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Die Rolle der Medien für Sozialisationsprozesse in Gleichaltrigengruppen Heranwachsender am Beispiel von Film und Fernsehen

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserläuterungen und inhaltliche Verortung
2.1. ´Peer Groups` - die Gleichaltrigengruppen Heranwachsender
2.2. Mediensozialisation

3. Aufwachsen in heutigen Medienwelten – die Bedeutung der Medien für Sozialisationsprozesse in den Gleichaltrigengruppen Heranwachsender
3.1. Die Lebenswelten Heranwachsender in ihrem Bezug zu den Medien(-welten)
3.2. Verdeckte Selbstoffenbarung im Gespräch über mediale Inhalte
3.3. Medien als Mittel der Selbstinszenierung, (Gruppen-)Zuordnung und Distanzierung

4. Fernsehen und Film als Spiegel eigener Identitätsentwürfe
4.1. Fernsehserien als Spiegel des Alltäglichen
4.2. Spielfilmhandlung als Spiegel des Zukünftigen
4.3. Spielfilmthemen als Spiegel eigener Themen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Medien sind heute allgegenwärtig – im Laufe der letzten Jahre haben diese fortschreitend den Alltag westlicher Industriegesellschaften durchzogen und sind mittlerweile fester Bestandteil unserer alltäglichen Lebenswelt, die demzufolge (auch) Medienwelt ist. Infolgedessen nehmen Medien Einfluss auf die verschiedensten Lebensbereiche, wobei sich im Kontext dieser Arbeit insbesondere mit der jungen Generation und den Umständen ihres medial eingebetteten Heranwachsens beschäftigt werden soll. Fraglos spielen Medien eine nicht unbedeutende Rolle hinsichtlich heutiger Prozesse von Sozialisation und Identitätsentwicklung junger Menschen. Obwohl die Art und Weise des je individuellen Medienumgangs durch multiple, vorrangig auch soziale Faktoren determiniert ist (eine wichtige Rolle kommt hier z.B. dem Einfluss der Herkunftsfamilie bzw. dem hier grundlegend ´vorgelebten` Medienumgang der Eltern zu), werden Medien von mancher Seite noch bis heute als ein grundlegend bedrohliches Phänomen angeprangert, von dem ´wehrlose` Kinder und Jugendliche grundsätzlich fernzuhalten seien. Dass dies in einer Gesellschaft, in der die Medien bereits zu einem übergreifenden Bestandteil des Alltags avanciert sind, kaum möglich und darüber hinaus auch wenig sinnvoll sein kann, wird offenbar, wenn sich auch angesichts der möglichen Risiken, die die Mediennutzung bergen kann, gleichwohl mit ihren Möglichkeiten und Chancen auseinandergesetzt wird.

Im Rahmen dieser Arbeit steht somit die Frage im Vordergrund, wie sich Jugendliche heute angesichts der zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben die Medien zunutze machen und welche Rolle diese generell für Sozialisationsprozesse Heranwachsender spielen. Zur Gewährleistung eines grundlegenden Verständnisses sollen dazu im zweiten Kapitel die in diesem Kontext als elementar aufgefassten Begriffe erläutert und in ihren aktuellen inhaltlichen Kontext eingebettet werden. Im dritten Kapitel werden die zuvor erläuterten Begriffe aufeinander bezogen und die Bedeutung der Medien für Sozialisationsprozesse in Gleichaltrigengruppen Heranwachsender thematisiert, bevor diese im vierten Kapitel am Beispiel von Film und Fernsehen skizziert werden soll. Daraufhin folgt im sechsten Kapitel ein abschließendes Fazit.

2. Begriffserläuterungen und inhaltliche Verortung

2.1. ´Peer Groups` - die Gleichaltrigengruppen Heranwachsender

„Die Bedeutung der Gleichaltrigen-Gruppen liegt vor allem darin, dass in ihnen ´die Teenager die die Regeln der ´sozialen Spiele` lernen: Erfahrung und Wissen über zwischenmenschliche Beziehungen lernen, den eigenen sozialen Status sowie eine individuelle Geschlechtsrollenidentität entwickeln; und es sind schließlich die Gleichaltrigen-Gruppen selbst, in denen sie lernen, mit Gefühlen öffentlich umzugehen`.“[1]

Die Zugehörigkeit zu den Gruppen Gleichaltriger, den ´Peer Groups`, kann heute als konstitutiv für das Aufwachsen in den „informatisierten Industriegesellschaften der späten Postmoderne“[2] bezeichnet werden. Mit der Zuwendung zu den Gruppen gleichaltriger ist dabei der erste Schritt eines zunehmenden Ablösungsprozesses vom Elternhaus eingeleitet. Somit könne die Peer Group laut Jürgen Barthelmes und Ekkehard Sander vor allem verstanden werden als ein „[…] Korrektiv zur Familie sowie eine Ergänzung zu den häuslichen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen, denn in Peer-groups wird oft ´aufgehoben`, was bislang als ´normal` galt, bzw. innerhalb der Familie oder Schule immer noch als ´normal` gilt“[3]. So würden innerhalb der Peer Groups wichtige sozialisatorische Prozesse wie die Entwicklung einer eigenen Geschlechtsidentität, der Erwerb sozialer Kompetenzen, als auch die schrittweise Entwicklung von Selbstständigkeit gefördert und erstmals erprobt. Dabei gestalte sich die Peer Group als eine Gruppe mit „gleichen Interessen, Vorlieben, Werthaltungen“[4], die „Freundschaften mit spezifischen Bindungserfahrungen“[5] ermögliche, welche für ihre Mitglieder „von stabilisierender Bedeutung“[6] seien. Als zentrale Funktionen von Peer Groups sind somit vor allem

„[…] Orientierung, Stabilisierung und emotionale Geborgenheit; sozialer Freiraum für die Erprobung neuer Möglichkeiten […]; Unterstützung bei der Ablösung von den Eltern; [sowie] Identitätsfindung in Form von Identifikationsmöglichkeiten, Lebensstilen und Bestätigungen von Selbstdarstellungen“[7]

aufzuführen. Neben diesen Prozessen der Identitätsfindung und Erprobung sozialer Handlungsfähigkeit spielt in den Gruppen und Szenen zudem das „´Prinzip der kulturellen Homologie`“[8] als einer „möglichst große[n] Übereinstimmung in Sachen Medienvorlieben und Geschmackskulturen“[9] eine wichtige Rolle. Parallel zum Freundschaftscharakter enthalten diese Gruppen also auch „Aspekte der Subkulturen und Lebensstile“[10], indem sie sich „um symbolische Kennzeichen herum, wie Kleidungsstile, Frisuren, Sprach- und Sprechstile und die Nutzung bestimmter Medien und Medieninhalte“[11] konstituieren. Diesen „häufig informellen Strukturen der Wertestrukturen, Habitualisierungen, Selbstinszenierungen und Lebensstile“[12] kommt dabei häufig eine nicht zu unterschätzende „quasi-formale Bedeutung“[13] zu. Die für Heranwachsende elementare Bedeutung der Zugehörigkeit zu Peer Groups begründet sich darin, dass diese die „[…] Bühnen [bilden], auf denen über die Inszenierung des Ichs Fragen des Glücksanspruchs, der gegenwärtigen inneren Verfassung, aber auch der zukünftigen Sinnorientierung ausgehandelt werden“[14].

2.2. Mediensozialisation

„Mediensozialisation bei Kindern und Jugendlichen umfasst die verschiedenen Aspekte, in denen die Medien für die psychosoziale Entwicklung der Heranwachsenden eine Rolle spielen.“[15]

Seit ihrer Entwicklung sind Medien[16] „vorwiegend als Gefährdungsfaktoren für gelingende Sozialisation betrachtet oder gar diffarmiert“[17] worden. Innerhalb der letzten Jahre konnte jedoch ein Paradigmenwechsel von einer „[…] normativen Sichtweise, die Sozialisation vor allem unter der Perspektive der Anpassung des Subjekts an die Gesellschaft verstand, zu einer interaktionistischen Sichtweise, in der von einem aktiven, die gesellschaftliche Wirklichkeit konstruierenden Subjekt ausgegangen wird […]“[18], verzeichnet werden. Eine solch interaktionistischen Perspektive legt also das Verständnis von Mediensozialisation als eines Prozess nahe, im Laufe dessen sich das entwickelnde Subjekt „[…] aktiv mit seiner mediengeprägten Umwelt auseinandersetzt, diese interpretiert sowie aktiv in ihr wirkt und zugleich aber auch von Medien in vielen Persönlichkeitsbereichen beeinflusst wird“[19]. Mediensozialisation meint damit mehr als Sozialisation durch Medien; davon ausgehend, dass jede Mediennutzung mit einem erwarteten Nutzen verbunden ist, unterstellt der Begriff Mediensozialisation also „aktiv handelnde Individuen, die sich im symbolischen Feld der Medien selbst sozialisieren“[20], wobei diese Selbstsozialisation „insbesondere für das Jugendalter typisch“[21] ist. Aus sozialisationstheoretischer Perspektive geht es dementsprechend immer um die Frage, „[…] wie die Identität von Heranwachsenden durch […] Medienangebote beeinflusst werden kann bzw. wie und warum Heranwachsende solche Inhalte auswählen, interpretieren und in ihr Selbstbild integrieren“[22]. Als weiteres Sozialisationsziel neben der Ausbildung von Medienkompetenz als die „Fähigkeit zur aktiven, selbstbestimmten und sozialverantwortlichen Auseinandersetzung mit Medien“[23] ist dabei die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben zu nennen, indem die Medien hier als

„[…] Spiegel und Transporteure anderer Sozialisatoren [dienen], welche die Heranwachsenden vermittelt durch die Medien erfahren. Diese mediale Vermittlung ist nicht neutral, sondern sie verändert zugleich die Botschaften und Rollen der Sozialisationsinstanzen und –agenten. Das Sozialisationsziel ist hier die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, wie z.B. der Aufbau eines angemessenen Geschlechterrollenkonzeptes. Das übergeordnete Sozialisationsziel ist also der Aufbau der Identität des Sozialisanden im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse.“[24]

Mediensozialisatorischen Prozessen ist dabei ein gewisser „Doppelcharakter“[25] immanent, da diese einerseits zur Entfaltung, andererseits aber auch zu einer Einschränkung individueller Potenziale führen können. Als Risiken der Mediensozialisation können z.B. „Entwicklungsverzögerungen oder –störungen“[26] auftreten; zudem konfrontieren Medien Heranwachsende mit Konsum- und Konformitätsdruck und können darüber hinaus zu „fremdbestimmter Zeit“[27] verleiten, wenn die „Programmstrukturen der Angebote den Tagesablauf beherrschen“[28]. Gleichwohl bieten Medien „vielfältige Ressourcen für eine gelingende Sozialisation“[29], z.B. indem sie als „Bausteine einer anregenden sozialen Umwelt“[30] genutzt werden und es „statt eines Ersatzes […] zu einer Ergänzung der Face-to-Face Beziehungen“[31] (bezüglich der Kommunikation über mediale Kanäle, z.B. das Internet oder Mobiltelefon) kommt.

[...]


[1] S. Frith 1983, S. 217, zit. in: Barthelmes, Jürgen; Sander, Ekkehard: Erst die Freunde, dann die Medien: Medien als Begleiter in Pubertät und Adoleszenz. – München : DJI-Verl. Dt. Jugendinst., 2001, S. 58.

[2] S. Süss, Daniel: Mediensozialisation von Heranwachsenden: Dimensionen – Konstanten – Wandel. 1. Aufl. - Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss., 2004, S. 79.

[3] S. Barthelmes, Jürgen; Sander, Ekkehard: Medien in Familie und Peer-Group. Vom Nutzen der Medien für 13- und 14-jährige. – 2. Aufl. – München: DJI, Verl. Dt. Jugendinst., 1999, S. 30.

[4] S. Ebd., S. 27.

[5] S. Ebd.

[6] S. Ebd.

[7] Vgl. Oerter/Montada 1987, S. 318 in: Ebd.

[8] S. Barthelmes; Sander 1999, S. 27.

[9] S. Barthelmes; Sander 1999, S. 27.

[10] S. Ebd.

[11] S. Süss 2004, S. 39.

[12] S. Ferchhoff, Wilfried: Mediensozialisation in Gleichaltrigengruppen. In: Vollbrecht, Ralf; Wegener, Claudia (Hrsg.): Handbuch Mediensozialisation. 1. Aufl. – Wiesbaden : VS, Verl. für Sozialwiss., 2010, S. 197.

[13] S. Ebd.

[14] S. Vollbrecht, Ralf In: Fritz, Karsten; Sting, Stephan; Vollbrecht, Ralf (Hrsg.): Mediensozialisation: Pädagogische Perspektiven des Aufwachsens in Medienwelten. – Opladen : Leske + Budrich, 2003, S. 20.

[15] S. Süss, Daniel: Mediensozialisation und medeinkompetenz. In: Appel, Markus; Batinic, Bernad: Medien- psychologie: Mit 60 Tabellen. – Heidelberg : Springer Medizin, 2008, S. 362.

[16] Im Rahmen dieser Arbeit Verwendung eines engeren Medienbegriffs; so werden Medien im Folgenden als Mittel des Austausches von Informationen zwischen einzelnen Personen und Gruppen sowie der massen- medialen Verbreitung verstanden.

[17] S. Kübler, Hans-Dieter: Medienwirkungen versus Mediensozialisation. In: Vollbrecht, Ralf; Wegener, Claudia (Hrsg.): Handbuch Mediensozialisation. 1. Aufl. – Wiesbaden : VS, Verl. für Sozialwiss., 2010, S. 27.

[18] Vgl. Berger/Luckmann 1977 nach: Aufenanger, Stefan: Mediensozialisation. In: von Gross, Friederike; Hugger, Kai-Uwe; Sander, Uwe: Handbuch Medienpädagogik. 1. Aufl. – Wiesbaden : VS, Verl. für Sozial- wiss., 2008, S. 87.

[19] S. Aufenanger 2008, S 88.

[20] S. Fritz, Karsten; Sting, Stephan; Vollbrecht, Ralf (Hrsg.): Mediensozialisation: Pädagogische Perspektiven des Aufwachsens in Medienwelten. – Opladen : Leske + Budrich, 2003, S. 8.

[21] S. Ebd.

[22] S. Süss 2008, S. 364.

[23] S. Aufenanger 2008, S 88.

[24] S. Süss 2004, S. 65.

[25] S. Süss 2008, S. 373.

[26] S. Ebd., S. 372.

[27] S. Ebd.

[28] S. Ebd.

[29] S. Ebd.

[30] S. Ebd.

[31] S. Ebd.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640818396
ISBN (Buch)
9783640821662
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166100
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Philosophische Fakultät
Note
1
Schlagworte
rolle medien sozialisationsprozesse gleichaltrigengruppen heranwachsender beispiel film fernsehen

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