Lade Inhalt...

Translationstheorien: Friedrich Schleirmacher „Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersetzens“ unter Einbeziehung der Hermeneutik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 20 Seiten

Romanistik - Fächerübergreifendes

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Schleiermachers Hermeneutik
1.1. Die zwei Aspekte der Hermeneutik: grammatische und technische Interpretation
1.2. Grunbedingungen des richtigen Verstehens

2. Ueber die verschiedenen Methoden der Uebersetzung
2.1. Handwerk oder Kunst?
2.1.1. Das Dolmetschen
2.1.2. Das Übersetzen
2.2. Grenzen des Verstehens: das doppelte Wesen der Sprache
2.3. Verfremdendes vs. einbürgerndes Übersetzen
2.3.1. Paraphrase und Nachbildung
2.3.2. Verfremdendes Übersetzen
2.3.3. Einbürgerndes Übersetzen
2.3.4. Vermischung beider Methoden

Schluss

Bilbiographie

Einleitung

Das Thema Übersetzung ist nicht erst seit Kurzem aktuell, es beschäftigt die

Menschen vielmehr seit der Antike. Schon damals ist übersetzt worden und nicht nur das, es entstanden auch theoretische Schriften zum Übersetzen. So unterschied schon Cicero zwei Grundarten des Übersetzens, die wörtliche (retrospektive) und die freie (prospektive), die sich nach der Perspektive des Übersetungsvorgangs unterscheiden.[1]

Im 17. Jahrhundert gab es eine starke Tendenz zur freien bzw. einbürgernden Übersetzung, wobei die Herkunft dieses zweiten Begriffes nicht geklärt und somit vielleicht anachronistisch ist.[2] In Frankreich sprach man von den belles infidèles, die dem Leser auf ihm angenehme - weil vertraute Weise - fremde Texte vermittelten.

Im Zeitalter der Romantik wandelte sich die Haltung und vor allem ausgehend von Deutschland entstanden mehr verfremdende Übersetzungen, die dem Ausgangstext nahe blieben. Schleiermacher war einer der ersten und radikalsten Vertreter dieser Übersetzungmethode.[3] Seinen Ursprung hatte dieser Wandel in dem neuen Interesse für die Andersartigkeit der Kulturen. Die Absolutierung der eigenen Werte verlor sich und zudem entstand ein neues Bewusstsein für die Historiziät von Kunstwerken.[4]

Friedrich Schleiermacher lebte von 1768 bis 1834 und hat sich auf den Gebieten der Theologie, Philosophie, Pädagogik, Hermeneutik und auch als Übersetzer einen Namen gemacht. Er studierte in Halle Philosophie, Theologie und Philologie, arbeitete als Hauslehrer und Prediger, bis er später als Professor in Halle und Berlin tätig war. Seine ersten Übersetzungen entstanden schon in den 1790er Jahren und waren Predigten englischer Geistlicher.[5] Erst seine Freundschaft mit Friedrich Schlegel gab Anstoß zu einer Platon-Übersetzung, an der Schlegel letztendlich jedoch gar nicht teilnahm.[6] Schleiermacher nahm 1803 die Übersetzungsarbeit auf, ein ehrgeiziges Projekt, da er nicht nur einen Teil sondern das gesamte Werk erschließen wollte. Erst zehn Jahre später hielt er seinen

übersetzungstheoretischen Vortrag Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersetzens in Berlin, der im zweiten Teil der Arbeit betrachtet werden soll.

1. Schleiermachers Hermeneutik

Schleiermachers Übersetzungsarbeiten sollen hier im Zusammenhang mit seiner Hermeneutik gesehen werden, denn diese entstand in der Auseiandersetzung mit Platon und bildet die Basis für Schleiermachers Textverständnis. Das Verstehen fremder Rede bedarf einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Text, sei er muttersprachlich oder nicht. Im zweiten Fall ist die Übersetzung dann im Grunde nur noch ein letzter Schritt, dem bereits die wesentliche Arbeit vorausging. Ganz im Sinne der modernen Theorien zur Bedeutung der Kognitionsprozesse (Vaerenbergh) und kulturellen Konzepte (Kupsch), die der Leser/Übersetzer kennen muss, ist die sprachliche Übertragung eines Textes nur ein Teil des gesamten Verstehensprozesses. Schleiermacher steht in der Tradition der Aufklärungshermeneutik, entwickelt diese jedoch weiter und fühlt sich als Neuerer auf diesem Gebiet.[7]

Hermeneutik (aus dem Griechischen hermeneuein = aussagen, auslegen, erklären, übersetzen) wird definiert als die Kunst der Auslegung (Interpretation) und Theorie der Auslegung, d.h. die Reflexion über die Bedingungen des Verstehens und seiner sprachlichen Wiedergabe. Sie wird meist auf Texte bezogen (philologische Auslegung klassischer Dichter, theologische Auslegung der Heiligen Schriften).[8]

Für Schleiermacher ist die Hermeneutik eine „Dolmetschung“ sprachlicher Zeichen, die sowohl an literarischen, wie an theologischen oder juristischen Texten praktiziert werden könne.[9] Als Disziplin ist sie laut Schleiermacher „technisch“, zwischen den spekulativen und den empirischen Disziplinen angesiedelt.[10]

1.1. Die zwei Aspekte der Hermeneutik: grammatische und technische Interpretation

Um sich einen Text zu erschließen, bedarf es zweier Interpretationsaspekte, die einander bedingen und bereits auf eine antike Zweiteilung zurückgehen.

Die grammatische Interpretation (sensus litteralis) erfasst das objektive Element der Rede, welches durch die Grammatik der jeweiligen Sprache vorgegeben ist. Sie erfasst die Bedeutungen, die aus dem Gegenstand selbst hervorgehen. Die Empfindungswelt des Autors ist nicht mehr der einzige Bezugspunkt bei der Textanalyse.[11] Um das Objektiv-Sprachliche des jeweiligen Textes zu erfassen, bedarf es eines umfassenden Wissens über den historischen Sprachstand und literarische Konventionen (Diskurse, Textsorten) etc.

Der zweite Schritt ist die technische bzw. psychologische Interpretation (sensus spiritualis). Sie betrachtet das Subjektive der Rede, die spezifische Art und Weise, in der der Autor sich der Sprache bedient. Denn das erst macht die Kunst aus: „Der im Wortsinne poetisch handelnde (nämlich neuen Sinn produzierende) Sprecher zwingt der Sprache gleichwohl seine (noch nicht kodifizierte und in diesem Sinne allerdings ‚unaussprechliche’) Individualität auf[...] und zwar tut er das ‚durch die Art, wie er diese [die Wörter] ineinander flicht’[...].“[12] Hier kommen die uneigentlichen, figurativen Wortbedeutungen zum Tragen und das Augenmerk liegt auf Stil und Komposition.[13] Das Eigentümliche des Autors kann sich hierbei nur erschließen, wenn in der grammatischen Interpretation Fragen nach Textsortenkonventionen und Ähnlichem bereits geklärt wurden.

Die Interpretation wird manchmal als technisch, manchmal als psychologisch bezeichnet. Im ersten Fall wird versucht, den Impuls der Rede aus dem konkreten Redekontext heraus zu verstehen. Im zweiten Fall wird versucht, den Impuls der Rede aus dem gesamten Leben des Autors zu verstehen.[14]

Um einen Text zu erschließen, muss der Übersetzer nicht nur die fremde Sprache beherrschen, sondern generell ein besonderes Sprachgefühl haben für Analogien und Unterschiede.[15] Dieses Sprachgefühl versucht Schleiermacher mit dem Begriff der Divination zu fassen. Sie bezeichnet etwas wie das Erraten von Textbedeutungen, eine besondere

Bewusstseinshaltung bei der psychologischen Interpretation.[16] Sie ist nicht methodisch regulierbar und kann immer nur eine Annäherung an den Text gewährleisten. Dieser Ansatz räumt dem Interpreten und Übersetzer den Status eines Künstlers ein.

Beide Aspekte der Interpretation ergänzen sich immer wieder aufs Neue und der Interpret kann sich dem Text immer weiter nähern. Das Verstehen ist daher eine unendliche Aufgabe.[17]

1.2. Grundbedingungen des richtigen Verstehens

Schleiermacher fordert zwei Grundbedingungen, die überhaupt erst ein Verstehen fremder Rede ermöglichen.

Zunächst muss das Verstehen ein fortwährend bewusster Prozess sein. Das bedeutet, dass der Interpret nicht erst dann aktiv zu verstehen versucht, wenn er auf das erste Unverstehen gestoßen ist. Im Jahrhundert der Aufklärung ging man davon aus, dass das allen Menschen innewohnende Prinzip der Vernunft und höheren Einsicht uns ein automatisches Verstehen ermöglicht. Hiermit bricht Schleiermacher und fordert ein Verstehen als fortwährend bewussten Prozess.[18] „Für Schleiermacher, dem das bare Faktum des Innestehens in einer bestimmten ‚Sprachüberlieferung’ nicht schon ‚die Gewißheit selbst’ ist[...], bedeutet das Verstehen darum ein Problem, dessen Auflösung einer reflektierten, einer das Selbstverständliche künstlich verfremdenden Einstellung bedarf[...].“[19]

Als zweite Grundbedingung gilt das Miteinbeziehen der Historizität von Texten. Vor Schleiermacher wurde die historische Eigenart von Texten oft als zu vernachlässigende Abweichung vom allgemeinen und überzeitlichen Prinzip der Vernunft betrachtet: „[...] das Aufklärungvorurteil[...], wonach zwischen dem Weltbild des Interpreten und dem seines Textes ein im Grunde prästabilierter, nämlich gegen individuelle Interpretationen gleichgültiger Konsensus bestehe, auf dessen Basis man sich sodann daranmachen dürfe, das von der gemeinsamen Vernunft Abweichende als ein unwesentliches, nämlich nur in

[...]


[1] Vgl. Wills, Wolfram: Übersetzungswissenschaft, Probleme und Methoden, Ernst Klett, Stuttgart, 1977, S.31.

[2] Vgl. Albrecht, Jörn: Literarische Übersetzung, Geschichte, Theorie, Kulturelle Wirkung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1998, S.75.

[3] Vgl. ebd., S.85.

[4] Vgl. ebd., S.76

[5] Vgl. Nowak, Kurt: Schleiermacher, Leben, Werk und Wirkung, Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen, 2001,S.80.

[6] Vgl. ebd., S.133.

[7] Vgl. ebd., S.198f.

[8] Vgl. Schweikle, Günther & Irmgard (Hg.): Metzler Literaturlexikon, Begriffe und Definitionen, J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1990.

[9] Nowak, S.199.

[10] Ebd., S.200.

[11] Ebd., S.201.

[12] Frank, Manfred (Hg.): Schleiermacher, Hermeneutik und Kritik, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1977, S.48.

[13] Vgl. Nowak, S.202.

[14] Vgl. Frank, S.45.

[15] Vgl. Lamm, Julia: The art of interpreting Plato, in: Marina, Jacqueline (Hg.): The Cambridge Companion to Friedrich Schleiermacher, Cambridge University Press, Cambridge, 2005, S. 91-108, S.96.

[16] Vgl. Frank, S.47.

[17] Vgl. Lange, Dietz (Hg.): Friedrich Schleiermacher 1768-1834, Theologe-Philosoph-Pädagoge, Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen, 1985, S.51.

[18] Vgl. ebd., S.52f.

[19] Frank 20

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640818709
ISBN (Buch)
9783640821877
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166211
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
translationstheorien friedrich schleirmacher methoden uebersetzens“ einbeziehung hermeneutik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Translationstheorien: Friedrich Schleirmacher „Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersetzens“ unter Einbeziehung der Hermeneutik