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Das Beamtenwesen unter Roger II.

Hausarbeit 2011 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Machtpolitischer Kontext
2.1 Politische Auseinandersetzungen bis zur Krönung 1130
2.2 Politische Auseinandersetzungen nach 1130

3. Die Assisen von Ariano als rechtliche Grundlage des Beamtenwesens
3.1 Die Assisen als Grundlage der rechtlichen Position des Königs
3.2 Die Assisen als rechtliche Fixierung des Beamtentums

4. Die Verwaltung unter Roger II
4.1 Die curia regis
4.2 Die Kanzlei
4.3 Die Finanzverwaltung
4.4 Die Justiz

5. Zusammenfassung

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

8. Verzeichnis der verwendeten Internetquellen

1. Einleitung

Wenn Friedrich II. der „ers­te mo­der­ne Mensch auf dem Thro­ne“[1] gewesen ist, so hat dessen Großvater Roger II. ohne Zweifel die Grundlagen dafür gelegt. Das spezifisch Moderne an der Herrschaftspraxis speist sich aus zwei Quellen. Auf der einen Seite die Herausbildung und Etablierung eines professionalisierten Beamtentums, welches nach Max Weber das Konstituens des modernen Staates darstellt.[2] Auf der anderen Seite die Integration von orientalen und okzidentalen Traditionen innerhalb des Vielvölkerstaates Sizilien. In Zeiten, in welchen Globalgeschichte vermehrtes Interesse hervorruft, kann ein Blick auf die Art und Weise des Zusammenlebens ganz unterschiedlicher Ethnien während der Herrschaft Rogers II. zu instruktiven Einsichten führen.[3] In der vorliegenden Arbeit wird die These vertreten, dass Roger II. die Verwaltung samt Rechtsprechung und Beamtentum aufgebaut hat, um seiner Herrschaft eine stabile Basis zu errichten. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass der sizilische Herrscher ein besonderes Faible für Verwaltung hatte.[4] Da dieses Erklärungsmoment entfällt, werden in einem ersten Schritt der machtpolitische Kontext und die Notwendigkeit der von Roger II eingesetzten Verwaltungsstellen aufgezeigt. Im Anschluss sind die Assisen von Ariano als rechtliche Grundlage der Verwaltung Thema. Dabei wird deutlich, wie eng Roger II die Beamten an das Königtum zu koppeln versucht als Gegenkraft zu den regionalen Adligen und damit potentiellen Rivalen. Der nächste Schritt wird darin bestehen, die Justiz- und Finanzverwaltung, sowie Kanzlei und curia regis unter Roger II zu betrachten. Diese Verwaltungseinheiten sind essentiell für die Herrschaft des Königs. Die Finanzverwaltung sorgt für die notwendigen Einnahmen. Insbesondere das stehende Heer – ein Unikum im damaligen Europa– verursachte beträchtliche Kosten, war jedoch unabkömmlich, um der immer noch prekären Lage des Landes einigermaßen Sicherung nach Innen und Außen zu gewähren.[5] Die Justizverwaltung hingegen war notwendig, um der Vielheit der Völker und Kulturen samt deren verschiedenen (Rechts-)Traditionen einen juristischen Ordnungsrahmen zu geben und die Assisen umzusetzen, die ihrerseits das politische Chaos beenden sollten.[6] Allen Ausführungen der Arbeit liegt implizit die Prämisse zu Grunde, dass Roger II. die Einheit des Landes unter seiner unumschränkten Herrschaft erreichen wollte.

Die urkundliche Quellenlage für die Zeit Roger II. ist als nicht optimal zu bezeichnen.[7] Die narrativen Quellen sind etwas umfangreicher erhalten. Dabei sind Hugo Falcandus, Romuald von Salerno, Falco von Benevent und Alexander von Telese die wichtigsten (lateinischen) Erzähler, die auch in der vorliegenden Arbeit teilweise Beachtung finden.[8]

Das Königtum Rogers II. ist ein umfassend erforschtes Gebiet. Insbesondere italienische, französische und englische, aber auch deutsche Historiker haben umfangreiche Arbeiten vorgelegt. Richtungsweisend sind dabei bis heute die Werke Erich Caspars[9] und des Franzosen Ferdinand Chalandon.[10] Ausgehend von italienischen Kongressen, gab es zudem seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine verstärkte Forschungstätigkeit.[11] Die meisten Forschungsergebnisse sind in französischer oder italienischer Sprache verfasst und fallen so aus den hier herangezogenen Werken heraus.

Immer noch wichtig für das Verständnis der Verwaltungsreformen sind die umfassende Studie von Evelyn Jamison[12] sowie die Überlegungen von Hiroshi Takayama.[13] Für einzelne Aspekte sind die Arbeiten von Theo Kölzer und Norbert Kamp zu erwähnen. Grundlegende Einsichten vermittelt heute vor allem Houbert Houben, der umfangreiche Forschungsarbeiten zum Thema Roger II. durchgeführt hat.

2. Machtpolitischer Kontext

„Nachdem König Roger in seinem Königreich die Ruhe eines vollkommenen Friedens erreicht hatte, setzte er zur Bewahrung des Friedens für das ganze Land Kämmerer und Justitiare ein, verkündete neu(lich) von ihm erlassene Gesetze und schaffte die schlechten Gewohnheitsrechte ab“.[14]

Bis Roger II. seine Herrschaft soweit konsolidieren konnte, waren viele Hindernisse zu überwinden.

2.1 Politische Auseinandersetzungen bis zur Krönung 1130

Die Grafschaft Sizilien, die Roger II. von seinem Vater, resp. Adelasia übernahm, war relativ stabil in politischer Hinsicht.[15] Anders hingegen sah es in den Gebieten Apulien, Kalabrien und Kampanien aus. Wenn Alexander von Telese davon spricht, dass die Expansion Rogers II. als Strafe für die langobardischen Fürsten in Süditalien stattfand, darf dies wohl als Bemäntelung der tatsächlichen Gründe angesehen werden.[16] Wahrscheinlicher ist, dass Roger II. das sich auftuende Machtvakuum in Süditalien zur Erweiterung des Herrschaftsgebietes nutzte.[17]

Dortige Nachfolgeprobleme in Verbindung mit schwachen Herrschern wie Wilhelm, erleichterten es Roger II. eine dominierende Stellung einzunehmen.[18] So griff der Graf von Sizilien die herzoglichen Besitzungen in Apulien und Kalabrien an und zwang letztlich Wilhelm und dessen Lehnsherrn Papst Calixt II. zu Herrschaftsabtretungen.[19] Nach dem Tode von Wilhelm usurpierte Roger II. dessen Erbe und wurde durch den Nachfolger auf dem Stuhle Petri‘ Honorius II. gebannt.[20]

Ein durch den neuen Papst organisierter Bund von Adligen u.a. Robert II. von Capua, Rainulf von Alife, Roger von Ariano, Tankred von Conversano etc. trat Roger II. entgegen, doch erfolglos und im August 1128 lenkte Honorius II. nach dem Zerbrechen des Bundes ein und erkannte Roger II. als Herzog von Apulien, Kalabrien und Sizilien an, indem er ihn mit den Territorien belehnte.[21] Darüber hinaus ließ Roger II. die Grafen und geistlichen Großen des Festlandes ihm einen Treueeid schwören, der eine weltliche Bestätigung der Herrschaft neben dem Privileg des Papstes darstellte.[22]

2.2 Politische Auseinandersetzungen nach 1130

Das päpstliche Schisma 1130 bot Roger II. die Möglichkeit, die eigene Herrschaftslegitimation zu untermauern, indem er den Titel des Königs anstrebte. Roger II. unterstütze Anaklet II. und wurde dafür von diesem mit der Königskrone und dem Erbrecht über das Königreich Sizilien, Kalabrien und Apulien belohnt.[23]

Die Herrschaft befand sich trotz der Königskrönung in einer instabilen Lage. Anaklets II. Antipode Innozenz II war auf Betreiben Bernhard von Clairvaux in Nordeuropa wesentlich stärker anerkannt als Anaklet II.[24] Daher drohte von dieser Seite Gefahr, da sich auch der Kaiser Lothar III. auf die Seite Innozenz II. schlug.[25] Auch die süditalienischen Gegner, d.h. Adlige und Städte, Rogers II. vor der Königskrönung wurden wieder aktiv.[26]

Die wechselvollen Jahre bis 1139 können hier nicht erschöpfend dargestellt werden.

In summa lässt sich feststellen, dass Roger II. sich durch geschicktes Agieren der ausländischen und inländischen Gegner letztlich entledigen konnte und Innozenz II. ihm am 27. Juli 1139 ein Generalprivileg überließ.[27] Aber die Jahre nach 1130 haben deutlich gemacht, dass die Autonomiebestrebungen der größeren Städte und einflussreicher Adliger in Süditalien noch vorhanden waren und die Herrschaft permanent bedrohten. Die Legitimation Rogers II. war noch immer unsicher.[28] Die Antwort, die vom neuen König gegeben wurde, war nicht dazu angetan, Sympathie zu ernten. Harte Strafexpeditionen gegen Städte, häufige Brandschatzungen und Hinrichtungen dienten der gewaltsamen Durchsetzung des Macht- und Herrschaftsanspruches.[29] Es ist deutlich geworden, dass zur Stabilisierung und Perpetuierung des Herrschaftsanspruches Gewalt alleine nicht ausreichte. Dafür bedurfte es anderer Werkzeuge und Mittel. Die Assisen von Ariano, die das Thema des folgenden Kapitels darstellen, waren ein solches Werkzeug und gleichzeitig, was hier besonders interessiert, die rechtliche Verankerung des Beamtentums und damit der Verwaltung, welche wiederrum die neue Basis der Herrschaft Roger II. bilden sollte.

3. Die Assisen von Ariano als rechtliche Grundlage des Beamtenwesens

Wenn Erich Caspar schreibt, dass „die Assisen des Königreichs Sizilien […] wohl der höchste Ruhmestitel seines an Großtaten reichen Lebens“[30] seien, dann wird die Bedeutung für die staatliche Einheit, die „nur durch die Gewalt des Schwertes aus verschiedenen Teilen zusammengefügt ist“[31], deutlich.

Die Assisen sind auf einem Hoftag in Ariano 1140 erlassen worden.[32] Grundlage war insbesondere das corpus juris Justinians.[33] Aber auch andere Einflüsse wie byzantinische oder langobardische lassen sich nachweisen.[34]

[...]


[1] BURCKHARDT, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch, Berlin 1956, S. 3.

[2] Vgl. WEBER, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, 5. revidierte Auflage, Tübingen 1980, S. 821-827.

[3] Erwähnt seien nur die erfolgreichen Veröffentlichungen von Jürgen Osterhammel („Die Verwandlung der Welt“) oder Christopher A. Bayley („Die Geburt der modernen Welt“).

[4] Vgl. BROWN, Richard Allen: Die Normannen. München 1988, S. 142. Andere Autoren gehen hingegen von einem, durch griechische Einflüsse, vorhandenen Interesse an Verwaltung aus. Siehe HOUBEN, Hubert: Roger II. von Sizilien. Herrscher zwischen Orient und Okzident, Darmstadt 1997, S. 179. Ebenso: KOLLER, Walter: Toleranz im Königreich Sizilien zur Zeit der Normannen. In: Alexander Patschovsky/Harald Zimmermann (Hrsgg.): Toleranz im Mittelalter. Sigmaringen 1998, S. 173.

[5] Vgl. HOUBEN, Hubert: Politische Integration und regionale Identitäten im normannisch-staufischen Königreich Sizilien. In: Werner Maleczek (Hrsg.): Fragen der politischen Integration im mittelalterlichen Europa. Ostfildern 2005, S. 174.

[6] Vgl. HOFMANN, Max: Die Stellung des Königs von Sizilien nach den Assisen von Ariano. Münster 1915, S. 29ff.

[7] Vgl. BRÜHL, Carlrichard: Urkunden und Kanzlei König Rogers II. von Sizilien. Köln/Wien 1978, S. 17-23.

[8] Hierbei ist zu beachten, dass alle Schreiber mehr oder weniger tendenziös berichten. Siehe: HOUBEN, Hubert: Roger II.,S. 4ff.

[9] CASPAR, Erich: Roger II. (1101-1154) und die Gründung der normannisch-sicilischen Monarchie, Innsbruck 1904, ND Darmstadt 1963.

[10] CHALANDON, Ferdinand: Histoire de la domination normande en Italie et en Sicile. Paris 1907.

[11] Die Forschungslage lässt sich bei HOUBEN: Roger II. S. 2-6. nachvollziehen, ebenso: ENZENSBERGER, Horst: Beiträge zum Kanzlei- und Urkundenwesen der normannischen Herrscher Unteritaliens und Siziliens. Kallmünz 1971, S. 4ff.

[12] JAMISON, Evelyn: The Norman Administration of Apulia and Capua. More especially under Roger II. and William I. 1127-1166, PBSR 6 (1913), S. 211-481.

[13] TAKAYAMA, Hiroshi: The Administration of the Norman Kingdom of Sicily. Leiden/New York/Köln 1993.

[14] Übersetzung nach HOUBEN: Roger II. S. 135. Romuald von Salerno, S. 226: “Rex autem Roggerius in regno suo perfecte pacis transquillitate potitus, pro conservanda pace camerarios et iustitiarios per totam terram instituit, leges a se noviter conditas promulgavit, malas consuetudines de medio abstulit.“

[15] Vgl . BECKER, Julia: Graf Roger I. von Sizilien. Wegbereiter des normannischen Königreichs, Tübingen 2008, S. 232ff.

[16] Vgl. HOUBEN: Roger II. S. 32.

[17] Ebd. S. 33.

[18] Vgl. COHN, Willy: Das Zeitalter der Normannen in Sizilien. Bonn/Leipzig 1920, S. 39ff. Ebenso: DEÉR, Josef: Papsttum und Normannen. Untersuchungen zu ihren lehnsrechtlichen und kirchenpolitischen Beziehungen, Köln/Wien 1972, S. 149-152.

[19] Vgl. HAVERKAMP, Alfred: Italien im hohen und späten Mittelalter 1056-1454. In: Theodor Schieder (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte. Band 2, Stuttgart 1987, S. 576f.

[20] Ebd. S. 577.

[21] Vgl. BROEKMANN, Theo: Rigor iustitiae. Herrschaft, Recht und Terror im normannisch-staufischen Süden (1050-1250), Darmstadt 2005, S. 123f. Auch DEÉR: S. 200.

[22] Vgl. HOUBEN: Roger II., S. 49f.

[23] Vgl. ZIELINSKI, Herbert: Zum Königstitel Rogers II. von Sizilien (1130-1154). In: Herbert Ludat/Rainer Christoph Schwinges (Hrsgg.): Politik, Gesellschaft, Geschichtsschreibung. Giessener Festgabe für Frantisek Graus zum 60. Geburtstag. Köln/Wien 1982, S. 171ff.

[24] Vgl. PLASSMANN, Alheydis: Die Normannen. Erobern, Herrschen, Integrieren, Stuttgart 2008, S. 134.

[25] Vgl. DEÉR: S. 217f.

[26] Als Beispiel sei die Stadt Bari genannt, die erst durch Verrat in die Hände des Königs fiel und Danach Zugeständnisse machen musste: D Ro.II. 20.

[27] Vgl. DEÉR: S. 221ff.

[28] Vgl. BROEKMANN: Rigor iustitiae, S. 135.

[29] Vgl. WIERUSZOWSKI, Helene: Roger II of Sicily. Rex-tyrannus in twelfth-century political thoughts, Speculum 38 (1963), S. 63ff.

[30] CASPAR: S. 238.

[31] Ebd. S. 237

[32] Ob alle Gesetze dort erlassen oder nur ein Teil und die anderen Assisen später im Sinne der Rechtspflege ergänzt wurden, spielt für diese Arbeit keine Rolle. Eine Diskussion der verschiedenen Standpunkte in HOUBEN: Roger II., S. 135-142.

[33] Vgl. PENNINGTON, Kenneth: Roman Law. 12th-century law and legislation, in: Gisela Drossbach (Hrsg.): Von der Ordnung zur Norm: Statuten in Mittelalter und Früher Neuzeit. Paderborn et. al. 2010, S. 22-26.

[34] Vgl. DILCHER, Hermann: Die historische Bedeutung der Assisen von Ariano für Süditalien und Europa. Bochum 1993, S. 14.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640820061
ISBN (Buch)
9783640823055
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166263
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Historisches Seminar Mittelalter
Note
1,3
Schlagworte
Beamtenwesen Verwaltung Mittelalter Sizilien

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