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Mythos in der aristotelischen Poetik

Referat (Ausarbeitung) 2001 11 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung - Die Poetik des Aristoteles

2. Definition des Begriffs Mythos

3. Bedeutung des Mythos innerhalb der Tragödiendefinition

4. Der Mythos als „Seele der Tragödie“
a) Grundlegende Eigenschaften des Mythos
b) Ganzheit, Größe und Einheit
c) Peripetie und Wiedererkennung
d) Quantitative Elemente der Tragödie
e) Das Dichten von Tragödien
f) Die „ideale“ Tragödie

5. Bibliographie

1. Einleitung - Die Poetik des Aristoteles

In den ersten fünf Kapiteln seiner „Poetik“ befasst sich Aristoteles mit allen drei Richtungen der Dichtkunst, dem Epos, der Komödie und der Tragödie. Er führt in folgende Begriffe, die auch eine Tragödie ausmachen, ein: die Mimesis bzw. die Nachahmung, die Handlung, die sich mit besseren Menschen befasst, in sich geschlossen ist und eine bestimmte Größe besitzt, sowie die Sprache mit Melodie und Rhythmus als Mittel der Nachahmung und von der Nachahmung des Handelnden gesprochen.

Ab dem sechsten Kapitel bezieht sich Aristoteles nur noch auf die Tragödie, ihre Gestalt, ihren Aufbau, ihren Zweck und ihre Wirkung. Dabei geht er besonders intensiv auf den Begriff Mythos ein, den ich mir als Thema meiner Arbeit gewählt habe. Mir geht es vor allem darum, darzulegen, was Aristoteles unter dem Mythos versteht, welche Bedeutung er innerhalb seiner Tragödiendefinition einnimmt und wie dieser Mythos aufgebaut sein muss, um seinen Zweck zu erfüllen, nämlich die Katharsis durch Eleos und Phobos.

2. Definition des Begriffs Mythos

Mythos ist ein griechischer Begriff und bedeutet übersetzt soviel wie Wort, Aussage, Rede, Erzählung, Sage, Geschichte etc. Den Begriff Mythos assoziiert man meist als erstes mit der Mythologie. Mythologie ist die Gesamtheit aller mythischen Überlieferungen eines Volkes oder Kulturkreises sowie deren wissenschaftliche Darstellung und Erforschung. Der Zusammenhang zwischen Mythologie und dem Mythos, wie ihn Aristoteles als Teil der Tragödie definiert, ist, dass sich im Mythos die Urbilder der Vergangenheit, mit anderen Worten die Vorbilder oder mythischen Helden, widerspiegeln. Der Mythos erzählt somit die Geschichten der Heldensage und bildete im antiken Griechenland den Grundstoff für Kunst und Dichtung. Bei Aristoteles bedeutet Mythos genauer gesagt die Nachahmung von Handlungen und Ereignissen. Der Mythos in der Tragödie ist also die Zusammensetzung von Geschehnissen, die auf historischen Handlungen basieren.

3. Bedeutung des Mythos innerhalb der Tragödiendefinition

Die Tragödie besteht nach Aristoteles aus sechs qualitativen Teilen, und zwar aus Inszenierung, Melodik, Sprache, Erkenntnisfähigkeit, den Charakteren und dem Mythos. Da sich bei der Tragödie alles um Nachahmung dreht, ordnet man diese qualitativen Teile nach der Art und Weise, wie nachgeahmt wird, den Mitteln, mit Hilfe derer nachgeahmt wird, und den Dingen, die nachgeahmt werden.

Die Art und Weise der Nachahmung ist für Aristoteles die Inszenierung. Sie ist an und für sich der Teil der Tragödie, der den Zuschauer am meisten ergreift. Dennoch ist die Inszenierung nach Aristoteles „das Kunstloseste“ an der Tragödie, da sie „am wenigsten etwas mit der Dichtkunst zu tun“1 hat, sondern eher ein Werk der Bühnen- und Maskenbildner ist. Die Mittel der Nachahmung sind für ihn Melodik und Sprache. Die Sprache ist ein Mittel zur Verständigung, das sich aus Worten zusammensetzt. Dabei sollten einfache, alltägliche Begriffe mit Metaphern und Glossen sowie erweiterten, verkürzten oder abgewandelten Worten kombiniert werden. Die vollkommene sprachliche Form muss folglich laut Aristoteles klar und verständlich, aber zugleich fremdartig und ungewöhnlich sein. Die Melodik wiederum verleiht der Sprache Sinnlichkeit, ist aber für die Tragödie bei weitem nicht so bedeutend wie die Sprache selbst.

Den Dingen, die in einer Tragödie nachgeahmt werden, ordnet Aristoteles die Erkenntnisfähigkeit, die Charaktere und den Mythos zu. Unter Erkenntnisfähigkeit versteht er die intellektuelle Fähigkeit, sich sachgemäß und angemessen zu äußern, d.h. die geistige Grundlage, um sich ein allgemeines Urteil zu bilden. Der zweitwichtigste Teil der Tragödie sind die Charaktere. Der Begriff Charakter bezeichnet die Wesensart eines Menschen, die sich an individuellen Neigungen in Handlung und Sprache erkennen lässt. Das letzte und wichtigste Element, das in einer Tragödie nachgeahmt wird, ist der Mythos. Für Aristoteles bildet er den bedeutendsten und kunstvollsten Teil, der eine gute Tragödie definiert. Er ist „Fundament und gewissermaßen die Seele der Tragödie“2.

4. Der Mythos als „Seele der Tragödie“

a) Grundlegende Eigenschaften des Mythos

Aristoteles definiert den Mythos als „Nachahmung von Handlungen“3 bzw. als „Zusammensetzung der Geschehnisse“4. Mythos bedeutet also die Mimesis von Handlungen, wobei keinesfalls Handelnde nachgeahmt werden. Aristoteles legt nämlich besonderen Wert darauf, dass eine Tragödie einer guten, umfangreichen Handlung bedarf, jedoch nicht zwingend stark ausgeprägter Charaktere. Diese sind bloß nötig, um die Handlung darstellen zu können. Denn aufgrund einer bestimmten Handlung und nicht aufgrund der Beschaffenheit eines Charakters widerfährt jemandem Glück oder Unglück, worauf es schließlich bei der Tragödie ankommt. Jedoch ist dies nicht Ziel und Zweck der Tragödie. Dieser liegt vielmehr darin, dass beim Zuschauer (oder auch beim Leser) Eleos und Phobos - übersetzt Jammer und Schaudern - ausgelöst werden und dadurch der Mensch von derartigen Empfindungen befreit und gereinigt werden soll, was man als Katharsis bezeichnet. Auch dazu trägt der Mythos den beachtlichsten Teil bei. Jedoch kann der Mythos seine besondere Wirkung nur dann voll entfalten, wenn die Organisation der Handlung stimmt. Der Dichter muss deshalb mehrere Regeln beachten, damit sein Werk im Sinne des Aristoteles wirklich gut wird.

b) Ganzheit, Größe und Einheit

Wie in der Einleitung gesagt ist der Mythos die Mimesis „einer in sich geschlossenen und ganzen Handlung […], die eine bestimmte Größe hat“5. Dieser Satz legt fest, dass der Mythos den Kriterien der Ganzheit, der Größe und der Einheit unterliegt.

Die Ganzheit legt eine bestimmte Anordnung und Reihenfolge der Geschehnisse innerhalb der Handlung fest. Eine ganze Handlung hat Anfang, Mitte und Ende. Der Anfang folgt nicht notwendigerweise nach etwas anderem, zieht aber gewiss etwas anderes nach sich. Beim Ende ist es genau umgekehrt, es folgt nach etwas anderem, zieht aber nichts mehr nach sich. Die Mitte folgt nach etwas anderem und zieht gleichzeitig etwas anderes nach sich. Gemäß diesem Prinzip können die Geschehnisse nicht einfach an einer beliebigen Stelle eingesetzt werden. Aristoteles bezeichnet dies als artgerechte „Zusammenfügung der Geschehnisse“6. Das Kriterium der Einheit ist relativ eng verbunden mit dem der Ganzheit. Eine Einheit kann bloß dann erzielt werden, wenn nur eine einzige, aber ganze (!) Handlung nachgeahmt wird. Das heißt, dass man nicht ALLE Handlungen aufnimmt, die sich mit dem Helden dieser Tragödie abgespielt haben, sondern sich eine bestimmte Handlung auswählt, um welche sich die Geschehnisse in einer bestimmten Anordnung drehen. Die Erfüllung der Kriterien von Ganzheit und Einheit lässt sich relativ leicht nachprüfen. Und zwar sind alle Geschehnisse, die man entweder an jede beliebige Stelle der Handlung setzen oder ganz weglassen kann, und zwar ohne, dass sich die Grundaussage der Handlung maßgeblich verändert, gar kein Teil dieser Handlung, sondern sind eigene Handlungen, die sich lediglich um den gleichen Helden drehen und somit auf keinen Fall zu dieser ganzen und einheitlichen Haupthandlung gehören. Demnach darf eine in sich geschlossene und ganze Handlung keine Teile enthalten, die man verschieben oder weglassen kann, ohne dadurch das Ganze durcheinander zubringen. Alle Geschehnisse müssen somit nach den Kriterien von Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit auseinander hervorgehen und dadurch Glaubwürdigkeit vermitteln.

Um allerdings bestimmten wirkungsästhetischen Kriterien Genüge zu tun, kommt es nicht nur auf die korrekte Anordnung der Geschehnisse und deren Geschlossenheit an. Auch die Größe der Handlung trägt ihren Teil dazu bei. Denn weder eine zu kleine noch eine zu große Handlung wirkt ästhetisch schön. Sie muss eine bestimmte Größe haben, um sich nicht im Auge des Betrachters zu verlieren, falls sie zu klein sei. Allerdings darf sie auch nicht zu groß sein, damit sie vom Betrachter überhaupt im Ganzen aufgenommen werden kann. Somit muss die Handlung so groß wie möglich sein, aber immer überschaubar und einprägsam bleiben. Außerdem muss die Handlung auch groß genug sein, um Peripetie und Wiedererkennung herbeizuführen, die zum Erzielen der spezifischen Wirkung einer Tragödie notwendig sind.

c) Peripetie und Wiedererkennung

Die Peripetie definiert Aristoteles als „Umschlag dessen, was erreicht werden soll, in das Gegenteil, und zwar […] gemäß der Wahrscheinlichkeit oder mit Notwendigkeit“7. Dieser Umschlag ins Gegenteil müsse sich mit einer gewissen Plötzlichkeit vollziehen und eine Art Überraschungseffekt bewirken.

[...]


1 Poetik,1982, S. 25

2 Poetik, 1982, S. 23

3 Poetik, 1982, S. 19

4 Poetik, 1982, S. 19

5 Poetik, 182, S. 25

6 Poetik, 1982, S.25

7 Poetik, 1982, S. 35

Details

Seiten
11
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640818860
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166124
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Poetik Aristoteles Mythos Tragödie Ganzheit Peripetie Anagnorisis Eleos Phobos Katharsis

Autor

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Titel: Mythos in der aristotelischen Poetik