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Das Werturteil in der sozialen Analyse

Eine Gegenüberstellung der Positionen Max Webers und der Kritischen Theorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Max Webers „Objektivitätsaufsatz“

3. Objektive Wahrheiten des Erkenntnisinteresses

4. Horkheimers Trennung von „traditioneller“ und „kritischer“ Theorie

5. Differenzen zwischen Weber und der kritischen Theorie

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Die Frage danach, wie das Soziale zu analysieren sei, stellt zugleich die Frage nach dem Wesen, dem Ziel und den Methoden der Wissenschaften, genauer dem Verhältnis von Theorie und Praxis, von Wissenschaft und Gesellschaft für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Den Versuch dieses Verhältnis zu bestimmen markieren Stichworte wie „Positivismusstreit“, „Methodenstreit“, „Werturteilsdebatte“ und „Objektivitätsdebatte“. Gelungen scheint diese Verhältnisbestimmung bisweilen nicht, haben sich doch innerhalb der Debatten die antagonistischen Positionen eher verhärtet und „präzisiert“[1]. Zugleich muss aber eingestanden werden, dass das Postulat der Wertfreiheit heute zum common sense innerhalb des akademischen Betriebs gehört, womit der Werturteilsstreit rund 100 Jahre nach seinem Beginn praktisch entschieden worden ist. Aufzuzeigen dass diese Position aber keine unumstrittene ist, soll Gegenstand dieser Arbeit sein.

Da hier nicht der Raum bleibt, die Debatten, Akteure und Gegenstände im Einzelnen zu analysieren, will ich die Auseinandersetzungen auf ihre Grundkonflikte rückbinden. Zu diesem Zweck sollen wichtige Grundlagentexte der gegenläufigen Positionen vorgestellt werden: Max Webers Aufsatz Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis und Max Horkheimers Schrift „Traditionelle und kritische Theorie“. Beide Texte können als programmatisch bezeichnet werden und kennzeichnen die Positionen ihrer Autoren, noch bevor beide in Diskussionen mit anderen Schulen traten. Die Arbeit stellt also die Frage nach den ungleichen Wissenschafts- und Gesellschaftsverständnissen von werturteilsfreier Wissenschaft, wie sie von Weber und seinen Adepten formuliert worden ist und einer Wissenschaft, die sich als „entfaltetes Existenzialurteil“ (Horkheimer) begreift.

Im zweiten Teil dieser Arbeit, nach der Einleitung, geht es um die Herleitung von Webers „Werturteilsfreiheitsthese“ sowie dessen Darstellung, um in einem dritten Teil den Fragen von Objektivität und Erkenntnisinteresse bei Weber nachzugehen. Auf den Punkt gebracht sollen in beiden Kapiteln folgende zentrale Positionen herausgearbeitet werden: 1. Weber spricht sich für die Subjektivität der Werte aus, 2. für den Einzelnen gibt es dem folgend keine Gewissheit sondern nur Entscheidungen und 3. die Wissenschaft soll diese Wertentscheidungen rekonstruieren aus denen die Wirklichkeit entstanden ist; es wird also das Konzept einer „verstehenden“ Soziologie entworfen. Der vierte Teil der Arbeit dient dazu, mit Hilfe von Horkheimers Aufsatz eine Gegenposition zu Weber aufzuzeigen. Das fünfte Kapitel beansprucht im Gegensatz zu den vorhergegangenen keinen darstellenden, sondern einen analytischen Charakter. Hier soll es darum gehen, mit dem Blick auf die vorgestellte Forschungsfrage vor allem die Differenzen zwischen beiden Autoren herauszuarbeiten. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und dem Überblick über die verwendete Literatur.

2. Max Webers „Werturteilsfreiheitsthese“

Der Aufsatz „Die ,Objektivitäť sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ entstand nach einer Lebenskrise Webers, die bereits 1897 einsetzte, nachdem er einem Ruf an die Universität Heidelberg für den Lehrstuhl für Nationalökonomie folgte und endete erst 1903 mit der Aufgabe des Lehrstuhls mit einem neuerlichen Produktivitätsschub[2]. Seine Abhandlung, welche eine Methodenlehre enthält und einen Idealtypus entwirft, kündigt bereits eines der großen Motive an, welches Webers Arbeiten auch im Weiteren durchziehen wird: die Frage „ob Wissenschaft das Mittel zur Lösung praktischer, also moralischer und politischer Probleme ist, oder ob eine in diesem Sinne politische Wissenschaft nur den Schein erzeugt, Politik durch die wissenschaftliche Verwaltung von Sachen zu ersetzen[3] “. Hier deutet sich die politische Idee Karl Marx' an, auf welche Weber mit seinem Text reagiert. Entgegen landläufiger Auffassungen, war auch Marx ein Verfechter der Wertfreiheit der Wissenschaft. Bereits im Vorwort des „Kapitals“, dem Schlüsselwerk der Marx'schen Theorie, attestierte dieser mit dem Aufkommen der wissenschaftlichen bürgerlichen Ökonomie den Verfall der Wissenschaft: „An die Stelle uneigennütziger Forschung [Hervorhebung C.B.] trat bezahlte Klopffechterei, an die Stelle unbefangener wissenschaftlicher Untersuchung [Hervorhebung C.B.] das böse Gewissen und die schlechte Absicht der Apologetik“[4]. Marx' Verständnis von Wertfreiheit darf hier allerdings nicht mit politischer Neutralität verwechselt werden. Er betont im Gegenteil, dass politische Entscheidungen durch wissenschaftliche Aussagen begründet werden müssen, sie also Voraussetzung der Politik werden. Gegen diese Auffassung wendet sich nun Weber. Zugleich dient der im „Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik“[5] veröffentlichte Beitrag auch der Korrektur seiner Positionen, wie er sie noch 1895 in seiner Freiburger Antrittsrede formulierte. Bereits hier unterschied Weber zwischen Tatsachenbehauptungen und Werturteilen, vertrat beides energisch und formulierte einen „eigenen“ Wertmaßstab der Nationalökonomie: den nationalistischen[6]. Zugleich formulierte Weber auch anthropologische „Rasseneigenschaften“ für Slawen,[7] welche er im vorliegenden Aufsatz mit dem Verweis auf das „Nichtwissen“, dass solche Zuschreibungen dokumentiert, zurücknimmt. Der Objektivitätsaufsatz muss also zugleich als erste Revision von Webers Antrittsrede aufgefasst werden, von welcher er 1913 endgültig schreibt, er könne sich „in vielen wichtigen Punkten nicht mehr identifizieren“[8].

Weber greift nun also die Frage nach den Normen und der Geltung der Werturteile erneut auf und stellt die Frage nach deren Wissenschaftlichkeit, „da doch das Merkmal wissenschaftlicher Erkenntnis in der »objektiven« Geltung ihrer Ergebnisse als Wahrheit gefunden werden muß“[9]. Er beschreibt zunächst die Nationalökonomie als eine Wissenschaft, die „geschichtlich zuerst von praktischen Gesichtspunkten ausging“ und deren einziger Zweck es war „Werturteile über bestimmte wirtschaftspolitische Maßnahmen des Staates zu produzieren“[10]. Sie ist demnach eine „Technik“ gleich der klinischen Medizin. Dem setzt er das Postulat gegenüber, „daß es niemals Aufgabe einer Erfahrungswissenschaft sein kann, bindende Normen und Ideale zu ermitteln, um daraus für die Praxis Rezepte ableiten zu können“[11]. Da die Nationalökonomie sichjedoch auf menschliches Handeln bezieht, ist sie an die Kategorien von „Zweck“ und „Mittel“ gebunden[12]. Während der Mensch etwas „um seines eigenen Wertes willen“[13] oder als Mittel eines Letzt gewollten will, ist es Aufgabe der Wissenschaft die Zweck-Mittel-Rationalität auf ihre Geeignetheit hin zu prüfen. Soll über ein Vorgehen ein Werturteil gefällt werden, so muss es als Zweck und nicht als Mittel beurteilt werden, wobei dieses Werturteil die Schätzung des Vorgehens um seiner selbst Willen ausdrückt. So ist es also denkbar, dass Tatsachenurteil und Werturteil nebeneinander treten. Wird dasselbe Vorgehen aber nicht um seiner selbst willen, sondern nur als Mittel geschätzt, handelt es sich dabei nicht länger um ein originäres, sondern um ein abgeleitetes Werturteil. Die bisherige Tätigkeit der Nationalökonomie, nicht nur Tatsachenurteile zu produzieren, sondern wie Weber es oben anführt auch bestimmte Zwecke (bspw. wirtschaftspolitische Maßnahmen) zu bewerten, stehen hier im Fokus, denn erst wenn man sie bewertet, können auch die Mittel bewertet sein. Die von Weber erfolgte Trennung in das „Seinsollende“ und das „Seiende“[14] ist keineswegs selbstverständlich, ebenso wenig wie die „prinzipielle Scheidung von Erkenntnis des »Seienden« und des »Seinsollenden« vollzogen“[15] war, da zunächst die Meinung vorherrschte, dass Naturgesetze und später „ein eindeutiges Entwicklungsprinzip“[16] wirtschaftliche Vorgänge beherrschten. Mit dem ethischen Evolutionismus und dem historischen Relativismus trat schließlich der Versuch hinzu, das Sittliche „inhaltlich zu bestimmen und so die Nationalökonomie zur Dignität einer »ethischen Wissenschaft« auf empirischer Grundlage zu erheben.“[17] Eben gegen diese Position argumentiert Weber, dass die Nationalökonomie aus keiner „wirtschaftlichen Weltanschauung“ heraus Werturteile produzieren dürfe - schließlich sei sie keine „ethische Wissenschaft“ - sondern Werturteile sind letztlich „subjektiven“ Ursprungs und demnach also nicht objektivierbar. Dennoch entziehen sich Werturteile nicht dem wissenschaftlichen Blick: zum einen steht der Anstoß zu wissenschaftlicher Arbeit als Resultat „praktischer Fragen [...] in Personalunion [...] mit einem bestimmten gerichteten Wollen lebendiger Menschen“[18]. Zum anderen ist aber ein legitimer kritischer Bezug von Wissenschaft auf Werturteile dort denkbar, wo die Bedeutung des Gewollten einer Handlung ermittelt werden soll sowie dessen Widerspruchslosigkeit, wo die Mittel am Zweck gemessen werden sollen und wo es Folgen und Kosten einer gewollten Handlung abzuschätzen gilt[19]. Es gilt in der Wissenschaft (nicht vorrangig in der Nationalökonomie, sondern mindestens in gleichem Maße in der Sozialphilosophie) also über die „Deutung geistiger Werte“[20] als ihrer Methode nicht nur darum Ideen aufzuzeigen, zu entwickeln und dem „geistigen Verständnis zu erschließen“[21], sondern klar zu machen, dass sowohl Handeln wie auch Nicht-Handeln eine Parteinahme für oder gegen bestimmte Werte darstellt. Das Bekenntnis zu diesen letzten Maßstäben bleibt jedoch eine persönliche Angelegenheit. Synthetisierend fasst Weber dies wie folgt zusammen: „Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll, sondern nur, was er kann und - unter Umständen - was er will.“[22] Entgegen einer sachlichen Verkürzung weist sich die hier formulierte Wertfreiheitsthese also nicht als rein positivistisch[23] aus, denn Weber betont hier nicht die (positive) Gegebenheit der Gegenstände, sondern spricht von der Erkenntnis als der ,,denkenden Ordnung der empirischen Wirklichkeit“[24]. Bei Weber zeichnet sich also ein Unterschied zwischen methodischem Wertbezug und praktischer Wertung ab. Er selbst erkennt durchaus an, dass die Problemstellungen der empirischen Wissenschaft unter dem Einfluss der Beziehung von Realitäten auf Werte stehen. Lediglich für den Bereich innerhalb des Problemlösungsversuches postuliert er seine „Werturteilsfreiheitsthese“, da Wertmaßstäbe nur aus dem individuellen Praxisbezug heraus legitimiert sind. Daraus leiten sich nun zwei wesentliche Prämissen wissenschaftlicher Arbeit ab. Zum einen halten sich die Autoren des „Archivs“, wie auch ihren Mitarbeitern, ausdrücklich offen, „die Ideale, die sie beseelen, auch in Werturteilen zum Ausdruck zu bringen“[25]. Allerdings muss der Forscher sich selbst und seinen Lesern klar machen, welches die Wertmaßstäbe sind und es muss eine klare Unterscheidung geben, „daß und wo der denkende Forscher aufhört und der wollende Mensch anfängt zu sprechen, wo die Argumente sich an den Verstand und wo sie sich an das Gefühl wenden.“[26] Dies gilt es vor allem sprachlich zu unterscheiden. Zum anderen geht es im Anschluss an das oben genannte Wissenschaftsverständnis als denkendes Ordnen der Wirklichkeit um „eine methodisch korrekte wissenschaftliche Beweisführung auf dem Gebiete der Sozialwissenschaften, [...] [die letztlich] auch von einem Chinesen als richtig erkannt werden muß“[27], oder wenigstens streben muss, von diesem anerkannt zu werden. Da die Frage der „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher Erkenntnis nach Weber also immer die Frage nach den Methoden evoziert, spricht er sich nicht gegen Gesinnungslosigkeit aus, sondern nur gegen Vermischung, denn „Gesinnungslosigkeit und wissenschaftliche »Objektivität« haben keinerlei innere Verwandtschaft.“[28]

3. Objektive Wahrheiten des Erkenntnisinteresses

In einem zweiten Schritt nun wendet Weber sich der Frage zu, „in welchem Sinne gibt es objektiv gültige Wahrheiten auf dem Boden der Wissenschaften vom Kulturleben überhaupt?“[29] Zunächst postuliert er, dass „die Qualität eines Vorganges als »sozial­ökonomischer« Erscheinung [...] nicht etwas [ist], was ihm als solchem »objektiv« anhaftet. Sie ist vielmehr bedingt durch die Richtung unseres Arkenntnisinteresses“[30].

[...]


[1] Dahrendorf, Ralf: Anmerkungen zur Diskussion der Referate von Karl R. Popper und Theodor W. Adorno, in: Th. W. Adorno u.a., Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Darmstadt und Neuwied 1969, S. 145

[2] vgl. Maier, Hans / Denzer, Horst (Hrsg.): Klassiker des politischen Denkens. Von Locke bis Max Weber, München, 2001,S 210/211

[3] ebd. S. 213/214

[4] Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Berlin 1983, S.21

[5] Eine mit Werner Sombart und Edgar Jaffé gemeinsam herausgegebene Zeitschrift

[6] Weber, Max: Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik. Akademische Antrittsrede, in: Winckelmann, Johannes (Hrsg.): Gesammelte Politische Schriften, Tübingen, 1980, S.13

[7] ebd. S. 6

[8] Weber, Max: Gutachten zur Werturteilsdiskussion im Ausschuss des Vereins für Sozialpolitik, in: Baumgarten, Eduard: Max Weber. WerkundPerson, Tübingen, 1964, S. 127

[9] Weber, Max: Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: ders: GesammelteAufsätzezurWissenschaftslehre, Tübingen, 1988, S. 147, soweitnichtweiter gekennzeichnet Hervorhebungen und Rechtschreibung im Original

[10] ebd. S. 148

[11] ebd. S. 149

[12] vgl. ebd.

[13] ebd

[14] vgl. S 148

[15] ebd.

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] ebd. S. 158

[19] vgl. S. 150 f.

[20] ebd. S. 150

[21] ebd.

[22] ebd. S. 151

[23] In Abgrenzung hierzu wäre der logische Empirismus des Wiener Kreises als positivistisch zu bezeichnen.

[24] ebd. S. 156

[25] ebd. S. 156

[26] ebd. S. 157

[27] ebd. S. 155

[28] ebd. S. 157

[29] ebd. S. 147

[30] ebd. S. 161

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640849918
ISBN (Buch)
9783640850525
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166487
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
werturteil analyse eine gegenüberstellung positionen webers kritischen theorie

Autor

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