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Der Amerikanische Bürgerkrieg im Hollywood-Film

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 55 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der amerikanische Bürgerkrieg und die politische Kultur der USA

3. Das Verhältnis von Film und Gesellschaft

4. Der Bürgerkriegsfilm – Definition und Abgrenzung

5. Filmanalysen
5.1. The Birth of a Nation (1915)
5.1.1. Inhaltsangabe
5.1.2. Produktionsumfeld
5.1.3. Analyse
5.2. Gone with the Wind (1939)
5.1.1. Inhaltsangabe
5.1.2. Produktionsumfeld
5.1.3. Analyse
5.3. Gettysburg (1993)
5.1.1. Inhaltsangabe
5.1.2. Produktionsumfeld
5.1.3. Analyse

6. Ergebnis

7. Anhang
7.1. Literaturangaben
7.2. Bildquellen
7.3. Filmographie
7.4. Diagramme

1. Einleitung

Die meisten Kriegsfilme des 20. Jahrhunderts haben sich mit zeitgenössischen Konflikten beschäftigt[1]. Diese Tatsache liegt in der besonderen Wirkungsweise von Kinofilmen begründet. So findet die eigentliche Handlung nicht auf der Leinwand, sondern im Kopf der Zuschauer statt[2]. Die Erinnerungen, Lebensbilder und Gefühle jedes Einzelnen werden durch die fiktionalen Projektionen ganz individuell angesprochen. Millionen von Menschen sehen sich daher zwar ein und denselben Film an, werden jedoch ganz unterschiedliche Erfahrungen dabei machen.

Da der Mensch in der Regel nicht völlig isoliert lebt, werden seine Erinnerungen und Bewusstseinslagen auch von der ihn umgebenden Gesellschaft geprägt. Dabei wird er mehr oder weniger gezwungen, gewisse Selbstverständnisse anzunehmen. Ebenso wie einzelne Personen durch persönliche Erlebnisse geprägt werden können, gehen auch historische Ereignisse nicht spurlos an den sie betreffenden Gesellschaften vorbei.

Dies ist vor allem für kriegerische Konflikte zu konstatieren, welche den Menschen und seine Gesellschaft bis zur äußersten Konsequenz, der völligen Vernichtung, führen können. Doch bedürfen auch diese existentiellen Erfahrungen der stetigen Pflege und Weitergabe an die nachfolgende Generation, da der Mensch vergesslich und schließlich auch sterblich ist. Trotzdem gehen diese Erfahrungswerte je nach Intensität der Kriege mit der Zeit verloren. So ist z.B. die Beschäftigung mit dem Vietnamkrieg in den USA nach einer letzten Hochphase bereits Anfang der 90er Jahre schlagartig wieder abgeklungen[3].

Dieser Feststellung scheint jedoch der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 auf den ersten Blick zu wiedersprechen. Immer wieder wurde der Konflikt in großen Filmproduktionen aus Hollywood verarbeitet, obwohl die Kampfhandlungen in der Frühzeit des Kinos um die Jahrhundertwende bereits mehr als 35 Jahre zurücklagen. Genauso überraschend ist es, dass dieser Konflikt nicht nur immer wieder den geeigneten Hintergrund für viele fiktionale Geschichten bildete, sondern zudem stets Zuschauer fand, welche bereitwillig in die Kinos strömten[4].

Doch muss man sich stets vergegenwärtigen, dass es nicht dieselben Menschen waren, welche immer wieder in die Kinos gingen, um sich mit dem Bürgerkrieg zu beschäftigen. Die Zuschauer und auch die Produzenten der Filme unterschieden sich von ihrer Vorgängergeneration zumeist total in ihren gemeinsamen Erfahrungswerten und Wüschen. Gleichwohl war es immer wieder der Bürgerkrieg, auf den sie ihre Vorstellungen projizierten.

Diese Hausarbeit soll sich daher im Kontext des Hauptseminars „Der Amerikanische Bürgerkrieg“ mit der Darstellung desselbigen im amerikanischen Kinofilm des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Die zentrale Fragestellung dabei lautet, auf welche Weise sich Hollywood mit dem Konflikt von 1861 bis 1865 beschäftigt hat? Welche gesellschaftlichen Vorstellungen haben sich in den unterschiedlichen Dekaden des Bruderkrieges bedient, um ihren Weg in die Köpfe der Zuschauer zu finden?

Gerade der letztgenannte Aspekt wirft darüber hinaus auch die Frage nach Kontinuität und Wandel der dargestellten Bewusstseinslagen auf. Gibt es in der amerikanischen Bevölkerung feste Prinzipien und Werte, welche ihren Weg durch das Jahrhundert gefunden haben und immer noch präsent sind, oder verbindet jede Generation andere Vorstellungen mit dem Bürgerkrieg?

Zuerst ist es im Rahmen dieser Hausarbeit daher notwendig, sich mit dem historischen Ereignis „Amerikanischer Bürgerkrieg“ und dessen Stellung innerhalb der politischen Kultur der USA zu beschäftigen. Dabei stützt sich diese Untersuchung auf einige Handbücher und Standardwerke zur Politik und Ideologie der Vereinigten Staaten[5]. Mit deren Hilfe werden die entsprechenden Charakteristika der amerikanischen politischen Kultur herausgearbeitet, welche im Folgenden die Eckpunkte der Analyse bilden. In diesem Kontext müssen zudem auch die Mythen und nationalen Legenden der USA berücksichtigt werden.

Im dritten Kapitel stehen dagegen die komplexen Beziehungen zwischen Film und Gesellschaft im Vordergrund. So soll gezeigt werden, dass dieses Medium nicht bloß die Gesellschaft wiederspiegelt, sondern auch unser Verhältnis zu ihr prägt. Aus diesem Grund bildet das Medium Film für den Historiker ein geeignetes Untersuchungsobjekt, welches in der Wissenschaft jedoch noch immer zu wenig Beachtung findet. Daher ist die Literatur, besonders im Bereich der Geschichtswissenschaften, alles andere als ausreichend.

Folglich muss im weiteren Verlauf das Genre „Bürgerkriegsfilm“ noch genauer definiert und im Vergleich mit anderen Filmgattungen in der umfassenden Gruppe der Kriegsfilme abgegrenzt werden. Dies ist vor allem gegenüber dem Westerngenre notwendig, das nicht nur zeitlich sehr eng mit dem Bürgerkriegsfilm verbunden zu sein scheint.

Erst nach diesen umfangreichen Vorbemerkungen ist es möglich, zum eigentlichen Schwerpunkt der Arbeit vorzustoßen. Das Kapitel der Filmanalysen offenbart allerdings das Dilemma der Untersuchung. Da es nicht möglich ist, sich mit allen Filmen zu beschäftigen, auf welche die Definition des „Bürgerkriegsfilms“ zutrifft, wird eine gezielte Beschränkung erforderlich. Im Rahmen einer Hauptseminarsarbeit scheint der Vergleich von drei zeitlich weit auseinander liegenden Filmen die beste Lösung zu sein.

Neben den praktischen Aspekten wie der Beschaffbarkeit stellt sich nun allerdings die Frage nach den Auswahlkriterien. So sollten die drei Kandidaten einen exemplarischen Charakter für ihre Zeit besitzen und möglichst wirkungsmächtig gewesen sein. Der letztgenannte Aspekt erweist sich jedoch wiederum als Problem. Auf welche Weise kann man die Wirkungsmächtigkeit von Kinofilmen empirisch bestimmen? Sollte man sich hier nach den Zuschauerzahlen, dem Presseecho oder den unzähligen Kritikerpreisen richten?

Es wäre an dieser Stelle zu müßig, alle Vor- und Nachteile der drei Möglichkeiten aufzuzählen, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass alle drei unzureichend sind. Da sich die Wirkung von Filmen im Kopf der Menschen abspielt, sind die Chancen, diese im großen Maßstab empirisch zu erfassen, sehr gering. Daher wurden bei der Auswahl der im Folgenden zu analysierenden Filme alle bereits genannten Kriterien berücksichtigt. Wohlwissend, dass es bisher unmöglich ist, die Wirkungsmächtigkeit von Filmen definitiv zu bestimmen.

Alle drei im Rahmen der Hausarbeit untersuchten Filme, „The Birth of a Nation“ aus dem Jahr 1915, „Gone with the Wind“ aus dem Jahr 1939 und „Gettysburg“ aus dem Jahr 1993, wurden zu den Trendsettern des Bürgerkriegsgenres und sind damit als exemplarisch für ihre Zeit anzusehen. Neben den langen zeitlichen Abständen liegen auch historische Ereignisse, welche die amerikanische Gesellschaft nachhaltig geprägt haben, zwischen den einzelnen Premieren. Zudem sind allen drei Produktionen ein großer finanzieller Erfolg und zahlreiche Zuschauer zu attestieren. Auch wurden die beiden älteren Filme von einem bisher im Kontext einer Filmpremiere noch nie da gewesenen Presseecho begleitet und mit unzähligen Kritikerpreisen überhäuft.

Nach den Filmanalysen in chronologischer Reihenfolge sollen im letzten Kapitel die festgestellten Verknüpfungen zur politischen Kultur der USA, die erzeugten Vorstellungen und Bewusstseinslagen noch einmal zusammenfassend in ihrer Wandlung oder ihrer Kontinuität aufgeführt werden. Vielleicht gelingt es am Schluss sogar, die grundlegenden Linien einer Entwicklung des Bürgerkriegsfilms von der Jahrhundertwende bis in die Gegenwart zu skizzieren.

2. Der amerikanische Bürgerkrieg und die politische Kultur der USA

Die Vereinigten Staaten vermitteln dem ausländischen Betrachter auf den ersten Blick das Bild eines dynamischen, kulturell und ethnisch vielfältigen und sich ständig verändernden Landes. Dagegen überrascht die Feststellung, dass sich die politische Kultur der USA durch eine beinahe ungebrochene Kontinuität auszeichnet, was sowohl ihre Theorie als auch die praktische Umsetzung betrifft.

Dabei ist jedoch zu beachten, dass die im Folgenden skizzierten Charakteristika in ihrer Gesamtheit selten anzutreffen sind. Die Gründe dafür sind in der großen Anzahl der Traditionen mit zahlreichen Haupt- und Nebenströmungen sowie in den starken regionalen und ethnischen Unterschieden zu suchen. Dennoch ist es der politischen Kulturforschung in den letzten Jahrzehnten gelungen, einige dominante Muster herauszuarbeiten.

Im Kontext dieser Untersuchung stützt sich die vorliegende Arbeit dabei im Wesentlichen auf die von Seymour Martin Lipset[6] und Peter Lösche festgestellten Merkmale der amerikanischen Ideologie. Der letztgenannte Begriff steht in diesem Zusammenhang für das gesamte Denk-, Wertungs- und Normensystem einer Gesellschaft. Seine Bedeutung im pejorativen Sinne als Oberbegriff für weltfremde Dogmatismen und einseitige, interessensverzehrte Weltkonzepte, welche alle gesellschaftlichen Probleme auf sehr wenige oder nur eine einzige Ursache zurückführen, spielt daher an dieser Stelle keine Rolle.

Zu den von beiden Autoren festgestellten Prinzipien der amerikanischen Ideologie gehören Demokratie, Freiheit, Kritik, Individualismus und ein ungebrochener Fortschrittsglaube. Deren Ausgestaltung zeigt sich bereits in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der Verfassung vom 17. September 1787, welchen beinahe eine religiös-kultische Verehrung entgegengebracht wird. Die entgültige Ausprägung findet sich dann spätestens bei Abraham Lincoln, der in seiner berühmten Ansprache vom 19. November 1863 auf dem Schlachtfeld in Gettysburg die Grundlagen des amerikanischen Selbstverständnisses formulierte.

Das Prinzip der Demokratie bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem Rechtsstaatlichkeit und die politische Mitbestimmung des Einzelnen, welche sich besonders in den plebiszitären Elementen der Verfassung und im lokalen Bereich zeigt. Die Rechtsstaatlichkeit orientiert sich dabei an einem sehr negativen Freiheitsbegriff, d.h. an der Vorstellung, dass jeder Mensch vor dem unberechtigten Zugriff anderer oder des Staates geschützt werden muss. Dabei setzt dieses Rechtsbewusstein nicht immer die Existenz juristischer Institutionen voraus, sondern formuliert öfters auch den Anspruch auf die eigene Verteidigung der Rechte.

„Daraus resultiert nicht nur der Wunsch nach einer eigenen Waffe im Haus, mit der man Leben und Besitz verteidigen will, [...] sondern [...] auch eine im internationalen Vergleich sehr hohe Kriminalitätsrate, die ebenso wie die geringe Schuldisziplin und die niedrige Wahlbeteiligung nur die andere Seite der Medaille eines dominanten kulturellen Individualismus ist.“[7]

Auch im Begriff der Freiheit, welcher die beiden englischen Bezeichnungen „liberty“ und „freedom“ vereint, zeigt sich der Individualismus als absolut dominantes Muster. Dazu kommt, dass dieses Element nach Lösche wohl am stärksten von allen Merkmalen der politischen Kultur der USA überhöht worden ist[8]. Im amerikanischen Freiheitsbegriff ist zudem die Vorstellung von der unbeschränkten geographischen und sozialen Mobilität des Einzelnen sowie das Widerstandsrecht gegenüber dem Staat enthalten.

Dieser negative Freiheitsbegriff ist vor allem auf das liberale politische Denken John Lockes (1632-1704) zurückzuführen. Seine Kernaussage besteht darin, dass die Einmischung des Staates und der Gemeinschaft die Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums einengt und damit die prinzipiell gleiche Chance auf Erfolg, Aufstieg und Reichtum eines jeden verzerrt[9]. Daher gründet sich eine so verstandene Freiheit primär auf Abwehrrechten.

Für den Republikanimus dagegen beruht die Freiheit im Wesentlichen auf der Bürgertugend, also der Bereitschaft des Einzelnen, das Gemeinwohl höher zu stellen als seine privaten Belange. Diese Auffassung führt folgerichtig ebenfalls zu der Erkenntnis, dass die Freiheit verteidigt werden muss. Hier ist es jedoch die Gefahr des ungezügelten Individualismus, der die Menschen dazu verführt, das Gemeinwohl zu vernachlässigen. So versteht sich der republikanische Mensch immer auch als politischer Bürger.

Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Freiheitsvorstellungen werden in den USA durch den Kampf gegen Institutionen oder Personen, welche die Freiheit des Einzelnen einschränken, ohne große Probleme miteinander verbunden. Denn nur in der (lokalen) Gemeinschaft kann es dem Bürger gelingen, seine Freiheit gegenüber anderen Autoritäten, welche seiner Meinung nach keine moralische Legitimation aufweisen, zu verteidigen.

Sich durch Gegenwehr oder Mobilität der nächsthöheren Kontrolle zu entziehen, begründet zudem das Prinzip der skeptischen Kritik gegen jeder Art der unverhältnismäßigen Machtanhäufung. Das Misstrauen gegenüber Autoritäten prädestiniert den Bürger dabei für alle Formen des zivilen Ungehorsams. Doch neben dem grundsätzlichen Misstrauen weiter Teile der Bevölkerung gegen das „big government“ ist in Krisenzeiten immer wieder eine Akzeptanz für sozialstaatliche Muster vorhanden[10]. Diese stoßen jedoch erneut auf eine breite Front der Ablehnung, sobald die Regierungstätigkeit über die Absicherung der Rahmenbedingungen für die Entfaltung der Individuen hinausgeht.

Eine weitere Besonderheit des amerikanischen Individualismus ist sein Verhältnis zum persönlichen Eigentum. So schließt der Begriff nicht nur die Selbstverwirklichung des Bürgers in seinen religiösen und geistigen Bedürfnissen, sondern auch den Lockeschen Eigentumsbegriff mit ein. „Die einzelne Persönlichkeit konstituiert sich überhaupt erst dadurch, dass zu ihr Eigentum gehört.“[11] Daneben zeigt sich der starke Individualismus in den USA auch in der zunehmenden Personalisierung der Politik, welche politische Programme und Parteien in den Hintergrund treten lässt. Doch die sogenannten „Leadership“-Qualitäten werden nicht nur vom Präsidenten, sondern von allen Führungspersonen verlangt.

Als letztes gehört auch der, von den heutigen Europäern zumeist als beunruhigend empfundene, ungebrochene Fortschrittsglaube zu den wesentlichen Merkmalen der amerikanische Ideologie, welcher sich meist mit einer tiefen Religiosität verbindet. So gipfelt dieser Glaube zuweilen in einem Missionarismus, in welchem die USA zum idealen Land („god`s own country“) verklärt wird.

In diesem Zusammenhang ist in der amerikanischen Geschichte immer wieder der Kreuzzugsgedanke aufgetaucht. Ob gegen das „Reich des Bösen“ oder für Freiheit und Demokratie, wer zu Kreuzzügen aufbricht, glaubt einen von Gott gegebenen Auftrag zu haben, der in einem historischen Prozess verwirklicht wird.

Die nationale Identität der Amerikaner besteht daher nicht aus gemeinsamen Vorfahren, Kultur, Geschichte und Sprache, sondern begründet sich in den Grundwerten der Nation wie Freiheit, Gleichheit und Volkssouveränität. Da die meisten Prinzipien der amerikanischen Ideologie relativ undifferenziert und unscharf bleiben, war es ihnen in der Vergangenheit möglich, in der kulturell, gesellschaftlich und ethnisch so heterogenen Bevölkerung einen breiten Konsens zu stiften. Daher wirkt die politische Kultur der Vereinigten Staaten quasi als Integrationsideologie.

Doch gerade der im Zentrum dieser Untersuchung stehende Bürgerkrieg schien das deutlichste Zeichen für den Niedergang dieser, die einzelnen Landeteile verbindenden, Ideologie zu sein. Dabei bedeutete eine solche Entwicklung jedoch nicht zwingend den gleichzeitigen Untergang der einzelnen Merkmale. Gerade in der unmittelbaren Vorkriegszeit wurde auf diese Prinzipien wieder verstärkt von beiden Seiten zurückgegriffen, um die jeweiligen Positionen mit den bisherigen politischen Traditionen zu legitimieren.

Das entscheidende Problem bestand allerdings darin, dass die Vereinigung der beiden gegensätzlichen Freiheitsbegriffe nicht mehr zu gelingen schien. Die nördlichen Republikaner sahen den Zeitpunkt gekommen, die durch den rücksichtslosen Individualismus gefährdete Freiheit zu retten, während der Süden seinen liberale Freiheitsbegriff durch eben diese Rettungsbemühungen von der Zentralregierung in Washington bedroht sah.

Während des Krieges stritt man zwar um diese unterschiedlichen Vorstellungen, aber erst nach der Beendigung der Kampfhandlungen fühlten sich die Bürger des Südens in ihrem traditionellen Freiheitsbegriff tatsächlich bedroht. Die radikalen Republikaner versuchten mit der Reconstruction Politik[12] ihre Mitbürger wieder zu verantwortungsbewussten Menschen zu erziehen, denen das Gemeinwohl wichtiger als ihre persönlichen Ziele sein sollte. Dabei griff man auf eine bisher nie da gewesenen Machtfülle der Zentralregierung in Washington zurück und entmachtete die Einzelstaaten des Südens völlig.

Deren Einwohner fanden ihre Befürchtungen aufs Schlimmste bestätigt vor und beriefen sich auf das fundamentale Recht, sich durch Passivität und Gegenwehr dem Staat zu entziehen. So wurde von ihnen der Standpunkt eingenommen, dass dem individuellen Gewissen die höchste Autorität zukommt. Die extremste Ausprägung des negativen Freiheitsbegriffes und des individuellen Rechtsbewusstseins stellte sicherlich der Ku Klux Klan dar, der sich ganz der Selbstjustiz und dem Kampf gegen die Zentralregierung verschrieben hatte.

Dass der Süden sich schlussendlich durchsetzten konnte, ist auf die starke Ausprägung des Individualismus auch im Norden zurückzuführen, der die nachfolgende Epoche des sogenannten „Gilded Age“ in besonderer Weise kennzeichnete. So wandte man sich schon bald wieder den eigenen persönlichen Problemen zu und akzeptierte die weiterhin gespaltene Gesellschaft des Südens.

Folglich kann man für die USA nach dem Bürgerkrieg zwar von einer „rebirth of freedom under God“ sprechen, jedoch nicht im Sinne des Verfassers. Für die nächsten Jahrzehnte sollte nämlich der negative (südliche) Freiheitsbegriff die politische Kultur der Vereinigten Staaten dominieren.

3. Das Verhältnis von Film und Gesellschaft

Zuerst soll an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die politische Kultur der USA kein Produkt der Unterhaltungsindustrie ist. Die amerikanische Ideologie ist durch eine Vielzahl von gemeinsamen Vorstellungen und Erwartungen geprägt worden, die erst allmählich in die Gesellschaft eingedrungen sind. Ein solcher Vorgang setzt große historische Zeiträume voraus und beginnt bereits lange vor der eigentlichen Staatswerdung.

Dennoch kann der Kinofilm als wirkungsmächtiges Medium zahlreiche Denkanstöße liefern. Obwohl sich die Handlung und die eigentliche Botschaft erst im Zusammenspiel mit den individuellen Bewusstseinslagen bildet, hat der Produzent doch eine große Anzahl an Möglichkeiten, die entstehenden Vorstellungen zu beeinflussen. Dabei stehen ihm auf Grund der Beschaffenheit des Mediums Film mehrere Ebenen zu Verfügung. So kann er z.B. durch das geschickte Zusammenspiel von Bild und Musik oder den jeweiligen Bildausschnitt ganz gezielt die Gedanken des Publikums in eine gewisse Richtung lenken.

Trotzdem ist ein Film alleine nicht in der Lage, Veränderungen in einer Gesellschaft zu bewirken. Er muss zumindest auf eine breite Akzeptanz stoßen, welche widerrum eine vorherige Beschäftigung mit der jeweiligen Problematik voraussetzt. Zum Beispiel kann ein Propagandafilm des Dritten Reiches noch so viel Heimatromantik entfalten: Wenn der Zuschauer das Kino verlässt und mit der Wirklichkeit der bombardierten Städte konfrontiert ist, versagt seine ursprünglich intendierte beruhigende Wirkung.

Dennoch ist es falsch anzunehmen, der Film fungiere nur als Spiegel der Gesellschaft. Er ist zudem in der Lage, durch die bewusste und unbewusste Darstellung von Geschichte gesellschaftliche und politische Entwicklungen zu verstärken und zu formen. So konnte das Kino im 20. Jahrhundert Kriege retrospektiv legitimieren oder ihnen ihre moralische Rechtfertigung absprechen. Mit den jedoch immer länger werdenden Produktionszeiten hat der spezifisch auf einen Konflikt bezogene Film allerdings kaum mehr eine Chance gegenüber den schnelleren Medien[13].

Für den Historiker stellt sich natürlich die Frage, ob man mit Hilfe von Filmen überhaupt eine verlässliche Aussage über das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihrer Vergangenheit treffen kann. Die Brisanz dieser Frage verschärft sich noch einmal, wenn man fiktionale Filmstoffe ins Zentrum der Untersuchung stellt. Im Gegensatz zu (Propaganda-)Dokumentationen, welche zumeist in enger Verbindung mit einer expliziten politischen Botschaft stehen, liegt das eigentliche Interesse des Spielfilms in der Unterhaltung.

Der Regisseur ist in seinen Gestaltungsmöglichkeiten völlig frei und muss keinem staatlichen Anspruch Rechnung tragen[14]. Dennoch genießen die Produzenten, welche sich mit historischen Stoffen beschäftigen bzw. diese als Hintergrund für ihre Geschichten benutzen, keine totale Gestaltungsfreiheit. Der Realismus ist besonders in Hollywood stets eine ästhetische Kategorie gewesen, die eng mit dem Medium Film verbunden ist. Darunter versteht man jedoch nicht die genaue historische Exaktheit, wohl aber die etwaige Richtigkeit des Gezeigten, wobei meist die Ansprüche der Zuschauer den Grad der Bemühungen bestimmen.

Der fiktionale Historienfilm lebt im Gegensatz zur Dokumentation nicht primär durch eine Abfolge von historischen Ereignissen. Vielmehr hebt er besonders die sinnlichen Aspekte der jeweiligen Zeit hervor, die sogenannten Schaueffekte. Dazu gehören die Lebensverhältnisse, gesellschaftliche Normen und die kulturelle Formensprache. Zuschauerinteresse kann eine fiktionale Geschichte allerdings nur dann gewinnen, wenn in ihr Konflikte menschlicher oder psychologischer Natur ausgetragen werden und die Protagonisten und Antagonisten gegensätzliche Positionen verfolgen.

Nicole Weigel-Klinck nennt in ihrer Arbeit zum Vietnamkrieg im Hollywoodfilm mehrere Gründe für die komplexen Beziehungen zwischen Film und Gesellschaft[15]. Ein Film ist, im Gegensatz zur Literatur, immer das Produkt eines Teams, obwohl es auch hier besonders einflussreiche Personen gibt. Er reflektiert damit stets heterogene Interessen und Neigungen. Zudem richtet sich der populäre Film immer an die anonyme Masse, da auch für ihn die Gesetze des Marktes gelten. Er zielt damit auf die Befriedigung kollektiver Bedürfnisse ab, und seine Produzenten müssen folglich ein Gespür für die Bewusstseinslagen der Bevölkerung entwickeln. So sind die bewussten politischen Aussagen der Hollywoodfilme zumeist auf den Bereich des Konsensfähigen konzentriert.

Um diese wirtschaftlich sehr einträgliche Unabhängigkeit zu erhalten bzw. darauf Einfluss zu nehmen, haben sich Hollywood und Washington bereits seit den 20er Jahren einen harten Kampf geliefert. Während die Filmindustrie immer wieder zum Objekt politischer Initiativen wurde, gelang es den Produzenten, gleichzeitig einen wirkungsvollen Lobbyismus in Washington aufzubauen[16].

Filme wirken also im Modus der Unterhaltung identitätsverstärkend und fungieren damit als eine wichtige Instanz politischer Sozialisation. Zugleich reflektieren sie die bereits existenten Vorstellungen in der Gesellschaft und bringen sie bewusst oder unbewusst zum Ausdruck. Daher eignet sich der Spielfilm gerade für den Historiker als Quelle zur gesellschaftlichen Stimmungslage einer Nation. Stefan Reinecke hat den fiktionalen Film zurecht als „Seismograph politisch-ideologischer Stimmungen“[17] bezeichnet.

Die Wirkung des Films übersteigt dabei die aller bisherigen Medien, vielleicht mit Ausnahme des Fernsehens. Er bietet dem Zuschauer ein hohes Maß an Identifikation mit dem filmischen Akteur an und sorgt zugleich für ein verbindendes kollektives Erlebnis im Kinosaal. So bleibt abschließend mit den Worten Steven Spielbergs zu sagen: „Das Kino ist eine viel größere Macht als die Literatur. Zum einen, weil viel mehr Leute Zugang zum Kino haben. Zum anderen, weil ein Bild soviel sagt wie tausend Worte.“[18]

4. Der Bürgerkriegsfilm – Definition und Abgrenzung

Betrachtet man die Bürgerkriegsfilme als ein eigenständiges Genre, stellt sich unweigerlich die Frage nach einer konkreten Definition. Obwohl die Filme, welche den Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 und seine Auswirkungen thematisieren, zu der großen Gruppe der Kriegsfilme gerechnet werden können, weisen sie doch erhebliche Unterschiede zu den typischen Vertretern dieses Genres auf. So befassen sie sich auf eine völlig andere Weise mit dem Thema eines militärischen Konfliktes.

Zum einen schildern die meisten Kriegsfilme des 20. Jahrhunderts zeitlich nahe liegende Konflikte. Daher hat sich der Stil der Filme der modernen Kriegsführung, besonders der des Zweiten Weltkrieges, angepasst. Diese kann man jedoch nicht ohne weiteres auf einen Konflikt des 19. Jahrhunderts übertragen. Auch wenn der Bürgerkrieg bereits viele Merkmale eines modernen Konfliktes in sich vereinte.

Des weiteren standen sich in den Konflikten seit 1865 stets US-Amerikaner und Ausländer gegenüber. So konnte sich ein festes Freund-Feind Schema etablieren, welches erst in den letzten Jahren allmählich durchbrochen wird[19]. In einem Bürgerkrieg begegnen sich nun jedoch auf beiden Seiten Amerikaner. Dies erfordert von den Regisseuren und vor allen Dingen den Drehbuchautoren ein fundamentales Umdenken. Klassische Kategorien des Kriegsfilmes sind an diesem Punkt zum Scheitern verurteilt.

Auch der bisher das Selbstverständnis der Amerikaner prägende Krieger- und Kriegsmythos scheint an dieser Stelle problematisch. Er zeichnet sich nach Nicole Weigel-Klinck durch vier stets präsente Prinzipien aus[20]:

1. Die Amerikaner stehen immer auf der moralisch korrekten Seite.
2. Die US-Soldaten gewinnen fast alle Schlachten und jeden Krieg.
3. Es gibt eine klare Trennung zwischen Gut und Böse.
4. Der Krieg erscheint nicht richtig gefährlich, meist überlebt der Held.

Beabsichtigt man nun, dieses klassische Erzählungsmuster beizubehalten, ist man gezwungen, eine der beiden Bürgerkriegsparteien herabzuwürdigen. Dass sich dies für den Erfolg des Filmes eher als hinderlich erweisen würde, benötig an dieser Stelle sicherlich keine weiteren Erläuterungen mehr.

Anders als in Europa wurden die Konflikte in der „Neuen Welt“ im 19. Jahrhundert stets als angebliche Konfrontationen zwischen der zivilisierten Welt und unzivilisierten Barbaren aufgefasst. Dieses Bild des Gegners hat sich über den Western, die Filme über den Krieg im Pazifik bis hin zu den frühen Vietnamfilmen erhalten. Für den filmischen Kriegschauplatz Bürgerkrieg erweist es sich jedoch ebenfalls als unbrauchbar.

Aus diesem Grund ist der Bürgerkriegsfilm auch vom traditionellen Western abzugrenzen. Obwohl dieser zeitlich eng mit dem Bürgerkrieg zusammenfällt und auch diverse filmische Überschneidungen bestehen[21], bietet der Western dem Zuschauer ganz andere Vorstellungen an. Der zentralen Rolle der „Frontier“, der geographischen und ideologischen Grenze zwischen der Zivilisation und der Wildnis, welche die Basis der identitätsstiftenden US-amerikanischen Legende bildet, ist im Bürgerkriegsfilm keine weitreichende Bedeutung beigemessen.

[...]


[1] Diese Aussage wird durch eine vom Autor in einem anderen Zusammenhang vorgenommene Untersuchung belegt. Siehe dazu Kapitel 7.4.

[2] Zur psychologischen Wirkungsweise von Kinofilmen bietet das Werk von Dirk Blothner „Erlebniswelt Kino – Über die unbewusste Wirkung des Films“ eine gute Einführung.

[3] In diesem Zusammenhang sei auf die Arbeit von Stefan Reinecke „Hollywood goes Vietnam – Der Vietnamkrieg im US-amerikanischen Film“ verwiesen.

[4] So wurden sowohl „Birth of a Nation“ als auch „Gone with the Wind“ zum bis dato finanziell erfolgreichsten Film.

[5] Zum Beispiel: Andreas Dörner „Politische Kultur und Medienunterhaltung“, Peter Lösche „Amerika in Perspektive – Politik und Gesellschaft der Vereinigten Staaten“.

[6] Seymour Martin Lipset „American Exeptionalism: a double-edged sword“.

[7] Dörner S.217.

[8] Lösche S.280.

[9] Dörner S.219.

[10] Als ein Beispiel sei an dieser Stelle die Politik des „New Deal“ unter Franklin D. Roosevelt nach der großen Depression in den 30er Jahren genannt, welche zu Beginn großteils auf positive Zustimmung in der Bevölkerung stieß.

[11] Lösche S.282.

[12] Die Bezeichnung Reconstruction (engl. für Wiederaufbau) wurde zum Begriff für die Politik der Besetzung und Wiedereingliederung der Südstaaten in die Union, welche nach dem Ende des Krieges begann. Soziale, wirtschaftliche und politische Probleme standen allerdings der Eingliederung entgegen. Durch den Abzug der Besatzungstruppen wurde die Politik der Reconstruction 1877 formell abgeschlossen. Quelle: Microsoft Encarta `99 Enzyklopädie.

[13] Zum Beispiel Fernsehen, Internet.

[14] Davon ausgenommen sind natürlich Spielfilme, die von staatlicher Seite in Auftrag gegeben, oder durch eine rigide staatliche Zensur in ihren Grundaussagen beeinflusst wurden.

[15] Nicole Weigel-Klinck „Die Verarbeitung des Vietnam-Traumas im US-amerikanischen Spielfilm seit 1968“ S.19-20.

[16] Dörner S.235.

[17] Stefan Reinecke „Hollywood goes Vietnam“ S.12.

[18] Andrew Yule „Steven Spielberg – Die Eroberung Hollywoods“ S.359.

[19] Als Beispiel für diese Entwicklung kann man Oliver Stones „Heaven and Earth“ aus dem Jahr 1993 anführen, in dem der Vietnamkrieg aus der Sicht einer Vietnamesin geschildert wird.

[20] Weigel-Klinck S.16.

[21] So z.B. in Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ aus dem Jahr 1990, in dem die Vorgeschichte des Protagonisten im Bürgerkrieg angesiedelt ist.

Details

Seiten
55
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640819850
ISBN (Buch)
9783640822997
Dateigröße
4.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166158
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Geschichts- und Kulturwissenschaften - Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
amerikanische bürgerkrieg hollywood-film

Autor

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