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Systemische Therapie und Beratung in Theorie und Praxis

Hausarbeit 2005 39 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung.

2 Grundlagen der Systemtheorie
2.1 Was ist ein System?.
2.2 Autopoiese
2.3 Ordnung und Hierarchien in Systemen
2.4 Zirkularität

3 Geschichtlicher Überblick
3.1 Von der Familientherapie zur systemischen Therapie und Beratung
3.2 Modelle im Überblick
3.2.1 Mailänder Modell
3.2.2 Erlebnisorientierte Familientherapie
3.2.3 Strukturelle Familientherapie
3.2.4 Heidelberger Modell
3.2.5 Mehrgenerationenkonzept
3.2.6 Klientenzentriertes Konzept

4 Abgrenzung zu anderen psychotherapeutischen Verfahren.
4.1 Psychoanalyse
4.2 Verhaltenstherapie

5 Menschenbild und Persönlichkeitstheorie
5.1 Einfluss des Konstruktivismus
5.2 Identität, Selbstbewusstsein und Zugehörigkeit
5.3 Aktualisierungstendenz und Inkongruenz

6 Grundhaltung dem Klienten gegenüber
6.1 Unbedingte Wertschätzung
6.2 Empathie
6.3 Echtheit/Kongruenz

7 Systemische Interventionen.
7.1 Zirkuläres Fragen
7.2 Refraiming
7.3 Lösungssprache statt Problemsprache
7.4 Ressourcenorientierung
7.5 Aktives Zuhören
7.6 Bedeutung des Kontextes
7.7 Spiegeln

8 Fallbeispiel

9 Resümee

Literatur

1 Einleitung

Ein Seminar an der Universität zu Köln zum Thema Gesprächsführung gab den Anlass, mich näher mit dem Themengebiet auseinander zu setzten.

Ziel meiner schriftlichen Ausarbeitung ist es, einen Ein- und Überblick über systemischen Therapie und Beratung zu geben.

Die Arbeit beginnt mit einigen Grundlagen zur Systemtheorie. Daraufhin werden die Entstehungsgeschichte systemischer Beratung und Therapie sowie ihre Besonderheiten in Gegenüberstellung zu anderen Therapien besprochen. Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem systemischen Menschenbild und der dazugehörigen Persönlichkeitstheorie.

Im weiteren Verlauf beschäftige ich mich mit der Grundhaltung dem Klienten gegenüber, welche wir als die Basis einer jeden systemischen Beratung und Therapie erachten. Daran anschließend erläutern wir einige typische Interventionen, die in Beratungssituationen zur Anwendung kommen können.

Diese werden danach anhand eines Beispieles praktisch verdeutlicht.

Die Arbeit endet mit einem abschließenden Resümee.

Um den Lesefluss zu erleichtern und eine Verwirrung zu vermeiden, benutze ich die maskuline Form und sprech also vom Klient und Berater.

Da es die systemische Therapie nicht gibt und sie sich aus unzähligen Einflüssen zusammensetzt, kann ich nur einen Ausschnitt von dem aufführen, was unter diesen umfassenden Oberbegriff gehört. Ich ließ mich vom konstruktivistischen Gedankengut leiten und traf eine Auswahl der Punkte, die in meinen Wirklichkeitskonstruktionen als wichtig erlebt werden, oder eben, mit denen ich mich zum besseren eigenen Verständnis auseinandergesetzt habe. Also lege ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit in dieser Arbeit.

2 Grundlagen der Systemtheorie

Die systemische Beratung und Therapie basiert auf einer Theorie über Systeme. Daher wird es in diesem Kapitel um einige Grundlagen der Systemtheorie gehen. Zunächst werden verschiedene Definitionen von Systemen vorgestellt. Daraufhin wird sich anhand der Theorie der Autopoiese mit menschlicher Erkenntnis, Selbsterzeugung, Beeinflussbarkeit und Kommunikation auseinandergesetzt. Danach folgt ein kurzer Einblick in Ordnungen und Hierarchien innerhalb sozialer Systeme. Abschließend wird systemisches Denken als zirkulären Prozess erläutert.

2.1 Was ist ein System?

Genauso, wie es nicht die eine Systemtheorie gibt, unterscheiden sich auch die verschiedenen Definitionen voneinander. Aus dem griechischen übersetzt bedeutet System (von systema) zunächst einmal Zusammengesetztes. Dieses Zusammengesetzte Ganze besteht für MÜCKE (2003, S. 25) nicht nur „[...] aus der Summe seiner Teile, sondern vor allem aus den gegenseitigen Wechselwirkungen zwischen den Systemelementen.“ Dabei sind die Teile wechselseitig so aufeinander bezogen, dass die Veränderungen eines Elements zwangsläufig auch zur Veränderung aller anderen Systemelemente führen. Verändert sich beispielsweise eine Verhaltensweise im System Familie, so wird dieses auch zwangläufig zu Veränderungen der Familienmitglieder beitragen. Der Mensch ist also selber auch ein systemisches Lebewesen, da seine Identität, Verhalten und Gefühlsleben unmittelbar von den sozialen Systemen abhängt, zu denen er sich zugehörig fühlt. Er stellt insgesamt ein sozio-psycho-somatisches System dar, das bedeutet ein auf andere bezogenes Individuum mit eigenem psychischem und körperlichem System.

Systeme setzen immer subjektive Beobachtungen voraus. Denn um ein System zu erkennen, braucht es einen Beobachter, der es von seiner Umwelt unterscheidet und es als ein System definiert. Beobachtungen verändern wiederum Systeme, da jede Person eine andere Wirklichkeitskonstruktion von diesem System hat, das bedeutet, es anders wahrnimmt. (vgl. Mücke 2003)

RADATZ differenziert in ihrem Buch „Beratung ohne Ratschlag“ zwischen älterer und neuerer Systemtheorie. Die Definition der älteren Systemtheorie unterscheidet sich dabei von MÜCKES Definition: Nach dieser entsteht nämlich erst dann ein System, wenn sich die Personen als Mitglied des Systems definieren und auch von Außen als ein solches betrachtet werden. Diese Systeme entstehen aus einer Anzahl von Personen, die sich in bestimmten Strukturen miteinander nach bestimmten Kommunikations-, Beziehungs- und Handlungsmustern sowie Regeln von ihrer Systemumwelt und von anderen Systemen unterscheiden. Aufgrund bestimmter Leistungen und Funktionen bilden sie insgesamt eine neue Identität.

Nach der neueren Systemtheorie bestehen Systeme eben nicht aus Menschen, sonders aus Strukturen, Regeln, Beziehungen, Kommunikationen und Handlungen. Die Menschen gehören dabei zur Systemumwelt und erzeugen die Systeme durch Beziehungen, Kommunikationen und Handlungen. (vgl. WEINBERGER 2005)

Im Gegensatz zu WEINBERGERS Definition stellt für MÜCKE der Mensch an sich schon ein System dar. Auch für mich stellt das Individuum an sich ein System dar. Zusätzlich lebt es in sozialen Systemen, die aus Beziehung, Kommunikationen und Handlungen bestehen. Sobald wir mit anderen Leuten in einem Raum sind, bilden wir ein System. Da wir nach WATZLAWICK nicht nicht kommunizieren können, bilden wir ein System sobald wir mit Menschen einen Raum teilen. Denn jede Art, wie wir uns verhalten, selbst wenn wir das Gegenüber ignorieren, hat Auswirkungen auf Mitglieder des Systems.

Dazu ein kleines Beispiel:

Ein junger Mann sitzt in der Bahn und bietet seinen Platz einer älteren Frau an. In diesem Fall wären die unmittelbaren Personen in der Bahn sein System. Durch sein Verhalten verändert er auch gleichzeitig etwas an dem aktuellen System. So wird sich die ältere Dame über seine Freundlichkeit freuen, andere Personen sich vielleicht schuldig fühlen, weil sie nicht auf die gleiche Idee gekommen sind. Das Verhalten des jungen Mannes hat somit unmittelbar Wechselwirkungen auf dieses System.

2.2 Autopoiese

Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff Autopoiese Selbst-Erzeugung. Er wurde von dem chilenischem Neurobiologen HUMBERTO MATURANA geprägt, der zusammen mit seinen Kollegen (speziell VARELA) versucht hat, die nach dem zweiten Weltkrieg entstandene Kybernetik auf die Biologie zu übertragen. Er stellt die Autopoiese dabei als ein naturwissenschaftliches Erklärungsmodell der Erkenntnis auf.

Seiner Theorie nach sind bei allen Lebewesen, deren Komponenten zu einer autopoietischen, also sich selbsterzeugenden Organisation verknüpft. Dabei reproduzieren sie die Elemente, aus denen sie bestehen, mit Hilfe der Elemente, aus denen sie bestehen. (vgl. SCHLIPPE 2003)

Einfacher gesagt: Alle Systemelemente entstehen aus den vorhandenen Systemelementen. Es lässt sich hierbei auch von einem zirkulären Prozess sprechen.

Die Physiologie und Neurologie des Menschen funktioniert nur dadurch, dass alle Organe miteinander in Beziehung stehen und sich wechselseitig beeinflussen. Zudem erhält sich der menschliche Körper durch sich selbst. So wird die Haut des Menschen beispielsweise durch den eigenen Körper, den Prozess der Zellerneuerung aufrechterhalten. Dies gilt auch für die Psyche des Individuums. So hat Lernen die Funktion, die Meinungen und Komponenten des gegenwärtigen Zustandes zu erhalten. Wir lernen zwar neue Dinge hinzu, diese bauen jedoch auf die gegenwärtigen Erkenntnisse auf. Sie passen sich in unsere bestehenden Strukturen ein. (vgl. BATESON 1985)

MATURANA geht im Gegensatz zu vielen Anschauungen von Systemtheoretikern davon aus, dass Lebewesen als autopoietische Systeme nicht von Außen her veränderbar sind, sondern dass die Entscheidung wie sie sich verhalten oder nicht verhalten ganz alleine bei ihnen selbst liegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen generell nicht beeinflussbar sind oder völlig unabhängig von ihrer Umgebung entscheiden. Sie können sehr wohl durch ihre Umwelt beeinflusst werden. Die Entscheidung, wie sich ein Mensch verhält, liegt jedoch bei ihm selbst und ist nicht vorhersehbar. (vgl. RADATZ 2000)

Veränderungen von Außen werden erst dann möglich, wenn sie zu der Struktur des autopoietischen Systems passen. Für die Beratung, aber natürlich auch im alltäglichen Umgang mit Menschen bedeutet dies, dass wir für Veränderungen erst die Struktur des anderen kennen lernen und wertschätzen müssen.

Kommunikation stellt nach der autopoietischen Theorie eine wechselseitige Verstörung innerer Einheiten dar. Zwei oder mehrere Systeme können sich demnach strukturell koppeln, indem sie sich so organisieren, dass ihre Interaktion einen rekursiven und sehr stabilen Charakter erlangt. Rekursiv bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Einheiten sich wechselseitig verstören und dass die Verstörungen gut zueinander passen. (vgl. SCHLIPPE 2003)

Ich führe beispielsweise eine angenehme Unterhaltung. Die Ansichten meines Kommunikationspartners passen gut zu meinen eigenen. In unserer Unterhaltung besteht ein wechselseitiger Prozess. Die Ansicht des anderen beeinflusst mich und umgekehrt. Unsere Interaktion hat einen stabilen Charakter, da unsere gegenseitigen Äußerungen sich ergänzen, unsere Systeme also miteinander gekoppelt sind und die wechselseitigen Verstörungen gut zu unserem System passen. Führe ich ein Gespräch bei dem ich mit den Ansichten oder der Art seine Ansichten mitzuteilen überhaupt nicht übereinstimme, wird die Person zwar mein System verstören, jedoch nicht so, dass ich mein System dadurch verändere. Die Entscheidung, ob ich die Meinung des anderen auch als meine annehme , entscheide ich als autopoietisches System selbst.

MATURANAS Überlegungen im Bezug auf systemische Therapie sind vielfach kritisiert worden. Es wird zum Einen dabei kritisiert, ob die Übertragung von Konzepten der Biologie auf Menschen überhaupt angemessen ist und zum Anderen, dass der Kontext in dem die autopoietischen Systeme leben und indem sie gemeinsam Wirklichkeiten erzeugen, zu sehr vernachlässigt wird. (vgl. SCHLIPPE 2003)

2.3 Ordnung und Hierarchien in Systemen

Nachdem nun die Begrifflichkeit System geklärt ist, wird nun auf die Ordnungen und Hierarchien zwischen Systemen eingegangen.

MÜCKE (2003) klassifiziert dabei die verschiedenen Systeme und stellt sie in eine Art Rangordnung, wobei er keinen Wert auf Vollständigkeit gelegt hat und dieses Schema noch weiter differenziert werden kann. Wie in Abbildung 1 zu erkennen ist, stellt das höchste System dabei die Natur dar. Das darunter liegende System bildet die Menschheit. In der Menschheit bestehen wiederum verschiedene kulturelle und gesellschaftliche Systeme. In der Gesellschaft gibt es verschiedene soziale Gemeinschaften, wie Bekannte und Kollegen. Jeder dieser Personen in den Gemeinschaften gehört auch einer Familie an. Der individuelle Mensch steht bei ihm an 7.Ordnung. Daraufhin folgen als weitere Subsysteme organische und physiologische Strukturen, die Zellen und die zellularen Strukturen.

Wie sich hieran erkennen lässt, bildet jeweils die Gesamtheit der unmittelbar untergeordneten Systeme das übergeordnete System. Solche Systeme stellen für MÜCKE eine idealtypische Ordnung dar. Systeme stehen entweder im Status der Gleichrangigkeit, der Unterordnung oder der Dominanz in Beziehung zueinander. Wird sich gemäß der Regeln des übergeordneten Systems verhalten, sich also untergeordnet, befinden sich Systeme in einer Ordnung. Werden jedoch beispielsweise die Grenzen des übergeordneten Ökosystems der Natur nicht geachtet und respektiert, würde die Menschheit nicht überleben. Verstoßen Staaten oder Gesellschaften gegen die Regeln, die das Zusammenleben der Völker regulieren, gefährden sie ihre Zugehörigkeit zur Staatengemeinschaft und machen sich durch Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gegenüber der Menschheit.

Wichtig für Ordnung in Systemen ist also, dass sich an die Regeln und Normen des übergeordneten Systems gehalten wird. Eine Unordnung im System Familie herrscht z.B. dann, wenn Familienmitglieder sich nicht an die Regeln des Familiensystems halten.

2.4 Zirkularität

Zirkularität bedeutet übersetzt so etwas wie Kreisförmigkeit. Zirkuläres Denken ist

„ [...] der Versuch, das Verhalten der Elemente eines Systems als Regelkreis zu beschreiben, so dass die Eingebundenheit dieses Verhaltens in einem Kreislaufprozess sichtbar wird.“ (MÜCKE 2003, S.118)

Im Gegensatz zum linear kausalen Denken, bedeutet systemisches Denken zirkulär zu denken. Linear kausales Denken geht davon aus, dass die Ursachen-Wirkungsfolge entlang einer Linie verläuft. Also aus A folgt B und aus B folgt C. Demnach gibt es ganz konkrete Ursachen für bestimmte Ereignisse.

(vgl. RADATZ 2000)

Ein linear-kausal denkender Mensch würde beispielsweise aus den schlechten Noten seines Sohnes fehlende Motivation schlussfolgern. Der Sohn sollte sich demnach motivieren, dann würde er auch bessere Noten schreiben. Eine zirkulär denkende Person würde mögliche Auswirkungen im Verhalten aller Beteiligten, so wie Wechselwirkungen, mitberücksichtigen. Diese Person würde evtl. den zirkulären Prozess zwischen fehlender Motivation und schlechten Noten erkennen. Denn die schlechten Noten beeinflussen die Motivation. Der Schüler ist nicht motiviert, da er keine Erfolge sieht und dadurch, dass er keine Motivation besitzt schreibt er schlechte Noten. Zudem würde die zirkulär denkende Person andere Wechselwirkungen der Personen im System mit berücksichtigen und sich evtl. fragen, ob der Sohn gerne in die Schule geht, wie er sich mit dem Lehrer versteht und wie die einzelnen Systemmitglieder zur fehlenden Motivation als Teil des Systems mit beitragen.

Zirkulär zu denken bedeutet im Kreis zu denken, d.h. dass alles mit allem vernetzt ist und alles auf alles einen Einfluss hat. Das besagt auch, dass an der Entstehung, Aufrechterhaltung oder Verstärkung eines Problems fast immer mehrere Menschen beitragen. Systemisch zirkuläres Denken betrachtet Wechselbeziehungen zwischen dem eigenen Verhalten und dem Verhalten anderer im System. Anstatt nach Ursachen und Schuldigen zu suchen, wird zunächst überlegt, welche Muster von Kommunikationen, Beziehungen und Handlungen im Zusammenhang mit anderen Mustern letztendlich zu einem bestimmten Ergebnis führen. Daraufhin geht es dann darum, wie Muster verändert werden können, damit zieldienlichere Muster entstehen. (vgl. RADATZ 2000)

3 Geschichtlicher Überblick

Anders als bei anderen Ansätzen, lässt sich der systemische Ansatz nicht auf eine überragende Gründerpersönlichkeit zurückzuführen. Die Bewegung entstand an mehreren Stätten gleichzeitig oder in unmittelbarer Folge. Deshalb ist die Entstehung durch wechselseitige Einflüsse, die sich teilweise ergänzen, aber auch voneinander abgrenzen, charakterisiert. Selbst Historiker haben Schwierigkeiten im Nachvollziehen dieser sich beeinflussenden interaktiven Prozesse. Geprägt wurde der systemische Ansatz durch Modelle und Denkweisen aus den Systemwissenschaften wie Kybernetik, Informationstheorie, Kommunikationstheorie, Spieltheorie, allgemeine Systemtheorie, Chaostheorie etc. Sie alle spiegeln den postmodernen wissenschaftlichen und philosophischen Zeitgeist wider.

(vgl. SCHLIPPE 2003)

Im Folgenden sollen die Verflechtungen unter Einbeziehung der verschiedenen psychologischen Modelle kurz umrissen werden.

3.1 Von der Familientherapie zur systemischen Therapie und Beratung

Bezeichnend für die systemische Therapie ist ihr langanhaltender Entstehungsprozess. Ihre Wurzeln reichen bis in die Psychotherapiegeschichte hinein. Lange Zeit galt Einzel- oder Gruppentherapie als das gewohnte Feld. Qualitätskriterien guter Psychotherapie waren weitgehend von der Psychoanalyse bestimmt. Ab den 50er Jahren wurden erste und zunächst vereinzelte Versuche gemacht, das gewohnte Setting zu verlassen, in dem es zur Einbeziehung der Familien kam. Eine veränderte Sichtweise betrachtete die Einzelperson und sein soziales Netz nun als unauflösliche Einheit. Die Familie wurde als Teil dieser Einheit gesehen und als Ganzes behandelt. (vgl. SCHLIPPE 2003)

Die Systemtheorie ist als erstes in der Biologie (von BERTALANFFY 1956) und Physiologie (CANNON) entwickelt worden. Ihren Durchbruch hat sie nach dem Zweiten Weltkrieg als Kybernetik erreicht. „Kybernetik ist die Bezeichnung für ein wissenschaftliches Programm zur Beschreibung der Regelung und Steuerung komplexer Systeme.“ (SCHLIPPE 2003, S. 53) Deshalb ist es auch kein Zufall gewesen, dass die Familientherapie ihren Anfang in Palo Alto im „Silicon Valley“, der Hochburg der amerikanischen Computerindustrie, genommen hat. Es stand die Beschäftigung mit der Kernfrage nach der Erhaltung von Gleichgewicht, bzw. nach der Angleichung eines Ist- an einen Sollzustand im Vordergrund. Hierbei wurde ein besonderer Fokus auf die Beeinflussung eines Systems unter Zuführung von Informationen erforscht. Damals galt die Prämisse, dass komplexe Prozesse plan- und steuerbar sind und sie die Komplexität realistisch abbilden. In den sechziger und siebziger Jahren entsprach die Familientherapie diesem Verständnis von Systemtheorie. Besonders in den Ansätzen der strukturellen und strategischen Familientherapie (HALEY 1977, SELVINI PALAZZOLI et al. 1977) ist diese systemtheoretische Sicht verwirklicht worden. Sie gingen von der Vorstellung eines „funktionalen“ Familiensystems aus und leiteten daraus ab, wie Therapeuten ein System zum Übergang von einem „dysfunktionalen“ zu einem „funktionalen“ Zustand verhelfen könnten. Ihrer Meinung nach geschah dieser Wechsel oft durch massiv eingreifende Interventionen seitens der Therapeuten.

[...]

Details

Seiten
39
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640820009
ISBN (Buch)
9783640822904
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166300
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1
Schlagworte
systemische therapie beratung theorie praxis

Autor

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Titel: Systemische Therapie und Beratung in Theorie und Praxis