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Die antiken Wurzeln europäischer Identität

Essay 2009 6 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Demokratie, Freiheit, Selbstverständnis des Menschen – schlagkräftige Begriffe, welche unlängst inflationär genutzt werden und tendenziell zu sinnentleerten Trägern von Idealen vergangener Zeiten geworden sind, obgleich sie Kern unserer Kultur und Bindeglied zwischen den Völkern Europas sind.

Was ist nun aber dieses Europa und wo kommt es her? Zunächst ist Europa heute ein geografischer Begriff und die Gesamtheit von mehr als 40 Einzelstaaten mit über 700 Millionen Bewohnern. Gibt es aber abgesehen davon auch eine europäische Identität? Schaut man auf die Geschichte Europas, ist diese von Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen durchdrungen. Jedoch ist es auch die Geschichte des Kampfes um Freiheit und Unabhängigkeit der Völker und Nationalstaaten. So finden wir am Anfang des 21. Jahrhunderts einEuropa vor, in dem die Form des freiheitlich demokratischen Verfassungsstaates in Tradition und Stabilität so häufig ist, wie nirgendwo anders auf dem Erdball. Neben zwei Weltkriegen, imperialen Bestrebungen und der Kolonialzeit haben sich auch im kollektiven europäischen Gedächtnis Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Volksouveränität, sozial- und verfassungsstaatliches Denken eingebrannt. Europäische Identität ist folglich ein Selbstverständnis, was für eine benennbare Menge an Menschen auf einem eingrenzbaren Raum eine Wertgrundlage darstellt. Wenn wir von Europa und seiner Identität sprechen geht es daher in erster Linie um einen kulturellen Raum.

Doch woher speist sich diese europäische Identitätsvorstellung? Abstrakt gesehen ist Geschichte kausal sowie linear, die Abfolge von Ereignissen, Aktion und Reaktion. Dies trifft jedoch nur so lange zu, wie man Geschichte in der Dimension der Zeit betrachtet. Komplex wird die Vorstellung von Historie, wenn man solche Größen wie Raum oder Kulturentwicklung hinzunimmt und jene Instanzen in ihren gegenseitigen Abhängigkeiten betrachtet. Nun ist Identität ein Selbstverständnis, was sich vor allem aus Kultur und Raum abzuleiten scheint.

Oft wird als Wiege europäischer Identität die Antike aufgeführt, auch wenn gleichzeitig kein linearer Zusammenhang zwischen Antike und Neuzeit besteht. So wird in der Wissenschaft die Antike in ihrer epochalen Erscheinung im 6. nachchristlichen Jahrhundert durch das Mittelalter abgelöst, um unter anderem in der karolingischen Renaissance und Aufklärung wiederentdeckt zu werden. Fraglich erscheint hierbei, ob Werte wiederentdeckt werden können oder ob es nicht eher so ist, dass antike Vorstellungen im Glauben und Wissenschaft tradiert wurden und sobald es die Umstände zuließen erneut zur gesellschaftlichen Wertvorstellung avancierten.

Gleichviel welchen historischen Werdegang solche Vorstellungen des Selbstverständnisses genommen haben, die Geburt der Kultur„aus dem Geiste der Freiheit“und damit dem heutigen Verständnis europäischer Identität ist im antiken Griechenland, dem Hellas, zu suchen.Eine solche Herkunft lässt sich an verschiedenen Stellen unserer heutigen Kultur nachweisen. Angefangen bei der prägenden uns immer noch gegenwärtigen Philosophie Platons, Aristoteles` und der Stoa über dienachhaltig logisch rationale Erfassung der Natur durch Hesiod, Thales vonMilet, Anaximander bis hin zur Baukunst der Griechen, deren Grundformenzeitlose Gültigkeit haben, wie zahlreiche Beispieleaus der europäischen Baugeschichte zeigen. In der Literatur muss auf den Einflussder großen schicksalhaften mythologischenGestalten der homerischen Epen wie Ödipus,Herakles, Orpheus und aufden der Dichter Sophokles, Aischylos, Aristophanesals Weltliteratur hingewiesen werden.Selbst im Bereichder Geschichtsforschung waren namhafte Größen der Antike wie Herodot und Thukydides tätig. So galt im 19. und bis ins 20. Jahrhundert hinein nur der für gebildet, wer als Fundament von Wissenschaft ein Studium der Altsprachen sowie der antiken Geschichte, Literatur, Kunst, Architektur und der philosophischen und politischen Ideenwelt absolviert hatte.Somit sind antike Nuancen in nahezu allen Ebenen der gegenwärtigen Kultur wiederzutreffen.

Doch was unterscheidet die griechische Antike von anderen Epochen, welche mehr oder weniger auch Spuren hinterlassen haben? Der Unterschied liegt eben genau im Selbstverständnis der Menschen, welche Demokratie, wie sie in der Polis geboren wurde, als ihre legitime Form politischer Führung ansahen. Plinius der Ältere bringt dies auf den Punkt: Griechen sind „hominesmaximehomines“ – Menschen, die im höchsten Sinne Menschen sind, wobei er denMensch als ein politisch handelndesWesen sieht. Dabei ist das unterschiedliche Verständnis von Repräsentation in der attischen und der repräsentativen Demokratie irrelevant, da die in beiden Demokratien vorherrschende Rechtsgleichheit und die damit zugesicherte Freiheit, Grundvorrausetzungen für eine Gesellschaft sind, welche sich entfalten und eine demokratische Kultur entwickeln kann. Eine solche freiheitliche Gesellschaft übte und übt eine starke Faszination aus. Der Grund hierfür ist simpel. Eine demokratisch offene Gesellschaft hatte erstmals über einen längeren Zeitraum Frieden geschaffen. Betrachtet man also dies als Folge von Demokratie, ist es nachvollziehbar, sogar zwangsläufig nötig die Parallele zwischen der modernen und der antiken Demokratie zu ziehen.Unternimmt man einen solchen Vergleich, steht am Ende die Aussage, dass die moderne Demokratie und ihr Selbstverständnis die Wurzeln in der griechischen Antike hat und zugleich eine Weiterentwicklung solcher darstellt. Eine weitere Parallele ist die Ausnahme, welche die Art der Volksherrschaft darstellt. So entstanddie Demokratie der Griechen unter anderem als Reaktion auf die Notwendigkeit, sich selbst zu verwalten und zu „kulturisieren“, um nicht in den Einflussbereich des Persischen Reiches gezogen zu werden. Diese Form der Demokratie war einzigartig und existierte neben Monarchie, Despotismus oder gar der Aristokratie des Römischen Reiches. Eine Demokratie nach dem heutigen Verständnis als liberaler Verfassungsstaat ist vor allem außerhalb Europas ebenfalls eine höchst seltene Staatsform. Dies liegt vor allem daran, dass seine Etablierung und Stabilisierung mit enormem Aufwand, schließlich aber auch mit dem Lohn an Freiheit, Fortschritt und letztlich mit demVorteil der Flexibilität verbunden ist.

So war es im antiken Griechenland eine relativ breite Schicht, von auf zahlreiche selbständige Gemeinden verteilten freien Bürgern, welche ihr Zusammenleben nach der Gleichheit orientierte und die Herrschaft des einzelnen ablehnte. Zugleich wurde sie mit den Problemen einer solchen Grundlage im Zusammenleben konfrontiert. Wie sollten Konflikte und Ansprüche zwischen Gleichberechtigten ausbalanciert werden? Dies hatte zwei Folgen. Zum einen entstand der Ansatz der Philosophie,sich mit Gerechtigkeit und deren Legitimation auseinanderzusetzen und zum anderen mussten auf Basis solcher Überlegungen Institutionen geschaffen werden, welche allgemeine Verbindlichkeit schafften und ebenfalls solche, die deren Einhaltung überprüften und sicherten. Erst daraus entsteht Freiheit und Sicherheit und zugleich ein neues Konfliktpotential, welches in den Künsten seinen Ausdruck findet. Aus einer Idee entstehen also Strukturen und daraus entsteht Gesellschaft und Kunst. Im antiken Griechenland werden daher die Wurzeln der modernen Philosophie, Wissenschaft und Kunst zu suchen sein. Die Gesamtheit dessen ist Kultur. Eine Kultur, welche unter ähnlichen Umständen wieder entstehen kann, was die Herkunft der Vorstellung ist, warum sich das moderne Europa in der Tradition der freien Griechen sieht.

Gleichwohl muss erwähnt werden, dass im militärischen Konflikt zwischen dem Persischen Reich und Griechenland im fünften Jahrhundert vor Christus der orientalische Einfluss auf seine westliche Hemisphäre schlagartig beendet wurde und somit eine parallele Entwicklung in Europa stattfand, welche der Grundstein für eine eigene, eine „europäische“ Identität war.

Vorerst bleiben die Griechen aber in Technik, Reichsbildung und Verwaltung hinter dem Orient zurück. Erst durch das aristokratische römische Reich, was der Faszination der Griechen nach den punischen Kriegen zunehmend erlag und deren Kultur adaptierte, konnte sich eine römisch-griechische Kultur, eine neue Kultur, im Zuge der Schaffung des römischen Reiches in ganz Europa verbreiten. Danebendehnten sich in Europa auch römisches Recht, römische politische Formen und nicht zuletzt die römische Kirche neben den griechischen Tugenden aus.

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Details

Seiten
6
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640819317
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166144
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
wurzeln identität Europa Antike Griechenland römisches Reich Rom

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