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Die Leistungsfähigkeit der deutschen Entwicklungspolitik und ihr Ansehen im Spiegel der (medialen) Öffentlichkeit

Ein Überblick

Seminararbeit 2010 40 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die deutsche Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit und die Kritikpunkte – eine kurze Einführung

3. Bewertung der Entwicklungszusammenarbeit in der deutschen Öffentlichkeit
3.1 Bewertung und Kenntnisstand seitens der deutschen Bevölkerung
3.2 „Mainstream“ der Fachöffentlichkeit zur deutschen Entwicklungszusammenarbeit
3.3 Bonner Aufruf
3.3.1 Forderungen der Initiative
3.3.1 Kritik am Bonner Aufruf

4. Bewertung der Entwicklungszusammenarbeit in den deutschen Medien
4.1 taz
4.2 Die Zeit
4.3 Charakterbild der Minister

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Als ich in das Paul-Löbe-Haus kam und am Eingang sagte, ich möchte zum AwZ , fragte mich der Kollege an der Pforte ‚AwZ, was ist das?’ Er kannte die Abkürzung offensichtlich nicht“, sagte Michael Kleine vom katholischen Hilfswerk Misereor. Er wollte den Mitgliedern des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die an diesem Tag im Jahr 2004 in jenem Paul-Löbe-Haus, einem Parlamentsgebäude im Berliner Regierungsviertel, zusammenkamen, vermitteln, dass es an einer Kommunikationsstrategie in der Entwicklungspolitik mangele und dass man das Bewusstsein der Menschen für die Aufgabe einer globalen Vision – etwa im Sinne der Millenniumsentwicklungsziele - schärfen müsse.[1] In der gleichen öffentlichen Anhörung machte Michael Krzeminski, Professor der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg deutlich, dass es eine Verbesserung der Public-Relations geben müsse, „eine Professionalisierung der gesamten Informations- und Kommunikationstätigkeit,[2] woraufhin Conny Mayer von der Unionsfraktion entgegnet, man sei nicht zusammenkommen, um zu überlegen, wie man das Geld der Entwicklungshilfe künftig anders ausgeben könne. Es gehe ihm darum, wie man mit den vorhandenen Ressourcen eine bessere Öffentlichkeitsarbeit hinkriege. Und unter den Parlamentariern gibt es auch Resignation. „Ich glaube wir sind nicht sexy genug, wir sind nicht attraktiv genug“[3], sagt etwa Ulrich Heinrich (FDP) und auch Karin Kortmann (SPD) fragt sich, ob die AwZ-Mitglieder nicht telegen genug seien – oder aber, und da scheint sich wohl eher den richtigen Aspekt gefunden zu haben – ob sie zu sehr in einem Fachjargon verhaftet sind. Die Entwicklungspolitik zeichnet sich durch eine hohe Frequenz von umständlichen Begriffen und langen Listen von Abkürzungen aus. Das Medienhandbuch für Journalistinnen und Journalisten, eigentlich eine gute Idee, dürfte allein von seiner Länge von über 600 Seiten für die meisten Medienvertreter abschreckend sein.

Nach einer kurzen Einleitung in Grundlinien und Kritikpunkte der deutschen Entwicklungspolitik in der Politikwissenschaft folgt in Kapitel 3 eine Bestandaufnahme der Kenntnisse und Meinungen der deutschen Bevölkerung zur Entwicklungspolitik. In einem weiteren Kapitel soll anhand der Beispielzeitungen „taz“ und „Die Zeit“ geschaut werden, wie die Medien über die deutsche Entwicklungszusammenarbeit und die zuständigen Minister berichten. Gibt es eine breite Diskussion über diesen Politikbereich und welche Kritikpunkte gib es? In einem Fazit werden mögliche Einflüsse einer kritischen Berichterstattung auf die politische Ebene reflektiert.

2. Die deutsche Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit und die Kritikpunkte – eine kurze Einführung

Deutsche Entwicklungspolitik ist sehr eng verknüpft mit der Entwicklungsgeschichte der deutschen Außenpolitik. Unter Konrad Adenauer wurde das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, im Folgenden BMZ genannt, 1961 in der Not eines Koalitionsproporzes mit einem stark improvisatorischen Charakter gegründet. Unter Willy Brandt und Erhard Eppler entwickelte sich die „Nord-Süd-Politik“ als dritte Säule der deutschen Außenpolitik und wurde lange Zeit als Instrument benutzt, um die völkerrechtli­che Anerkennung der DDR seitens der Dritte-Welt-Staaten zu verhindern[4] und wurde schließlich unter Helmut Schmidt zurück in die Verflechtung mit Wirt­schafts- und Außenpolitik zurück­geholt. Dieser Schritt zurück zu einer pragmati­schen Entwicklungspolitik ist in Folge der welt­weiten Wirtschaftskrise und des Ölschocks 1973 zu verstehen, wodurch den rohstoff-, export- und beschäfti­gungspolitischen Eigeninteressen der Bundesrepublik wieder eine grö­ßere Be­deutung zukam.[5] Im Laufe der Jahre sei, so schreibt Nuscheler, trotz einiger Wen­dema­növer stets das deutsche Interesse handlungsbestimmender gewesen als „die in Sonn­tagsreden be­schworene internationale Solidarität“.[6] Seit den 1980er-Jahren zeichnet sich die deutsche Ent­wicklungspolitik durch einen Trend der Fokussierung auf weniger Länder bei gleichzeitiger Mittelverknappung aus.[7] In die Zeit der rot-grünen Koalition unter Entwicklungs­ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) fiel eine Neudefinition der deut­schen Entwicklungspoli­tik im Sinne einer „globalen Strukturpolitik“ und „internationalen Gemein­schaftsaufgabe“, in der vier Ziele angestrebt werden:

1. Frieden und Sicherheit
2. Entwicklung und Armutsbekämpfung
3. Schutz der natürlichen Lebensgrundlage
4. Menschenrechte, Demokratie und gute Regierungsführung (good gover­nance)[8]

Mit dem Stichwort globale Strukturpolitik in Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 wird generell auf Geberseite Entwicklungspolitik „zunehmend sicherheits- und auch klima- und umweltpolitisch gedeutet“.[9] In diese Richtung weist auch die Tatsache, dass im Jahr 2008 das erste Weißbuch zur Entwick­lungspolitik veröffentlicht wurde. Damals gab es auch Widerstand, weil seit 1969 das Weißbuch eigentlich als zentrales Grundsatzdokument der deutschen Sicherheitspolitik gilt und bislang dem Verteidigungsministerium vorbehalten war.[10]

Entwicklungspolitik ist abgesehen davon, dass eine konturenscharfe Begriffsde­finition bisher nicht gefunden ist, in einem komplexen Geflecht von Interessen und verschiedenen Politik­ebenen verortet und zeichnet sich durch das „Phäno­men der geteilten Souveränitäten zwi­schen außenorientierten Politikbereichen“ aus.[11] Neben dem Staat sind außerdem noch eine Vielzahl von Nichtregierungsor­ganisationen (NRO) sowie transnationale und internationale Ebenen involviert, wodurch das „multifunktionale Aufgabensystem“[12] Entwick­lungspolitik sich vor die schwierige Aufgabe gestellt sieht, sich als funktional eigenständiger Politikbe­reich zu profilieren und dabei häufig nur ein „Mauer­blümchen in der Ressorthierarchie“ geblieben ist. Entwicklungspolitik ist in der Rangordnung der politischen Prioritäten weit ab­geschlagen,[13] vor allem vergli­chen mit dem Auswärtigen Amt, dem Bundesministerium der Finanzen sowie dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit. Da in der parlamentari­schen Demokratie der Deutsche Bundestag eine gewichtige Rolle spielt, steht dem BMZ auch noch ein Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent­wicklung, kurz AwZ gegen­über, in dem sich die entwicklungspolitisch interes­sierten Politiker sammeln. Dieser jedoch muss sich dem Haushaltsauschuss des Bundestages beugen, in dem der Haushaltsrahmen des BMZ vorentschieden wird.[14]

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit wird für ihre fragmentierte Struktur, für man­gelnde Führungsstärke des BMZ sowie Ineffizienz und grobe Koordinie­rungsmängel kriti­siert.[15] Das zentrale Problem an der Vielfalt der Akteure und Instrumente sei jedoch nicht deren große Zahl und Heterogenität – es gibt rund 30 Organisationen, die Maßnahmen der EZ mit Geldern der Regierung ausfüh­ren - sondern deren mangelnde Abstimmung. So werden von amerikanischen, britischen und französischen Außenpolitikern die deutschen Kollegen wegen des Instruments der politischen Stiftungen gelobt, die in semi-autoritären und Trans­formationsstaaten Einwirkungsmöglichkeiten bieten können, die in der Form kein anderer Akteur leisten kann.[16] Dennoch gibt es in der Fachliteratur seit etli­chen Jahren die Forderung nach einer Reform der deutschen Entwicklungszu­sammenarbeit und einem Mehr an Kohä­renz. Kohärenz ist zu verstehen als eine Unterstützung der Entwicklungspolitik durch andere relevante Politiken zur Er­reichung übergeordneter Ziele ohne knappe Ressourcen zu ver­schwenden oder einen Glaubwürdigkeitsverlust der Politik zu erleiden.[17] Kohärenz ist auch ein Stichwort, das Bestandteil des Koalitionsvertrages der schwarz-gelben Bundes­regierung ist:

„Wir wollen die Wirksamkeit der Entwicklungspolitik steigern und sie durch eine Schärfung des Profils, Ak­zentuierung der wirtschaftlichen Zusammenar­beit, klare nationale und interna­tionale Arbeitsteilung (…), Steige­rung der Ko­härenz sowie durch eine effizientere Gestaltung der bilateralen, multilateralen und europäischen Organisationsstrukturen und Instrumente neu ausrichten.“[18]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Mangel an Kohärenz wird auch in Studien deutlich, wo die Leistungsfähig­keit der deut­schen Entwicklungs­zusammenarbeit als Commitment to Develop­ment In­dex (CDI) gemessen wird. Nach Ashoff ist dieser Index nach mehrfacher Verfeinerung der methodischen Vorge­hensweise ein neuer und nützlicher Bei­trag zur Kohärenzdebatte. Ergebnisse von 2007 besa­gen, dass Deutschland im Politikfeld Entwicklungszusammenar­beit nur auf dem 17. Platz (von 21 Indust­rieländern) abschneidet. Der CDI-Index setzt sich aus Positivkriterien (Anteil der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeits-Leistungen am Bruttonational­einkommen; Entwicklungshilfe-Leistungen an arme, nicht korrupte Entwick­lungsländer; steuerliche Be­günstigung privater Spenden) und Negativkrite­rien (Rückflüsse aus Entwicklungshilfe-Darle­hen; Lieferbindung; Zahl kleiner Pro­jekte als Indikator für die Zersplitterung der EZ) zu­sammen.[19]

Ein weiterer Kritikpunkt, der hier wenigstens angesprochen werden soll, ist die Kritik an der Evaluierung der deutschen EZ. Unabhängigkeit und Unparteilich­keit konnten zwar laut Borr­mann/Stockmann gesteigert werden, dennoch gibt es Defizite etwa durch eine fehlende Insti­tutionalisierung der Evaluation und durch unzu­reichende oder wörtlich „ungenügenden“ (!) qualitätsgesicherten Einsatz von unparteiischer, externer Expertise.[20]

Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) sieht sein Ministerium weniger als „Armutsmi­nisterium“, sondern an der Schnittstelle zwischen Außenpolitik und Außenwirtschaftsförde­rung, wie er in mehreren Interviews deutlich machte.[21] Die Bundesregierung rangiert mit knapp zwölf Milliarden Euro an öffentlicher Entwicklungshilfe hinter den USA und Frank­reich weltweit an dritter Stelle, gemessen an der Wirtschaftskraft befindet sich Deutschland aber nur im Mittel­feld. Von den großen europäischen Staaten leistete in diesem Jahr nur Ita­lien einen geringeren Anteil des Bruttoinlandsproduktes als Deutschland mit seinen 0,4 Pro­zent für Entwicklung. Die Höhe der deutschen öffentlichen Entwick­lungshilfe sind ODA-Leistungen, zu der laut Definition des DAC all diejenigen Mittel zählen, die

a) aus öffentlichen Mitteln stammen,
b) ein Zuschusselement (Messgröße für den Grad der Vergünstigung von Kre­diten) von mindestens 25 Prozent enthalten und
c) darauf abzielen, die Lebensbedingungen in dem vom DAC anerkannten Entwicklungs­ländern zu verbessern.[22]

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ meint, dass sich die „deutsche Knause­rigkeit“ bald rächen könnte, weil im Herbst die Vereinten Nationen über einen zweijährigen Sitz im Si­cherheitsrat abstimmen. Ob es am Ende Deutschland, Kanada oder Portugal werde, würden am Ende die Stimmen der Entwicklungs­länder entscheiden.[23] Auch Eberlei kritisiert, dass solange die Bundesregierung einen Sitz im Sicherheitsrat anstrebe, fast alle afrikanischen Länder mit deut­scher Hilfe rechnen könnten – nahezu unabhängig davon, welche Politik sie ver­folgen.[24] Das BMZ hat bereits, um eine größere Wirksamkeit der eingesetzten Mittel zu gewährleisten, die Liste der Partnerländer stark reduziert, konkret nämlich von 119 im Jahr 1998 auf 58 im Jahr 2010.[25]

Konkret ist derzeit als Reform unter Dirk Niebel geplant, die Durchführungsor­ganisationen GTZ, DED und InWEnt zu fusionieren. Das ist nicht ganz einfach, weil die drei Organisatio­nen rechtlich verschieden verfasst sind und mit unter­schiedlichen Mitteln bewirtschaftet wer­den, also erst einmal eine Geschäfts­grundlage gefunden werden muss. Durch die Zusammen­führung entsteht eine Organisation unter dem sehr wahrscheinlichen Namen „Deutsche Ge­sellschaft für Internationale Gemeinschaft“, die in rund 130 Ländern mehr als 14.000 Mit­ar­beiter beschäftigen wird. In der Vergangenheit wurde immer wieder betont, dass das BMZ Steuerungsdefizite gegenüber seinen Durchführungsorganisatio­nen hat. „Es ist ein geflügeltes Wort geworden, das der Schwanz (die Durchfüh­rungsorganisationen) mit dem Hund (dem BMZ) wedle“, schreibt auch Tom Pätz, der die Reform-Projektgruppe im BMZ leitet.[26] Ein zentrales Anliegen ei­ner Reform muss es also sein, die Verselbstständigung der Durchfüh­rungsorga­nisationen zu beenden, die natürlich gerne um ihre Eigenständigkeit kämpfen (in der Medienbeobachtung in Kapitel 4 mehr dazu). Im Herbst 2010 sollen die konkreten Vor­bereitungen für den Neubau beginnen.

An weiteren Reformempfehlungen mangelt es in der wissenschaftlichen Debatte nicht. Sie alle zielen darauf ab, dass sich das BMZ eine Strategie überlegen muss, in der es sich zu mehr Expansion seiner Präsenz verschreibt. So reichen die Vorschläge von der Beibehaltung des Entwicklungsministerium mit erwei­terten, umfangreichen Leitungs- und Koordinationsbefug­nissen, über eine Ein­gliederung des Entwicklungsressorts in das Außenministerium, da das Auswär­tige Amt genügend politische Macht hätte, entwicklungspolitische Positionen stärke­res Gehör zu verschaffen bis hin zur Gründung eines Bundesentwick­lungsrates als Kabinett­ausschuss.[27] Maihold schlägt auch eine politische Beset­zung des Regionalbeauftragten im Auswärtigen Amt und im BMZ vor, da nur so der Weg in die Kohärenzfalle vermieden und eine positive Koordination jenseits des kleinsten gemeinsamen Nenners ermöglicht werde.[28] Auch eine Verstärkung der Informations-, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit könnte, so wie diese Ar­beit zeigt, eine Reformempfehlung sein. Dass dieser letzte Punkt auch das BMZ be­schäftigt, zeigt das BMZ Konzept 159, in dem es heißt, dass es gelte, diesen Bereich „noch relevanter, effizienter und wirksamer“ zu gestalten.[29]

3. Bewertung der Entwicklungszusammenarbeit in der deutschen Öffentlichkeit

3.1 Bewertung und Kenntnisstand seitens der deutschen Bevölke­rung

Wie wird die deutsche Entwicklungszusammenarbeit von der deutschen Bevöl­kerung aufge­nommen? Generell ist zu sagen, dass öffentliche Entwicklungshilfe häufig aus allen mögli­chen Richtungen angegriffen wird. Aus marxistischer Per­spektive wird Entwicklungszusam­menarbeit als ein Instrument des Neokolonia­lismus abgestempelt und aus liberaler Sicht wird argumentiert, dass die Hilfe die Eigenanstrengungen der Entwicklungsländer unterminiere.[30] Die Diskussion über Entwicklungspolitik ist also mit anderen Worten stark von einer weltan­schaulichen Sicht geprägt, weshalb Barreto Souza 1987 meint:

„Entwicklungs­politik/ -hilfe ist letzten Endes nichts anderes als eine Ideologisierung der Tatsa­che, daß politische, wirtschaft­liche und militärische Beziehungen zwischen In­dustrie – und Dritte-Welt-Ländern (ob dies as Hilfe oder nicht begriffen wird) bestehen und weiterhin bestehen werden.“[31]

Der Streifzug durch empirische Ergebnisse zur öffentlichen Meinung beginnt mit einer inte­ressanten Ausarbeitung zum Kenntnisstand über Entwicklungspo­litik bei Studierenden, die das Institut für Entwicklungsforschung und Entwick­lungspolitik 2003 veröffentlichte. Im Mai 2003 wurden auf dem Campus der Ruhr-Universität Bochum (RUB) 239 Studierende befragt. Es handelt sich um eine Erhebung, die zwar nicht repräsentativ ist, aber Tendenzen über die Haltung und das Wissen deutscher Studierender zur Entwicklungszusammenarbeit auf­zeigt. 41,4 Prozent der Befragten konnten keine einzige Organisation der deut­schen Entwicklungs­zusammenarbeit nennen.[32] Am häufigsten genannt wurde das Deutsche Rote Kreuz. Im Durch­schnitt nannten die Befragten 1,2 Organisa­tionen. Auf die Frage, wofür die Abkürzung BMZ stehe, wussten nur 13 Prozent der Studierenden die korrekte Antwort.[33] Schwierig fan­den die Studierenden die Schätzung des investierten Prozentsatzes des deutschen Bruttosozi­alproduktes (BSP) für Entwicklungshilfe. 23,4 Prozent der Befragten verweigerten ihre Ant­wort, was als Indiz für schlichtes Unwissen bewertet werden kann, und die ab­gegeben Schät­zungen streuten um den Durchschnittswert 6,6 Prozent – ein Wert, der im Vergleich zum tat­sächlichen Wert von 0,27 Prozent (2003) völlig überschätzt ist. Als gewünschte Investition in die Entwicklungshilfe war in mehr als jedem Dritten der gültigen Fragebogen ein Anteil am BSP von 10 Prozent und mehr angegeben.

Hier schimmert schon ein erstaunlicher Unkenntnisstand durch, der auch durch die vielen „weiß nicht“-Antworten bezüglich der Frage, ob man mit der Deut­schen Entwicklungszu­sammenarbeit zufrieden sei, bestätigt wird (36 Prozent). „Unzufrieden“ oder „eher unzufrie­den“ waren mehr als die Hälfte der Befragten. Dass trotzdem mehr als 90 Prozent der Studie­renden eine Verbesserung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit forderten, führten die Wissenschaftler berechtigterweise auf die Konstruktion des Fragebogens zurück, da die Frage suggestiv gestellt worden war.[34]

[...]


[1] Deutscher Bundestag (Hrsg.): Die Rolle der Medien in Deutschland für die Entwicklungszusammenarbeit. Öffentliche Anhörung des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Wortprotokoll. 51. Sitzung der 15. Wahlperiode, 01.12.2004. S. 37.

[2] Ebd. S. 22.

[3] Ebd. S. 26.

[4] Vgl. Andersen, Uwe: Deutschlands Entwicklungspolitik im internationalen Vergleich. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung. Entwicklung und Entwicklungspolitik. Bonn, 2005. S. 54

[5] Bodemer, Klaus/Thibaut, Bernhard/Barrios, Harald: Entwicklungspolitik. In: Nohlen, Dieter/Grotz, Florian (Hrsg.): Kleines Lexikon der Politik, Bonn, 20074, S. 103.

[6] Nuscheler, Franz: Entwicklungspolitik. Bonn, 20045, S. 432.

[7] Bodemer er et al 2007, S.103.

[8] Vgl. Kevenhörster/Van den Boom: Entwicklungspolitik. Wiesbaden, 2009, S. 39.

[9] Brombacher, Daniel: Geberstrukturen in der Entwicklungspolitik. Reformansätze für die Steuerung und Koordinierung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Berlin, 2009. S. 5 f.

[10] Vgl. Graw, Ansgar: Entwicklungshilfe für die Ministerin für Entwicklungshilfe. Die Welt, 16.07.2008, S. 2.

[11] Messner, Dirk/Scholz, Imme: Zukunftsfragen der Entwicklungspolitik. In: Messner, Dirk/Scholz, Imme (Hrsg): Zukunftsfragen der Entwicklungspolitik. S. 33.

[12] Bodemer et al 2007, S. 102.

[13] Nuscheler 2004, S. 451.

[14] Vgl. Andersen 2005, S. 57.

[15] Brombacher 2009, S. 5 f.

[16] Mair, Stefan/Tull, Denis: Deutsche Afrikapolitik. Eckpunkte einer strategischen Neuausrichtung. Berlin, 2009. S. 44.

[17] Vgl. Ashoff, Guido: Der entwicklungspolitische Kohärenzanspruch. Begründung, Anerkennung und Wege zu seiner Umsetzung. In: Messner, Dirk/Scholz, Imme (Hrsg): Zukunftsfragen der Entwicklungspolitik. Baden-Baden, 2005, S. 42.

[18] http://www.cdu.de/doc/pdfc/091026-koalitionsvertrag-cducsu-fdp.pdf (28.06.2010; 18.58 Uhr).

[19] Vgl. Ashoff, Guido: Entwicklungspolitischer Kohärenzanspruch an andere Politiken. APuZ, 48/2007, S. 19 f.

[20] Borrmann, Axel/Stockmann, Reinhard: Evaluation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Band 1 – Systemanalyse. Münster, 2008. S. 19.

[21] Neumann, Philipp: Niebel mag kein „Armutsminister“ sein. Die Welt, 21.11.2009, S. 2.

[22] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg): Informationen zur politischen Bildung. Bonn, 2005. S. 71.

[23] Bornhöft, Petra: Meister der Ankündigung. Der Spiegel, 11/2010, S. 30.

[24] Eberlei, Walter: Wirksame Armutsbekämpfung oder heiße Luft? 50 Jahre deutsche Entwicklungszusammenar­beit. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2007, S. 1513.

[25] vgl. Pinzler, Petra/Grefe, Christiane: „Die Kappe bleibt“ Interview mit Dirk Niebel. Die Zeit 06/2010, S. 23.

[26] Pätz, Tom: Atmende Organisation. In: E+Z, 03/2010, S. 123

[27] Ausführlich hierzu: Brombacher 2009, S. 24 ff.

[28] vgl. Maihold, Günther: Mehr Kohärenz in der Entwicklungspolitik durch Geberkoordination? APuZ 10/2010. S. 39.

[29] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Hrsg.): BMZ Konzepte 159: Entwick­lungspolitische Informations- und Bildungsarbeit. Berlin, 2008, S. 9.

[30] Vgl. Andersen 2005. S. 63.

[31] Barreto Souza, Cleyde Nadja: Zwischen den Zeilen lesen. Eine Inhaltsanalyse der entwicklungspolitischen Berichterstattung des Handelsblattes, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Rundschau. Saarbrücken, 1987. S. 44.

[32] Karduck, Stefan/Serova, Ekaterina: Zwischen Wissen und Meinen: Studierende der Ruhr-Universität Bochum über die deutsche Entwicklungszusammenarbeit. IEE Working Papers 176. Bochum, 2003, S. 21.

[33] Ebd., S.22.

[34] Ebd., S. 29.

Details

Seiten
40
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640823543
ISBN (Buch)
9783640824168
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166148
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
Schlagworte
Entwicklungspolitik Medien Nimbus der Entwicklungspolitik Entwicklungshilfe Öffentlichkeit Kritik an der Entwicklungshilfe Dirk Niebel Heidemarie Wieczorek-Zeul Entwicklungshilfeminister BMZ GTZ Entwicklungshilfeorganisationen

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