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Fairness im Experiment: Vom Homo Oeconomicus zum Homo Reciprocans?

Hausarbeit 2009 18 Seiten

VWL - Mikroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der ,,Homo Oeconomicus“ und seine Kritik

3. Reziprozitat

4. Experimented Wirtschaftsforschung

5. Experimente und Ergebnisse
5.1 Ultimatumspiel
5.2 Marktexperimente
5.3 0ffentliche Guter

6. Formale Modelle
6.1 Die Verteilungshypothese
6.1.1 ERC - Das Modell von Ockenfels und Bolton
6.1.2 Eine Theorie von Fairness, Wettbewerb und Cooperation
- Das Modell von Fehr und Schmidt
6.1.3 Vergleich der beiden Modelle
6.2 Die Intentionshypothese

7. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Menschen sind vor allem eigennutzig! Diese Annahme ist die Grundlage fur wesent- liche Theorien der Wirtschaftswissenschaften. Gleichzeitig stoBt diese Annahme aber auch immer wieder auf Protest. Dieses Menschenbild scheint nicht nur gegen ein Wunschbild zu verstoBen, sondern es kann auch vermutlichjeder Mensch von Situatio- nen berichten, in denen sich andere Menschen tatsachlich nicht eigennutzig verhalten haben. So tauschen Menschen Geschenke aus und belohnen einander fur positives Verhalten. Auf der anderen Seite kann man aber auch beobachten, wie schlechtes Verhalten bestraft wird, obwohl das dem Strafenden keinen erkennbaren Nutzen bringt. Diese Beobachtungen sind nur schwer mit dem traditionellen wirtschaftswissenschaftli- chen Modell des Homo Oeconomicus zu vereinbaren. Daher wird im Folgenden unter- sucht werden, ob ein anderes Modell menschliches Verhalten nicht besser modellieren kann. Dabei stutzt sich diese Arbeit im wesentlichen auf die Experimented Wirtschaftsforschung, mit deren Hilfe menschliches Verhalten unter kontrollierten Be- dingungen erforscht werden kann. Im Folgenden werden einige Experimente beschrie- ben und aus ihnen einige allgemeine Erkenntnisse abgeleitet. Dann sollen die wesentlichen Theorien, die versuchen, dieses Phanomens zu erfassen, erlautert und kritisch betrachtet werden. AbschlieBend soll grundsatzlich Stellung genommen werden zu dem Ansatz, die Reziprozitat in die wirtschaftswissenschaftliche Theorie einzufuh- ren.

2. Der ,,Homo Oeconomicus" und seine Kritik

Der Homo Oeconomicus ist das Standardmodell in den Wirtschaftswissenschaften. Dieses Modell stellt das Individuum und sein Verhalten angesichts von Knappheit in den Mittelpunkt.

Die Knappheit bedingt, dass der Mensch nicht alle seine Wunsche erfullen kann und sich daher zwischen Alternativen entscheiden muss (vgl. Schumann et al.1999 S.6). In einer Entscheidungssituation sind fur eine rationale Auswahl Praferenzen und Restrik- tionen relevant. Die Praferenzen sind generell unabhangig von der konkreten Entschei­dungssituation. In ihnen spiegeln sich Wertvorstellungen, Einstellungen usw. wider. Die Restriktionen sind dagegen diejenigen Begrenzungen, die die Knappheit in dieser Situation darstellen.

Das Individuum entscheidet sich - nach seinen Praferenzen und unter Berucksichtigung der Restriktionen - dann so zwischen den Alternatives dass es den groBten eigenen Nutzen erreicht. Da Praferenzen in der Regel schwer messbar sind, sich aber auch kurzfristig nur wenig verandern, erklart man das Verhalten von Menschen in der Okonomik meist ausschlieBlich mit Veranderungen der Restriktionen. (vgl. Kirchgasser S.25f)

Traditionell wird der Homo Oeconomicus so modelliert, dass er den eigenen Nutzen maximiert. Oder anders ausgedruckt: Er „ist egoistisch“ (Kirchgassner S.45). Fur diese Hypothese sprechen viele gute Grunde: Haufig sind Individuen gezwungen, sich egois- tisch zu verhalten, etwa weil es auf Markten gar keinen Spielraum fur anderes Verhalten gibt. Andererseits ist in empirischen Untersuchungen aber auch Opportunismus festzu- stellen. Auch modelliert das Modell durchschnittliches Verhalten und muss daher von besonders gutem und besonders schlechten Verhalten abstrahieren.

Trotzdem wird diese Eigennutzhypothese immer wieder kritisiert. Sie scheint gegen alle Idealvorstellungen des Menschen zu verstoBen. Aber auch die Realitat liefert viele Beispiele, in denen die beteiligten Menschen sich kooperativer verhalten, als das Standardmodell erwarten lassen wurde. Beispiele dafur sind der Anteil der Menschen die ehrlich Steuern zahlen oder sich in Gruppen wie etwa den Gewerkschaften organi- sieren. (Fehrund Schmidt 1999: S.818)

3. Reziprozitat

„Reziprozitat bedeutet das Belohnen von fairem Verhalten und das Bestrafen von unfairem Verhalten“ (Falk und Fischbacher 2000: S.1). Ein reziproker Akteur richtet sein Verhalten also am Verhalten des anderen aus. Dadurch unterscheidet sich ein reziproker Akteur vom Homo Oeconomicus, der ausschlieBlich den eigenen Nutzen maximiert, unabhangig von den Einkommen, die die anderen Akteure erzielen. Er unter­scheidet sich aber ebenso von einem reinen Altruisten, der ohne Bedingung „Gutes“ tut (vgl. Fehr und Gachter 2000: S.160). Entscheidend fur die Klassifikation als reziprokes Verhalten ist das Fehlen von zukunftigen materiellen Anreizen fur das Belohnen oder Bestrafen. Ein reziproker Akteur belohnt faires Verhalten, auch wenn er von diesem Verhalten nicht in der Zukunft profitieren wird. Auch bestrafen reziproke Akteure, ohne dass ihnen dies materiellen Nutzen bring! Man kann sogar beobachten, dass Akteure selbst dann noch bestrafen und belohnen, wenn dies fur sie mit Kosten verbunden ist. Reziprozitat unterscheidet sich daher von strategischem Kooperations-Verhalten, bei dem es darum geht, das eigene Einkommen uber mehrere Runden zu maximieren. In diesem Fall kann die Zusammenarbeit rational und im eigenen Interesse sein. Reziproke Akteure bestrafen und belohnen auch dann, wenn dies ihr Gesamteinkommen verringert.

Empirische Untersuchungen scheinen, wie im Folgenden gezeigt wird, eine starke Evidenz fur Reziprozitat zeigen. Dabei scheint es so zu sein, dass negative Reziprozitat, also das Bestrafen, ein haufiger anzutreffendes Phanomen ist als positive Reziprozitat, das Belohnen (Fehr und Gachter 2000: S.162).

Es ist aber nicht so, dass alle Menschen immer reziprok handeln. In einigen Situationen handeln alle Akteure egoistisch, in anderen dagegen nicht. In Studien (z.B. Abbink, Irlebusch, Renner 2000) konnte gezeigt werden, dass sich 20-30% der Akteure gemafi dem Modell des Homo Oeconomicus egoistisch verhalten. Wenn die Menschheit also unterteilt ist in Egoisten und reziproke Akteure, dann werden in einigen Experimenten und in einigen realen Situationen die Egoisten dominieren und in einigen anderen die Reziproken (Fehr und Gachter 2000: S.169). Ein Modell des ,,Homo Reciprocans“ sollte daher diese Heterogenitat abbilden konnen.

4. Experimentelle Wirtschaftsforschung

Die experimentelle Wirtschaftsforschung ist eine relativ junge Methode in den Wirtschaftswissenschaften. Unter dieser Methode versteht man eine Vielzahl von verschiedenen Experimenttypen wie zum Beispiel Laborexperimente oder computerge- stutzte Simulationsexperimente. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass alle Experimente in einer kontrollierten Umgebung stattfinden (vgl. Ockenfels 1999: S.27ff). So konnen gezielt einzelne Fragestellungen untersucht werden, indem einzelne Parameter geandert werden, wahrend die ubrigen Bedingungen gleich bleiben (ceteribus paribus). Da diese Experimente einem Spiel ahneln, werden sie auch haufig so bezeichnet.

Praktisch lauft das Spiel so ab, dass eine Gruppe von Menschen eingeladen, und ihnen die Regeln des Experimentes erklart werden. Dann treffen die Akteure innerhalb eines bestimmten Szenarios Entscheidungen, die bestimmte Konsequenzen nach sich ziehen. Die Entlohnung die die Probanten erhalten, ist an diese Entscheidungen geknupft. Die Probanten treffen also eine reale Entscheidung mit materiellen Konsequenzen (vgl. Falk 2000: S.143). Das unterscheidet das Experiment beispielsweise von Umfragen, in denen altruistisches Verhalten kostenlos gezeigt werden kann.

Aus Kostengrunden kann die Entlohnung der Teilnehmer nicht allzu hoch ausfallen, was haufig als Einschrankung der Aussagekraft kritisiert wird. Allerdings gibt es auch gute Grunde fur die Annahme, dass selbst kleine Summen zu realistischem Verhalten fuhren. So berichten etwa Camerer und Thaler (1995) von Experimenten, in denen die Spielsumme verzehnfacht wurde, ohne das dies zu signifikant anderen Ergebnissen gefuhrt hatte. Auch sind die Teilnehmer haufig Studenten, fur die die Bezahlung im Vergleich zum eigenen Einkommen relativ hoch ist. Teilweise werden die Experimente auch in Landern mit einem geringerem Pro-Kopf-Einkommen durchgefuhrt (z.B. Mexiko, Russland), wo in den Experimenten mehrere Monatsgehalter erreichbar sind. (vgl. Fehr und Gachter 2000: S.162)

5. Experimente und Ergebnisse

Im Folgenden sollen einige Experimente erlautert werden, die Reziprozitat als mensch- liches Verhaltensmuster zeigen. In diesen Experimenten werden verschiedene Implika- tionen sichtbar, die die Bedeutung der Reziprozitat zeigen.

5.1 Ultimatumspiel

Das Standardbeispiel fur negative Reziprozitat ist das Ultimatumspiel. Untersuchungen finden sich beispielsweise bei Guth, Schmittberger und Schwarze (1982). In der einfachsten Version dieses Experiments spielen zwei Akteure uber eine Periode.1 Die Entscheidungen der beiden Spieler finden nacheinander statt, es gibt also keine simulta- nen Entscheidungen. Der erste Spieler, der „Proposer“, bekommt eine Summe Geld ausgehandigt und bekommt die Anweisung, diese in zwei Teile zu aufzuteilen. Der zweite Spieler, der „Reponder“, hat im Anschluss daran die Moglichkeit, die Teilung, die der Proposer vorgenommen hat, anzunehmen, oder das Angebot zuruck zuweisen.

Wenn der Proposer das Angebot annimmt, bekommen beide Spieler das Geld gemafi der Teilung. Lehnt er ab, dann bekommen beide Spieler gar kein Geld. Forsythe et al (1994) bezeichnen das Ultimatumpiel daher auch als „take-it-or leave-it-game“.

Ausgehend vom klassischen Modell des Homo Oeconomicus hat ein eigennutziger Responder keinen Anreiz, irgendein Angebot abzulehnen. Bei jeder Summe uber Null ware er bereit anzunehmen, weil das sein Einkommen erhohen wurde. Abzulehnen bei einem positiven Angebot wurde ihm dagegen keinen Nutzen stiften. Sogar bei einem Angebot von Null ware er noch indifferent. Von dieser Annahme ruckwartsinduzierend ware es fur den Proposer nutzenmaximierend, dem Responder nur einen infinitesimal kleinen Teil der aufzuteilenden Summe anzubieten und den Rest fur sich zu behalten.

In Experimenten konnte aber ein anderes Verhalten nachgewiesen werden. Als robustes Ergebnis kann gelten, dass Proposer, die weniger als 30% der Summe anbieten, mit hoher Wahrscheinlichkeit zuruckgewiesen werden (vgl. Fehr und Gachter 2000: S.161f). Dieses Ergebnis andert sich auch nicht, wenn die Summen sehr hoch sind. Bei Studien in Russland etwa wurde um Summen gespielt, die in etwa dem 10fachen durchschnittlichen Wochenlohn entsprachen. Trotz dieses hohen Einsatzes sank die Zuruckweisungsquote nicht wesentlich (ebd.).

Die sehr ungleichmafiige Verteilung des Einkommens wird also als nicht fair erlebt und der Proposer wird bestraft, indem das Angebot zuruckgewiesen wird, obwohl diese Bestrafung selbst mit Kosten verbunden ist.

Durch Variation des Ultimatumspiels konnen Falk und Fischbacher noch weitere Erkenntnisse aufzeigen (vgl. Falk und Fischbacher S.5f). Sie vergleichen dazu zwei Versionen des Ultimatumspiels in denen der Proposer die Gesamtsumme nicht mehr frei teilen kann, sondern sich zwischen je zwei moglichen Aufteilungen entscheiden muss. In der ersten Version kann der Proposer wahlen zwischen den Aufteilungen (8/2) und (5/5), in der zweiten Version stehen die Aufteilungen (8/2) und (10/0) zur Wahl. Der Responder kann wieder das Angebot annehmen oder zuruckweisen.

Konzentriert man sich auf das Verhalten des Responders nach Erhalt eines (8/2) Angebotes in beiden Spielen, dann kann man einen Unterschied feststellen. Im ersten Spiel ist das Angebot mit (8/2) aus Sicht des Responders das schlechtere Angebot, im zweiten Spiel das bessere. Die Ablehnungsraten unterscheiden sich wesentlich. Im ersten Spiel lehnen 44,4% der Responder das Angebot ab, im zweiten nur 8,9% (ebd.). Bemerkenswert daran ist, dass obwohl die Auszahlungen in beiden Spielen genau gleich gewesen ware, sich die Ablehnungsquote unterscheidet. Fur die Ablehnung scheint die Intention der Interaktionspartner also in grofierem MaBe relevant gewesen zu sein als die Konsequenzen. Trotzdem ist die Ablehnungsrate im zweiten Spiel immer noch grofier als Null. Obwohl sich der Proposer fair verhalt, wird das Angebot nicht angenommen. Das konnte darauf schliefien lassen, das Individuen zum Teil Ungleich- heit als negativ wahrnehmen. Ob die Intention oder die Ungleichheit der Einkommen fur dieses Phanomen verantwortlich sind, wird zu einem spateren Punkt in dieser Arbeit erneut diskutiert.

5.2 Marktexperimente

In Laborexperimenten konnen auch komplexere Markte und das Verhalten von Menschen auf diesen simuliert werden. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Unterschieden zwischen unvollstandigen und vollstandigen Vertragen.

Falk beschreibt ein Experiment, in dem eine Anzahl von Kaufern auf eine grofiere Anzahl von Verkaufern trifft( Falk 2000 S.149f). Jeder Kaufer kann genau ein Gut erwerben. In einer Variation mit vollstandigen Vertragen ist die Qualitat des gehandelten Gutes festgelegt. In einer zweiten Variante mit unvollstandigen Vertragen legen die Verkaufer die Qualitat des Gutes fest. Die Qualitat wird festgelegt, nachdem der Kauf- vertrag abgeschlossen ist. Eine steigende Qualitat verursacht dabei steigende Kosten fur den Verkaufer und einen hoheren Nutzen fur den Kaufer.

Im Markt mit vollstandigen Vertragen entspricht das Ergebnis den Prognosen des klassischen Homo Oeconomicus Modells: ,,Allmost all subjects behave as if they were only interested in their material payoff4 (Fehr und Schmidt 1999: S.818). Die knappere Nachfrage konkurriert den Preis bis auf den Reservationsnutzen hinab.

Bei der Version des Experiments mit den unvollstandigen Vertragen kommt es zu einem ganz anderen Ergebnis. Die Kaufer zahlen freiwillig hohere Preise. Die Kaufer versu- chen durch die ,,hoheren Preise an die Reziprozitat der Verkaufer zu appellieren.“ (Falk 2003: S. 151) Und mit diesen hoheren Preisen geht auch wirklich eine hohere Qualitat einher. ,,Auch auf Markten entsteht also Nachfrage nach Reziprozitat,wenn keine vollstandigen [...] Vertrage abgeschlossen werden konnen.“ (Adloff und Mau 2005: S.32) Oder allgemeiner formuliert: Reziprozitat kann sich auf Markten durchsetzen, wenn es Spielraume dafur gibt.

[...]


1 Ein komplexeres Ultimatumspiel uber mehrere Episoden findet sich u.a. bei Thaler (1988).

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640830022
ISBN (Buch)
9783640829941
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166645
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Schlagworte
fairness experiment homo oeconomicus reciprocans

Autor

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