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Günther Anders und die Blogosphäre

Eine Erweiterung der Anders’schen Medienkritik auf Blogs im Zeitalter der zweiten, digitalen Revolution

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Weblogs: Neuer Wein in neuen Schläuchen?
2.1 Grundlagen
2.2 Zwischen Utopie und Enttäuschung
2.3 Verhältnis zum „klassischen Journalismus“

3. Günther Anders Medienkritik
3.1 Wie Fernsehen und Radio auf uns wirken
3.1.1 Die Antiquiertheit des Menschen I
3.1.2 Die Antiquiertheit des Menschen II und Besuch im Hades
3.2 Günther Anders‘ Standpunkt zu Blogs
3.2.1 Vorteile von Blogs gegenüber Radio & Fernsehen
3.2.2 Blogs liefern uns die Welt noch schneller und individualisierender nach Hause
3.2.3 Weblogs läuten die vierte Phase des Massenkonsums ein

4. Resümee

1. EINLEITUNG

„Wahrhaftig: die Tatsache, die ich vor dreißig Jahren in der ersten TV-Analyse formuliert hatte […] und die dann in der glücklichen Formulierung eines anderen weltbekannt geworden ist: das ‚the medium is the message‘ ist eine uralte Tatsache“ (Anders, 1982, S. 218). Dies stellte Günther Anders nicht ganz ohne Neid auf den Ruhm des Kommunikationswissenschaftlers Marshall McLuhan noch zehn Jahre vor seinem Tod fest. Dabei bezog er sich vor allem auf die Wirkung und Auswirkungen von Rundfunk und Fernsehen, welche er im Rahmen seines Hauptwerkes ausführlich analysierte und darstellte (Anders, 1987a).

Was Anders nicht mehr erlebte, ist die rasante Verbreitung der Personal Computer ab Mitte der 90er Jahre. Doch führte das neue Massenmedium PC nicht nur zu einer einfacheren und schnelleren Bearbeitung und Verbreitung von Dokumenten, Fotos und Daten, sondern, begünstigt von den technischen Möglichkeiten des Internets, auch zu neuen Formen der Kommunikation. Neben mediatisiert-interpersonalen Formen (E-Mail, Chat, ICQ), bildeten sich auch ganz neue publizistische Formen, wie die Online-Zeitung, Foren oder die sogenannten Weblogs heraus. Letztere ermöglichen auf nie dagewesene Art und Weise das Publizieren eigener Gedanken, Texte und Kommentare für jede/n und das auch noch nahezu barrierefrei im Hinblick auf ökonomische und technische Grenzen. Seit einigen Jahren sind Blogs auch zunehmend in den Fokus der Wissenschaft gerückt. So gibt es eine Vielzahl von Studien über das sich dadurch ändernde Verhältnis von Journalismus und Blogger/innen (Neuberger, Nuernbergk & Rischke, 2007) oder die Wechselwirkungen zwischen Blogs und Öffentlichkeit (Katzenbach, 2008).

Grundlage dieser Arbeit soll sein, ausgehend von der Medienphilosophie von Günther Anders einen Blick auf die neue Form der Weblogs zu werfen. Dafür werden zunächst Weblogs in ihrer Entwicklung, Funktion und aktuellen Rolle näher beschrieben und bestimmte für die Anders’sche Medienkritik relevante Besonderheiten aufgezeigt. Es folgt eine Zusammenfassung der Medienphilosophie von Günther Anders und deren Entwicklung im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Daran schließt sich der Versuch an mit den Augen Anders‘ auf Blogs zu schauen und Stärken und Schwächen dieser neuen Mediengattung zu benennen. Dabei stellt sich die Frage, ob sich Anders‘ Medien- und Technikschelte auf Weblogs übertragen lässt, ob sie nur abgewandelt zum Tragen kommt, oder ob Günther Anders vielleicht gar zu einem Verfechter der neuen Internetkultur (Lovink, 2004) geworden wäre.

2. WEBLOGS: NEUER WEIN IN NEUEN SCHLÄUCHEN?

2.1 GRUNDLAGEN

Nach Köhler (2008) ging der erste deutschsprachige Blog bereits 1996 online und wird bis heute regelmäßig aktualisiert (Jelinek 2010). Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis das neue Format, oft als ‚Online Tagebuch‘ (de)klassiert, sich in der öffentlichen Wahrnehmung etablieren konnte, was nicht zuletzt an der starken bewusst gewählten subjektiven Färbung der Einträge liegt. Dadurch, dass sie mittlerweile auch Einfluss auf politische und gesellschaftlich relevante Themen nehmen könnten, werden sie seit 2005 nicht mehr nur als Forum für Selbstdarsteller/innen, sondern auch zunehmend als gesellschaftsrelevantes Medium wahrgenommen (Diemand, Mangold & Weibel, 2007).

Im Kern lassen sich Weblogs als Webseiten definieren, auf denen bestimmte Inhalte (Texte, aber auch multimediale Inhalte wie Bilder und Videos) mehr oder weniger oft, aber doch regelmäßig eingestellt und in rückwärts chronologischer Reihenfolge dargestellt werden (Clyde 2004; Mayer & Schmidt, 2007; Trivedi, 2010; Diemand et al., 2007). Einzelne Beiträge sind mit einer eigenen URL (Permalink) verknüpft und bieten in der Regel eine Kommentarfunktion mit der Leser/innen auf den Beitrag eingehen können. Dies stellt eine Besonderheit dar, denn die Möglichkeit direkt auf Beiträge zu antworten (sowohl für fremde Kommenator/innen, als auch für den/die Urheber/in der Texte, der/die seinerseits/ihrerseits auf Kommentare eingehen kann), erlaubt eine viel direktere Kommunikation zwischen Autor/in und Leser/in, als dies bei klassischen Formen der Massenkommunikation, beispielsweise Fernsehen und Radio, aber auch Zeitung, der Fall ist. Durch das gegenseitige Verweisen auf andere Blogs bilden sich Netzwerke heraus, welche in ihrer Gesamtheit als Blogosphäre bezeichnet werden (Diemand et al., 2007; Schmidt, 2006). Bei den Betreiber/innen handelt es sich häufig um Einzelpersonen. Aber auch Institutionen und zunehmend auch Unternehmen nutzen Blogs für Kommunikation nach außen (Fischer 2006).

Quantitative Untersuchungen sind methodisch durch die Unbekanntheit der Grundgesamtheit nur bedingt möglich. Trotzdem lassen sich einige Aussagen zu Nutzungsmotiven und zum sozioökonomischen Status der Autor/innen machen, deren Repräsentativität jedoch mit Vorsicht zu genießen ist. Während die early adopters „überwiegend männlich, jung, gut verdienend und relativ hoch gebildet“ waren (Neuberger et al., 2007, S. 108), lässt sich mittlerweile feststellen, dass das Geschlechterverhältnis fast ausgeglichen ist (Schmidt & Wilbers, 2006) oder die Blogosphäre in der Anzahl sogar von weiblichen Autor/innen dominiert wird (Harders & Hesse, 2006). Die Gründe für das Schreiben von Blogs sind nach Schmidt (2006) vielfältig. Allerdings dominieren intrinsische Motive, wie Spaß, die Lust am Schreiben, sowie das Bedürfnis Ideen & Erlebnisse festzuhalten. Auch die Inhalte der Blogs sind häufig selbstbezogen und aus dem Alltag stammend, wie beispielsweise Berichte oder Episoden aus dem Privatleben sowie die Weiterverbreitung von Links zu anderen Fundstücken im Internet. Kommentare zu politischen Themen, Fach- oder Berufsfragen sind dagegen deutlich seltener (Katzenbach, 2008).

2.2 ZWISCHEN UTOPIE UND ENTTÄUSCHUNG

An das Aufkommen des Internet und speziell der interaktiven Angebote, die häufig mit dem Begriff „Web 2.0“ (Alby, 2007) zusammengefasst werden, wurden schon immer große Erwartungen geknüpft. So sollte das Internet zu einer Wiederbelebung der Öffentlichkeit führen (Negroponte, 1995) und Lévy (1997) spricht sogar von einer „virtuellen Agora“, die der „Gemeinschaft die Möglichkeit [gebe, SW], eine vielstimmige Äußerung zu machen, direkt und ohne Umwege über einen Vertreter“ (Lévy, 1997, S. 76). Die Vision von starker Beteiligung der Rezipienten/innen am öffentlichen Kommunikationsprozess ohne den Umweg eines vermittelnden Mediums (Fernsehen, Radio) erinnert an die Brecht‘sche Utopie der Umwandlung eines Distribution- in einen Kommunikationsapparat (Brecht, 1967) und sollte nun endlich verwirklicht werden. Studien zur öffentlichen Kommunikation bremsten diese Euphorie jedoch deutlich ab. So sieht Jarren (1998, S. 20) in „Netzkommunikation […] grundsätzlich keine neue Form innerhalb der politischen Kommunikation“ und erteilt damit der Idee, dass computervermittelte Kommunikation die gesellschaftliche Funktion traditioneller Massenmedien übernehmen könne, eine Absage (Schönhagen 2004).

2.3 VERHÄLTNIS ZUM „KLASSISCHEN JOURNALISMUS“

Viel diskutiert wurde die Frage, wie Blogs das Berufsbild der klassischen Journalisten verändern. Zwar waren laut einer Befragung durch Neuberger „fast zwei Drittel der Befragten (64 %) der Auffassung, dass Weblogs eine ‚neue Art von Journalismus‘ sind“ (Neuberger et al., 2007, S. 103), doch sehen Blogger/innen ihre Stärken vor allem in ihrer Meinungsfreude, Subjektivität, Unterhaltsamkeit und Aktualität (Neuberger, 2005), was den Anforderungen an Journalismus nur in begrenztem Maße gerecht wird. Auch der Wunsch mit den eigenen Inhalten ein Massenpublikum zu erreichen ist nach der Studie von Neuberger mit 34 % nur vergleichsweise gering ausgeprägt (Neuberger et al., 2007). Es gelingt Blogs darüber hinaus nur selten eigene Themen zu setzen. Oftmals prägen journalistisch relevante Themen die Einträge der Blogosphäre. Berühmte Gegenbeispiele, wie die von Bloggern angestoßene Diskussion um die Klingeltonwerbung von „Jamba!“ (Picot, 2006; Stöcker, 2005) oder die Bertelsmann Kampagne „Du bist Deutschland“ (Biermann, 2009) bilden hierbei Ausnahmen.

Ein weiterer Aspekt, der das Verhältnis von Journalismus und Blog maßgeblich prägt und der Blogs eine journalistische Funktion zukommen lässt, ist das Gatewatching. Blogs bieten danach den Resonanzraum für klassische Massenmedien (Fox & Lenhart, 2006). Oftmals finden hier Auseinandersetzungen mit Beiträgen aus den klassischen Massenmedien statt. So gehört beispielswese das Internet Angebot von BBC zu den Seiten, auf die am meisten in Blogs verwiesen wird (Thelwall, 2006). Insbesondere die durch die Kommentarfunktion ermöglichte Interaktion zwischen den Leser/innen erlaubt eine direkte Diskussion über Inhalte und Positionen. Während die Gatekeeping Aufgabe also nach wie vor bei dem/der klassischen Journalist/in bleibt, der/die aufgrund seiner/ihrer Ausbildung und Ressourcen fundierte Analysen und tiefere Recherchen durchführen kann, übernehmen Blogger/innen die Funktion des Gatewatchings, also der Kontrolle der publizierten Inhalte (Bruns, 2005). Ein bekanntes und stark genutztes Beispiel dafür ist der BILDblog (Heinser, 2010). Dieses Portal, das von einer Vielzahl von Medienjournalisten/innen geführt wird, hat es sich zur Aufgabe gemacht, in Print- und Onlinemedien erscheinende Nachrichten kritisch zu hinterfragen. BILDblog gehört damit zur Kategorie der Watchblogs, die traditionelle Organe der Medienkontrolle wie den Deutschen Presserat in ihrer Tätigkeit unterstützen und ergänzen.

Das Verhältnis zwischen Weblogs und professionellem Journalismus ist daher insgesamt eher als komplementär zu bezeichnen. So nutzen Journalisten/innen Blogs durchaus zur Suche von Themen oder für die Bestätigung von Fakten im Rahmen eigener Recherche (Neuberger et al., 2007). Andersrum gelingt es den Blogs nur selten öffentliche Aufmerksamkeit für eigene Themen herzustellen. Vielmehr reflektieren sie die Berichterstattung der Medien in durchaus kritischer Art und Weise. Ein weiterer Aspekt des Zusammenwirkens ist die zunehmende Integration von Blogs in journalistische Webseiten mit dem Ziel die Leser-Blatt-Bindung durch interaktiven Elemente zu erhöhen.

3. GÜNTHER ANDERS MEDIENKRITIK

3.1 WIE FERNSEHEN UND RADIO AUF UNS WIRKEN

Der 1902 in Breslau unter dem bürgerlichen Namen Günther Siegmund Stern geborene Sohn jüdischer Psychologen gilt als einer der Vorreiter auf dem Gebiet der Rundfunk Kritik. Infolge der nationalsozialistischen Verfolgung emigrierte der Sozialphilosoph und Schriftsteller zunächst nach Frankreich und 1936 in die USA (Liessmann, 2002). Nachdem er den Aufstieg der Nationalsozialisten und deren (aus)Nutzung der Massenmedien mit eigenen Augen miterlebt hatte, konnte er in den USA, wo Radio und insbesondere Fernsehen schon viel verbreiteter als in Europa waren, die Auswirkungen dieser medialen Revolution beobachten, was ihn und seine Medienphilosophie maßgeblich prägte (Schubert, 1992).

3.1.1 DIE ANTIQUIERTHEIT DES MENSCHEN I

Seine Medienkritik, die erstmals 1956 zusammen mit anderen philosophischen Betrachtungen in der „Antiquiertheit des Menschen 1“ (Anders, 1987a) erscheint, lässt sich in vier Teil gliedern. Im ersten Abschnitt (Die ins Haus gelieferte Welt) beschreibt er, wie sich der Konsum durch die Verbreitung von Fernseh- und Radioempfängern in den eigenen vier Wänden ändert und der Mensch durch den solistischen Massenkonsum zum „Masseneremit“ (Anders, 1987a, S. 102) wird. Der Fernseher bringt die Außenwelt nach drinnen und verdrängt dadurch den Esstisch als Mittelpunkt des Familiengeschehens. Da wir in der Folge alle Ereignisse nach Hause geliefert bekommen, werden eigene „Erfahrungen überflüssig“ (ebd., S. 114) und ein kritisches Auseinandersetzen mit der präsentierten Welt findet nicht mehr statt. Durch die scheinbare Distanzlosigkeit zwischen Akteuren/innen in Fernsehen oder Radio und dem/der Konsumenten/in kommt es zu einer Pseudofamilisierung: „Diesen Vorgang der Pseudofamilisierung […] nennen wir die ‚Verbiederung der Welt‘“ (ebd., S. 117), in deren Folge parasoziale Interaktion und ein Zurückdrängen echter sozialer Kontakte auftreten.

Der zweite Abschnitt (Das Phantom) beschäftigt sich mit dem einseitigen Charakter der Sendungen. Diese Unilateralität führt zu einer Ohnmacht bei den Rezipienten/innen. Er/Sie ist vor die Wahl „friss oder stirb“ gestellt und hat keine Möglichkeit eine Gegenstimme zu erheben. Diese Ohnmacht ist der Preis, den der/die Konsument/in für das zweifelhafte Geschenk der Omnipräsenz, also die Möglichkeit sich mittels Empfänger an jeden Ort der Welt zu „bewegen“, erhält: „Ist nicht die Omnipräsenz, mit der man uns beschenkt, die Gegenwart des Unfreien?“ (ebd., S. 130). Durch die simultane Übertragung von Ereignissen verschwimmt auch die Grenze zwischen Sein und Schein. Der von ihm dafür eingeführte Begriff der „ontologische Zweideutigkeit besteht; weil die gesendeten Ereignisse zugleich gegenwärtig und abwesend, zugleich wirklich und scheinbar, zugleich da und nicht da, kurz: weil sie Phantome sind“ (ebd., S. 131).

Im dritten Abschnitt über die Nachricht geht Anders in einem kurzen Exkurs auf den Charakter der Nachricht ein, welche immer schon ein Vor-Urteil enthält. „Also richtet sie [die Nachricht, SW] diesen, noch ehe er [der Adressat, SW.] sich selbst ein Urteil bilden kann, bereits auf eine Auswahl aus“ (ebd., S. 158).

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Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640833658
ISBN (Buch)
9783640833962
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166646
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Schlagworte
günther anders blogosphäre eine erweiterung anders’schen medienkritik blogs zeitalter revolution

Autor

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