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Selbst- oder Fremderlösung?

Buddhistische und christliche Erlösungswege im Vergleich

Hausarbeit 2010 14 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Buddhistische Erlösungswege
2.1. Die „Vier Edlen Wahrheiten“
2.2. Was ist Nirvana?
2.3. Erlösung in Mahayana und Theravada im Vergleich

3. Der christliche Weg zum Heil
3.1. Erlösung im Alten Testament: Der Exodus
3.2. Erlösung im Neuen Testament: Erlöst durch Jesus Christus

4. Buddhismus und Christentum im Vergleich
4.1. Gemeinsamkeiten des christlichen und buddhistischen Erlösungsverständnisses
4.2. Unterschiede und Konsequenzen

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Buddha - der Erleuchtete, im Sitzen meditierend, in völliger Harmonie und geistiger Ruhe in sich selbst versunken und Christus - der Gekreuzigte, am Kreuz hängend, als Sohn Gottes, als Heiland, gestorben für die ganze Menschheit. Zwei Bilder wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Es sind Bilder wie sie uns im Alltag begegnen, eine äußerliche Sicht auf zwei Religionen, die in ihrem Kern scheinbar sehr weit auseinander liegen.

Aus einer Gegenüberstellung beider Stereotypen lassen sich folgende Thesen ableiten: Im Buddhismus geht es um eine Inneneinkehr des Menschen und folglich um eine Abkehr von der Welt; die Bibel dagegen verlangt eine absolute Hinwendung zur Welt und den Mitmenschen. Ethische Werte wie Mitleid und Nächstenliebe spielen in beiden Religionen eine zentrale Rolle, aber auf der einen Seite reicht aus buddhistischer Sicht ein nur passives Wohl wollen, auf der anderen Seite muss sich aus christlichem Glauben vielmehr eine aktive Wohl t ä tigkeit ergeben. Im Buddhismus gibt es verschiedene Umsetzungsmöglichkeiten um zum Heil zu gelangen, die Bibel dagegen kennt nur einen Weg: den Weg durch Jesus Christus. Daraus folgt eine gegensätzliche Ansicht: Im Buddhismus geht es darum, was der Mensch will; im Christentum zählt der Wille Gottes. Im Rückschluss darauf lässt sich der grundlegende Unterschied zwischen buddhistischer und christlicher Erlösungsvorstellung erkennen. Denn die buddhistische Lehre vertritt eine aktive Selbst erlösung: der Mensch ist in der Lage, sich selbst zu erlösen. Christentum dagegen ist nur mit einer Fremd erlösung denkbar: die persönliche Erlösung des Einzelnen ist abhängig von einem Erlöser, von Gott.

Ist ein christlich-buddhistischer Dialog angesichts dieser grundlegenden Gegensätze überhaupt möglich? Unter Beachtung dieser Leitfrage werde ich im Folgenden unterschiedliche Erlösungsvorstellungen gegenüberstellen und vergleichen. Ich beginne mit der buddhistischen Auffassung, indem ich zunächst den allgemeinen Erlösungsweg aufzeige, der für die verschiedenen Schulen Geltung hat, sowie das einheitliche Ziel des Wegs, die Erleuchtung bzw. das Nirvana. Darüber hinaus werde ich die Unterschiede in der jeweiligen Auffassung des Erlösungswegs im Mahayana- und Theravada-Buddhismus aufzeigen. Im zweiten Teil werde ich das christliche Erlösungsverständnis sowohl im Alten als auch im Neuen Testament darstellen und im letzen Abschnitt schließlich konkret auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Buddhismus und Christentum eingehen. Der Schwerpunkt wird dabei einerseits auf der buddhistischen Lehre und andererseits auf einem direkten interreligiösen Vergleich liegen.

2. Buddhistische Erlösungswege

Seit dem frühen Buddhismus haben sich mit der Zeit zahlreiche verschiedene Schulen herausgebildet und abgespalten. Diese unterscheiden sich zwar teilweise mehr oder weniger deutlich in ihren Auffassungen von Erlösung und Heil, ihre Lehre ist aber dennoch einheitlich auf das Erreichen des einen Ziels ausgerichtet: die Erleuchtung. Oder wie Hajime Nakamura es formuliert: „Ihre Aussagen mögen verschieden sein, aber ihre Aussagerichtung ist die gleiche.“1 Daraus ergeben sich folglich zwei grundlegende Fragen. Erstens, wer kann dieses Ziel erreichen? Und zweitens, wie kann es konkret erreicht werden? Der Buddhismus gibt darauf eine klare Antwort: Grundsätzlich hat jeder die Möglichkeit durch die Erkenntnis der ‚Vier Edlen Wahrheiten‘ erleuchtet bzw. erlöst zu werden und damit den ewigen Kreislauf der Widergeburten (‚Samsara‘) zu durchbrechen.

2.1. Die „Vier Edlen Wahrheiten“

Die sogenannten ‚Vier Edlen Wahrheiten‘ sind ein Grundprinzip, das seit dem frühen Buddhismus besteht und in den verschiedenen Schulen eine wichtige Rolle spielt. Es steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der buddhistischen Auffassung von Erlösung: Die Wahrheiten beschreiben den Weg zum letztlichen Heil, dem ‚Nirvana‘.

Die erste heilige Wahrheit besagt, dass das Leben Leiden ist: „Der zum Nirvana Strebende muß ein umfassendes, lückenloses Bewußtsein darüber erlangen, daß es im Leben nichts gibt, was nicht leidvoll wäre.“2 Diese Allgemeinheit des Leidens sei aber für den Menschen schwer zu erkennen. Wer aber zur Erlösung gelangen will, müsse zuerst diesen „Zustand der Unerlöstheit“3 durchschaut haben und erkennen, dass das ganze Leben Leiden ist.

Die zweite heilige Wahrheit fragt nach den Ursachen des Leidens. Diese sind zum einen Unwissenheit und zum anderen Durst bzw. Begehren. Welches die letztliche Erstursache von beiden ist, ist laut Erhard Meier umstritten.4 Durch das Begehren haftet der Mensch sowohl an irdischen Dingen als auch am eigenen Leben an. Diese Anhaftung gilt es aber auf dem Weg zur persönlichen Erleuchtung zu überwinden. In diesem Zusammenhang spielt auch die Lehre vom ‚Karma‘ eine Rolle. Karma meint, dass alles Tun entsprechende Auswirkungen hat: Heilsames Tun bringt gutes Karma hervor und unheilsames Tun böses Karma.5 So ist auch das Leid eine Folge von schlechtem Handeln bzw. einer schlechten Gesinnung. Das menschliche Verhalten wirkt sich also nicht nur konkret auf sein Leben, sondern auch auf sein Weiterleben bzw. seine Wiedergeburt aus.

Die dritte heilige Wahrheit besagt, dass es grundsätzlich die Möglichkeit zur Aufhebung der Ursache des Leidens und damit zur Aufhebung des Leidens an sich gibt.6 Und die Frage nach dem wie, wird schließlich mit der vierten heiligen Wahrheit beantwortet: […] Dies, ihr Mönche, ist die heilige Wahrheit vom Wege zur Aufhebung des Leidens: es ist dieser heilige achtteilige Pfad, der da heißt: rechtes Glauben, rechtes Entschließen, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes Streben, rechtes Gedenken, rechtes Sichversenken.“7 Der sogenannte ‚Achtgliedrige Pfad‘ ist der eigentliche Weg zur Erlösung. Wer ihn nach ihm lebt kann aus dem Kreislauf der Widergeburten ausbrechen und schon zu Lebzeiten das Nirvana erreichen. Ein Buddhist kann und muss also seine Erleuchtung primär durch eigenes Tun bewirken.

2.2. Was ist Nirvana?

Nirvana gilt im Buddhismus als Zustand der Erlösung bzw. Erleuchtung, der bereits im Leben, d.h. im ‚Hier und Jetzt‘, erreicht werden kann und nicht erst nach dem Tod eines Menschen. Hajime Nakamura beschreibt das Nirvana als „[immerwährenden] Zustand des Glücks und des Friedens, der hier auf Erden zu erlangen ist durch das Auslöschen der ‚Feuer der Leidenschaften‘ und der ‚Bedrängnisse‘.“8 Im Gegensatz dazu kann der Endzustand aber auch negativ gedeutet werden. Problematisch ist die ursprünglich verneinende Bedeutung des Wortes: „[…] Nirvana, bedeutet eigentlich »Erlöschen«.“9 Nirvana kann negativ gesehen auch als totale Vernichtung des Individuums gedeutet werden. Aber dabei ist nicht das Verlöschen des Menschen an sich gemeint, sondern eher das Verlöschen von allem Leid und den Ursachen des Leidens. Nirvana ist weder nihilistisch zu verstehen noch meint es die bloße Vernichtung. Es ist vielmehr ein Begriff, der für den absoluten Frieden steht: „Der Buddha, einer, der Erleuchtung erlangt hat, ist weit davon entfernt, sich ins Nicht-Sein aufgelöst zu haben: Ausgelöscht ist nicht er, ausgelöscht ist nur das Leben der Verblendung, der Leidenschaften, der Begierden und des Hasses.“10

2.3. Erlösung in Mahayana und Theravada im Vergleich

Die zwei Hauptrichtungen des Buddhismus, Mahayana (das ‚Große Fahrzeug‘) und Theravada (das ‚Kleine Fahrzeug‘), unterscheiden sich bezüglich ihrer Erlösungsvorstellung hauptsächlich in zwei Punkten: erstens in ihrem Verständnis der ‚Leere‘ und zweitens in ihrer Ansicht über das Ideal eines Bodhisattvas.

Der Mahayana-Buddhismus hat die Vorstellung der Leere übernommen. Demnach seien nicht nur das irdische Leben der Verblendung leer, sondern auch das Nirvana und gar die Erlösung an sich.11 Der große Unterschied zwischen den beiden Fahrzeugen liegt nun darin, dass nur im Mahayana die Vorstellung besteht, dass wirklich jeder prinzipiell dazu berechtigt ist, ein Buddha zu werden. Durch die „Erkenntnis der wahren Natur der eigenen Existenz“12 kann laut Nakamura jeder das Nirvana erreichen. Im Theravada dagegen streben Mönche nach der sogenannten ‚Arahatschaft‘, können allerdings letzten Endes keine Buddhas werden. Einem Laien bleibt selbst das Erreichen der Arahatschaft meist vorbehalten, er kann lediglich in einem der Himmel wiedergeboren werden.13 Allerdings vertreten beide Richtungen die Überzeugung, dass auch besonders lasterhafte Menschen zur Erleuchtung gelangen können.14 Nakamura verdeutlicht den Unterschied beider Ideale: „Im Theravada-Buddhismus muß der Mensch dieses Ziel durch seinen eigenen freien Willen und seine eigenen Anstrengungen erreichen; nach der Mahayana-Lehre können diese Anstrengungen durch die Hilfe von Buddhas und Bodhisattvas unterstützt werden.“15

Ein Bodhisattva ist laut Nakamura ein „Mahayana-Asket, dessen Inneres erfüllt ist mit der großen Liebe und dem großen Mitgefühl gegenüber allen Lebewesen.“16 Der harte und schwierige Weg eines Bodhisattvas erfolgt über folgende zehn Stufen: die Freudenvolle, die Makellose, die Leuchtende, die Strahlende, die, die schwer zu bewältigen ist, die des Gerichtetseins, die Weitgehende, die Unbewegliche, die Segensreiche und schließlich die Wolke des Dharma als Abschluss und Höhepunkt.17 Im Theravada erkannte man die Idee des Bodhisattva nur in einem beschränkten Maße an. Theravada-Buddhisten verstanden darunter lediglich einen künftigen Buddha und sein Wirken.18 Besonders im Mahayana ergibt sich aus diesem Ideal eine praktische Ethik. Der Bodhisattva, einer der eine höhere Vollkommenheit erreicht hat, lebt nicht mehr für sich selbst, sondern lebt sein Leben aus Liebe zu anderen mit dem Ziel Leidende zu erlösen. Der Erleuchtete, der Befreiung erlangt hat, soll nicht untätig sein, sondern sich für das Wohlergehen anderer einsetzen. Nakamura verdeutlicht: „Im Großen Fahrzeug fand die Tugend des Mit-Leids zusammen mit der Haltung des Dienens mehr Betonung als im konservativen Buddhismus.“19 Aus dieser Haltung ergibt sich aus der Sicht des Mahayana ein scharfer Kritikpunkt am ‚Kleinen Fahrzeug‘. Ihre Lehre sei zu Ich- bezogen. Ihr Ziel sei es ausschließlich sich von sich selbst befreien und dabei fehle der Sinn für andere. Darüber hinaus vermittle ihre Lehre nicht die Möglichkeit ein Buddha zu werden.20 Nakamura fügt dem noch hinzu: „die Ergiebigkeit für das Leben ist eingeschränkt - ganz und gar beschränkt auf das Sammeln von Verdiensten und Wissen […].“21 Demgegenüber zeigt sich das ‚Große Fahrzeug‘ vielmehr als universale (Er-)Lösung. Trotz der gegebenen Unterschiede darf aber nicht vergessen werden, dass alle Buddhisten dennoch ein einheitliches Ziel verfolgen: den Weg zur Verwirklichung eines idealen Lebens - sowohl im eigenen Leben als auch in der Lehre.

3. Der christliche Weg zum Heil

Das christliche Verständnis unterscheidet sich grundlegend vom Buddhismus in der Frage wodurch der Mensch erlöst wird. Die Bibel kennt keine Selbsterlösung. Nach christlichem Verständnis ist der Mensch nicht in der Lage sich selbst zu erlösen. Deshalb braucht er jemanden, der dies von außen bewirkt, einen Erlöser. Der Erlösungswille Gottes zeigt sich in der Bibel sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.

3.1. Erlösung im Alten Testament: Der Exodus

Gott wirkt bereits im Alten Testament als Erlöser: Mit dem Auszug Israels aus Ägypten, greift Gott aktiv in die Geschichte seines Volkes ein und führt sein Volk unter Leitung von Mose aus der Knechtschaft der Ägypter hinaus. „Im [darauffolgenden] Bundesschluß am Sinai besiegelt Gott diese Bindung an sein Volk […].“22 Einerseits ist die weitere Geschichte Israels eine Geschichte der Verfehlungen, geprägt von der Sündenanfälligkeit der Könige und des gesamtes Volkes. Andererseits ist es aber auch eine Geschichte der Treue und Gnade Gottes, denn trotz aller Verfehlungen steht Gott zu seinem Volk und dem geschlossenen Bund. „Durch die äußeren Ereignisse, insbesondere das Exil, erkennt Israel in Verbindung mit den Worten der Propheten die Abgründigkeit seiner Schuld. Erlösung von der so entstandenen Gottesferne ist deshalb die entscheidende Befreiung.“23 Dadurch, dass Israel sich zu seiner Schuld bekennt, vergibt Gott seinem Volk und nimmt es wieder an.

3.2. Erlösung im Neuen Testament: Erlöst durch Jesus Christus

Im Neuen Testament wird die Zuwendung Gottes zum Menschen wahrhaftig. Es erfüllt sich, was im Alten Testament verheißen wird: Jesus Christus, der Erlöser, kommt in die Welt um die Menschen zu retten. Gott selbst wird Mensch, um den Menschen seine große Gnade zu erweisen. Durch sein Wirken und sein Wort verkündigt Jesus die Königsherrschaft Gottes. Diese ist durch sein Kommen in die Welt bereits angebrochen, hat sich aber noch nicht vollständig erfüllt. In Jesu Tod und seiner Auferstehung vollzieht sich das eigentliche Erlösungsgeschehen: Christus stirbt aus Liebe für die Menschen. Damit sind sie frei für ein neues Leben in und mit Gott. Wer an Jesus Christus glaubt, kann seine Macht und Größe erfahren. Der Glaube kann allerdings nach der Lehre Martin Luthers nicht aktiv verdient, sondern muss als Geschenk Gottes passiv vom Gläubigen angenommen werden. Der Mensch ist damit „geschenkweise gerechtfertigt durch den Tod Jesu Christi.“24 Dies bedeutet nicht, dass ein Mensch durch den bloßen Glauben in der Lage ist, sofort ein vollkommenes Leben zu führen. Es bedeutet vielmehr, dass dieser, befreit von seinem eigenen Leben, nun durch die Liebe Gottes, selbst Liebe leben und sein Leben für andere Menschen einsetzen kann. Er ist also - in Luthers Worten gesprochen - Sünder und Gerechtfertigter zugleich.

4. Buddhismus und Christentum im Vergleich

Wenn man die buddhistische Lehre hinsichtlich des Erlösungsverständnisses mit der christlichen vergleicht, müssen laut Notker Füglister vor allem drei Fragen beachtet werden: „Erlösung wovon? Erlösung wozu? [Und] Erlösung wodurch?“25

Die erste Frage (Erlösung wovon?) zeigt sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zwischen Buddhismus und Christentum auf. Nach buddhistischer Lehre geht es ganz um die Erlösung vom Leiden bzw. von den Ursachen des Leidens. Auch das Christentum erkennt die Notwendigkeit einer Erlösung von der leid- und sündhaften Welt. Im Vaterunser heißt es:

„[sondern] erlöse uns von dem Bösen.“26 Ein Unterschied besteht nun darin, dass der Mensch nach buddhistischer Auffassung schon zu Lebzeiten zu einer vollkommen Erleuchtung gelangen, sprich selbst ein Buddha bzw. ein Erleuchteter werden kann. Nach christlicher Sicht aber bleibt der Mensch auf der Erde bis zu seinem Lebensende Sünder. Es ist ihm trotz Glauben nicht möglich, ein gänzlich sündenfreies Leben zu führen, auch wenn sich seine Gesinnung und die daraus resultierenden Taten immer mehr zum Positiven hin verändern. Ein weiterer Unterschied zeigt sich darin, dass die Bibel die „buddhistische Totalidentifikation von Dasein und Leiden“ nicht anerkennt.27 Dahinter steht der Schöpfungsgedanke: Gott hat die Welt in ihrem Urzustand als Paradies geschaffen. Dieser wurde durch das Hineinkommen der Sünde zerstört. Folglich ist auch der Mensch, als Geschöpf Gottes in dieser Welt, weder vollkommen gut noch vollkommen schlecht. Daraus ergibt sich eine weitere Gemeinsamkeit beider Religionen: Beide vertreten die Ansicht, dass der Mensch zwar Schlechtes in sich trägt, er aber durchaus Gutes hervorbringen kann. Ein Buddhist durch eigene Kraft; ein Christ durch die Liebe Gottes.

Bei der dritten Frage (Erlösung wodurch?) zeigt sich fundamentaler Unterschied zwischen den beiden Lehren. Im Buddhismus geht es um die Selbsterlösung des Menschen, die sich vollzieht, indem die ‚Vier Edlen Wahrheiten‘ erkannt und die Inhalte des ‚Achtgliedrigen Pfads‘ praktisch gelebt werden. Buddha und seine Lehre gelten dabei nur als Wegweiser. Im Christentum ist es dagegen nicht denkbar, dass sich der Mensch aus eigener Kraft zum Heil bringen kann. Er ist vielmehr in allen Dingen abhängig von der Gnade Gottes.

4.1. Gemeinsamkeiten des christlichen und buddhistischen Erlösungsverständnisses

Es haben sich bei der Beantwortung der eben genannten drei Fragen bereits diverse Unterschiede zwischen Buddhismus und Christentum gezeigt. Es gibt jedoch auch einige Übereinstimmungen in der Verkündigung von Buddha Gautama und Jesus. Grundsätzlich predigen beide die Vergänglichkeit der Welt und die Unbeständigkeit aller Dinge. Sie nehmen sie wahr und setzten sich in ihrer Lehre aktiv mit der Thematik auseinander. Im Buddhismus beschreibt die erste heilige Wahrheit das Leben als allumfassendes Leiden; in der Bibel wird an vielen Stellen geboten, sich nicht am irdischen Leben festzuhalten. Es heißt: „Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen [d.h. um Christi willen], der wird's erhalten.“28 Für beide Religionen stellt aber nicht nur die Loslösung von der Welt bzw. einem weltlichen Leben, sondern auch die Loslösung vom eigenen Ich, ein fundamentales Ziel dar: Der Mensch soll nicht für sich selbst leben, sondern selbstlos handeln und sich für andere einsetzen. Diese Ansicht ist, wie bereits zu Anfang erläutert, im Mahayana stärker ausgeprägt als im konservativen Buddhismus. Beide Lehren sehen also die Wurzel der Unerlöstheit des Menschen in seinen Begierden und Süchten bzw. in seiner Ichbezogenheit, Ichsucht und Egozentrik.29

Erlösung kann in Buddhismus und Christentum nicht ohne Befreiung gedacht werden: „Ein anderes Wort für das Endziel, Nirvana […] bedeutet Freiheit.“30 Diese Freiheit kann nach buddhistischem Verständnis schon zu Lebzeiten erlangt werden. Ein Christ ist durch seinen Glauben an Jesus Christus insofern frei, dass er von seinem alten Leben befreit ist; seine Sünden sind ihm vergeben. Wer sich bekehrt und Christus nachfolgt, den wird Gottes Liebe von innen und von außen verändern. Er hat damit die Freiheit zu einem von Nächstenliebe geprägten Umgang mit den Mitmenschen.

4.2. Unterschiede und Konsequenzen

„Aber: so groß die Ähnlichkeit im ganzen Verhalten und in Grundsätzen der Verkündigung und Einstellung, so groß ist nun doch [laut Hans Küng] die Unähnlichkeit in der näheren Ausformung, der konkreten Gestaltung, der praktischen Realisierung.“31 Obwohl beide Religionen nach etwas Beständigem bzw. etwas Ewigem suchen, haben sie eine sehr unterschiedliche Vorstellung von ihrem jeweiligen Endziel. Im Buddhismus ist dieses kein Paradies oder himmlische Welt, wie es in der Bibel geschrieben steht, sondern ausschließlich eine Befreiung von der welthaften Existenz. Ihr höchstes Ziel ist die Erleuchtung. Ein Christ dagegen strebt danach im Ewigen Leben für immer mit seinem Schöpfer vereint zu sein. Nach christlichem Verständnis stirbt der Mensch mit Leib und Seele; und wird dann schließlich mit einem neuen, veränderten Körper auferstehen. Der Buddhismus gibt dagegen grundsätzlich keine Antwort auf die Frage, was mit dem Menschen nach seinem irdischen Tod geschieht.

Nach Notker Füglister können „alle entscheidenden Gegensätze zwischen dem Christentum und dem Buddhismus - nicht zuletzt gerade auch hinsichtlich der Erlösungslehre und -praxis – […] letztlich auf den für die Bibel unabdingbaren Schöpfungsglauben zurückgeführt werden.“32 Als Faktoren nennt er neben dem biblischen Realismus und Personalismus, auch den biblischen Holismus und die biblische Teleologie, sowie die Allursächlichkeit des biblischen Gottes. (1.) Zum biblischen Realismus: Die Welt ist nach christlichem Verständnis, im Gegensatz zur buddhistischen Lehre, nicht Schein oder Illusion, sondern sie ist von Gott, dem Schöpfer, geschaffen und darum auch real. Dennoch stellt die Bibel die Zustände in der Welt realistisch dar und beschönigt sie nicht. (2.) Zum biblischen Personalismus: Im Christentum existiert Gott als persönliches Gegenüber. Es ist (nach heutigem Verständnis) eine eindeutig monotheistische Religion. Der Buddhismus kennt zwar ebenfalls die Vorstellung von etwas Göttlichem bzw. von etwas Absolutem, allerdings gibt es nicht den einen Gott, sondern viele verschiedene göttliche Wesen. (3.) Zum biblischen Holismus: Die Bibel verspricht nicht wie der Buddhismus eine Erlösung vom Leib, sondern eines Erlösung des Leibes. (4.) Zur biblischen Teleologie: Nach christlicher Lehre existiert kein Kreislaufdenken, wie es sich im Buddhismus in der Lehre vom ‚Samsara‘ äußert. Es ist alles auf ein Voranschreiten der Geschichte ausgelegt. (5.) Zur Allursächlichkeit des biblischen Gottes äußert Füglister: „Der eine Gott, der alles ins Dasein ruft und im Dasein erhält, ist überall und jederzeit am Werk […].“33 Nach buddhistischem Verständnis hingegen beruht alles in der Welt auf Gesetzmäßigkeiten: Überhaupt geht es im Buddhismus mehr um ein Erkennen als um ein Glauben.

An den genannten Punkten erkennt man die grundsätzliche Verschiedenheit buddhistischer und christlicher Lehre. Dennoch ist der Weg auf beiden Seiten auf ein Ziel ausgerichtet: die Erlösung. Aber gerade an dieser Stelle, nämlich bei der Frage nach dem wodurch, könnten die Lehren nicht unterschiedlicher sein: „Die Bibel kennt […] keine Selbsterlösung, sondern letztlich nur eine Erlösung durch Gott. Er ist es, der den Menschen befreit, heilt und rechtfertigt und auf diese Weise ‚Erlösung‘ ermöglicht und gewährt.“34 Was bewirkt nun die Erlösung beim Menschen? Wie soll bzw. kann sich der erlöste oder erleuchtete Mensch verhalten? In wie weit unterscheiden sich Buddhismus und Christentum hinsichtlich dieser Fragestellung? Laut Heinz Bechert ist die buddhistische Ethik „eine reine Gesinnungsethik; nicht auf die zur Ausführung gelangte Tat [komme] es an, sondern auf die ihr zugrundeliegende und in ihr zum Ausdruck kommende Geisteshaltung.“35 Auch im Christentum spielt die innere Haltung eine entscheidende Rolle, allerdings ist das Grundverständnis ein anderes. Die christliche Lehre geht davon aus, dass aus dem Glauben heraus gute Werke entstehen, dass diese aber nicht die Voraussetzung für die persönliche Erlösung sind. Vor allem im Theravada-Buddhismus kann das Heil aber nur durch das aktive Tun des Einzelnen erreicht werden.

5. Schluss

Zusammenfassend möchte ich rückbeziehend auf die einleitenden Thesen, erörtern, inwieweit die Stereotypen berechtigt sind, ob sie stimmen oder weniger zutreffen.

Wie verhält es sich mit der jeweiligen Haltung beider Religionen zur Welt? Aus christlicher Sicht zeigt sich am Beispiel und Vorbild Jesu, dass die absolute Hinwendung zur Welt von zentraler Bedeutung ist. Das Vorurteil, dem Buddhismus gehe es nur um eine Inneneinkehr und um ein Leben in Selbstfrieden, kann eindeutig widerlegt werden. Auch Buddha Gautama war Wanderprediger und hat seine Lehre aktiv und mit großer Überzeugung verbreitet. Zudem hat das Leben in Erleuchtung ebenfalls eine praktische Ethik zur Folge: Besonders im Mahayana zählt das Mit-Leid als zentrale Lebensaufgabe. Wer Erleuchtung erlangt hat, soll also nicht untätig sein oder in eine Mattigkeit verfallen! Nakamura verdeutlicht dies in seiner Sicht über den Endzustand: „Nirvana ist Friede. Aber der Friede, in dem die buddhistische Lehre gipfelt, ist nicht untätig, sondern aktiv, eine Ruhe, die im Streben erlangt wird.“36 Ähnlich verhält es sich mit dem Gegensatz eines passiven Wohlwollens zu einer aktiven Wohltätigkeit. Ziel beider Lehren ist ein von Nächstenliebe geprägter Umgang mit den Mitmenschen. Allerdings ist das Grundprinzip verschieden: Nach der Bibel resultieren die Werke erst aus dem Glauben heraus, im Buddhismus kann ein Mensch dagegen nur durch das Tun von guten Werken erlöst werden.

Ein weiterer Unterschied besteht hinsichtlich der Umsetzungsmöglichkeiten des Wegs zur Erlösung. Ein Buddhist kann beispielsweise aus vielen verschiedenen Meditationsmethoden diejenige aussuchen, die am besten zu ihm passt. Zentrale Inhalte wie die Lehre von Widergeburt oder von den ‚Vier Edlen Wahrheiten‘ spielen in allen Schulen eine wichtige Rolle. Alle Buddhisten verfolgen das Ziel Erleuchtung zu erlangen; in der jeweiligen Umsetzung haben sie aber einen größeren Freiraum als Christen. Die Bibel lehrt, dass es nur einen Weg zum Heil gibt, und dieser führt über Jesus Christus: „[…] Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“37 Folglich spielen im Buddhismus der Wille und die Entscheidungskraft des Menschen eine entscheidende Rolle. Der Buddhist kennt keinen Gott als personales Gegenüber, der in das Geschehen eingreifen kann - also muss er sich letztendlich selbst erlösen. In der Frage wodurch ein Mensch erlöst wird, zeigt sich der eigentliche Gegensatz zwischen Buddhismus und Christentum: Selbsterlösung vs. Fremderlösung.

Die Frage, welcher dieser beiden Wege nun tatsächlich zum Heil führt, kann und soll an dieser Stelle nicht gestellt werden. Von Bedeutung ist vielmehr die Eingangsfrage, ob ein christlich-buddhistischer Dialog angesichts der bestehenden Gegensätze, überhaupt möglich ist. Grundsätzlich halte ich einen interreligiösen Dialog für durchaus notwendig, um ein allgemeines Verstehen zwischen Ost und West zu fördern. Meiner Meinung nach, sollte ein Dialog allerdings nicht auf dem Suchen nach einer größtmöglichen Gemeinsamkeit beruhen. Ich halte es für absolut wichtig, die Eigenheiten beider Religionen wahrzunehmen und nicht im Gespräch der jeweils anderen anzupassen. Es sollte sich definitiv keine Gleichgültigkeit über den jeweiligen Heilsweg entwickeln. Buddhismus bleibt Buddhismus und Christentum bleibt Christentum - mit ihren beiderseitigen individuellen Grundstandpunkten. Es darf keine Vermischung beider Ansichten entstehen, es muss vielmehr eine gewisse Abgrenzung beibehalten werden. Beide Seiten sollten die Herkunft der anderen Sichtweise nicht nur kennen, sondern vor allem auch verstehen lernen. Dazu ist es notwendig den eigenen Blick zu öffnen und sich auf die andere Religion einzulassen, ohne dabei die eigene Überzeugung oder den eigenen Glauben zu verlieren. Unter Beibehaltung dieser Grundvoraussetzungen, ist ein funktionierender Dialog zwischen Buddhismus und Christentum, meiner Ansicht nach, durchaus möglich.

6. Literaturverzeichnis

Dumoulin, Heinrich: Christentum und Buddhismus in der Begegnung, in: Erlösung in Christentum und Buddhismus, hrsg. v. Andreas Bsteh, Mödling 1982, S. 32-51.

Füglister, Notker: Grundweisen biblischer Heilserfahrung, in: Erlösung in Christentum und Buddhismus, hrsg. v. Andreas Bsteh, Mödling 1982, S. 147-174.

Hünermann, Peter: Erlöst in Jesus Christus. Grundzüge des christlichen Erlösungsverständnisses, in: Was ist Erlösung? Die Antwort der Weltreligionen, hrsg. v. Adel Theodor Khoury u. Peter Hünermann, Freiburg 1985, S. 111-139.

Küng, Hans u. Bechert, Heinz: Christentum und Weltreligionen. III Buddhismus, 3. Auflage, München 1992.

Nakamura, Hajime: Der Erlösungsprozess im Buddhismus, in: Erlösung in Christentum und Buddhismus, hrsg. v. Andreas Bsteh, Mödling 1982, S. 88-111.

Meier, Erhard: Was ist Erlösung im Buddhismus? in: Was ist Erlösung? Die Antwort der Weltreligionen, hrsg. v. Adel Theodor Khoury u. Peter Hünermann, Freiburg 1985, S. 53-70.

[...]


1 Nakamura, Hajime: Der Erlösungsprozeß im Buddhismus, in: Erlösung in Christentum und Buddhismus, hrsg.

2 Meier, Erhard: Was ist Erlösung im Buddhismus? in: Was ist Erlösung? Die Antwort der Weltreligionen, hrsg.

3 vgl. Meier: a.a.O., S. 57.

4 vgl. Meier: a.a.O., S. 60.

5 vgl.: Bechert, Heinz: Christentum und Weltreligionen. Buddhismus, 3. Auflage, München 1992, S. 33.

6 vgl. Meier: a.a.O., S. 63.

7 Meier: a.a.O. S. 63-64.

8 Nakamura: a.a.O. , S. 90.

9 Bechert: a.a.O., S. 35.

10 vgl. Nakamura: a.a.O., S. 89.

11 vgl. Nakamura: a.a.O., S. 94.

12 Nakamura: a.a.O., S. 95.

13 vgl. Nakamura: a.a.O., S. 94.

14 vgl. Nakamura: a.a.O., S. 95.

15 Nakamura: a.a.O., S. 95.

16 Nakamura: a.a.O., S. 103.

17 vgl. Nakamura: a.a.O, S. 105-106.

18 vgl. Nakamura: a.a.O., S. 107.

19 Nakamura: a.a.O., S. 102.

20 vgl. Nakamura: a.a.O., S. 102.

21 Nakamura: a.a.O., S. 103.

22 Hünermann, Peter: Erlöst in Jesus Christus. Grundzüge des christlichen Erlösungsverständnisses, in: Was ist Erlösung? Die Antwort der Weltreligionen, hrsg. v. Adel Theodor Khoury u. Peter Hünermann, Freiburg 1985, S. 116.

23 Hünermann: a.a.O., S.117.

24 Hünermann: a.a.O., S. 127.

25 Füglister, Notker: Grundweisen biblischer Heilserfahrung, in: Erlösung in Christentum und Buddhismus, hrsg.

26 Mt 6, 13. (Lutherübersetzung)

27 Füglister: a.a.O., S. 150.

28 Lk 9,24 (Lutherübersetzung)

29 vgl. Küng, Hans: Christentum und Weltreligionen. Buddhismus, 3. Auflage, München 1992, S. 64.

30 Doumoulin, Heinrich: Christentum und Buddhismus in der Begegnung, in: Erlösung in Christentum und Buddhismus, hrsg. v. Andreas Bsteh, Mödling 1982, S. 37.

31 Küng: a.a.O., S. 65.

32 Füglister: a.a.O., S. 152.

33 Füglister: a.a.O., S. 152.

34 Füglister: a.a.O., S. 171.

35 Bechert, Heinz: Christentum und Weltreligionen. Buddhismus, 3. Auflage, München 1992, S. 33.

36 Nakamura: a.a.O., S. 92.

37 Joh 14,6. (Lutherübersetzung)

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640818891
ISBN (Buch)
9783640822270
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166131
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Buddhismus Christentum Erlösung; Selbsterlösung; Fremderlösung; Interreligiöser Vergleich; Nirvana; Mahayana; Theravada;

Autor

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