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Zur ethischen Beurteilung von Klonierungsverfahren am Menschen

Examensarbeit 2010 51 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Biologische Grundlagen und Begriffsbestimmungen
2.1 Begriffsbestimmungen
2.1.1 Klonen
2.1.2 Klonen zu Fortpflanzungszwecken und Forschungsklonen zu therapeutischen Zwecken
2.1.3 Embryo
2.1.4 Totipotenz
2.1.5 Pluripotente und adulte Stammzellen
2.1.6 Embryonale Stammzellen (ES-Zellen) und embryonale Keimzellen (EG-Zellen)
2.2 Klontechniken
2.2.1 Embryosplitting
2.2.2 Zellkerntransfer

3 Klonen zu Fortpflanzungszwecken
3.1 Ziele und Anwendungsmoglichkeitendes reproduktiven Klonens
3.2 Ethische Betrachtung
3.2.1 Aktuelle ethische Zulassigkeit
3.2.2 Prinzipielle ethische Zulassigkeit
3.2.2.1 Menschenwurde
3.2.2.1.1 Unnaturlichkeitund ethische Unzulassigkeit
3.2.2.1.2 InstrumentalisierungundSelbstzwecklichkeit
3.2.2.1.3 Genetische Identitat und personale Individualitat
3.2.2.1.4 Psychologische Faktorender Identitatsfindung
3.2.2.2 Utilitaristische Argumentation
3.2.2.3 Folgen des reproduktiven Klonens fur die Gesellschaft
3.3 Fazit

4 Forschungsklonen zu therapeutischen Zwecken
4.1 Ziele, Anwendungsmoglichkeiten und Risiken
4.2 Ethische Betrachtung
4.2.1 Schutzanspruch von Embryonen
4.2.1.1 Ethische Betrachtung aus Sicht der Religionen
4.2.1.2 Internationale Standpunkte
4.2.1.3 Philosophische Argumentationen
4.2.1.3.1 Kontinuitatsargument
4.2.1.3.2 Identitatsargument
4.2.1.3.3 Potenzialitatsargument
4.2.1.3.4 Spezies-Argument
4.2.1.3.5 Menschenwurde
4.2.1.3.6 Mensch-Sein und Person-Sein
4.2.1.4 Zusammenfassung
4.2.2 Dammbruchargumente
4.3 Konsequenzen
4.3.1 Prinzipielles Verbot des Forschungsklonens zu therapeutischen Zwecken
4.3.2 Aktuelles Ve rbot des Forschungsklonens zu therapeutischen Zwecken
4.3.3 Aktuelle, aber begrenzte Zulassung des Forschungsklonens zu therapeutischen Zwecken
4.4 Fazit

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Kaum eine fachwissenschaftliche Debatte wurde im letzten Jahrzehnt so sehr in die Offentlichkeit getragen wie die Diskussion uber das Klonen von Menschen. Voreilige Reaktionen oder Fehlschlusse, man konne das Aussehen und die Fahigkeiten seiner Kinder zukunftig an Hand von Katalogen aussuchen und zusammenstellen lassen, wurden gezogen und erhitzten nicht zu Unrecht die Gemuter von Menschenrechtlern und aufgeklarten Fachwissenschaftlern. Auch Szenarien man konne Einstein oder andere Genies wieder auferstehen lassen wurden konstruiert.

Mittlerweile hat sich die offentliche Diskussion wieder etwas beruhigt. Ungeachtet dessen spielen Klonierungsverfahren, speziell am Menschen, weiterhin eine gewichtige Rolle im internationalen Diskurs. Wahrend sich Deutschland und andere westeuropaische Staaten ausdrucklich gegen das Klonieren am Menschen aussprechen, setzt England als eine der wenigen europaischen Ausnahmen seine Forschungsarbeiten bezuglich des therapeutischen Klonens seit geraumer Zeit fort. Ich habe es mir in der vorliegenden Arbeit zur Aufgabe gemacht, die verschiedenen Positionen gegenuber dem Klonen von Menschen aus ethischer Sicht zu beleuchten. Dabei werde ich untersuchen, welche Argumentationen den jeweiligen Positionen zu Grunde liegen und wie diese ethisch zu bewerten sind. Ich maRe mir dabei jedoch nicht an, eine Losung in dieser kontroversen Diskussion zu finden, da die aufkommenden Fragen, wann beispielsweise menschliches Leben beginnt und ob an dieses die Menschenwurde in jeder Phase der Entwicklung zwingend und absolut gekoppelt ist, viel zu komplex und evident sind, um im Rahmen dieser Arbeit hinreichend genau beantwortet werden zu konnen.

Da Teile der Diskussion nur unter einem gewissen fachlichen Grundwissen zu verstehen sind, beginne ich meine Arbeit mit der Beschreibung der grundlegenden Begriffe und einer Erklarung der gangigen Klonierungsverfahren. Im Anschluss daran befasse ich mich mit der ethischen Betrachtung des reproduktiven Klonens, dessen Befurworter sich als primares Ziel die Schaffung eines geklonten Menschen gesetzt haben. Im dritten Teil meiner Arbeit setze ich mich mit dem Forschungsklonen zu therapeutischen Zwecken auseinander. Diesbezuglich sind die international vertretenen Positionen auRerst kontrovers, weshalb die ethische Betrachtung hier den wohl umfangreichsten Teil der Arbeit darstellt. Ein personliches Fazit uber die ethischen Aspekte des Klonens schlieRt die vorliegende Arbeit ab.

2 Biologische Grundlagen und Begriffsbestimmungen

2.1 Begriffsbestimmungen

Bevor ich die gangigen Klonierungsverfahren und -techniken vorstelle, mochte ich einige wichtige Begriffe naher erlautern, um eine Basis fur das Verstandnis meiner Darlegungen zu schaffen. Dem Umfang dieser Arbeit geschuldet werden die theoretischen Grundlagen im Folgenden jedoch nur kurz erortert

2.1.1 Klonen

Im Allgemeinen werden unter dem Begriff des Klonens bzw. Klonierens unterschiedliche Verfahren und Techniken zusammengefasst. Alle Klon-Techniken verbindet das Ziel, ein genetisch identisches Duplikat herzustellen, unabhangig davon, ob es sich um ein DNA-Fragment, eine Zelle, ein Gewebe oder einen ganzen Organismus handelt. Im Gegensatz zur Natur, wo der GroRteil der Fortpflanzung geschlechtlich verlauft, d.h. uber die Bildung von Keimzellen mit einer neuen Zusammensetzung aus vaterlichem und mutterlichem Erbgut, zielen die Klontechniken auf eine Form ungeschlechtlicher Vermehrung ab, bei der das Genom des ursprunglichen Organismus dupliziert wird. Doch auch die ungeschlechtliche Ve rmehrung durch Bildung von Klonen findet in der Natur statt. Erdbeeren bilden beispielsweise genetisch identische Auslaufer, Kartoffeln unterirdische Sprossknollen. Auch im Reich der Tiere finden sich Beispiele. So sind manche Quallenarten in der Lage, sich durch Querteilung zu vermehren. Die Entwicklung von eineiigen Zwillingen ist bei den Saugetieren eine Moglichkeit auf naturlichem Wege Klone herzustellen.

Ich werde im Folgenden den Begriff des Klonens, sofern nicht anders angefuhrt, immer in Bezug auf den Menschen verwenden. Klonen bezeichnet die kunstliche Herstellung eines menschlichen Organismus, der mit einem anderen Menschen erbgleich ist.[1] Das Klonen umfasst die beiden Verfahren des Embryosplittings und des Zellkerntransfers. Die bei diesen Ve rfahren erreichte Erbgleichheit bezieht sich ausschlieRlich auf die Gleichheit des Zellkerngenoms. Entstandene Unterschiede, die durch Mutationen bzw. auf Grund des Einflusses der Mitochondrien der Eizelle entstehen, werden auf Grund des geringen Einflusses vernachlassigt.

2.1.2 Klonen zu Fortpflanzungszwecken und Forschungsklonen zu therapeutischen Zwecken

Das Klonen zu Fortpflanzungszwecken, oft auch als „reproduktives“ Klonen bezeichnet, zielt darauf ab eine Schwangerschaft herbeizufuhren und letztendlich ein erbgleiches Kind zu gebaren.

Im Gegensatz dazu ist das Klonen fur biomedizinische Forschungszwecke (auch ,,therapeutisches“ Klonen genannt) auf die Herstellung einer Blastozyste[2] angelegt, aus der embryonale Stammzellen fur Forschungszwecke oder Therapieversuche gewonnen werden sollen. [Die verwendeten Verfahren sind bei beiden Formen des Klonens gleich.]

Naher werde ich mich mit diesen beiden Varianten in den kommenden Hauptteilen beschaftigen, weswegen ich es hier bei dieser groben UmreiRung belasse.

2.1.3 Embryo

Der Begriff des Embryos spielt beim Klonen eine so groRe Rolle, da die Techniken des Klonens in diesem Stadium ansetzen. § 8 des Embryonenschutzgesetzes definiert als Embryo ,,die befruchtete, entwicklungsfahige menschliche Eizelle vom Zeitpunkt der Kernverschmelzung an, ferner jede einem Embryo entnommene totipotente Zelle, die sich bei Vorliegen der dafur erforderlichen weiteren Voraussetzungen zu teilen und zu einem Individuum entwickeln vermag“. Nach §3 des Stammzellengesetzes gilt als Embryo ,,jede menschliche totipotente Zelle, die sich bei Vorliegen der dafur erforderlichen Voraussetzungen zu teilen und zu einem Individuum entwickeln vermag". Das Embryonalstadium beginnt also mit der Befruchtung der Eizelle und endet mit dem Abschluss der wesentlichen Organentwicklung nach etwa acht Wochen. Nachdem sich die Eizelle mehrfach geteilt hat entsteht uber einige Zwischenstadien nach wenigen Tagen die Blastozyste. Bis zu diesem Stadium kann die Entwicklung auch im Labor (in vitro) erfolgen.

2.1.4 Totipotenz

Eine Zelle kann als totipotent bezeichnet werden, wenn sie sich teilen und zu einem embryonalen Organismus und den ihn ernahrenden extraembryonalen Gewebeanteilen entwickeln kann. Das US-amerikanische President's Council on Bioethics definiert eine totipotente Zelle wie folgt: ,,A cell with an unlimited developmental potential, such as the zygote and the cells of the very early embryo, each of which is capable of giving rise to (1) a complete adult organism and all of its tissues and organs, as well as (2) the fetal portion of the placenta."[3] Totipotenz kann also als Fahigkeit eines Organismus zur Ganzheitsbildung zusammengefasst werden.

Bezogen auf die Praxis lasst sich Totipotenz fur das Klonen beim Menschen nicht nachweisen, da dafur experimentelle Schwangerschaften durchgefuhrt werden mussten. Somit lasst sich nur ein Analogieschluss uber die Moglichkeiten fur Aussagen uber die Totipotenz treffen. Man geht davon aus, dass wenn ein Versuchsansatz bei Tieren zu totipotenten Gebilden gefuhrt hat, dies auch bei menschlichen Gebilden der Fall sein durfte. Ausgehend von diesem Analogieschluss und unter der Voraussetzung, dass die Fahigkeit der Totipotenz mit zunehmendem Alter abnimmt, vermutet die Fachwissenschaft, dass sich beim Menschen bis zum 8- Zell-Stadium jede entnommene Zelle selbststandig zu einem Embryo entwickeln kann.

2.1.5 Pluripotente und adulte Stammzellen

Eine weitere wichtige Rolle beim Klonen spielen pluripotente und adulte Stammzellen. Diese haben im Gegensatz zu den totipotenten Zellen nicht mehr die Fahigkeit zur Ganzheitsbildung. Pluripotente Stammzellen sind noch in hohem MaRe differenzierungsfahig, aber im Gegensatz zu den totipotenten Zellen nicht mehr in der Lage sich zu einem vollstandigen Organismus zu entwickeln. Adulte Stammzellen sind in ihrer Entwicklung noch etwas weiter, da sie ausdifferenzierter sind als pluripotente Stammzellen und dadurch schon auf gewisse Funktionen beschrankt sind. Weiter ist es der adulten Stammzelle jedoch moglich sich selbst zu erneuern. In vivo besitzt sie diese Fahigkeit uber die gesamte Lebenszeit des Organismus. Innerhalb des Organismus kann die adulte Stammzelle all die spezialisierten Zelltypen bilden, die spezifisch fur das Ursprungsgewebe der Stammzelle sind. Im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen ist es bisher jedoch noch nicht gelungen diese spezialisierten Zellen in vitro herzustellen.[4]

2.1.6 Embryonale Stammzellen (ES-Zellen) und embryonale Keimzellen (EG-Zellen)

Die Gewinnung dieser beiden Zelltypen ist aus ethischer Sicht problematischer als die Gewinnung adulter Stammzellen. EG-Zellen werden aus den Vorlauferzellen von Keimzellen abgetriebener Embryonen oder Foten gewonnen - ES-Zellen aus der inneren Zellmasse einer Blastozyste.[5] Ethisch bedenklich ist hierbei, dass bei der Gewinnung der ES-Zellen der Embryo stirbt.

Auch diese beiden Zelltypen sind, wie schon die adulten Stammzellen, pluripotent, das bedeutet, dass sie nicht mehr dazu in der Lage sind, einen kompletten Organismus zu entwickeln. Ein Vorteil der ES- und EG-Zellen ist aber, dass differenzierte Zelltypen entwickelt werden konnten, ohne dass dabei die Eigenschaft der Pluripotenz verloren ginge. Auch in Zukunft sind jedoch die ES-Zellen von groRerem Nutzen fur die Forschung, da diese uber langere Zeit hinweg in Kultur gehalten werden konnen und sie auch uber ein entwicklungsbiologisch hoheres Potential verfugen als die EG-Zellen.

2.2 Klontechniken

2.2.1 Embryosplitting

Bei der Technik des Embryosplittings wird die naturliche Entstehung von eineiigen Zwillingen nachgeahmt. Diese entstehen entweder durch Spaltung der Morula[6] oder der Blastozyste. Durch diese Spaltung entstehen aus einem Embryo mehrere erbgleiche Embryonen. Man hat diese Technik des Klonens schon bei mehreren Tierarten erfolgreich durchgefuhrt und geht davon aus, dass sie auch beim Menschen anwendbar ware.

2.2.2 Klonen durch Zellkerntransfer

Fur dieses Klon-Verfahren sind zwei Zelltypen von enormer Wichtigkeit. Man benotigt einerseits den Zellkern einer „Spenderzelle“ und andererseits eine Empfanger- Eizelle. Letztere liefert dabei das Milieu, welches die ersten Entwicklungsphasen des Klon-Embryos ermoglicht und kontrolliert. Der Zellkern liefert die Erbanlagen, welche den Embryo genetisch festlegen. Hierbei ist es jedoch wichtig, dass ein geeigneter Zellkern zur Verfugung steht. Zwar ist die Information eines jeden Zellkerns des menschlichen Korpers die selbe, jedoch ist nicht jede Zelle auch dazu in der Lage, das gesamte Erbgut abzulesen. Durch Spezialisierung und Wachstum kommt es dazu, dass in verschiedenen Zellen verschiedene Gene aktiv beziehungsweise inaktiv bleiben. Fur den Zellkerntransfer benotigen wir jedoch eine Spenderzelle, die dazu in der Lage ist das gesamte Spektrum des genetischen Erbgutes abzulesen. Dies legt den Schluss nahe, dass die geeignetsten Zellen jene sind, welche besonders nah am embryonalen Zustand liegen, also die Fahigkeit der Totipotenz besitzen. Geeignet sind somit entweder embryonale Zellen, embryonale Stammzellen oder Zellen aus Hoden und Eierstock.

Neben der Voraussetzung eines geeigneten Zellkernes ist fur das Gelingen des Zellkerntransfers ein weiterer Zwischenschritt von grower Bedeutung. Es muss der von der Empfanger-Eizelle vorhandene Zellkern entnommen werden, bevor der Zellkern der Spenderzelle injiziert werden kann. Dieses nicht leicht umsetzbare Verfahren geschieht mit Hilfe einer Mikropipette. Somit hat die Empfanger-Eizelle fast jegliche genetische Information verloren. AusschlieRlich in den Mitochondrien verbleiben noch wenige Gene, die aber, wie eingangs schon erlautert, zu vernachlassigen sind. Im letzten Schritt kann nun der Zellkern der Spenderzelle mit der entkernten Eizelle fusioniert werden. So entsteht ein Gebilde, das einer befruchteten Eizelle gleicht, jedoch die gewunschte Erbanlage enthalt. Auch wenn ein solches Gebilde nicht durch die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entstanden ist, muss es nach geltender Gesetzeslage als Embryo angesehen werden, da es als totipotentes Gebilde anzusehen ist.

Bei Tierversuchen wurde dieses Verfahren schon des Ofteren durchgefuhrt. So ist beispielsweise auch das Klon-Schaf Dolly entstanden, was dem Zellkerntransfer auch den Beinamen „Dolly-Methode“ verliehen hat.

3 Klonen zu Fortpflanzungszwecken

Im Gegensatz zu allen bisherigen Formen der Fortpflanzung des Menschen erreicht die Erzeugung eines solchen, mithilfe des Zellkerntransfers eine vollig neue Dimension. Denn bei diesem Vorgang benotigt der Klon zu seiner Erzeugung nicht mehr das Erbmaterial von Mann und Frau, sondern nur noch jenes von Mann oder Frau. Weiter ist sein Genom nicht mehr das Resultat aus der zufalligen Vermischung der Elterngenome, sondern von vornherein festgelegt. Es entsteht also die genetische Kopie des Menschen, dessen Zellkern beim Klonen verwendet worden ist. Dennoch kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass nicht der selbe Mensch mit den selben Eigenschaften entstehen wird, da ein GroRteil der menschlichen Eigenschaften nicht nur auf Gene, sondern auch auf epigenetische Faktoren und Umwelteinflusse sowie deren gegenseitiges Wechselspiel zuruckzufuhren sind. Weiter ist nachgewiesen worden, dass ein Gen fur viele Eigenschaften des Menschen verantwortlich sein kann und andersherum viele Gene fur eine Eigenschaft verantwortlich sind. Somit lasst sich an Hand des Wissens um das Genom weder voraussagen wie ein Mensch werden wird, noch lassen sich Aussagen daruber treffen, ob die Manipulation von Genen einen Menschen zwingend „verbessern“ kann.

3.1 Ziele und Anwendungsmoglichkeiten des reproduktiven Klonens

Ziele und Anwendungsgebiete lassen sich nach den beiden verschiedenen Klon- Techniken unterscheiden. Mit Hilfe des Embryosplittings lassen sich Embryonen vermehren. In diesem Zusammenhang konnte beispielsweise die Effizienz der in- vitro-Fertilisation erhoht werden, indem die gewonnen Embryonen entweder dazu genutzt werden, die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit zu erhohen oder als ,,Reserve“ fur einen weiteren Transferversuch dienen.

Die Technik des Zellkerntransfers ist darauf ausgelegt, den Klon eines bereits existierenden Menschen zu schaffen. In diesem Zusammenhang lassen sich jedoch vielerlei verschiedene Ziele nennen und konstruieren.

Ein Klon konnte hergestellt werden, um als Spender fur Knochenmark oder andere Organe zur Verfugung zu stehen. Diese Auffassung wurde Ende der 90er Jahre vertreten. Werner Gehring erklarte innerhalb dieser Debatte, dass das Klonen von Menschen den Vorteil hatte, Klone als individuelle Ersatzteillager nutzen zu konnen.[7] Auf Grund des gleichen Genoms wurde so das Risiko einer AbstoRungsreaktion der besagten Organe erheblich vermindert, wenn nicht sogar minimiert. Weiter konnten Eltern den Klon ihres Kindes einfrieren lassen und diesen gegebenenfalls auftauen, falls das erste Kind versterben sollte oder sie Gefallen am ersten Kind finden. Auch konnte der Klon im Falle einer in-vitro-Fertilisation im Rahmen einer Praimplantationsdiagnostik dienen. Da dieser Vorgang gefahrlich fur den Embryo sein kann, musste sich das ,,Original“ einer solchen Untersuchung nicht unterziehen. Die Ergebnisse waren aber auf Grund des gleichen Genoms mit hoher Wahrscheinlichkeit gleich. Zusatzlich vergroRern sich mit Hilfe der Klonierung die Moglichkeiten fur unfruchtbare oder gleichgeschlechtliche Menschen sowie Einzelpersonen Nachwuchs zu bekommen. Auch die Vermeidung von Nachwuchs mit erblich bedingten Krankheiten ware denkbar.

3.2 Ethische Betrachtung

Bei der Betrachtung der ethischen Zulassigkeit dieser Anwendungsgebiete wahle ich zunachst zwei verschiedene Perspektiven. Die erste Perspektive untersucht die ethische Zulassigkeit des Klonens in Hinsicht auf den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik. Rechtfertigen aktuelle Erfolge und Misserfolge das Klonen von Menschen oder muss auf Grund der aktuellen Lage davon Abstand genommen werden? Den wesentlichen Teil der ethischen Betrachtung wird anschlieRend die Frage nach der prinzipiellen ethischen Zulassigkeit ausmachen. Hier gehe ich der Fragestellung nach, ob das Klonen von Menschen auch dann rechtfertigbar ist, wenn Wissenschaft und Technik eine hinreichend sichere Handhabung ermoglichen. Die dritte Perspektive stellt die ethische Zulassigkeit von Forschung und Entwicklung in den Vordergrund. Auf diesen Punkt werde ich jedoch erst im vierten Kapitel eingehen, da die hier geprufte Fragestellung unabhangig von der Klonierungstechnik betrachtet werden kann.

3.2.1 Aktuelle ethische Zulassigkeit

Da am Menschen bisher noch keine Versuche bezuglich des reproduktiven Klonens gemacht worden sind, lassen sich die Risiken und Schwierigkeiten abermals nur aus den Ergebnissen von Tierversuchen ableiten. Diese sind erschreckend. Schon aus der Sterblichkeitsrate von Klonen bis zur Geburt, welche je nach Tierart zwischen 80% und 99% liegt, folgt die ethische Unzulassigkeit dieses Verfahrens beim Menschen. Aber selbst wenn man diese Sterblichkeitsrate vernachlassigt und nur die uberlebenden Klone betrachtet, sprechen viele Faktoren gegen die ethische Zulassigkeit. Mark Westhusin von der Texas A&M University erklart, dass ein GroRteil der Klone an dem ,,Large Calf Syndrome" leiden, das heiRt, dass GeburtsgroRe und Geburtsgewicht im uberdurchschnittlichen Bereich liegen. Forscher berichten von einer erhohten Neugeborenensterblichkeit, von missgebildeten Organen, einer geringeren Lebenserwartung, einem erhohten Risiko an Krebs zu erkranken und einem schwacheren Immunsystem. Selbst bei dem Klon-Schaf Dolly, das sich anfanglich normal zu entwickeln schien, wurde Arthritis diagnostiziert, eine Krankheit, die bei Schafen erst im hohen Alter auftritt.

Davor Solter, Mitarbeiter des Max-Planck-Institut fur Immunbiologie in Freiburg, schatzt dass fur eine erfolgreiche Klonierung eines Menschen heute etwa 200 Eizellen gespendet werden mussten. Von diesen 200 Zellen werden nach den ersten Entwicklungsschritten im Labor lediglich 2-3 dazu geeignet sein, in die Gebarmutter einer Frau eingesetzt zu werden. Von diesen 2-3 Kindern, die dann das Licht der Welt erblicken konnten, ware mindestens eines mit hoher Wahrscheinlichkeit deformiert.[8]

Auf Grund der aufgefuhrten Risiken, die mit dem Zellkerntransfer als verwendete Klon-Technik in Verbindung stehen, besteht ein durchaus breiter Konsens daruber, dass dieses Verfahren, unabhangig von eventuellen Zielsetzungen, als ethisch unzulassig anzusehen ist.

Inwieweit diese Bewertung auch auf das Embryosplitting zutrifft, ist bis heute weniger erforscht, jedoch zeigen Untersuchungen, dass auch hier das Risiko von Fehlentwicklungen des durch Teilung entstandenen Klons wesentlich hoher ist als bei der herkommlichen Erzeugung eines Menschen.

Sofern sich also an den Risiken, die das reproduktive Klonen in sich birgt, nichts Schwerwiegendes andert, ist aus ethischer Sicht vom Klonen eines Menschen Abstand zu nehmen. Die aufgefuhrten Argumente wurden jedoch in dem Maie nichtig werden, in dem eine Weiterentwicklung der Klon-Techniken, eben diese Risiken verringern oder gar ganz vermeiden konnte.

3.2.2 Prinzipielle ethische Zulassigkeit

Angenommen, die mit dem Klon-Verfahren gegenwartig verbundenen Risiken lieien sich uberwinden: Ware das Klonen von Menschen dann ethisch zulassig? Die Debatte uber die prinzipielle Frage der ethischen Zulassigkeit lasst sich unter mehreren Aspekten betrachten. Ich werde in diesem Abschnitt mogliche Folgen fur den Klon selbst betrachten und auf die gesellschaftlichen Folgen eingehen, die das reproduktive Klonen mit sich fuhren konnte. Viele der aufgefuhrten Argumente sind spekulativ, gerade weil es noch keine Klone gibt, jedoch lassen sich auch viele Argumente anbringen, welche unabhangig von dieser Situation greifen.

Interessant scheint, dass die unterschiedlichen Religionen in der Frage des reproduktiven Klonens keine einheitliche Meinung vertreten. Dies belegte eine schon von Prasident Bill Clinton in Auftrag gegebene Untersuchung. Er beauftragte eine Bioethik-Kommission bis zum Jahre 1997 zu dieser Frage Stellung zu beziehen. Im Rahmen der Vorbereitungen der Untersuchung, befragte die Kommission unter anderem Theologieprofessoren der wichtigsten Religionen des Landes.[9] Vertreter des judischen, islamischen und christlichen Glaubens auRerten sich sehr kontrovers. Wahrend auf der einen Seite Erklarungen abgegeben wurden, die das Klonen rechtfertigten, gab es auch Stellungnahmen, welche das Klonen strikt ablehnten. Dabei wurde vor allem auf die besondere Wurde des Menschen verwiesen, auf Grund derer die Integritat, sowie auch seine Identitat zu schutzen sind. Da diese schopfungstheoretisch abgeleiteten Prinzipien ihrer Auslegung nach sehr verschieden sein konnen, bedurfen sie einer gewissen philosophisch-ethischen Umformulierung. Deshalb werde ich im Folgenden die Argumentation bezuglich der Menschenwurde etwas genauer betrachten und dabei verschiedene Argumentationsstrange verfolgen. Zudem werde ich auf die utilitaristische Debatte eingehen und ein grobes gesellschaftliches Szenario mitsamt moglichen Problemen entwerfen.

3.2.2.1 Menschenwurde
3.2.2.1.1 Unnaturlichkeit und ethische Unzulassigkeit

Das erste Argument, welches auf die Verletzung der Menschenwurde referiert, bezieht sich auf die unnaturliche Zeugung des Klons. Viele Vertreter der Kirchen schlussfolgern aus dieser Unnaturlichkeit eine Ve rletzung der Menschenwurde in dem Sinne, dass Klone nicht mehr ein Geschopf Gottes, sondern ein Produkt der Technik waren.[10] Jeder Eingriff in die menschliche Reproduktion stellt sich unter diesem Hintergrund als ein Eingriff in die Autonomie und Wurde des Embryos dar. Somit wird aus der Unnaturlichkeit der Zeugung eine ethische Unzulassigkeit gefolgert. Es liegt auf der Hand, dass diese Argumentation mit ihren Pramissen steht oder fallt. Rein argumentationslogisch folgt aus der Unnaturlichkeit eines Vorganges noch lange nicht dessen ethische Unzulassigkeit. Es kann als Verweis interpretiert werden, dass gewisse menschliche Werte gefahrdet werden, die mit den naturlichen Strukturen der menschlichen Fortpflanzung verknupft sind. Weiter ist es zweifelhaft, ob eine befruchtete Eizelle schon als menschliche Person respektiert werden muss und ihr somit die Menschenwurde zuzusprechen ist. Obwohl diese Frage auierst strittig ist und in der aktuell geltenden Rechtslage einem Embryo die Unversehrtheit in Bezug auf Forschung zugesichert wird, reicht diese Argumentation nicht aus, um die Klonierung von Menschen prinzipiell als ethisch unzulassig zu bestimmen.

3.2.2.1.2 Instrumentalisierung und Selbstzwecklichkeit

Ein weiteres Argument, dass das Klonen gegen die Menschenwurde verstoit liefert Braun:

,,Beim Klonen [...] liegt eine Verletzung der Menschenwurde vor, weil die so „gemachten“ Menschen nach Maigabe der Zwecke anderer geschaffen werden; sie sollen bestimmte Eigenschaften, Merkmale oder Fahigkeiten haben, um bestimmte Zwecke zu erfullen. Oder sie sollen schlicht der Vernutzung dienen.“[11]

[...]


[1] Vgl. Nationaler Ethikrat (2004), S.12

[2] Blastozyste: Embryonalgewebe des funften bis siebten Tages der Entwicklung

[3] The President's Council on Bioethics (2002), S.55

[4] Vgl. ZEKO (2002), S.8f.

[5] Vgl. ZEKO (2002), S.9

[6] Morula: befruchtete Eizelle nach mehreren Zellteilungen

[7] Vgl.Braun, Kathrin (2000), S. 104

[8] Vgl. Wolf, Ekkehard (2001b)

[9] Vgl. Soling Caspar (1998) S. 14f.

[10] Soling, Caspar (1998), S.14

[11] Braun, Kathrin (2000), S.106

Details

Seiten
51
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640819461
ISBN (Buch)
9783640822584
Dateigröße
731 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166287
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,5
Schlagworte
Klonen Menschenwürde Stammzellforschung Utilitarismus Ethik Philosophie Embryonenforschung Forschung

Autor

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Titel: Zur ethischen Beurteilung von Klonierungsverfahren am Menschen