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Textanalyse zu Beiträgen von Mearsheimer, Keohane, Nye

Essay 2009 4 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Frage 1 : Skizzieren Sie kurz die zentralen Thesen bzw. das jeweilige Hauptargument der drei vorliegenden Texte! Vergleichen Sie die Argumente der Autoren: Widersprechen sich die Autoren in ihren Einschätzungen vollständig oder gibt es Übereinstimmungen? Begründen Sie kurz!

Während Mearsheimer in seinem Text den Argumenten des Realismus folgt und internationale Institutionen als unabhängige Variablen beschreibt, sowie die Theorien der Institutionalisten widerlegt, vertreten Keohane und Nye in ihrem Text „Globalization: What`s New? Whats Not? (And So What?)“ die Position, dass solche Institutionen wichtig sind, um eine komplexe gegenseitige Vernetzung von Staaten voranzutreiben, welche zum einen die Gefahr von militärischen Konflikten in einer globalisierten Welt verringert und zum anderen soziale, ökologische und wirtschaftliche Vernetzungen fördert. Im Text „Power und Interdependence in the Information Age“ beschreiben Keohane und Nye, dass das Informationszeitalter das Machtgefüge zwischen den Staaten nicht dezentralisiert hat und die souveränen Einzelstaaten inklusive ihrer Interessen und Politik erhalten bleiben. In dieser Erkenntnis sind sich Keohane und Nye mit Mearsheimer einig. Jedoch zieht Mearsheimer daraus den Schluss, dass dadurch das Gleichgewicht der Macht zwischen den Staaten erhalten bleibt, während Keohane und Nye daraus einen Bedarf an zunehmender komplexer Vernetzung als Sicherheitsgrundlage ableiten.

Frage 2 : Welche Annahmen über Rolle und Stellenwert internationaler Institutionen stellt der Realismus laut Mearsheimer an?

Realisten vertreten nach Mearsheimer die Meinung, dass internationale Institutionen die globalen Machtverhältnisse widerspiegeln, indem solche einerseits die Machtinstrumente von Großmächten sind und anderseits keine unabhängige Wirkung auf das Verhalten von Staaten haben. Der Stellenwert von internationalen Institutionen kann also aus Sicht des Realismus` keineswegs hoch sein, da sich Staaten in einem ständigen Sicherheitswettbewerb und Machtkampf befinden, dessen Logiken nicht durch Kooperationen überwunden werden können. Folglich sind internationale Institutionen keine friedensstiftenden Größen, sondern viel mehr Zweckgemeinschaften, von welchen sich die Mitglieder Sicherheit versprechen, aber zugleich sich einer solchen aufgrund der Machtbestrebungen anderer niemals sicher sein können. Dabei argumentiert der Realismus, dass internationale Institutionen meist von einer Großmacht inszeniert werden, um ihre Macht zu erhalten oder auszubauen.

Frage 3: Auf welche Argumente stützt Mearsheimer seine Kritik an den Annahmen der Institutionalisten?

Laut Mearsheimer haben alle drei Theorien der Institutionalisten ihre Schwächen in der Logik und können nicht an Hand historischer Belege nachgewiesen werden. Sie kritisieren den Realismus, nutzen aber zugleich Teile seiner Argumentationsgrundlage, was dazu führt, dass ihre Theorien immer wieder mit den Argumenten des Realismus widerlegt werden können.

So behauptet der Autor, dass der „freiheitliche (liberale) Institutionalismus“, der davon ausgeht, dass egoistische Staaten miteinander aus Eigeninteresse kooperieren, weil sie sich davon Profit versprechen, seinen logischen Fehler darin hat, dass dabei zu schnell von einer wirtschaftlicher und politischer Kooperation auf eine daraus resultierende militärische Stabilität geschlossen wird. Obgleich liberale Institutionalisten die Paradigmen des Realismus von egoistischen Staaten in einem anarchischen Staatensystem akzeptieren, vernachlässigen sie in ihrer Theorie die Wirkung von staatlichen Verlangen nach relativen Gewinnen, die in Kooperationen nur bedingt gewährleistet sind.

Einen anderen Widerspruch sieht Mearsheimer in der Theorie der „Kollektiven Sicherheit“, welche davon ausgeht, dass sich in internationalen Institutionen der Schlüssel zum Weltfrieden finden lässt, indem sich eine Staatengemeinschaft vertragsmäßig auf Frieden zusammenschließt und damit die instabile Lage des Gleichgewichts der Macht zwischen den Einzelstaaten überwindet. Das Problem dabei liegt zum einen darin, dass die Theorie nicht erklärt, wie eine Vertrauensbasis, auf der ein solcher Staatenbund basiert, geschaffen werden soll und zum anderen bleiben in einer Welt von kollektiver Sicherheit subjektive Einschätzungen von Konflikten bestehen, was kollektives Handeln erschwert. Letztlich konnten internationale Institutionen, wie der Völkerbund oder die UNO, Kriege nie gänzlich verhindern.

Auch die kritische Theorie, welche durch Institutionen Werte und Ideen verbreiten, sowie realistisches Denken verdrängen will und somit im Gegensatz zu der kollektiven Sicherheit eine Antwort auf die Vertrauensbasis einer Kooperation gibt, bleibt schließlich die Antwort schuldig, unter welchen Bedingungen sich Staatsmänner von solchen neuen Ideen leiten lassen sollten, während sie alte, wie den Realismus, vernachlässigen.

Frage 4 : Gegen welche inhaltlichen Positionen grenzen sich Keohane und Nye in ihrem 1998er Text ab? Welche Erwartung haben sie hinsichtlich der Möglichkeit, dass sich durch die Informationsrevolution das Machtgefüge zwischen den Staaten im internationalen System verschiebt, und wie begründen sie ihre Erwartung?

Robert. O. Keohane und Joseph s. Nye, Jr. grenzen sich in ihrem Artikel in „Foreign Affairs“ zum einen deutlich von der Position der Modernisten ab, welche nach Keohane und Nye übersehen, dass sich die neue Welt der Informationsrevolution mit der traditionellen Ordnung überschneidet. Daher schließen Modernisten zu einfach von der modernen Technik auf direkte politische Folgen, ohne dabei ausreichend den Fortbestand von Überzeugungen, die Beständigkeit von Institutionen oder die für Staatsmänner verfügbaren strategischen Optionen zu berücksichtigen. Zum anderen falsifizieren die Autoren die Position der Traditionalisten, welche Probleme haben, die heutigen von der Informationsrevolution getragenen mehrdimensionalen wirtschaftlichen, sozialen sowie ökologischen Verflechtungen (Interdependenz) zu interpretieren und aus ihnen zu schlussfolgern, dass zum Beispiel durch die internationale Vernetzung von nichtstaatlichen Interessengruppen deren Einfluss auf die Politik enorm zunimmt und diese ihre konfliktfähigen Themen somit immer öfter in die Tagespolitik einbringen können.

Jedoch erwarten Keohane und Nye, dass die Informationsrevolution das Machtgefüge in den internationalen Beziehungen kaum verändert, sondern eher eine Zentralisierung, also eine Ausbau der Macht jener Nationen stattfindet, welche ohnehin eine Vormachts- und Vorreiterstellung innehaben. Sie begründen dies mit vier wesentlichen Punkten:
1. Massenmediale Monopole behalten trotz explosionsartiger Zunahme an Informationskanälen ihre Vormachtstellung und können somit zum einen ihren Absatz sichern und weiterhin ihre kulturellen Inhalte verbreiten.
2. Trotz des Umstands, dass die Verbreitung von Information extrem günstig geworden ist, bleibt ihre Herstellung bzw. ihre Erarbeitung teuer, was zur Folge hat, dass auch hier Staaten mit genügend Ressourcen ein Erarbeitungsmonopol erhalten.
3. Solche Länder haben folglich auch den Vorteil, entsprechende Informationen als erstes zu besitzen und können strukturelle Macht auf andere dadurch ausüben, dass sie normativ Standards festlegen können.
4. Die Verwundbarkeit von großen Staaten hat zwar durch die Möglichkeit, dass Waffen und militärisches Equipment in Massenproduktion hergestellt und verkauft werden, zugenommen, aber die Informationsrevolution hat auch die militärische Überlegenheit der großen Staaten, vor allem durch strategische Information, wie zum Beispiel Satellitenaufnahmen, ausgebaut.

Letztlich unterstützt laut Keohane und Nye die Informationsrevolution auch die Öffnung von autoritären Staaten, welche sich in dem Dilemma zwischen wirtschaftlicher Weiterentwicklung und Teilhabe am weltweiten Handel durch den gleichzeitigen Verlust von Kontrolle über Inhalte von Informationsmedien und dem Gegenteil entscheiden müssen, wobei beides einen weltweiten Liberalisierungsprozess unterstützt.

Frage 5 : Was bezeichnen die Begriffe Interdependenz, Globalismus und Globalisierung laut Keohane und Nye (2000), worin unterscheiden sie sich? Welche Rolle spielen internationale Institutionen in diesem Zusammenhang?

Interdependenz bezieht sich laut Keohane und Nye auf Bedingungen, auf einen Zustand von Angelegenheiten, also auf Situationen, welche durch die gegenseitigen Einflüsse zwischen Staaten und zwischen Akteuren verschiedener Staaten charakterisiert sind. Sie kann zunehmen oder abnehmen, bedingt durch Faktoren, wie zum Beispiel die weltwirtschaftliche Lage.

Globalismus ist nach Keohane und Nye in dem Sinne eine spezielle Art von Interdependenz, dass er einen Zustand in der Welt beschreibt, welcher unter anderem in wirtschaftlichen, militärischen, ökologischen oder sozial-kulturellen Geflechten mit gegenseitigen Wechselwirkungen auf transkontinentale Entfernungen reflektiert wird. Globalismus ist demnach ein Maßstab für die Intensität der Wechselwirkungen in transkontinentalen Netzwerken, jedoch nicht für Wechselwirkungen zwischen ganzen Staaten oder Volkswirtschaften an sich. Eine Zunahme an Globalismus ist den Autoren nach als Globalisierung zu bezeichnen und die Abnahme eines solchen folglich als Entglobalisierung.

Globalismus und Globalisierung, als eine multidimensionale Verflechtung, haben eine komplexe Situation erschaffen, welche als chaotisch in dem Sinne bezeichnet werden kann, dass es in vielen Bereichen unmöglich geworden ist, verlässliche Aussagen über zukünftige Entwicklungen zu machen. Um Konflikten, welche aus solchen unberechenbaren Entwicklungen resultieren könnten, entgegenzuwirken, forcieren Keohane und Nye die komplexe gegenseitige Vernetzung (bzw. komplexe Interdependenz), welche ein hohes Maß an ökonomischen, sozialen und ökologischen Globalismus fördern und militärischen Globalismus eindämmen soll. Internationale Institutionen sollen dabei diese komplexe Interdependenz schaffen bzw. begünstigen. Hilfreich ist hierbei, dass es die Informationsrevolution ermöglicht hat, Informationen schnell und günstig zu verbreiten, wodurch die transnationale Vernetzung internationaler Institutionen zunimmt und ihr einen höheren Einfluss auf die Politik der Einzelstaaten ermöglicht.

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Details

Seiten
4
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640819843
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166145
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
textanalyse beiträgen mearsheimer keohane TU-Dresden Internationale Beziehungen

Autor

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Titel: Textanalyse zu Beiträgen von Mearsheimer, Keohane, Nye