Lade Inhalt...

Theorien der Intertextualität

Am Beispiel La sombra del viento von Carlos Ruíz Zafón

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 18 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Kurzer Abriss der Geschichte der Intertextualität und deren Verortung im Feld der Literaturtheorien
1.1.1 Kristevas Intertextualitätstheorie
1.2 Carlos Ruiz Zafóns La Sombra del Viento als intertextuelles Werk?

2. Hauptteil
2.1 Übertragung von Bachtins Dialogizitätstheorie auf den Dialog zwischen Texten
2.1.1 Dialog zwischen Texten in Carlos Ruiz Zafóns La Sombra del Viento
2.2 Gérard Genettes Palimpseste als Korpus von Intertextualitätsterminologien
2.2.1 Terminologietransfer auf La Sombra del Viento
2.3 Broich und Pfisters Modell der Intertextualitätsintensität
2.3.1 Intensitätsgrad der Intertextualität in La Sombra del Viento

3. Abschließende Betrachtung

4. Bibliographie

1. Einleitung

1.1 Kurzer Abriss der Geschichte der Intertextualität und deren Verortung im Feld der Literaturtheorien

Intertextualität bezeichnet die Beziehungen zwischen Texten, hat also das zum Gegenstand, „was sich zwischen Texten abspielt“.[1] Intertextualitätstheoretiker beschäftigen sich demnach mit der Beschreibung und Systematisierung von Bezügen zwischen Texten.

Der Begriff Intertextualität wurde eigentlich erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eingeführt, wobei schon seit der Antike verschiedene Termini zur Benennung von Intertextualitätsformen existieren, wie z.B. Parodie, Travestie und Zitat. Literatur war schließlich zu allen literaturgeschichtlichen Epochen intertextuell, wobei die Formen der Intertextualität ebenso wie die Einstellungen der Autoren und Rezipienten zur Intertextualität von Epoche zu Epoche variierten. So forderte man in der Antike von den Dichtern, dass sie sich an den großen Vorbildern orientieren und diese nachahmen sollten. Ein Beispiel für eine solch affirmative Form der Intertextualität ist die Aeneis von Vergil, die man als eine Weiterführung und stilistische Nachahmung der Ilias von Homer bezeichnen kann. Im Gegensatz dazu postulierten die Autoren des Realismus eine Mimesis von Wirklichkeit und nicht von literarischen Prätexten ­‒ nichts desto trotz lassen sich natürlich auch in realistischen Texten Bezugnahmen zu vorangegangenen Werken identifizieren, weil Autoren häufig auch unbewusst literarische Vorbilder verarbeiten und die entstehenden Texte somit nie in einem literarischen ,Vakuum‘ existieren. Mit der von der Literaturgeschichtsschreibung als Moderne deklarierten Epoche (Beginn etwa Anfang des 20. Jahrhunderts) setzt eine vom Umfang her bis dahin unbekannte Phase von intertextuellen Bezugnahmen ein. Diese Intensität von Text-Text-Bezügen setzt sich über die Postmoderne bis heute fort.[2]

1.1.1 Kristevas Intertextualitätstheorie

Der Begriff der Intertextualität geht, wie bereits erwähnt, auf die bulgarische Semiotikerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva zurück, die sich jedoch auf eine frühere Begriffsbildung von Michael Bachtin, nämlich die der Dialogizität bezieht. In diesem Konzept entwickelt er eine Dichotomie in dialogische und monologische Strukturen, wobei mit Ersteren eine offene Auseinandersetzung verschiedener Standpunkte und mit Letzteren eine Bekräftigung von Tradition und Autorität gemeint ist. Beide Termini beziehen sich laut Bachtin sowohl auf Gesellschaft als auch auf Sprache und Kunst.

Eine autoritäre und hierarchisch strukturierte Gesellschaft wird die monologischen Affirmationen eines fixen Konsensus, einer stillgelegten Wahrheit durchzusetzen versuchen, während das dialogische Prinzip im Bereich von Politik und Gesellschaft den zentralisierten Macht- und Wahrheitsanspruch subversiv herausfordert und unterminiert. Dem entsprechen im sprachlichen Bereich die beiden gegenläufigen Tendenzen von monologisch vereinheitlichter Sprache und Rede einerseits und von Sprach- und Redevielfalt andererseits (Broich/Pfister 1985: 2).

Für Bachtin ist nur die Gattung des Romans potentiell dialogisch, d.h. also dramatische und lyrische Gattungen sind stets monologisch und dienen deshalb zur Bekräftigung von bestehenden Strukturen. Meiner Meinung nach ist die Heteroglossie jedoch nicht nur auf die Gattung des Romans beschränkt, denn auch in poetischen Texten können einander widersprechende Stimmen identifiziert werden. Für mich bedeutet Regelkonformität, die nach Bachtin alle poetischen Texte auszeichnet, nicht automatisch Monologizität.

Michael Bachtin differenziert zwei Aspekte von Dialogizität:

a) Dialogische Romane zeichnen sich durch eine Vielfalt von Stimmen aus, d.h. sie integrieren immer sowohl Rede als auch Gegenrede und sind somit polyphon. Jedoch sind an dieser Stelle intra textuelle Stimmen gemeint: Die Stimme des Autors dominiert nicht über Stimmen der Figuren des Romans, so dass auch einander widersprechende Standpunkte gleichzeitig artikuliert werden können. Diese Vielzahl an Stimmen innerhalb eines Textes hilft dem Rezipienten dabei, die in der Gesellschaft aktuell dominierende Meinung und damit auch die Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen. Romane haben somit für Bachtin subversive Kräfte.
b) Dialogizität bezeichnet gleichzeitig aber auch die Vielstimmigkeit des einzelnen Wortes. Wenn ein Autor sich für einen Signifikanten entscheidet, bilden die nicht von ihm gewählten Signifikanten einen immer mitzudenkenden Hintergrund: „Jedes konkrete Wort findet jenen Gegenstand, auf denen es gerichtet ist, immer schon sozusagen besprochen, umstritten, bewertet vor und von einem ihn verschleiernden Dunst umgeben oder umgekehrt vom Licht über ihn bereits gesagter, fremder Wörter erhellt.“[3]

Für Bachtin ist also nicht die diachrone Dimension der Beziehung zwischen einem Text und seinen Prätexten, sondern die synchrone zwischen fremder und eigener Rede innerhalb eines Textes von Belang:

Die in einen Kontext eingeschlossene fremde Rede [, wobei mit fremder Rede die Figuren- oder Erzählerrede gemeint ist,] wird, wie genau sie auch wiedergegeben sein mag, stets in gewisser Weise in ihrem Sinn verändert (Bachtin 1979, 227).

Das die fremde Rede abbildende und einrahmende Autorwort gibt ihr eine Perspektive, verteilt Schatten und Licht, erzeugt eine Situation und die Voraussetzungen für ihre Artikulierung, durchdringt sie schließlich von innen heraus, trägt seine Akzente und seine Ausdrücke in sie hinein, schafft ihr einen dialogisierenden Hintergrund (ebd., 243).

Ausgehend von dieser Theorie entwirft Kristeva ihren Intertextualitätsbegriff, wobei die laut Bachtin mögliche Einflussnahme von Texten auf gesellschaftliche Strukturen auch für sie essentiell ist. Sie distanziert sich mittels ihrer Thesen jedoch außerdem ganz bewusst von strukturalistischen Ansätzen, die ebenso wie werkimmanente Theorien den Text als in sich abgeschlossenes Ganzes sehen. Kristevas Textbegriff ist hingegen ein entgrenzter, d.h. sie zählt auch Sinnsysteme und kulturelle Codes zu Texten: „Wenn Kristeva Intertextualität als Transposition eines Zeichensystems in ein anderes definiert, so bedeutet das, dass es ihr nicht um den Kontakt zwischen literarischen Texten, sondern auch um die Interaktion zwischen Text und Gesellschaft geht.“[4]

Für Kristeva ist Intertextualität ein Merkmal aller Texte; in diesem Punkt unterscheidet sie sich von Bachtin, für den die Dialogizität nur ein Merkmal von bestimmten Texten, nämlich den polyphonen Romanen, war. Sie deutet Bachtins Thesen als Überwindung von statischen Strukturen, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Literatur:

Bachtin gehört zu den ersten, die die statische Zerlegung der Texte durch ein Modell ersetzen, in dem die literarische Struktur nicht ist, sondern sich erst aus der Beziehung zu einer anderen Struktur herstellt. Diese Dynamisierung des Strukturalismus wird erst durch eine Auffassung möglich, nach der das „literarische Wort“ nicht ein Punkt (nicht ein feststehender Sinn) ist, sondern eine Überlagerung von Text-Ebenen, ein Dialog verschiedener Schreibweisen.[5]

Laut Kristeva: „baut sich jeder Text als Mosaik aus Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. An die Stelle des Begriffs der Intersubjektivität tritt der Begriff der Intertextualität, und die poetische Sprache lässt sich zumindest als eine doppelte lesen“ (Kristeva 1996: 337). Diese Metapher vom Text als einem Mosaik von Zitaten korreliert mit Bachtins Thesen zur fremden, dem Zitat ähnlichen Rede im eigenen Text, wobei er ganz bewusst zwischen monologischen und dialogischen Texten differenziert; diese Unterscheidung übernimmt Kristeva jedoch nicht, da sie ja davon ausgeht, dass jeder Text aus unzähligen Zitaten besteht. Während Bachtin am Autor als sinnstifftender Instanz festhält, ersetzt Kristeva die Intersubjektivität, also den Dialog zwischen Subjekten, durch die Intertextualität, d.h. den Dialog zwischen Texten. Somit beinhaltet laut Kristeva kein Text mehr eine für den Rezipienten nachvollziehbare Autorintention; damit grenzt sich ihr Ansatz eindeutig von dem hermeneutischen Konzept des Autors als sinnstiftender Instanz ab.

Als Poststrukturalistin stellt Kristeva eine Verbindung zwischen der von ihr entwickelten Intertextualitätstheorie und diversen poststrukturalistischen Thesen her. So proklamiert sie die Dezentrierung des Subjekts und orientiert sich außerdem an Derridas Différance -Begriff. Für Derrida gibt es keine feste Verbindung zwischen Signifikat und Signifikant, stattdessen existiert nur eine unendliche Verweisungskette zwischen den Signifikanten. Aufgrund der Unendlichkeit der Verweisung besitzt kein Signifikant ein eindeutig festgelegtes Signifikat.[6] Daraus lässt sich folgende Konklusion ziehen: Genauso wie kein Signifikant mehr ein festes Signifikat besitzt, so lässt sich auch kein eindeutiger Textsinn mehr bestimmen. Jeder Text verweist immer nur noch auf andere Texte, sodass eine unendliche Verweiskette entsteht. Kristeva ist deshalb eine Vertreterin des ontologischen Begriffs der Intertextualität: Ihrer Meinung nach ist Intertextualität eine Eigenschaft jedes Textes, auf alle andere existierenden Texte bezogen zu sein. Das führt dazu, dass keine eindeutigen Textgrenzen mehr identifiziert werden können. Es ist natürlich ganz augenscheinlich, dass diese Vorstellung von Intertextualität nicht mehr für eine Interpretation von Text-Text-Bezügen nutzbar gemacht werden kann.[7]

In den 80er Jahren wurde deshalb der Intertextualitätsbegriff von Broich und Pfister wieder eingeengt, indem sie Intertextualität nun wieder „als deskriptiven Oberbegriff für herkömmliche Bezugsformen von Texten verstanden.“[8] Intertextualität wird jetzt nicht mehr als Eigenschaft aller sondern nur noch bestimmter Texte verstanden. Somit sind nur noch diejenigen Texte intertextuell, die mehr oder weniger bewusste Bezüge auf konkrete Prätexte oder Gruppen von Prätexten bzw. den diesen zugrunde liegenden Codes beinhalten (Vgl. Broich/Pfister 1985: 15).

[...]


[1] Broich, Ulrich/Pfister, Manfred (Hg.) (1985): Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien. Tübingen: Max Niemeyer, 1.

[2] Vgl.: Broich, Ulrich (3 2000): Intertextualität. In: Fricke, Harald (Hg.): Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft. Band II H-O. Berlin: de Gruyter: 175-179.

[3] Bachtin, Michael (1979): Die Ästhetik des Wortes. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 169.

[4] Schahadat, Schamma (1995): Lektüre – Text – Intertext . In: Pechlivanos, Miltos (Hg.): Einführung in die Literaturwissenschaft. Stuttgart: Metzler, 368.

[5] Kristeva, Julia (1996): Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman. In: Kimmich,D./Renner, R.G./Stiegler, B. (Hg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Stuttgart: Reclam, 335.

[6] Vgl. Zapf, Hubert (32004): Différance/Différence. In: Nünning, Ansgar: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Stuttgart: Metzler, 116.

[7] Vgl.: Jahraus, Oliver (2002): Dekonstruktion. Zeichen-Verschiebung: Vom Brief zum Urtei, von Georg zum Freund. Kafkas Das Urteil aus poststrukturalistischer/dekonstruktivistischer Sicht. In: Jahraus, Oliver/Neuhaus, Stefan (Hg.): Kafkas „Urteil“ und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Stuttgart: Reclam: 247-251.

[8] Aczel, Richard (32004): Intertextualität und Intertextualitätstheorien. In: Nünning, Ansgar: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Stuttgart: Metzler, 299.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640824755
ISBN (Buch)
9783640825035
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166414
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Intertextualität Theorien Ruiz Zafón Carlos Ruiz Zafón Literaturtheorien Intertextualitätstheorien Kristeva Genette Bachtin

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Theorien der Intertextualität