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Zur Kulturgeschichte des Todes

Zurschaustellen von Leichen und dem Tod am Beispiel des Reliquienkultes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 17 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Zur Geschichte des Reliquienkultes

3 Christuskult und Heiligenverehrung

4 Aspekt des Opferns

5 Reliquien und ihre Reliquiare

6 Zurschaustellung von Leichen und Tod

7 Schlussbetrachtung

8 Literaturnachweis

1 Einleitung

„Doch noch Bewundernswerteres und Mächtigeres erschien mir dort: geräumige, dunkle unterirdische Kammern, wo, in ihren Nischen, wie aufrechte Standbilder, entseelte Körper umherwandeln, und noch immer in jenen Kleidern, in denen man sie atmen sah; den toten Muskeln und der Haut

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto Di Giovanni - Stampa Poligraf - Palermo (siehe Fußnote 1)

entzog die Kunst so jeden Saft, dass die Gesichter nach Hunderten und mehr Jahren die alten Züge, wie auch ihr Fleisch, bewahren. Der Tod betrachtet sie und scheint zu fürchten, den Schlag verfehlt zu haben. [...] Indessen erhebt sich ein Seufzen, ein geständiges langes Schluchzen, ein nicht leises Klagen, das sich durch das wiederhallende Gewölbe verbreitet, auf das jene kalten Körper zu antworten scheinen: die beiden Welten trennt ein kleiner Durchgang, und nie waren Leben und Tod so freundschaftlich verbunden.“[1]

Dies sind die Beschreibungen eines italienischen Dichters kurz nach dem Besuch der Kapuzinerkatakomben Convento dei Cappuccini der Stadt Palermo. Der Dichter beschreibt einen unterirdischer Bestattungsort, welcher aus Platzgründen am Ende des 16 Jh. entstand. Anfangs war dieser Bestattungsort nur für Kapuzinermönche reserviert, im laufe der Jahrhunderte wurden die Gänge erweitert, denn auch Andere wollten auf dem Friedhof ihrer Mönche begraben werden. So entstand die bis heute erhaltene Einteilung nach Männer, Frauen und Berufsgruppen. Von Staub bedeckt, bekleidet stehen, liegen und hängen die Leichen in Glassärgen oder Wandnischen. Schief hängende Köpfe, verzerrte Gesichter oder deren Überreste und mumifizierte Kleinkinder zeigen noch heute ein recht schauerliches Bild. Die Toten in den Katakomben wurden als Heiligtum behandelt und verehrt.

Ein Blick in vergangene Jahrhunderte zeigt, dass das Zurschaustellen von Leichen und dem Tod, in großem Ausmaß praktiziert wurde. In Europa wäre hier zum Beispiel der Reliquienkult im Mittelalter ganz deutlich hervorzuheben. Die Toten wurden aus ihren Versteck geholt und dem Betrachter in einem öffentlichen Ritual in schonungsloser Offenheit dargeboten. Aber auch die Heimlichkeit, die Täuschung, das Geheimnis und die Verhüllung spielten eine wichtige Rolle im Reliquienkult. Ich sehe den Reliquienkult unter Anderem als eine wichtige kulturelle Vorbereitung für den Umgang mit Sterben und dem Tod in unserer heutigen Gesellschaft. Im Rahmen dieser Seminararbeit soll in erster Linie der Reliquienkult beschrieben und untersucht werden, um am Ende einen kleinen Ausschnitt aus der gigantischen Kulturgeschichte des Todes wiederzugeben. Ein besonderes Interesse meinerseits liegt im Inszenierungscharakter und der Zurschaustellung innerhalb des Reliquienkultes. Daher werde ich auch versuchen, besonders theatrale Elemente im Reliquienkult aufspüren.

Die Seminararbeit ist aus der Ausarbeitung des Referats mit dem Thema Zurschaustellen von Leichen und dem Tod am Beispiel des Reliquienkultes entstanden. In der vorliegenden Arbeit stütze ich mich vor allem auf Schriften zum Thema von Christoph Böhme, Christof L. Diedrichs und Anton Legner.

Als erstes soll nun auf die Geschichte und Diskurse des Reliquienkultes eingegangen werden, um dessen Grundphänomene zu erfassen.

2 Zur Geschichte des Reliquienkultes

Der Ursprung des Reliquienkultes ist Anton Legner zufolge so alt wie die Menschheit selbst.[2] Die Anbetung, besonders des Schädels, ist in der Geschichte der Menschheit tief verwurzelt. So wurden in prähistorischer Zeit die Leichen unter den Fußböden der Häuser bestattet, aber die Köpfe in den Wohnungen aufbewahrt.[3] Bereits die ersten Christen verehrten jene Glaubensbrüder, die unter den Römern gelitten hatten, indem sie körperliche Überreste von ihnen aufbewahrten. Zum Beispiel wurden mit Märtyrerblut getränkte Tücher als Schutz für die Familie mit nach Hause genommen. Der Reliquienkult entspringt verschiedenen Phänomenen: Der Verehrung der Toten an ihren Gräbern und dem Aufbewahren von Erinnerungsstücken, dem Glauben an ein Leben nach dem Tod und, dass für das Weiterleben der Toten die Gebeine erhalten werden müssen.

Ein Grund, Knochen und andere Überreste der verehrten, christlichen Ahnen aufzubewahren, lag in dem Glauben, den Überresten wohne eine spezielle Kraft virtus inne, eine vom Heiligen verdiente Gotteskraft, die über seinen Tod hinaus fortwirkt und permanent von der himmlischen Seele des Heiligen auf seine Körperteile übertragen wird.

Anfänglich war im Abendland bis zum 8. Jahrhundert das Öffnen von christlichen Heiligengräbern kaum üblich. Reliquien waren bis dahin vor allem Kontaktreliquien, die mit dem Heiligen zu Lebzeiten oder nach dem Tode mit dessen Grab in Berührung gekommen waren. Erst durch Umbettung von Märtyrern sind auch die Leiber zu kostbaren Reliquien geworden. Die Definition des Leichnams als unrein, verkehrte sich mit der Heiligenverehrung im Christentum radikal in ihr Gegenteil. Bestattungen, offene Gräber und der Anblick der Toten wurden als selbstverständlich und unmittelbar in das öffentliche Leben integriert. Die einzelnen Partien des toten Körpers erfuhren erstmalig mit den Reliquien eine positive Konnotation. Anfangs wurden lediglich die als nachwachsend geltenden Teile, wie Zähne, Haare und Fingernägel der Toten genommen und getrennt vom Grab aufbewahrt. Im Verlauf des Mittelalters änderte sich die Praxis und es wurden auch Teilungen am Skelett vorgenommen.[4] Eine einleuchtende Begründung für das Aufkommen der Gebeinteilungen ist sicherlich die so gewonnene Möglichkeit der Vermehrung der Wirkungsmacht der heiligen Reliquien. Denn die Kraft des Heiligen konnte somit an verschiedenen Orten gleichzeitig wirken.

Die wunderbare Intaktheit des Leichnams corpus incorruptum steht in der christlichen Tradition immer wieder dem Zerteilen der heiligen Körper gegenüber. In Psalm 16 heißt es, dass Gott seine Heiligen die Verwesung nicht schauen lasse.[5] Diese Bibelstelle hat entscheidend zum kultischen Umgang mit den Überresten der Heiligen beigetragen. Häufig wurde in mittelalterlichen Translationsberichten[6] von unverwesten Leibern geschrieben, von denen gar ein angenehmer Geruch ausging. Ob das immer der Wahrheit entsprach, ist fraglich. Wenn eine Mumifizierung der Toten eingesetzt hatte, so war dies durch besondere klimatische Bedingungen oder durch künstliche Lüftungssysteme geschehen.

Reliquien werden unterschieden in Primär- und Sekundärreliquien. Als Primärreliquien gelten Körperreliquien, also die leiblichen Überreste des Heiligen, wie Zähne, Haare und andere Körperteile. Sekundärreliquien können Gegenstände sein, die der Heilige zu Lebzeiten berührt oder besprochen hatte. Zu den Sekundärreliquien zählen zum Beispiel Kontaktreliquien, sogenannte brandea[7], die als Reliquienersatz dienen. In dieser Seminararbeit werde ich mich vorwiegend auf die Primärreliquien konzentrieren.

3 Christuskult und Heiligenverehrung

Im Mittelalter spielte sich das liturgische Leben um die Reliquien ab. Grund für die Verehrung der Reliquien war der Glaube an die Wirkungsmächte und Kräfte der wundertätigen Menschen über ihren Tod hinaus. Übernatürliche Zeichen und Wunder der Heiligen wurden von den Gläubigen gesehen und gedeutet. Man glaubte, die Heiligen würden sich auf diese Weise mit ihren Verehrern in Verbindung setzen.

Gerade aufgrund von Visionen wurden die Heiligen geehrt und zu ihrer Erinnerung wurde etwas getan: Kirchen wurden zu ihren Ehren gebaut und nach ihnen benannt, Reliquienschreine kostbar gestaltet, Translationen und Prozessionen veranstaltet. Wiederum waren die Visionen natürlich gerade die Legitimation für das bauliche oder künstlerische Schaffen oder die prunkvolle Zurschaustellung der kostbaren Reliquie und ebenso die Verifizierung der Heiligkeit an sich. Zahllose religiöse Persönlichkeiten wurden schon zu Lebzeiten als Heilige betrachtet. Ihre Verehrung ging sogar so weit, dass man ihnen das Versprechen abnahm, nach ihrem Tode Reliquien von ihnen zu erhalten. Den Verstorbenen, die man bereits als potentielle Heilige betrachtete, wurden die Zähne herausgebrochen, Finger oder Hände abgetrennt. Theologen dieser Zeit legimitierten Grabräuberei, Reliquien- Diebstahl und Leichenschändung mit der Bezeichnung „andächtige Beraubung”.[8] Verirrungen gab es auch, wenn gar an Ermordung des Heiligen gedacht wurde, nur um sich die Reliquie und das Patronat zu sichern. Hierzu wird in der Literatur häufig folgende Begebenheit aus dem Leben des heiligen Franz von Assisi (* 1181/82, † 1226) zitiert:

„Mit guten Gründen vermied es Franziskus, auf der letzten Reise von Sienna nach Assisi seinen Weg durch Perugia zu nehmen, um dort nicht zum Reliquienobjekt zu werden.”[9]

[...]


[1] Auszug des Gedichtes „I Sepocri“ von Ippolito Pindemonte. Entnommen aus einer Begleitbroschüre über die Kapuzinerkatakomben zu Palermo. Pater Flaviano Domenico Fasella: Geschichtliches über die Kirche und die Katakomben der Kapuzinermönche von Palermo. Palermo 1987, S. 3.

[2] Auch im Buddhismus und in mexikanischen Kulturen war Reliquienverehrung üblich.

[3] Anton Legner: Reliquien in Kunst und Kult. Zwischen Antike und Aufklärung. Darmstadt 1995, S. 278.

[4] Heinrich Fichtenau: Zum Reliquienwesen des frühen Mittelalters. In: Beiträge zur Mediävistik. Allgemeine Geschichte (Bd. 1). Stuttgart 1995, S. 116.

[5] Psalm 16: Das schöne Erbteil. 10. Nach der Übersetzung Martin Luthers.

[6] Translation: Ist die Übertragung des Körpers eines Heiligen oder von Reliquien. Auffindung, Erhebung, Überführung, Empfang und Niederlegung können ebenfalls im Begriff Translation erfasst werden. Die literarische Gattung der Translationsberichte fällt ebenso unter den Begriff.

[7] Brandeum (Mehrzahl Brandea): Kontaktreliquie als Reliquienersatz, vermutlich römischen Ursprungs. Meist kleine Textilstücke, die mit Reliquien oder Gräbern in Berührung gekommen waren.

[8] Anton Legner: Reliquien in Kunst und Kult. Zwischen Antike und Aufklärung. Darmstadt 1995, S. 46.

[9] Peter Dinzelbacher / Dieter R. Bauer: Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart. Ostfildern 1990, S. 221: zit. n.: Anton Legner: Reliquien in Kunst und Kult. Zwischen Antike und Aufklärung. Darmstadt 1995, S. 46.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640845873
ISBN (Buch)
9783640844616
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166640
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Sozialpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Tod Reliquienkult Kulturgeschichte des Todes Leichen Christuskult Heiligenverehrung Aspekt des Opferns Reliquien

Autor

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Titel: Zur Kulturgeschichte des Todes