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Bedeutende Bestandteile der Schweizer Nationalidentität in der Gegenwart

Schweiz - Nationalismus - Identität

Bachelorarbeit 2009 41 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Die konstruktivistische Nationalismustheorie Benedict Andersons

3 Bedeutende Faktoren der Schweizer Nationalidentität heute
3.1 Mehrsprachigkeit
3.1.1 Entstehung
3.1.2 Viersprachigkeit oder Vielsprachigkeit?
3.2 Geschichtsbewusstsein, Mythen und Symbole
3.2.1 Konstruktion einer gemeinsamen Geschichte
3.2.2 Mythen und Symbole
3.3 Kollektive Werte
3.3.1 Demokratie, Freiheit und Mehrheitsfähigkeit von Minderheiten
3.3.2 Multikulturalität
3.3.3 Sonderfallmentalität und Abgrenzung
3.3.4 Kleinstaatlichkeit
3.4 Neutralität
3.4.1 Neutralität als identitätsstiftendes Element
3.4.2 Zwischen Sendungsbewusstsein und Isolationismus

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Problemstellung

Mediale Äußerungen und wissenschaftliche Analysen zum politischen Zustand der Schweiz verkünden in den letzten beiden Jahrzehnten selten Gutes: Ob aus der Feder von Journalisten, Politikwissenschaftlern, Soziologen oder Ökonomen - zumeist steht am Ende der Publikationen eines fest: Die Schweiz befindet sich in einer Krise. Innerhalb des Landes wuchs sich diese Vorstellung in den vergangenen Jahren zu einem „professionellen Negativismus“1 aus, womit das Befinden der - schenkt man den Klischees Glauben - zu Kritik und Unzufriedenheit neigenden Bevölkerung wohl bestens beschrieben ist.2 Besonders im Mittelpunkt steht dabei häufig die nationale Identität, die in Abhandlungen über die Schweiz als zunehmend erodiert und in Gefahr dargestellt wird. Es bestehe eine gravierende Diskrepanz zwischen Selbstbild der Schweizer auf der einen Seite und der Realität bzw. dem Fremdbild auf der anderen Seite.3 Zudem seien die althergebrachten Leitlinien und Identitätsmerkmale mit dem für nötig befundenen Modernisierungsprozess im politischem System und im Verhältnis zum internationalen Umfeld nicht vereinbar.4 Der Historiker Georg Kreis fordert deshalb die Konstituierung einer „offenen, optimistischen und zukunftsorientierten Variante“5 des schweizerischen Nationalbewusstseins. Die Feststellung einer Identitätskrise und die damit verbundene Forderung nach einer gegenwarts- und zukunftsträchtigen Neuorientierung der Identitätsfaktoren6 lassen oft die Tatsache vergessen, dass das Zusammenfinden und schon über 160 Jahre währende Bestehen der Schweiz eine höchst bewundernswerte Leistung darstellt. Die Schweiz demonstriert, dass friedliches Zusammenleben in einem Staat unabhängig von gemeinsamer Sprache und Kultur sowie ohne homogene Gemeinschaft funktionieren kann.7 Die heterogene Struktur, welche vor allem auf ethnischer und sprachlicher Ebene sowie am Stadt-Land-Gegensatz evident ist, bedingt die Definition der Nationalidentität mit Hilfe einigender Traditionen, Werte und Mythen.8 Diese emotionalen Bindemittel werden ergänzt durch die politische Komponente der nationalen Identität, welche in Form von ausgeprägtem Föderalismus und starker direkter Demokratie in das schweizerische politische System integriert ist.

Doch wie ist das Phänomen nationale Identität theoretisch und abstrakt zu erklären? Die nationale Identität entsteht aus einem Zusammenspiel von Selbst- und Fremdbild. Sie konstruiert sich aus bestimmten geschichtlichen Aspekten und aus dem gegenwärtigen Zusammenhang entstandenen Vorgaben zu einer momentanen Vorstellung. Diese ist nicht starr, sondern kann sich allmählich verändern oder verändert werden.9 Des Weiteren handelt es sich um einen relationalen Begriff, der sich erst in Abgrenzung zu anderen Identitätskonzepten mit Inhalten füllt.10 Im Kern besteht die nationale Identität aus „imagologischen Basteleien“11, die dafür sorgen, dass sich die Bevölkerung eines Landes „durch ein Band allen gemeinsamer Erfahrungen, Wertvorstellungen und Bewusstseinsinhalte“12 vereint fühlt. Dazu gehören auch einigende Elemente wie Sprache, Kultur oder Konfession, die aber in der Schweiz, wie erwähnt, nicht als solche verwendbar sind.13

So bildet die Schweiz den vielzitierten Sonderfall, dessen einigende Nationsidee sich anhand anderer Größen im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Diese Elemente, welche heute im Wesentlichen die Schweizer Nationalidentität bestimmen, stehen in der folgenden Analyse im Mittelpunkt des Interesses. Dabei soll auch die Frage geklärt werden, wie es um diese Faktoren heute steht. Die Untersuchung der maßgeblichen Bestandteile der nationalen Identität der Schweiz kann und soll im vorliegenden Aufsatz keine vollständige Aufreihung aller Faktoren sein. Dies ist wegen des begrenzten Rahmens der Arbeit und der Vielfalt an Interpretationsansätzen zu diesem Thema weder möglich noch wünschenswert. So werden im Folgenden institutionelle Kräfte, welche die Nationalidentität beeinflussen, wie z. B. der Föderalismus und die direkte Demokratie, außen vor gelassen. Die Gründe dafür sind zum einen die Begrenztheit der Abhandlung sowie zum anderen die Tatsache, dass die identitätskonstituierenden institutionellen Elemente zumeist als notwendige Folge der in der Analyse diskutierten Faktoren eingerichtet wurden und somit in ihrem Ursprung ohnehin in die Arbeit integriert sind. Der Fokus der Analyse liegt auf den letzten beiden Jahrzehnten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, da sich durch dieses Ereignis teilweise neue Vorzeichen für das Nationalbewusstsein der Schweizer ergaben. Weil sich die nationale Identität durch ein komplexes, eng zusammenhängendes Gefüge an Faktoren, Maßnahmen usw. konstituiert, kann es bei der Erforschung zu Überschneidungen kommen oder die getroffene Zuordnung mancher Teilaspekte zu einem Kapitel nicht die einzig mögliche sein. Dies ist nicht zu vermeiden, da diese Schwierigkeit in der Natur komplexer Sachverhalte liegt. Das erste Kapitel der Arbeit zeigt die Grundzüge des konstruktivistischen Nationalismusansatzes Benedict Andersons auf, welcher die Nation als eine von oben konstruierte, vorgestellte Gemeinschaft definiert. Auf Basis dieses Konzeptes der Nation bzw. der zugehörigen nationalen Identität folgt die konkrete Auseinandersetzung mit der Fragestellung. Abschließend soll eine Schlussfolgerung die oben genannten Leitfragen zusammenfassend beantworten. Bevor nun die Nationalismustheorie Andersons näher beleuchtet wird, soll noch ein knapper Literaturbericht Aufschluss über die Quellen zum behandelten Thema geben.

Die Literatursituation zur gegenwärtigen Nationalidentität der Schweiz nimmt sich schon wegen der Aktualität des Themas nicht sehr breit aus, obwohl zum Themenkomplex Nation und Nationalismus in der Schweiz generell eine große Auswahl an Literatur erschienen ist. Politikwissenschaftler, Historiker, Soziologen und Wissenschaftler anderer Fachbereiche haben eine Vielzahl von Publikationen mit unterschiedlichsten Herangehensweisen und Ergebnissen vorgelegt. Sie beschäftigen sich jedoch meist mit der historischen Ausbildung der nationalen Identität und weniger mit der momentanen Lage. Ein Experte geschichtswissenschaftlicher Aufarbeitung ist Georg Kreis, dessen Veröffentlichungen14 fundierte Erkenntnisse zu verschiedenen Facetten der Schweizer Nationalidentität bieten. Zur Mehrsprachigkeit sind die Arbeiten von Renata Coray15 essentiell, welche sich hauptsächlich der Verständigung zwischen den Sprachgruppen widmen. Zum allgemeinen Verständnis des Themas sind trotz des leider etwas fehlenden wissenschaftlichen Anspruches die beiden aktuellen Monographien des ehemaligen Bundesrates Kaspar Villiger und des Botschafters Paul Widmer16 hervorzuheben. In diesem Zusammenhang muss auch auf die Aufsätze des Friedensforschers Bruno Schoch17 verwiesen werden, die insbesondere durch ihre außerordentliche historische Bezugnahme bestechen. Erstaunlicherweise setzen sich fast ausschließlich Schweizer mit der zu behandelnden Materie auseinander.18 Diese Tatsache lässt auf das Fehlen von Publikationen schließen, in denen ausländische Verfasser einen distanzierten Blick auf die Schweizer Nationalidentität werfen, was für die vorliegende Arbeit durchaus interessant gewesen wäre. Zudem ist auffällig, dass viele Autoren in ihren Darstellungen oft in extreme Positionen abgleiten. So werden vermeintliche Missstände häufig entweder äußerst kritisch oder stark bagatellisierend illustriert, während eine differenzierte Abwägung positiver und negativer Aspekte zu kurz kommt.

Im folgenden Kapitel wird wie angekündigt der Erklärungsansatz Benedict Andersons als theoretische Grundlage für die anschließende Analyse erörtert.

zum neutralitätspolitischen Diskurs in der Schweiz seit 1943. Bern; Ders. 2008: Prinzipien und Praxis der Multikulturalität in der heutigen Schweiz. In: Lüdi, Georges u. a. (Hrsg.): Sprachenvielfalt und Kulturfrieden. Sprachenminderheit - Einsprachigkeit - Mehrsprachigkeit: Probleme und Chancen sprachlicher Vielfalt. Freiburg/Stuttgart, S. 339-355.

2 Die konstruktivistische Nationalismustheorie Benedict Andersons

Der in der Einleitung knapp formulierte Erklärungsversuch der nationalen Identität fußt zu großen Teilen auf der Nationalismustheorie Benedict Andersons. Dieser vollzog bezüglich der Nationalismusforschung einen Paradigmenwechsel, indem er den Nationalismus nicht als Ideologie betrachtet, sondern als ein kulturelles System, vergleichbar mit anderen gemeinschaftsschaffenden Vorstellungen wie Verwandtschaft oder Religion.19 Er widersetzt sich zudem eurozentristischen Ansätzen, die den Nationalismus ausschließlich als Phänomen der westlichen Hemisphäre sehen und wendet seinen als Zeitdokument verfassten konstruktivistischen Ansatz auf das südostasiatische Indonesien an. Einige fundamentale Veränderungen seit der Neuzeit bilden die Grundlage für seinen Ansatz der Imagined Communities20 . Dabei sucht Anderson die Basis für den Nationalismus in den kulturellen Wurzeln und identifiziert drei kulturelle Modelle, die abgelöst werden müssen, um die Vorstellung einer Nation möglich zu machen. Die erste Vorraussetzung ist das Ende der dynastischen Herrschaftsverhältnisse. Das wurde seit dem 16. Jahrhundert zumeist durch Revolutionen in den meisten Teilen der Welt erwirkt.21 Der zweite Faktor sind die religiösen Gemeinschaften, die spätestens seit dem 19. Jahrhundert aufgrund der Horizonterweiterung über den eigenen Kulturraum hinaus und der Entwertung der heiligen Sprache an Bedeutung verlieren.22 Schließlich ist noch der grundlegende Wandel der Wahrnehmungsformen der Zeit zu nennen, welcher seinen Ursprung im Aufkommen des Druckgewerbes hat.23 Romane und Zeitungen machten erstmals die Wahrnehmung von Gleichzeitigkeit möglich. Das Lesen eines Romans, in dem verschiedene Personen gleichzeitig handeln und die Lektüre einer Zeitung, bei der man sich vorstellt, dass das Gelesene in der Realität stattgefunden hat und von Millionen anderen ebenfalls wahrgenommen wird, lässt ein imaginäres Bild einer Gemeinschaft entstehen.24

Mit der Entstehung des Druckgewerbes eng verwoben ist die Veränderung der Sprache, die Anderson in seinem Erklärungsansatz als einen Ursprung des Nationalbewusstseins angibt. Statt in lateinischer Sprache wird nun, maßgeblich von Protestanten gefördert, die Bibel in den Landessprachen herausgegeben. Eine Praxis, die bald der ganze damals vorhandene Buchmarkt übernimmt. Aus funktionalen Gründen wird überdies die Landessprache standardisiert und zur Zentralisierung der Verwaltung instrumentalisiert.25 Die vereinheitlichte, in den Massen verbreitete Schriftsprache bahnt der nationalen Identität den Weg. In diesem Punkt stößt Andersons Modell hinsichtlich der Mehrsprachigkeit der Schweiz an seine Grenzen. Anderson versucht die Sprachenvielfalt mit industrieller und ökonomischer Rückständigkeit der Schweiz vor dem Zweiten Weltkrieg zu begründen. Bruno Schoch legt aber nachvollziehbar dar, dass diese Annahme nicht der Realität entspricht, indem er auf die seit Mitte des 19. Jahrhunderts stark vorhandene Industrialisierung in der Schweiz verweist.26 Als weitere Faktoren für die Ausbildung eines Nationalbewusstseins nennt Anderson die Konstruktion von Parallelgesellschaften europäischer Prägung in Kolonialländern und die Ausdehnung der menschlichen Erfahrung von Raum. Diese neue Erkenntnis ist im Wesentlichen auf die „Möglichkeit der symbolischen Überhöhung der Grenzen eines Territoriums auf der Landkarte jenseits aller persönlichen Erfahrungsmöglichkeit“27 und auf die steigende Mobilität zurückzuführen.

Grundsätzlich kann man als Ursprünge der nationalen Identitätsbildung die neuen Vorstellungen von Gleichzeitigkeit in Gemeinschaften, den Kapitalismus, den Wandel der lateinischen Sprache, die Reformation, den Buchmarkt und die Durchsetzung der Landessprachen festhalten. Die entscheidende Größe für die meisten aufgeführten Veränderungen und die Wurzel der Nationalidentität ist dabei der Kapitalismus, was Anderson am Beispiel des Druckgewerbes verdeutlicht, welches für ihn „eine Frühform kapitalistischen, wachstumsorientierten Unternehmertums“28 darstellt. In den neueren Auflagen seines Werkes diskutiert Anderson weitere Faktoren, die einen bindenden Effekt auf die vorgestellten Gemeinschaften ausüben. So identifiziert er Volkszählungen und Landkarten als klassifikatorische Mittel, welche den Bürgern die Grenzen der Nation vor Augen führen. Zudem schreibt er den Museen eine bedeutende Rolle bei der Vermittlung der Nationsvorstellung zu.29

Schließlich muss noch der für die Schweiz wichtigste Aspekt aus dem Erklärungsansatz Benedict Andersons genauer beleuchtet werden, nämlich der Konstruktionscharakter von Andersons vorgestellten Nationen. Nach Ansicht Andersons wird die Geschichte eines Landes im Sinne der Nation instrumentalisiert, weil ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter der Bevölkerung erzeugt werden soll. Um die Vergangenheit nationalistisch nutzbar zu machen, darf das Bild natürlich nicht negativ konnotiert sein.30 So spannt sich der Bogen zu Ernest Renan, der schon 1882 feststellte, dass eine Nation zu großen Teilen auf Erinnern und Vergessen basiert.31

Zuletzt sollen die Akteure oder besser gesagt, die Konstrukteure der Nationalidentität benannt werden. Diese rekrutieren sich laut Anderson aus den Eliten und beeinflussen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Machtmitteln oder -positionen die Empfindungen der Bevölkerung. Das Bewusstsein, eine nationale Identität zu besitzen, ist anfänglich also kein Massenphänomen, wie es z. B. in der Theorie Karl Deutschs der Fall ist. Ein in jeden Winkel der Schweiz reichendes kollektives Nationalgefühl entstand laut Anderson deshalb erst im 20. Jahrhundert, da erst zu dieser Zeit ausreichende Kommunikationsformen zur Vermittlung der Nationsidee vorhanden waren.32

So ist festzuhalten, dass aus Territorien, die höchstens administrativ, aber weder ethnisch noch traditionell zusammenhingen, Nationen entstanden sind, deren Bewohner sich durch einen bestimmten Kanon an Werten, Erfahrungen und Traditionen verbunden fühlen. Aus dieser Feststellung leitete Anderson die Idee ab, dass eine Nation eine imaginierte Gemeinschaft sei, die Zusammengehörigkeit produziere, ohne dass sich ihre Mitglieder kennen.

Zusammenfassend bringt Anderson dies alles mit seiner Definition von Nation auf den Punkt: „Sie ist eine vorgestellte politische Gemeinschaft - vorgestellt als begrenzt und souverän.“33 Diese Gemeinschaft sei ein Verbund von Gleichen, die sich nicht kennen, aber dennoch um ihre Verbindung wissen. Vorgestellt sei sie als begrenzt, weil sie sich in exakt definierten, wenn auch veränderlichen Grenzen befindet. Als souverän wird sie bezeichnet, weil sie, begrifflich in der Revolutions- und Aufklärungszeit entstanden, frei von Bestimmung ist.34

Bei der im nächsten Abschnitt folgenden Analyse bedeutender Faktoren der Schweizer Nationalidentität sollen sich Teile des theoretischen Konzepts Benedict Andersons in den realen Gegebenheiten des schweizerischen Nationalbewusstseins widerspiegeln.

3 Bedeutende Faktoren der Schweizer Nationalidentität heute

Bevor anschließend bedeutende identitätsstiftende Elemente in der heutigen Schweiz analysiert werden, sollten einleitend einige wichtige Aussagen allgemeiner Art zur nationalen Identität in der Schweiz getroffen werden. Dass die Nationalidentität der Schweiz nichts aus der Natur organisch Gewachsenes ist, sondern ein Konstrukt, eine Bricolage, darüber besteht bei Wissenschaftlern heute breiter Konsens.35 Die Schweiz ist das Ergebnis politischen Einheitswillens36, was mit dem häufigen gebrauchten Attribut Willensnation plakativ verdeutlicht wird. Trotz oder gerade wegen dieser Konzeption scheint die schweizerische Identität gefährdet durch kulturelle Zentrifugalkräfte, vermehrte Zuwanderung, zunehmenden Kant ö nligeist und zersplitterte Herrschaftszentren angesichts der starken Kantonsrechte. Doch diese vermeintlichen Schwächen können aus einem anderen Blickwinkel gesehen auch als Stärken begriffen werden, wie z. B. die Mehrdimensionalität der schweizerischen Identität zeigt. So besitzen die Schweizer unterschiedliche Identifikationsrahmen, das heißt man identifiziert sich in verschiedenem Maße mit seiner Gemeinde, dem Kanton, der Nation oder der Sprachgruppe.37 Von dieser Eigenart, hauptsächlich bedingt durch den ausgeprägten Föderalismus, profitiert sowohl die regionale als auch die nationale Identität: „Die immer wieder beschworene Einheit in der Vielfalt macht den Regionalismus nationalistisch und den Nationalismus regionalistisch.“38

Das schweizerische Nationalbewusstsein, das sich aus historischen, kulturellen und politischen Elementen speist39, befindet sich nicht in einer schwerwiegenden Krise. Es handelt sich um ein kleines Tief des Nationalgefühls, das wie der zwischen Deutschschweizern und französischsprachigen Schweizern bestehende R ö stigraben von den Medien zu einem großen Problem stilisiert wird40. So tritt in Zeiten globaler Vernetzung und Verflechtung immer häufiger das Paradoxon auf, dass die nationale Identität an Relevanz im Politikbetrieb gewinnt.41 Unbestritten benötigt gerade die kleine Nation Schweiz eine starke und widerstandsfähige Nationalidentität, um sich in der Konkurrenz mit anderen Staaten durchsetzen zu können.42 Deshalb plädiert Paul Widmer dafür, „die nationalen Interessen gemäss jenen Grundsätzen [zu] verteidigen, mit denen man bisher gut gefahren ist.“43

Folgend steht mit der Erforschung der Mehrsprachigkeit ein Identitätsmerkmal im Fokus, bei dem der Konstruktionscharakter der Schweizer Nation besonders augenfällig ist.

3.1 Mehrsprachigkeit

3.1.1 Entstehung

Die Mehrsprachigkeit der Schweiz hat ihre Wurzeln in den bis ins 16. Jahrhundert zurückgehenden engen Beziehungen der vorwiegend deutschsprachigen Alten Eidgenossenschaft zu französisch- und italienischsprachigen Gebieten. Außerdem galt Französisch unter den in Bern Herrschenden als Modesprache und viele Bauern aus dem eidgenössischen Kerngebiet waren aufgrund ihrer Exporte nach Mailand des Italienischen mächtig.44 In der Helvetischen Republik (1798-1803) wurde das Verhältnis von Nation und Sprache erstmals erörtert, doch erst durch die Bundesstaatsgründung 1848 wurde die Schweiz verfassungsrechtlich ein Staat mit offiziell drei Nationalsprachen. Dieser revolutionäre Akt wurde als Beleg für die nationale Einheit und die Gleichberechtigung sowie aus administrativen und praktischen Gründen getätigt, während ein identitätsstiftender Effekt weder beabsichtigt noch absehbar war.45 Ein Kommunikationsproblem entstand durch die Mehrsprachigkeit nicht, da die Eliten über weitreichende Sprachkenntnisse verfügten.46 Der nationalen Identität des 19. Jahrhunderts ist eine gewisse Sprachgruppenblindheit zu attestieren, da die Mehrsprachigkeit zwar wahrgenommen wurde, die gesamtschweizerischen Themen und Perspektiven aber im Vordergrund standen.47

Um die sogenannte geistige Landesverteidigung gegen die faschistischen Regime in Deutschland und Italien auch sprachlich zu unterfüttern, erfolgte 1938 eine Revision des Sprachenartikels, durch die Rätoromanisch offiziell als Nationalsprache anerkannt wurde. Das Rätoromanische erhielt zwar nicht den Status einer Amtssprache, jedoch setzte die Schweiz ein Zeichen der Einheit und Stärke gegenüber den volkstumsorientierten Ambitionen der Regime nördlich und südlich ihres Landes. Die Sprachenvielfalt wurde erstmals als ein identitäres Charakteristikum der Schweiz entdeckt.48

In den 1980er Jahren traten vereinzelt Probleme zwischen den Sprachgruppen auf, da die Romands die Gefahr einer Majorisierung ihrer Stimme durch die Deutschschweizer sahen und das Rätoromanische von immer weniger Menschen gesprochen wurde. Um den nationalen Zusammenhalt zu stärken, initiierten Abgeordnete erste parlamentarische Initiativen zur Förderung der Verständigung und zum Minderheitenschutz.49 Eine Revision des Sprachenartikels im Jahr 1996 führte erstmals die Begriffe Sprachgemeinschaft und sprachliche Minderheit ein, gewährte dem Rätoromanischen den Status einer Teilamtssprache und nahm die Verständigungsförderung zwischen den Sprachgruppen neu in die Verfassung auf. Die totalrevidierte Bundesverfassung von 1999 enthielt weitere Änderung bezüglich der Sprachenfreiheit und des Territorialitätsprinzips, zwei Konzepte, auf die zu einem späteren Zeitpunkt genauer eingegangen wird.50

Von den heute 26 Kantonen der Schweiz sind 17 deutschsprachig, vier französischsprachig, einer italienischsprachig, während in dreien Französisch und Deutsch die Amtssprachen sind. Der einzige dreisprachige Kanton ist Graubünden, wo Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch als offizielle Sprachen gelten. Die letzte Volkszählung 2000 kam zu dem Ergebnis, dass 63,7 % der Schweizer Deutsch, 20,4 % Französisch, 6,5 % Italienisch und 0,5 % Rätoromanisch als Hauptsprache sprechen.51 Aufgrund dieser Sprachverteilung ist die übermächtige deutschsprachige Mehrheit in der Lage, den Minderheitensprachen Zugeständnisse zu machen, was sich positiv auf alle Sprachgruppen auswirkt.52

Nachdem in dieser kurzen Skizze der Geschichte der Mehrsprachigkeit schon ein paar Details zum bindenden Effekt der Mehrsprachigkeit aufgeführt wurden, steht deren einheitsstiftende Wirkung im folgenden Kapitel gänzlich im Mittelpunkt.

3.1.2 Viersprachigkeit oder Vielsprachigkeit?

Die Schweiz gilt als „’lebendiger Widerspruch zur Idee der Nationalsprache’“53 und trotzdem bildet die in der Verfassung festgeschriebene Viersprachigkeit einen zentralen Topos des nationalen Selbstverständnisses. Sie gilt als ein zu pflegendes nationales Erbe, das maßgeblich zur nationalen Kohäsion beiträgt.

[...]


1 Villiger, Kaspar 2009: Eine Willensnation muss wollen. Die politische Kultur der Schweiz: Zukunfts- oder Auslaufmodell? Zürich, S. 19.

2 Vgl. Oplatka, Andreas 1999: Selbstbild und Fremdbild der Schweiz. In: Heuberger, Valeria u. a. (Hrsg.): Das Bild vom Anderen. Identitäten, Mentalitäten, Mythen und Stereotypen in multiethnischen europäischen Regionen. 2., durchges. Aufl., Frankfurt a. M., S. 239.

3 Vgl. Rohr, Mathieu von 2009: Das Prinzip Kuh. Die Krise der Schweiz ist auch eine Krise der Bilder. In: Der Spiegel. Nr. 47, S. 102f.; Wenger, Andreas/Fanzun, Jon 1998: Schweiz in der Krise - Krisenfall Schweiz. In: Bulletin 1997/1998 zur schweizerischen Sicherheitspolitik. Zürich, S. 33.

4 Vgl. Hauler, Anton 2000: Kontinuität und Wandel der politischen Identität in der Schweiz. In:

Gegenwartskunde. Zeitschrift für Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Bildung. Heft 4, 49. Jg., S. 423f..

5 Kreis, Georg 1998: Nationalismus - ein Produkt der Moderne. In: Bernhard, Roberto (Hrsg.): Jahrbuch „Die Schweiz“ 1998/99. Nationalismen - Hinweise für die Zukunft. Aarau u. a., S. 37f..

6 Vgl. Koller, Arnold 1998: Was hält die Schweiz zusammen? In: Bernhard, Roberto (Hrsg.): Jahrbuch „Die Schweiz“ 1998/99. Nationalismen - Hinweise für die Zukunft. Aarau u. a., S. 81; Hettlage, Robert 1989: Identitätsmanagement im fragmentierten Kleinstaat. In: Haller, Max (Hrsg.): Kultur und Gesellschaft. Verhandlungen des 24. Deutschen Soziologentags, des 11. Österreichischen Soziologentags und des 8. Kongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Zürich 1988. Frankfurt a. M./New York, S. 429.

7 Vgl. Ehs, Tamara 2005: Helvetisches Europa - Europäische Schweiz. Der Beitrag der Schweiz an der europäischen Einigungsidee im Kontext schweizerischer Staats- und Nationswerdung. Frankfurt a. M, S. 72; Kohler, Georg 1998: Die eigensinnige Willensnation und Europas Verfassungslücke. Warum die Schweiz nicht so klein ist. In: Meyer, Martin/Ders. (Hrsg.): Die Schweiz - für Europa? Über Kultur und Politik. München/Wien, S. 26.

8 Vgl. Schoch, Bruno 2000b: Stichwort Nation - am Beispiel der Schweiz. In: Claussen, Detlev u. a. (Hrsg.): Kritik des Ethnonationalismus. Frankfurt a. M., S. 191f..

9 Vgl. Zürcher, Karin 2004: Einbürgerung und Identität - ein (Schein)zusammenhang? In: Steiner, Pascale/Wicker, Hans-Rudolf (Hrsg.): Paradoxien im Bürgerrecht. Sozialwissenschaftliche Studien zur Einbürgerungspraxis in Schweizer Gemeinden. Zürich, S. 172.

10 Vgl. Skenderovic, Damir/Späti, Christina 2008: Identitätspolitik in der vielsprachigen Schweiz. In: Terra cognita. Nr.13, S. 32.

11 Marchal, Guy/Mattioli, Aram 1992: Nationale Identität - allzu Bekanntes in neuem Licht. In: Ders./Ders. (Hrsg.): Erfundene Schweiz. Konstruktionen nationaler Identität. Zürich, S. 18.

12 Knecht, Susanne 1989: Schweizerische Identität: ein Phantombild. Die Wurzeln der sozialwissenschaftlich definierten Identität. In: Gonseth, Marc-Olivier (Hrsg.): Images de la Suisse. Schauplatz Schweiz. Bern, S. 19.

13 Vgl. Koller 1998: 73.

14 Kreis, Georg 1993: Die Schweiz unterwegs. Schlussbericht des NFP 21 „Kulturelle Vielfalt und nationale Identität“. Basel/Frankfurt a. M.; Ders. 1998; Ders. 2002: Schweizergeschichte nur als Nationalgeschichte? Anleitung zum Ausbruch aus dem Käfig der nationalen Historiographie. In: Bosshart-Pfluger, Catherine u. a. (Hrsg.): Nation und Nationalismus in Europa. Kulturelle Konstruktion von Identitäten. Festschrift für Urs Altermatt. Frauenfeld u. a., S. 347-374; Ders. 2004: Kleine Neutralitätsgeschichte der Gegenwart. Ein Inventar

15 Coray, Renata 1999: „Verständigung“ - ein Zauberwort im schweizerischen Sprachendiskurs. In: Medienwissenschaft Schweiz. Heft 2, S. 52-58; Ders. 2004: Die Transformation der Sprachenordnung und des nationalen Imaginären. In: Widmer, Jean u. a. (Hrsg.): Die Schweizer Sprachenvielfalt im öffentlichen Diskurs. Eine sozialhistorische Analyse der Transformation der Sprachenordnung von 1848 bis 2000. Bern, S. 429-478; Ders. 2005: Die Debatten zum Schweizer Sprachenartikel als Spiegel des nationalen Selbstverständnisses. In: Ambühl, Daniela/Zbinden, Marlis (Hrsg.): Sprachendiskurs in der Schweiz. Vom Vorzeigefall zum Problemfall? Bern, S. 131-140.

16 Villiger 2009; Widmer, Paul 2008: Die Schweiz als Sonderfall. Grundlagen - Geschichte - Gestaltung. 2. Aufl., Zürich.

17 Schoch, Bruno 1998: Die Schweiz - ein Modell zur Lösung von Nationalitätenkonflikten? HSFK-Report 2/1998. Frankfurt a. M.; Ders. 2000a: Eine mehrsprachige Nation, kein Nationalitätenstaat - Zum Sprachfrieden in der Schweiz. In: Die Friedens-Warte. Journal of International Peace and Organization. Heft 3/4, S. 349-369; Ders. 2000b; Ders. 2007: Lernen von den Eidgenossen? Die Schweiz - Vorbild oder Sonderfall? In: Osteuropa. Monatszeitschrift zur Analyse von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Zeitgeschichte in Osteuropa, Ostmitteleuropa und Südosteuropa. Heft 11, 57. Jg., S. 27-46.

18 Siehe dazu Kreis 2002.

19 Vgl. Jansen, Christian/Borggräfe, Henning 2007: Nation - Nationalität - Nationalismus. Frankfurt a. M., S. 92.

20 Es muss an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass der in der deutschen Übersetzung verwendete Titel Die Erfindung der Nation irreführend ist und den Vorstellungs- und Konstruktionscharakter von Andersons Ansatz vernachlässigt (siehe z.B.: Jansen/Borggräfe 2007: 92).

21 Vgl. Anderson, Benedict 2005: Die Erfindung der Nation. 2. Aufl., Frankfurt a. M., S. 27-30.

22 Vgl. ebd.: 21-27.

23 Vgl. ebd.: 30- 43.

24 Vgl. Jansen/Borggräfe 2007: 93.

25 Vgl. Kunze, Rolf-Ulrich 2005: Nation und Nationalismus. Darmstadt, S. 76.

26 Vgl. Schoch 2000b: 179f..

27 Kunze 2005: 74.

28 Jansen/Borggräfe 2007: 94.

29 Vgl. Anderson 2005: 163-187.

30 Vgl. Jansen/Borggräfe 2007: 97f.

31 Vgl. Kunze 2005: 11.

32 Vgl. Anderson 2005: 135-139.

33 Ebd.: 15.

34 Vgl. ebd.: 15-17.

35 Vgl. Kreis 1993: 33; Marchal, Guy 1992: Das „Schweizeralpenland“: eine imagologische Bastelei. In: Ders./Mattioli, Aram (Hrsg.): Erfundene Schweiz. Konstruktionen nationaler Identität. Zürich, S. 38.

36 Vgl. Hauler 2000: 424.

37 Vgl. Koller, Werner 2000: Nation und Sprache in der Schweiz. In: Gardt, Andreas (Hrsg.): Nation und Sprache. Die Diskussion ihres Verhältnisses in Geschichte und Gegenwart. Berlin, S. 597.

38 Ernst, Andreas 1998: Vielsprachigkeit, Öffentlichkeit und politische Integration: schweizerische Erfahrungen und europäische Perspektiven. In: Swiss Political Science Review. Heft 4, S. 234.

39 Vgl. ebd.: 228.

40 Vgl. Villiger 2009: 40.

41 Vgl. Kriesi, Hanspeter 2002: Politische Folgen nationaler Identität. Das Beispiel der eidgenössischen Wahlen von 1999. In: Bosshart-Pfluger, Catherine u. a. (Hrsg.): Nation und Nationalismus in Europa. Kulturelle Konstruktion von Identitäten. Festschrift für Urs Altermatt. Frauenfeld u. a., S. 565f..

42 Vgl. Villiger 2009: 21.

43 Widmer 2008: 29.

44 Vgl. Freiburghaus, Dieter/Buchli, Felix 2004: Föderalismus und Mehrsprachigkeit in der Schweiz. In: Jahrbuch des Föderalismus 2004. Bd. 5: Föderalismus, Subsidiarität und Regionen in Europa. Baden-Baden, S. 308f..

45 Vgl. Coray 2005: 131-133.

46 Vgl. Siegenthaler, Hansjörg 1993: Supranationalität, Nationalismus und regionale Autonomie: Erfahrungen des schweizerischen Bundesstaates - Perspektiven der Europäischen Gemeinschaft. In: Winkler, Heinrich August/Kaelble, Hartmut (Hrsg.): Nationalismus - Nationalitäten - Supranationalität. Stuttgart, S. 322.

47 Vgl. Ernst 1998: 228, 230.

48 Vgl. Coray 2005: 134-136.

49 Vgl. ders. 2004: 442-445.

50 Vgl. ders. 2005: 136-138.

51 Vgl. Kreis 2008: 343.

52 Vgl. Freiburghaus/Buchli 2004: 310

53 Koller 2000: 569.

Details

Seiten
41
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640818563
ISBN (Buch)
9783640821839
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166196
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Schweiz Nationalismus Nationalidentität Benedict Anderson

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Titel: Bedeutende Bestandteile der Schweizer Nationalidentität in der Gegenwart