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Ursachen sozialer Ungleichheit aus marxistischer Perspektive und die Konsequenzen für die Soziale Arbeit

von Florian Paul (Autor) Romy Hörchner (Autor) Christian Weidinger (Autor)

Seminararbeit 2011 38 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verantwortlichkeiten

0. Einleitung

1. Entstehung von Armut und sozialer Ungleichheit aus marxistischer Perspektive
1.1. Allgemeingültige Definitionen von Armut und sozialer Ungleichheit
1.2. Die marxistische Vorstellung von Armut und sozialer Ungleichheit
1.3. Darlegung der Widersprüche

2. Akkumulation und Konzentration des Kapitals als zentrales Erklärungsmodell für Armut und soziale Ungleichheit
2.1. Der Akkumulationsprozess des Kapitals
2.2. Das Gesetz der allgemeinen Akkumulation
2.3. Die gesellschaftlichen Folgen der kapitalistischen Produktionsweise

3. Aktuelle gesellschaftliche Lösungsversuche am Beispiel der Mindestlohndebatte
3.1 Definition und Geschichte des Mindestlohns
3.2 Mögliche Auswirkungen des Mindestlohnes
3.3 Was sagen Gewerkschaften und Parteien zum Thema Mindestlohn?

4. Konsequenzen für die Soziale Arbeit
4.1 Kritik an dem gängigen Praxisverständnis in der Sozialen Arbeit
4.2 Theorie der „Sozialarbeit von unten“ als Beispiel für marxistisch orientierte Soziale Arbeit

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Verantwortlichkeiten

Planung, Literaturrecherche und Konzeptionierung der Seminararbeit erfolgte durch die Autoren gemeinschaftlich.

Daneben zeichnen die einzelnen Autoren für folgende Aufgaben und Kapitel bei der Ausarbeitung der Seminararbeit verantwortlich:

Romy Hörchner:

Kapitel 3 „ Aktuelle gesellschaftliche Lösungsversuche am Beispiel der Mindestlohndebatte“; Kapitel 0 „Einleitung“;

Florian Paul:

Kapitel 4 „Konsequenzen für die Soziale Arbeit“; Kapitel 5 „Fazit“; Zusammenfassung und einheitliche Formatierung der Seminararbeit;

Christian Weidinger:

Kapitel 1 „Entstehung von Armut und sozialer Ungleichheit aus marxistischer Perspektive“; Kapitel 2 „Akkumulation und Konzentration des Kapitals als zentrales Erklärungsmodell für Armut und soziale Ungleichheit“;

0. Einleitung

Unter Marxismus versteht man, die

„von Karl Marx und Friedrich Engels begründete Gesellschaftslehre und Theorie der politischen Ökonomie, zu deren Kernpunkt die von Karl Marx kritisierten kapitalistischen Produktionsverhältnisse in seiner Zeit gehören. Danach wird die Gesellschaft nicht durch die politischen, rechtlichen oder moralischen Vorstellungen bestimmt, sondern durch den Fortschritt der materiellen Produktionstechnik. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse bewirken nach marxistischer Auffassung, dass die gesellschaftliche Arbeitsteilung vertieft und der wirtschaftliche Reichtum nur von der Arbeiterklasse (Proletariat) geschaffen wird, während sich der Reichtum und das Eigentum an den Produktionsmitteln in den Händen immer weniger Kapitalisten konzentriert. Dieser, von Karl Marx als Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktion bezeichnete Gegensatz zwischen gesellschaftlicher Produktion durch die Arbeiterklasse und der privaten Aneignung der Gewinne durch die Kapitalisten, kann nur durch die revolutionäre Erhebung der Arbeiterklasse beseitigt werden. Die Arbeiterklasse enteignet dabei die Kapitalisten und das Eigentum an den Produktionsmitteln wird in Gesellschaftseigentum überführt. Der Kapitalismus wird vom Sozialismus abgelöst. Letztlich wird aber die Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus angestrebt.“1

Da dieser Leitgedanke in Lehre, im Studium und in der alltäglichen Praxis faktisch nicht behandelt wird, haben wir uns für das Thema „Soziale Ungleichheit aus marxistischer Perspektive und die Konsequenzen für die Soziale Arbeit“ entschieden. Weitere Gründe diese Aufgabenstellung zu behandeln sind die immer noch vorhandenen gesellschaftlichen Vorurteile, unser persönliches Interesse an einer kritischen Theorie, erlebte Widersprüche im bisherigen Studium der sozialen Arbeit und die Vertiefung der bekannten Kenntnisse über die Thematik des Marxismus.

Wir werden in dieser Studienarbeit auf die Entstehung sozialer Ungleichheit aus marxistischer Perspektive eingehen. Dabei werden die allgemein gültige Definition der sozialen Ungleichheit, die marxistische Vorstellung und die Widersprüche dargestellt. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit der Akkumulation und Konzentration des Kapitals als zentralem Erklärungsmodell. Es wird auf den Widerspruch zwischen „Lohnarbeit und Kapital“ eingegangen und die daraus entstehenden gesellschaftlichen Folgen werden erklärt. Im dritten Gliederungspunkt wird ein aktueller gesellschaftlicher Lösungsansatz am Beispiel der Mindestlohndebatte erläutert und der letzte Abschnitt handelt von den Konsequenzen für die soziale Arbeit. Hierbei wird konkret auf die Kritik an dem gängigen Verständnis und der Praxis von sozialer Arbeit und weiterhin auf die Theorie der „Sozialarbeit von unten“ eingegangen.

1. Entstehung von Armut und sozialer Ungleichheit aus marxistischer Perspektive

"Es ist nicht nur eine technische Frage, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Übereinkunft, wie wir Armut definieren (...) die Antwort hängt (...) davon ab, ab welchem Grad an Ungleichheit wir (...) Handlungsbedarf einfordern."2

Um die Entstehung von Armut und sozialer Ungleichheit besser beschreiben und anhand objektiver Maßstäbe erfassbar machen zu können, wurden im Laufe der Zeit verschiedene Definitionen sowie diverse Deutungs- und Erklärungsmuster darüber entwickelt, ab wann ein Mensch in einer Gesellschaft als arm gilt. Vor allem die Definitionsversuche von Armut unterlagen dabei im Laufe der Zeit einem stetigen Wandel, der dabei insbesondere von der jeweiligen wirtschaftlichen Lage, der politischen Kultur und von neuen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung immer wieder neu geprägt wurde.

Unabhängig von deren Vielfalt und ihrer unterschiedlichen Herangehensweise an dieses Thema haben sie jedoch eines gemeinsam: Armut wird bei allen anhand der Menge an Mitteln gemessen, die eine Person zur Verfügung hat, um ihre existenziellen Bedürfnisse zu befriedigen. Die marxistische Perspektive geht dabei von einer völlig anderen Grundproblematik aus. Sie hält es für nicht relevant, wie viele Mittel ein Mensch zur Bestreitung seines Alltags zur Verfügung hat, sondern kritisiert den gesamtgesellschaftlichen Kontext, aus dem sich die ungleiche Verteilung von Mitteln ergibt. In den nun folgenden Abschnitten sollen beide Perspektiven zunächst gegenübergestellt werden, um anschließend anhand der Unterschiede die Herangehensweise der marxistischen Theorie erläutern zu können.

1.1. Allgemeingültige Definitionen von Armut und sozialer Ungleichheit

Wie bereits erwähnt wurde, existiert derzeit eine Vielzahl an Definitionen darüber, ab wann ein Mensch als arm anzusehen ist bzw. ab wann er in Gefahr ist, unter diese gesetzte Armutsgrenze3 zu rutschen.

Um einkommensschwache und von Armut bedrohte Haushalte empirisch klarer unterscheiden zu können, basiert diese Unterscheidung häufig auf ökonomisch festgelegten Zahlen, die zumeist Geldwerte darstellen und anhand deren Besitz oder Nicht-Besitz unterschieden wird, ob ein Mensch bzw. ein Haushalt arm ist oder nicht. Dieser Ansatz, der von der Menge an finanziellen Mitteln ausgeht, die zur Befriedigung des sozio-kulturellen Minimums notwendig sind, wird als Ressourcenansatz bezeichnet. Als Ressource gelten hierbei alle monetären Mittel wie Vermögen, Einkommen, private Übertragungen und Unterstützungen sowie staatliche Transferleistungen. Dieser Ansatz setzt jedoch voraus, dass alle armutsrelevanten Bedürfnisse über das universelle Tauschmittel Geld befriedigt werden können, d.h. dass in der vorherrschenden sozialen Marktwirtschaft alle Grundbedarfsgüter ohne Einschränkungen und zu annähernd gleichen Preisen für alle Personen erwerbbar sein müssen.4

Solch eine Definition, die besagte Grenze anhand von ökonomischen Größen festlegt, ist die der Europäischen Union:

"Armut droht, wenn ein Haushalt über längere Zeit nur über 60% des durchschnittlichen bzw. Medianeinkommens5 verfügt."6

Eine ähnliche prozentuale Bestimmung der Armutsgrenze ergibt sich aus empirisch erfassten Eurobeträgen, wie sie im 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung enthalten sind. Dabei handelt es sich um verschiedene Einkommensgrenzen, die von einer bestimmten Abstufung der Armut, bzw. dem Risiko, in naher Zukunft von dieser betroffen zu sein, ausgehen. Diese stellen sich wie folgt dar:

- 50% Grenze "strenge Armut" 718,- 60% Grenze "Armutsrisiko" 781,- 75% Grenze "Niedrigeinkommen" 1077,- 7

Zu erwähnen wären hier auch noch die Armutsbemessungsgrundlagen der WHO und OECD, die beide davon ausgehen, dass ein Mensch als arm anzusehen ist, wenn er weniger als 50% des Medians des durchschnittlich ermittelten Äquivalenzeinkommens eines Landes zur Verfügung hat.

All diese Festlegungen von Armut haben dabei eines gemeinsam. Sie gehen von einem relativen Armutsbegriff aus, da sie das monetäre Einkommen eines Haushaltes in Bezug zu dem Einkommen eines durchschnittlichen Haushaltes einer Gesellschaft setzen und anhand verschiedener Grenzen, die diesen Median unterschreiten, Armut definieren. Andere Ressourcen, die in den jeweiligen Haushalten existieren (z.B. Anzahl der Personen in einem Haushalt, Ausbildung der Personen, Lebensverhältnisse etc.) werden dabei nicht beachtet. Der Begriff der relativen Armut kann dabei wie folgt formuliert werden:

"Als relative Armut versteht man die Armut relativ zum jeweiligen Umfeld eines Menschen. Bestimmt wird die relative Armut gemessen am Durchschnitt oder Median des (nach Haushaltsgrößen gewichtet) Nettoäquivalenzeinkommens."8

Ein Ansatz, der ebenfalls relative Armut definiert, jedoch nicht ausschließlich auf den rein finanziellen Mitteln bzw. auf deren Vergleich basiert, ist der Lebenslagenansatz.

"Als Lebenslage wird die Gesamtheit der äußeren Bedingungen bezeichnet, durch die das Leben von Personen oder Gruppen beeinflusst wird. Die Lebenslage bildet einerseits den Rahmen von Möglichkeiten, innerhalb dessen sich eine Person entwickeln kann, sie markiert deren Handlungsspielraum. Andererseits können Personen auch in einem gewissen Maße auf ihre Lebenslage einwirken und diese gestalten. Damit steht der Begriff der Lebenslage für die konkrete Ausformung der sozialen Einbindung einer Person, genauer: ihrer sozioökonomischen, soziokulturellen, soziobiologischen Lebensgrundlage."9

Die international häufig verwendete Norm, welche u.a. durch die Weltbank geprägt wurde, geht indes von einer weit geringeren Armutsgrenze aus. Sie beläuft sich auf 1,25 $ PPP, die ein Mensch zur Befriedigung seiner existenziellen Bedürfnisse haben muss, um nicht von extremer Armut betroffen zu sein. Um nicht in die Kategorie der absolut armen Menschen zu fallen, benötigt eine Person nach diesem Verständnis 2 $ PPP10. Der Begriff PPP steht dabei für "Purchasing Power Parity" und beschreibt den Ansatz, der hinter dieser Definition von Armut steht. Dieser geht davon aus, dass ein Mensch mindestens so viele Güter für seinen täglichen Bedarf zur Verfügung haben muss, wie er in den USA für 1,25 $ bzw. 2 $ erwerben könnte.

Hierbei handelt es sich wiederum um das Konzept der absoluten Armut, die eine weniger vergleichende Funktion hat, sondern eher von der Menge an Mitteln ausgeht, die notwendig ist, um ein Minimum an existenzieller Versorgung zu gewährleisten. Neben den erwähnten 1,25 $ als finanzielle Grenze - gemessen als Pro-Kopf-Einkommen - gibt es nach der International Development Association (IDA) noch weiter Indikatoren, nach denen sich eine absolute Armutsgrenze definiert:

a. Pro-Kopf-Einkommen < 150 US-$ / Jahr
b. durchschnittliche Kalorienaufnahme <2160 - 2670 pro Tag
c. Durchschnittliche Lebenserwartung < 55 Jahre
d. Kindersterblichkeit < 33 / 1000
e. Geburtenrate < 25 / 1000 11

Vergleichend sind daher beide Konzepte - die der relativen und der absoluten Armut - wie folgt zu unterscheiden:

"Wird als Standard die dauerhafte physische Existenzsicherung gewählt, spricht man von absoluter Armut. Wird ein Standard gewählt, der über der absoluten Armut liegt und soziale Ausgrenzung und damit ein sozio-kulturelles Existenzminimum zum Kriterium hat, spricht man von relativer Armut."12

Deutlich von dem Begriff der Armut abzugrenzen ist hingegen der der sozialen Ungleichheit, da erst das normativ zu bestimmende Maß der Ungleichheit den Terminus Armut bestimmt13. Gerade bei einer Betrachtung des Lebenslagenkonzepts in Bezug zur Armut wird dieser Zusammenhang deutlich. Armut definiert sich demnach an Differenzen im Zugang zu sozio- kulturell begehrten Gütern, die zwischen verschiedenen Personenkreisen bestehen. Als solche können in diesem Zusammenhang der Zugang zur Bildung, angemessener Wohnraum, gesundheitliche Versorgung sowie eine uneingeschränkte Teilhabe am kulturellen und öffentlichen Leben verstanden werden.

Soziale Ungleichheit kann nach diesem Verständnis daher wie folgt verstanden werden:

"Soziale Ungleichheit ist dann gegeben, wenn die Mitglieder einer Gesellschaft auf Dauer nicht in dem gleichen Ausmaß über knappe, gesellschaftliche Güter wie zum Beispiel Wohlstand, soziales Ansehen oder Macht verfügen, sich dieser Zustand aufgrund des Zusammenlebens von Menschen ergibt und damit eine soziale Systematik festzustellen ist."14

1.2. Die marxistische Vorstellung von Armut und sozialer Ungleichheit

Der Marxismus hingegen definiert Armut nicht aufgrund der Menge der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel; er vergleicht deshalb auch nicht wie die vorher beschrieben Ansätze deren Verteilung, sondern kritisiert die Entstehung dieser ungleichen Verteilung. Diese resultiert im Allgemeinen aus dem Gesetz der Akkumulation. welches beinhaltet, dass eine Person nur in der Lage ist, Wert zu schöpfen, indem sie eine Ware auf dem Markt verkauft. Um eine Ware jedoch produzieren zu können, werden zunächst Produktionsmittel benötigt, über die jedoch nur eine geringe Anzahl an Menschen verfügen. Der weit größere Teil der Gesellschaft hat also nicht die Möglichkeit, Waren zu produzieren, um diese zu verkaufen. Der/die Arbeiter/in ist demnach darauf angewiesen, die einzige Ware zu verkaufen, die ohne Produktionsmittel hergestellt werden kann und in dessen Besitz er/sie ist: die menschliche Arbeitskraft.

Damit jedoch die menschliche Arbeit als Ware auf dem Arbeitsmarkt erscheint, müssen zunächst verschiedene Faktoren gegeben sein. Zunächst muss die Ware von der/dem Besitzer/in auf dem Markt angeboten und damit zum Verkauf gestellt werden. Um diese verkaufen zu können, muss die Person, die fortan ihre Arbeitskraft gegen einen gewissen Lohn anbietet, deren Besitzer/in sein; was beinhaltet, dass er/sie diese nicht in seiner Gesamtheit verkaufen kann, da er/sie fortan nicht mehr im Besitz dieser Arbeitskraft wäre. In diesem Fall würde aus dem Warenbesitzenden selbst eine Ware und aus dem ohnehin unfreien Arbeitenden ein Sklave oder eine Sklavin. Daher verkauft der/die Inhaber/in von Arbeitskraft diese nur für eine begrenzte Zeit an den Geldbesitzer, was ihn/sie abhängig von diesem macht.

Aus marxistischer Perspektive ist daher jedes Individuum arm, das über keine Produktionsmittel besitzt, da es dadurch keine Waren produzieren kann, um daraus Wert zu schöpfen, was dazu führt das es fortan abhängig von Lohnarbeit ist. Hierbei ist der Begriff der Armut zu unterscheiden von der gängigen Vorstellung der existenzbedrohenden Armut. Arm ist nach diesem Verständnis auch der/diejenige, der/die vielleicht anhand der im ersten Teil beschriebenen Kriterien nicht als absolut oder relativ arm gelten würde, vielleicht sogar über überschaubare finanzielle Ersparnisse verfügt, jedoch immer weiter abhängig vom Geldbesitzer bleibt. Marx beschreibt dies in seinem Werk „Grundriss der Kritik der politischen Ökonomie“ wie folgt:

"Als Arbeiter kann er nur leben, soweit er sein Arbeitsvermögen gegen den Teil des Kapitals austauscht, der den Lohnfonds bildet. Dieser Austausch selbst ist an für ihn zufällige, gegen sein organisches Sein gleichgültige Bedingungen geknüpft. Er ist also potenzieller, unsichtbarer Armer."15

Gerade in der heutigen Zeit, in der die Produktivkraft der Arbeitskräfte zunehmend durch technische Neuerungen und Verbesserung des Arbeitsprozess steigt, sinkt hingegen die effektive Anzahl an notwendiger Arbeit. Dies hat zur Folge, dass Arbeiter/innen zunehmend zum Kostenfaktor für den Geldbesitzer forcieren; seine/ihre Position wird daher zunehmend unsicherer. Hinzu kommt, dass die Personen, die bereits ihre Arbeit aufgrund der nun möglich gewordenen Einsparungen verloren haben, auf den Arbeitsmarkt drängen, um ihren nötigen Lebensunterhalt durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft bestreiten zu können, was die Arbeitenden zusätzlich leichter ersetzbar macht. Marx beschreibt dies wie folgt:

"Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Arbeitslosenarmee. Die überall einsetzbare Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals.(...). Je größer aber diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die chronische Arbeiter-Übervölkerung (...). Je größer endlich die Armenschicht in der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer die offizielle Zahl der Armen."16

Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass weder Armut noch soziale Ungleichheit an den etablierten ökonomischen und sozio-kulturellen Faktoren zu messen ist. In der marxistischen Theorie ist das kapitalistische Produktionsverhältnis Ursache und Auslöser für Ungleichheit, sowohl in finanzieller als auch in sozialer Hinsicht. Laut Marx und Engels "spaltet sich die Gesellschaft mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat",17 deren grundlegendes Unterscheidungsmerkmal ist, dass die eine Klasse, die Bourgeoisie, über Produktionsmittel besitzt und damit nicht gezwungen ist ihre Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen, während die andere, das Proletariat, abhängig von dieser Veräußerung ist.

Für Hollstein muss Armut „als individueller oder kollektiver Zustand“ definiert werden, „während dessen Dauer es den Betroffenen unmöglich ist, lebensbefriedigend zu wohnen, sich zu ernähren, zu verdienen, sich zu versorgen und sich zu schützen. Das Attribut lebensbefriedigend ist dabei ein relatives; es bestimmt die Armut der einen je nach Reichtum und Wohlstand der anderen“18

1.3. Darlegung der Widersprüche

Auf den ersten Blick mag das Armutskonzept der Lebenslagen dem von Hollstein nicht einmal so unähnlich sein. Beide Verständnisse, das der Lebenslagen und das marxistische, sehen Armut und soziale Ungleichheit nicht ausschließlich als einen Zustand an, der auf unzureichende finanzielle Mittel für Erhalt und Sicherung des Alltags basiert, sondern berücksichtigen auch das daraus resultierende Lebensverhältnis. Der wohl gravierendste Unterschied zwischen diesen ist jedoch in den Schlussfolgerung zu verorten, die beide ziehen. Während der Lebenslagenansatz offen lässt, was die Ursache für den zur Verfügung stehenden (in diesem Fall beschränkten) Handlungsspielraum ist, legt der marxistische diesen offen, kritisiert klar die herrschenden Verhältnisse und brandmarkt diese als direkte Verursacher sozialer Probleme.

Auch wird in der marxistischen Perspektive von sozialer Ungleichheit und Armut nicht unterschieden zwischen absoluter und relativer Armut, da - wie bereits beschrieben - jede/r arm ist, der nicht über Produktionsmittel verfügt. Daher legt diese auch keine ökonomisch definierbaren Grenzen fest, wie es etwa die Worldbank mit ihrer "poverty line" oder "poverty gap" tut. Basierend auf der getroffenen Unterscheidung, welche auf dem Klassengegensatz beruht, würde das nach marxistischem Verständnis ohnehin wenig Sinn machen, da eine Person mit einem Einkommen von 781,- € ebenso arm wäre wie eine Person, die knapp unter diese Marke fällt, die 718,-€ oder gar 1077,- €19 zum Bestreiten des Alltags zur Verfügung hat. Selbiges gilt natürlich auch für die prozentual vergleichenden Modelle der Europäischen Union oder der UNO.

Grundsätzlich zieht also der marxistische Ansatz ein völlig anderes Résumé als alle beschriebenen, etablierten Ansätze. Für ihn ist der "Kapitalismus (...) die Primärursache, Armut und Entfremdung20 sind Sekundärursachen sozialer Probleme unserer Gesellschaft."21

Für den Marxismus liegt daher das einzige Mittel, um Armut und soziale Ungleichheit zu überwinden, in der Abschaffung des Kapitalismus und der damit verbundenen Produktionsweise, während die aktuelle Sozialpolitik sich lediglich darauf beschränkt, diese durch staatliche Transferleistungen sowie sozialarbeiterische Maßnahmen zu lindern.

2. Akkumulation und Konzentration des Kapitals als zentrales Erklärungsmodell für Armut und soziale Ungleichheit

Wie bereits beschrieben wurde, sieht der Marxismus die Ursache für Armut und soziale Ungleichheit zum einen in dem Klassengegensatz, der sich im Besitz oder Nicht-Besitz von Produktionsmitteln äußert, zum anderen resultiert dieser direkt aus den Produktionsverhältnissen, welche die bestehenden Verhältnisse stetig reproduziert. Im folgenden Kapitel soll daher dieser Prozess der Reproduktion, welche Marx in seinem "Allgemeinen Gesetz der Akkumulation"22 beschreibt, kurz erläutert und anhand dessen im Anschluss dargestellt werden, welche Folgen sich daraus ergeben.

[...]


1 Bundeszentrale für politische Bildung, 2009.

2 Hanesch, 1994, S. 23

3 An dieser Stelle ist es durchaus angebracht von einer gesetzten Schwelle zu sprechen, da sie zum einen im Laufe der Jahre immer wieder neu festgesetzt wurde und teilweise, je nach Kontext stark variiert.

4 Vgl. iSL-Sozialforschung, 2003, S. 15.

5 Median ist der statistische Wert, der genau in der Mitte einer Datenverteilung liegt; im Gegensatz zum häufig gebrauchten Mittelwert ist er durch genauere Erhebung von weniger Abweichungen nach unten und oben betroffen.

6 Vgl. 3. Armuts- und Reichtumsbericht 2008, S. 21.

7 Vgl. Mayr-Kleffel, 2010, S. 21.

8 Wirtschaftslexikon, Stichwort: Relative Armut.

9 Engels, Dieter. 2008. S. 1

10 Vgl. Worldbank , 2008, S. 1

11 Wirtschaftslexikon, Stichwort: Absolute Armut

12 iSL-Sozialforschung, 2003, S. 13

13 Vgl. iSL-Sozialforschung, 2003, S. 14

14 Meyr-Kleffel, 2010, S. 2

15 Marx-Lexikon, Stichwort: „Armut“.

16 Marx, 2019, S. 595.

17 Marx / Engels, 2010, S. 20.

18 Burri, o.J., Kapitel: „Armut und Entfremdung“.

19 Zahlen basierend auf den repräsentativen Ergebnissen des 3. Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

20 Der Autor sieht Entfremdung, sowie Obdachlosigkeit und Kriminalität als zentrale Erscheinungen, welche ein Ausmaß der sozialen Ungleichheit darstellen und gleichzeitig diese manifestieren.

21 Burri, o.J., Kapitel: „Armut und Entfremdung“.

22 Marx, 2009, Kapitel 23.

Details

Seiten
38
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640824106
ISBN (Buch)
9783640824281
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166373
Institution / Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg – Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Sozialarbeit Khella Karam Marx Marxismus marxistische Perspektive Soziale Ungleichheit Soziale Arbeit Mindestlohn Sozialarbeit von unten Khella Kapital Mehrwert Akkumulation Armut DGB Kapitalismus Produktionsweise kapitalistisch

Autoren

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Titel: Ursachen sozialer Ungleichheit aus marxistischer Perspektive und die Konsequenzen für die Soziale Arbeit