologie als ein Ver- such zu werten, sich mit beiden Denkbewegungen auseinanderzusetzen und auf diesem Weg zu einem positiven Verstandnis dessen zu gelangen, was uber die christliche Lehre von den Jetzten Dingen‘ verbindlich ausgesagt werden kann. DreiBig Jahre spater blickt Ratzinger in einem eigens zur Neuausgabe verfassten Nachwort auf den weiteren Verlauf der eschatologischen Debatte zuruck und konstatiert, dass diese zumindest in ihren Gesamtdarstellungen „weithin unbeweglich stehengeblieben“[12] sei. Dabei grenzt er sich in der Unsterblichkeitsfrage deutlich von Entwurfen ab, die eine ,Auferstehung im Tod‘ vertreten, und pladiert nachdrucklich fur ein dialogisches Ver­standnis von Unsterblichkeit, demzufolge „unser Ich durch den auferstandenen Christus (...) in Gott festgemacht und so auf die kunftige Auferstehung hin ausgespannt ist“[13]. Wir werden im folgenden Kapitel zu verstehen versuchen, was Ratzinger mit dieser Konzeption im Einzelnen aussagen mochte. Im Hinblick auf die politisch-ethische Dimension der ,letzten Dinge‘ lehnt Ratzinger es ab — so viel sei hier vorweggenommen —, die Eschatologie in „einen Traktat uber politische Theologie oder (...) eine allgemeine Theologie der Hoffnung“[14] umzuwandeln. Gleich- wohl erhebt er dabei den Ansprnch, „das Eigene und Bleibende des christlichen Heilsglaubens gerade in diesem Horizont zu reflektieren.“[15] Wenn es mir gelingen sollte zu zeigen, mit welchen argumentativen Begrundungsmustern Ratzinger dabei vorgeht und zu welchen Ergebnissen er im Einzelnen gelangt, dann hat diese Arbeit ihren Sinn erfullt.

II Eschatologie als das „Wesen des Christlichen“ bei Joseph Ratzinger

1 Geschichte und Relationalitat. Hermeneutische Grundlagen der Eschatologie

Um einen ersten Zugriff auf Ratzingers Verstandnis von Politik und Ethik im Gesamtge- fuge seiner Eschatologie zu eroffnen, erscheint es mir hilfreich und notwendig, zunachst einmal der Frage nachzugehen, inwiefern es die ,Lehre von den letzten Dingen‘ nach Ratzinger mit dem „Wesen des Christlichen“[16] zu tun hat. Dieser Gedankengang muss in der vorliegenden Arbeit einen relativ breiten Raum einnehmen, da wir nach meiner Auffassung nicht sinnvoll uber das Verhaltnis von Eschatologie zu Politik und Ethik sprechen konnen, ohne uns zuvor uberhaupt mit dem Gehalt der ,letzten Dinge‘ bei Ratzinger auseinandergesetzt zu haben. Ich werde dazu in drei Schritten vorgehen: Zunachst werde ich zu zeigen versuchen, dass Ratzingers eschatologi- sche Hermeneutik maBgeblich auf einem bestimmten Verstandnis von ,Geschichte‘ und ,Relatio- nalitat‘ beruht, welches hier zu entfalten sein wird. Daraufhin werde ich mich der individuellen Dimension des Eschatologischen zuwenden und darlegen, wie Ratzingers Auffassungen zu ,Tod‘ und ,Unsterblichkeit‘ in ihrer dialogisch-relationalen Pointierung auf eben dieses ,Wesen des Christli- chen‘ verweisen. Von dort aus werde ich das Gesagte durch eine kurze Darstellung der universa- len Dimension der ,letzten Dinge‘ abrunden und die systematische Profilierung der Eschatologie mit einigen Worten zu Ratzingers Verstandnis von ,Auferstehung‘ und ,Parusie‘ beschlieBen.

Wie konnen wir uns nun jenen Bedingungen des Verstehens annahern, auf denen Ratzin­gers Eschatologie nach seinem eigenen Dafurhalten beruht? Ich mochte vorweg behaupten, dass es wohl kaum einen dogmatischen Traktat gibt, der in einem solchem MaBe wie die Eschatologie einer Rechtfertigung seiner hermeneutischen und erkenntnistheoretischen Voraussetzungen be- darf. Diesem Umstand tragt Joseph Ratzinger dadurch Rechnung, dass er an zahlreichen Stellen seines Werkes fundamentaltheologische Einsichten reflektiert, freilich ohne dabei einen in sich geschlossenen Entwurf zur theologischen Hermeneutik vorzutragen.[17] Ich mochte hier also vor- schlagen, im engen Umfeld unserer Fragestellung zunachst Ratzingers Auffassungen zu ,Ge­schichte ‘ und ,Relationalitat‘ als hermeneutische Schlusselbegriffe heranzuziehen.[18] Meine These lautet, dass mit diesen beiden Schlagworten konzeptionelle Vorentscheidungen Ratzingers ver- knupft sind, ohne die wir im weiteren Verlauf der Uberlegungen die entscheidenden Gedanken seiner ,Lehre von den letzten Dingen‘ nicht angemessen erfassen und beurteilen konnten. Prazi- ser gefasst: Obwohl Ratzinger nur selten unmittelbar auf die genannten Begriffe rekurriert, sind die mit ihnen verbundenen Bedeutungsgehalte in einer doppelten Hinsicht hermeneutisch relevant — zum einen fur Ratzinger selbst, der seine Eschatologie bewusst in einen bestimmten Verstehens- horizont von ,Geschichte‘ und ,Relationalitat‘ einbettet; zum anderen fur uns als seine Leser, die wir auf eine zumindest fragmentarische Darstellung seiner Denkvoraussetzungen angewiesen sind, um sein eschatologisches Anliegen im Ganzen verstehen und beurteilen zu konnen. Beides werde ich im Folgenden zu erlautern versuchen.

1.1 Zugange gur Geschichte: Eschatologie gwischen Metaphysik und Schriftauslegung

Wer sich ein wenig in den biographischen Denkweg Joseph Ratzingers vertieft, der ent- deckt bald, dass geschichtstheologische Fragen spatestens seit seiner einschlagigen Habilitations- schrift uber den Scholastiker Bonaventura einen Schwerpunkt seines theologischen Interesses gebildet haben.[19] Ich setze es hier als unmittelbar einsichtig voraus, dass Kategorien wie ,Zeit‘ und ,Geschichte‘ in irgendeiner Form eine notwendige BezugsgroBe fur jedes eschatologische Den- ken darstellen. Wie aber mussen wir uns diesen Nexus laut Joseph Ratzinger denken? Nun, nach einer oberflachlichen Sichtung der entsprechenden Belegstellen[20] scheint mir, dass Ratzingers Geschichtsbild vor allem zwei Anknupfungspunkte zur Eschatologie bietet: Zum einen bemuht er sich um eine theologisch verantwortbare Vermittlung von Geschichte und Metaphysik; zum anderen geht es ihm um eine angemessene Aneignung des biblischen Zeugnisses im Spannungs- feld von Tradition und historisch-kritischer Methode. Doch der Reihe nach: In seiner Einfuhrung in das Christentum beschreibt Ratzinger die Entwicklung des neuzeitlichen Seinsverstandnisses als Verschiebung vom ,Historismus‘ hin zu dem, was ich hier als ,Futurismus‘ bezeichnen mochte.[21] Beide Tendenzen sind einander diametral gegenubergestellt, verweisen jedoch als ihren gemein- samen Grund auf den Menschen in der Geschichte: Wahrend der Historismus in der „Herrschaft des Faktums“[22], mithin im historisch Gewordenen den wahren Zugang zum Sein erblickt, erhalt der Futurismus vor allem bei MARX eine technisch-praktische Ausformung als „Herrschaft des Faciendum, des zu Machenden und Machbaren“[23] und wird spater in Gestalt des naturwissen- schaftlichen Erkenntnisideals zum vermeintlich einzigen MaBstab des Wirklichen.[24] In dieser Gemengelage uberrascht es nicht, dass Ratzinger es ablehnt, im Nachdenken uber die „Struktur des Glaubens zwischen Faktum und Faciendum“[25] eine der beiden Positionen zu verabsolutieren; vielmehr muss der Zeitbezug des Christlichen ein qualitativ anderer sein: Er besteht nach Ratzin­ger in nichts anderem als in dem Bekenntnis, dass der „Mensch Jesus, (...) Gottes eigener Sohn, die Mitte und die Entscheidung aller menschlichen Geschichte“[26] sei. Diese Sichtweise hat auch DOROTHEE KAES in ihrer Dissertation uber Ratzingers Hermeneutik aufgegriffen und betont, dass letzterer den „Geschichtsbezug des Christentums im wesentlichen [sic!] in der Gestalt seines Stifters“[27] erblicke. Ich werde die hier angerissene Grundentscheidung spater noch etwas vertie- fen mussen. Vorlaufig mag der Hinweis genugen, dass Ratzinger in dieser historischen Positivitat des Christlichen zugleich die Transgendierung der Geschichte angelegt sieht, von der aus sich die Menschwerdung Christi schlieBlich zur Eschatologie offnet, denn: „Die Tatsache, dass die end- gultige Entscheidung Gottes fur den Menschen schon gefallen ist, bedeutet, dass es das Endgulti- ge in der Geschichte (...) gibt, auch wenn dies Endgultige so besteht, dass es Zukunft nicht aus- schlieBt, sondern eroffnet.“[28]

Ich mochte an dieser Stelle den Faden des vorhin Bedachten wieder aufnehmen und nach der Bedeutung von Geschichte fur Ratzingers eschatologische Bibelauslegung fragen. Halten wir zunachst fest, dass die hermeneutische Frage fur ihn identisch ist mit der „Frage nach der Einheit der Wahrheit in der Verschiedenheit ihrer geschichtlichen Offenbarungen“[29]. Wir konnen die Problematik hier etwas abkurzen und uns darauf beschranken, dass fur Ratzinger die gewiss wertvollen Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese einer „Transposition ins Heute“[30] bedur- fen, um die „Voraussetzung, ein damaliger Text sage gegenwartig Gultiges aus“[31], zu legitimieren und mit theologischem Inhalt zu fullen. Dies zu leisten, mithin der eigentliche „Sprung zur Wahrheit selbst“[32], ist nach Ratzinger die Aufgabe der Dogmatik, welche freilich die unaufhebba- re „Spannung zwischen Wort-Schema und Wirklichkeit“[33] stets in der Kirche zusammengehalten und verantwortet weiB.[34] Man wird diesem ,ekklesiologischen VorbehaltJ wie ich ihn nennen mochte, aus protestantischer Sicht kaum uneingeschrankt zustimmen konnen. Wichtig ist indes etwas anderes: Nach Joseph Ratzinger liegt genau in dieser Spannung die „notwendige Form der eschatologischen Rede“[35] begrundet, welche einerseits um die erkenntnistheoretischen Grenzen ihres Tuns weiB, andererseits aber erst im gemeinschaftlichen Zugehen auf Jesus Christus der Jetzten Dinge‘ selbst gewahr werden kann.

1.2 Zugange gut Relationalitat: Eschatologie gwischen Theologie und Anthropologie

Um es vorwegzunehmen: Ich bin mir nicht sicher, ob der etwas sperrig anmutende Be- griff der ,Relationalitat‘, den ich nun als zweiten Pfeiler der ratzingerschen Hermeneutik erweisen mochte, in dieser Form sehr haufig in dem umfangreichen Werk des katholischen Theologen nachzuweisen ist.[36] Wie dem auch sei, man wird jedenfalls an dem Umstand nicht vorbeikom- men, dass Ratzinger die Kategorie der ,Relation‘ ausdrucklich als „eine [der Substanz, M. R.] gleichrangige Urweise des Wirklichen“[37] betrachtet — zumal sich aus dieser Grundentscheidung theologische und anthropologische Konsequenzen ergeben, die fur unsere weiteren Uberlegun- gen von groBer Tragweite sein werden. Zunachst ist zu konstatieren, dass Gott selbst bei Ratzin­ger in zweifacher Hinsicht als „Sein in Beziehung“[38] gefasst wird: Einerseits ist es fur das inner- trinitarische Verhaltnis maBgeblich, dass die Existenz Jesu als Sohn eine „ganzlich relative“[39] dar- stellt, mithin als vollkommene Bezogenheit vom Vater her gedacht werden muss.[40] Andererseits bedeutet dies, dass Gott auch in seinem christologisch vermittelten Bezug zum Menschen als „vollige Offenheit“[41], mithin als die „Radikalitat der Liebe, die sich [im Kreuzestod Christi, M. R.] ganzlich gibt“[42], zu verstehen ist. Umgekehrt, in anthropologischer Hinsicht, ergibt sich fur Rat- zinger Entsprechendes: Der Mensch selbst ist „Dialogpartner Gottes“[43] ; er erfahrt seinen Glau- ben wesentlich als „Angesprochensein von Gott“[44] — freilich so, dass dieser Glaube immer der „von auBen auf mich Zutretende“[45], mithin Offenbamng ist und in der erlosenden Liebe des Kreu- zes jedem menschlichen Akt vorausgeht.[46] Ich mochte nicht weiter abschweifen, sondern viel- mehr festhalten, weshalb das Gesagte hermeneutisch gerade fur Ratzingers Eschatologie uberaus bedeutsam ist: Zum einen wird, wie ich meine, bereits hier sichtbar, dass wir Eschatologie nie- mals anders betreiben konnen als in der Weise des Horens und des Empfangens. Zum anderen werden wir im Folgenden feststellen, dass Ratzingers Begrundung einer ,Unsterblichkeit der See- le‘ untrennbar mit seiner relationalen Konzeption von Theologie und Anthropologie verknupft und gleichsam nur von beidem her angemessen zu verstehen und zu beurteilen ist.

2 Tod und Unsterblichkeit. Zur individuellen Dimension der letzten Dinge

Nach diesen etwas muhsamen Vorbereitungen mochte ich mich nun mit der Frage ausei- nandersetzen, welche Auffassung Ratzinger zu Tod und Unsterblichkeit vertritt und was sich daraus fur seine Behauptung ergibt, die Eschatologie betreffe das „Wesen des Christlichen“[47]. Von dem hier gelegten Fundament werden wir dahingehend profitieren, dass Ratzingers Positio- nen zu Politik und Ethik in meiner Interpretation auf einer weitgehenden Abgrengung zur Escha­tologie beruhen, doch dazu spater mehr. In diesem und im nachsten Kapitel werde ich zunachst einen Kernbestand von insgesamt vier Einzelgedanken herausgreifen, die Ratzinger selbst — im Vorwort der 2007 erschienen Neuausgabe seines Entwurfs — als die fur sein eschatologisches Anliegen maBgeblichen hervorgehoben hat.[48] Die ersten beiden dieser Uberlegungen beziehen sich unmittelbar auf die individuelle Dimension der ,letzten Dinge‘ und sind hier von besonderem Interesse: Zum einen betont Ratzinger, dass es ihm stets um eine „streng theo-logische Auffas- sung unseres Lebens uber den Tod hinaus“[49] gegangen sei. Diese lautet in ihrer Kurzform fol- gendermaBen: „Wir leben deshalb, weil wir ins Gedachtnis Gottes eingeschrieben sind. Im Ge­dachtnis Gottes (...) stehen heiBt: leben, ganz leben, ganz wir selber sein.“[50] Zum anderen ergibt sich daraus fur Ratzinger eine „dia-logische Auffassung des Menschen und seiner Unsterblich- keit“[51], welche darin besteht, dass die Beziehung zu Gott dem Menschen „Anteilhabe an seiner Ewigkeit“[52], mithin ewiges Leben verleiht. Hier zeichnet sich, wie ich meine, bereits der Sinn un- serer eingangs vertretenen These von ,Geschichte‘ und ,Relationalitat‘ als den hermeneutischen Grundpfeilern in Ratzingers Eschatologie ab. Dennoch sollten wir versuchen, das hier nur Ange- deutete noch etwas ausfuhrlicher zu umgreifen.

2.1 Zugange gut Theologie des Todes: Kommunikation und Gottesgemeinschaft

In seinen Betrachtungen uber den Tod geht Joseph Ratzinger von der empirischen Be- obachtung aus, dass in unserer heutigen Gesellschaft eine weitgehende „Dehumanisierung des Todes“[53] festzustellen sei. Diese sieht er durch eine eigenartige Dialektik von ,Tabuisierung‘ und ,Banalisierung‘ zusammengehalten[54], welche letztlich das Ziel verfolge, dem Tod den Charakter einer „Einbruchsstelle des Metaphysischen“[55] zu nehmen. Wie aber sollte sich die Theologie zu diesem Befund verhalten? Nun, in einer geistesgeschichtlich unterfutterten Auseinandersetzung mit dieser Frage lehnt Ratzinger zunachst jede statische Gegenuberstellung von biblischer und griechischer Kultur — wie sie etwa von den Vertretern einer Gan^todthese vorgebracht werde — als „historisch betrachtet unsinnig“[56] ab. Stattdessen findet er bereits im Alten Testament die Erfah- rung verburgt, dass Gottesgemeinschaft „Leben (...) uber den Tod hinaus“[57] bedeute. Im Neuen Testament werde diese Grundrichtung zwar beibehalten[58], jedoch zugleich christologisch ausge- weitet: Hier sei nun „[in] Christus Gott selbst in den Bereich des Todes eingetreten“[59] und habe den „Raum der Kommunikationslosigkeit zum Raum seiner Anwesenheit gemacht.“[60]

[...]


[1] Vgl. etwa LYOTARD, Jean-Fran^OIS: Das postmoderne Wissen, 6. Auflage, Wien 2009 (nicht im Literaturver- zeichnis).

[2] Vgl. RATZINGER, JOSEPH [BENEDIKT XVI.]: Eschatologie. Tod und ewiges Leben, 6. Auflage, Regensburg 1990 (Neuausgabe 2007). Im Folgenden zitiert als: Eschatologie, S.

[3] Eschatologie, S. 29.

[4] Vgl. RATZINGER, JOSEPH: Einfuhrung in das Christentum. Vorlesungen uber das Apostolische Glaubensbekennt- nis. Mit einem neuen einleitenden Essay, 7. Auflage, Munchen 2006. Im Folgenden zitiert als Einfuhrung, S.

[5] Vgl. RATZINGER, JOSEPH: Theologische Prinzipienlehre. Bausteine zur Fundamentaltheologie, Munchen 1982. Im Folgenden zitiert als Prinzipienlehre, S.

[6] Vgl. RATZINGER, JOSEPH: Kirche, Okumene und Politik. Neue Versuche zur Ekklesiologie, Einsiedeln 1987. Im Folgenden zitiert als Politik, S.

[7] Ich verwende die Ausdrucke ,Eschatologie' und ,Lehre von den letzten Dingen' hier und im Weiteren synonym.

[8] Eschatologie, S. 11.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Vgl. Eschatologie, S. 12.

[12] Eschatologie, S. 192.

[13] Eschatologie, S. 194.

[14] Eschatologie, S. 203.

[15] Ebd.

[16] Eschatologie, S. 29. Siehe auch Eschatologie, S. 200: Hier findet sich die Formel vom „Wesen des Christentums“.

[17] Vgl. etwa Eschatologie, S. 30-33, 45-48, 216-219; ebenso Einfuhrung, S. 41-73, 181-184, 229-236 und Prinzipien- lehre, S. 17-23.

[18] Damit ist nicht bestritten, dass Ratzingers theologische Hermeneutik auch auf weiteren Grundbegriffen beruhen konnte; ich denke etwa an den Begriff der ,Wahrheit‘ (vgl. dazu KAES, DOROTHEE: Theologie im Anspruch von Geschichte und Wahrheit. Zur Hermeneutik Joseph Ratzingers (Diss.T 75), St. Ottilien 1997, S. 39-63). Im Rahmen unserer Fragestellung erscheint mir die hier vorgenommene Engfuhrung jedoch vertretbar und angemessen.

[19] Vgl. RATZINGER, JOSEPH: Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura, Munchen/Zurich 1959 (nicht im Literaturverzeichnis).

[20] Vgl. Anm. 17.

[21] Vgl. Einfuhrung, S. 51-61.

[22] Einfuhrung, S. 55.

[23] Einfuhrung, S. 57.

[24] Vgl. Einfuhrung, S. 58f.

[25] Einfuhrung, S. 61.

[26] Einfuhrung, S. 181.

[27] KAES, Theologie, S. 77.

[28] Einfuhrung, S. 248.

[29] Prinzipienlehre, S. 17.

[30] Eschatologie, S. 30.

[31] Ebd.

[32] Eschatologie, S. 31.

[33] Eschatologie, S. 49.

[34] Vgl. ebd.

[35] Ebd.

[36] Die folgenden Darlegungen beruhen auf meiner Arbeit „Die Relationalitat Gottes bei Martin Buber undjoseph Ratzinger“, eingereicht im Marz 2007 am Wissenschaftlich-Theologischen Seminar der Universitat Heidelberg.

[37] Einfuhrung, S. 171.

[38] MUhlinG-Schlapkohl, Markus: Art. Relationalitat, in: RGG4, Bd. 7, Tubingen 2004, S. 260.

[39] Einfuhrung, S. 211.

[40] Vgl. Einfuhrung, S. 170.

[41] Einfuhrung, S. 197.

[42] Einfuhrung, S. 265.

[43] Einfuhrung, S. 336.

[44] Ebd.

[45] Einfuhrung, S. 84.

[46] Vgl. Einfuhrung, S. 250-252.

[47] Eschatologie, S. 29. Vgl. auch S. 5, Anm. 16.

[48] Vgl. Eschatologie, S. 13f.

[49] Eschatologie, S. 13.

[50] Ebd.

[51] Ebd.

[52] Ebd.

[53] Eschatologie, S. 67.

[54] Vgl. Eschatologie, S. 65f.

[55] Eschatologie, S. 66.

[56] Eschatologie, S. 69.

[57] Eschatologie, S. 81.

[58] Vgl. Eschatologie, S. 81f.

[59] Eschatologie, S. 82.

[60] Ebd.

Details

Seiten
39
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640830077
ISBN (Buch)
9783640830466
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166660
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Evangelisch-Theologische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Ratzinger Joseph Ratzinger Benedikt XVI. Papst Benedikt Eschatologie Lehre von den letzten Dingen Politik Ethik Wesen des Christlichen Josef Ratzinger Politische Theologie Befreiungstheologie Theologie der Hoffnung Unsterblichkeit Theologie der Befreiung Hermeneutik Relationalität Politische Ethik Wesen des Christentums Katholizismus

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