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Intermedialität in Aldo Noves "Superwoobinda"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 23 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 WER SIND DIE ,GIOVANI SCRITTORT?

3 INTERMEDIALITÄT

4 INTERMEDIALITÄT IN ALDO NOVES SUPERWOOBINDA
4.1 Die ,letteratura pulp‘ und die Ästhetik des ,pulp‘
4.1.1 Nove und die letteratura pulp‘
4.2 Die Präsenz des Fernsehens
4.2.1 Zur medialen Verfasstheit der Figuren und dargestellten Realitäten
4.2.2 Das Phänomen ,Zapping‘ im Text.

5 SCHLUSSBETRACHTUNG

6 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Aldo Noves Werk Superwoobinda, genauer gesagt mit den intermedialen Zügen, die das Buch aufweist. Dafür muss zunächst geklärt werden, welche Bezüge, d. h. welche Arten von Intermedialität Einzug gehalten haben in Superwoobinda. Im Zuge der Arbeit wird die Frage beantwortet, wie das Medium Fernsehen und im speziellen Fall auch der Film Pulp Fiction Eingang in die Arbeit Noves fanden. Um dies erfolgreich bewerkstelligen zu können, wird zunächst geklärt welche Techniken aus Fernsehen und Film dafür infrage kamen, wie sie in ihrem Ursprungsmedium verarbeitet wurden und wie die Umsetzung in Noves Superwoobinda erfolgte. Da Pulp Fiction nicht nur auf Nove einen besonderen Einfluss hatte, sondern auch auf mehrere Autoren, die unter dem Namen ,giovani scrittori‘ zusammengefasst wurden, wird zunächst diese Gruppe betrachtet werden. Im Anschluss daran soll kurz der Begriff ,Intermedialität‘ beleuchtet werden, um anschließend dem eigentlichen Thema der Arbeit, der Intermedialität in Superwoobinda Rechnung zu tragen.

2 Wer sind die ,giovani scrittori?

Die literarische Szene der 1980er und '90er Jahre ist durch den Aufstieg junger Autoren gekennzeichnet, die nicht nur das Prädikat ,jung‘ ihres Alters wegen, sondern auch durch die Tatsache, dass sie in diesem Jahrzehnt ihren Durchbruch schafften, verdienen. Die Arbeiten dieser neuen Autorengeneration blieben auch den etablierten Verlagen nicht verborgen, die in ihnen die Möglichkeit sahen, neue Leserkreise zu erschließen, weil die Werke bzw. Themen gerade in Mode waren und sie sich deshalb besonders gut vermarkten ließen. [1] Ihr Erfolg geht zwar gleichzeitig mit einem Anstieg neuer und vor allem junger Leser einher, es muss aber auch in Betracht gezogen werden, dass sich eine ältere intellektuelle Gruppe ebenfalls mit dem Phänomen der ,giovani scrittori‘ ausein­andersetzte. Dabei handelte es sich um die sogenannte Gruppo 63, bei welchen es sich um eine neo-avangardistische Vereinigung von Theoretikern und Schriftstellern in den 1960er Jahren handelte. Eben diese Gruppe sah in den Texten der ,giovani scrittori die Fortsetzung ihres eigenen literarischen Schaffens,[2] weil für sie deren Werke die gleichen Auswirkungen auf die literarische Szene hatten wie ihre Experimentaltexte in den '60er Jahren. Dadurch ist es auch nicht verwunderlich, dass die ,giovani scrittori‘ durch die Mitglieder der Gruppo 63 kritische Unterstützung erfuhren.

Dies geschah in Form einer Reihe von Kongressen, die in der Stadt Reggio Emilia unter dem Titel Ricercare: laboratorio di nuove scritture stattfanden. Die Stadt selbst kann dabei schon als Verbindung zwischen dem Alten und Neuem, der Gruppo 63 und den ,giovani scrittori‘ betrachtet werden, fand doch just dort eines der bedeutendsten Treffen der Neo-Avangardisten statt. Das sich auf den verschiedenen Konferenzen entwickelnde Thema lässt sich vereinfacht in den Termini ,Tradition‘ vs. ,Innovation‘ zusammen­fassen.[3] Dabei wurde ebenso zwischen den unterschiedlichen Arten zu schreiben während der 1980er und '90er Jahre getrennt, wie auch die Autorenschaft in ,gute‘ bzw. ,schlechte‘ Schriftsteller geteilt, wobei diese Einteilung jedoch nicht mit der literari- sehen Qualität der Texte gleichgesetzt werden kann und darf. Vielmehr wird hier ein Vergleich durch die Mitglieder der Gruppo 63 vorgenommen, der besagen soll, inwie­weit die Texte dem experimentellen Anspruch, den eben jene Gruppe vertritt, gerecht werden oder eben nicht. Die ,buone‘ Autoren bzw. ,buonista‘ sind dabei vielfach die älteren Autoren der '80er Jahre wie Daniele del Giudice und Andrea de Carlo. In den Augen der Neo-Avangardisten sind ihre Texte aus linguistischem Blickwinkel uninter­essant und dienen dazu minimale Variationen von Emotionen und Gefühlen, die Mittel­klassecharakteren und deren Familien innewohnen, zu beschreiben.[4]

Dem gegenüber stehen die ,cattivisti‘, ,maledettisti‘ oder ,cannibali‘, denen vor allem die ,giovani scrittori‘ der '90er Jahre zu zurechnen sind. An dieser Stelle sind dement­sprechend Tiziano Scarpa, Aldo Nove oder auch Enrico Brizzi zu nennen, um nur einen kleinen Einblick in diese Gruppe zu geben, der noch weit mehr Autoren zu zuschreiben sind. Ihr Stil, wenn man denn überhaupt von einem einheitlichen Erscheinungsbild spre­chen kann, ist stark mit Quentin Tarantinos und seinem Film Pulp Fiction verbunden, also der postmodernen Kultur des Parodierens und Zitierens.[5] Für die Mitglieder der Gruppo 63 ist das Innovative und Provokative sowohl sprachlich wie thematisch von besonderer Bedeutung. Auf sprachlicher Ebene stehen hier der verwendete Jugendjargon und die konstante Referenz auf die heterogene Jugendkultur, wie Kinofilme, Bücher oder Rockgruppen im Mittelpunkt. Thematisch dominieren in den Erzählungen häufig exzessive Gewalt- und Sexdarstellungen, die mit einem mehr oder weniger starkem, je nach Autor variierenden, Mediabezug, vor allem in Form des TV, versetzt sind.

Für Guglielmi, einem Mitglied der Gruppo 63, haben die ,giovani scrittori‘ mittels ihrer Texte, die Erzählung oder besser gesagt den Roman, zurück auf die literarische Bühne Italiens geholt,[6] mit neuem Leben versehen und wieder salonfähig gemacht, nachdem diese in der Krise der Neoavangarde noch für tot geglaubt worden waren, da man der Meinung war, dass die Realität nicht mehr in Form des Romans ausgedrückt werden könne. Die Handlungsstränge sind dabei hyperrealistisch dargestellt, um den Realitäts­verlust und die mediatisierte Welt der Vereinheitlichung abbilden zu können.[7]

Obwohl von der Gruppo 63 vor allem die Sprachwahl, d. h. das linguistische Kompo­nente der ,giovani scrittori‘ befürwortet und gelobt wurden, war ihnen doch klar, dass es bemerkenswerte Unterschiede zwischen ihnen gab. Bei aller Ähnlichkeit kann die Origi­nalität der Sprache nicht in der dekonstruktiven Praxis der Neo-Avangarde gesehen werden, sondern vielmehr in deren Auflösung hinzu einer zeitgenössischen, literarischen Jugendsprache.[8]

Um einen besseren Einblick bzw. ein besseres Verständnis für die ,neuen italienischen Autoren‘ zu bekommen, ist es notwendig zu schauen, mit welchen kulturellen Referenz­modellen sich die Autoren auseinandersetzten. Hierbei ist besonders die Interaktion zwischen Hoch- und Populärkultur zu nennen, oder um es mit anderen Worten auszu­drücken, die Verbindung zwischen Literatur im klassischen Sinne mit allen Spielarten und Ausdrucksformen der Kunst, wie Kino, Musik, Comicheften, Fernsehen oder Internet. Diese Vermischung in Verbindung mit der Verwendung eines jugendsprachli­chen Vokabulars ließ die Originalität in den Texten der ,giovani scrittori‘ entstehen.

Aber längst nicht von allen wurden die ,giovani scrittori‘ so positiv gesehen wie durch die Gruppo 63. Für Antonio Moresco, einen italienischen Kritiker und Romanautor, ist die literarische Szene Italiens vielmehr durch die Abwesenheit bedeutender und großer Künstler gekennzeichnet, wenn man von wenigen Ausnahmen einmal absieht.

Perché nelle altre letterature gli scrittori grandi si spostano in branchi (i Russi, i Francesi, i Tedeschi, gli Americani...) mentre in quella italiana c’è solo qualche isolato qua e là, condannato a pagare il prezzo, combattuto oppure ignorato [...]?

Nessuna credibile tradizione, nessuna credibile avanguardia. Solo questa piccola storia del labirinto spacciata per modernità. Da una parte il colesterolo stilistico, dall’altra la cucina internazionale light. Marmellata romantica oppure liofilizzato. Immediatismo vitalistico o epigonalità. Così da secoli, in questo paese della merda e del galateo.[9]

Für Moresco gibt es dementsprechend keine avantgardistische Bewegung, noch gibt es eine literarische Tradition. Im weiteren unterscheidet er die zwei wesentlichsten Rich­tungen der italienischen Literatur: Auf der einen Seite den „colesterolo stilistico“, eine akademische und gefilterte Art des Literaturschaffens, und auf der anderen die „light“- Literatur, welche voll ist von Einflüssen der Massenmedien und Öffentlichkeiten.[10] Im weiteren Verlauf fasst er beide Erscheinungen unter den Begriffen ,Galateo‘ bzw. ,merda‘ zusammen. Für ihn fallen somit unter den Begriff ,merda‘ auch die ,giovani scrittori‘, die sich in ihren Werken teils stark durch die Massenmedien beeinflussen lassen, indem sie in ihren Werken Produkte und Kommunikationsstrategien der Medien nutzen und einbinden.

Eine weitere Bezeichnung für die ,giovani scrittori‘ ist ,i cannibali^ wobei dies im eigentlichen Sinn nur auf eine kleine Gruppe dieser zutreffend ist. Der Begriff wurde mit dem Erscheinen der Anthologie Gioventù cannibale (1996) geprägt und nicht nur die eigentlichen Autoren fortan auch unter diesem Namen zusammengefasst. Bezeich­nend für ,i cannibali‘ ist für viele Kritiker[11] ihre Bezugnahme auf den Film Pulp Fiction, sie spielen mit einer ,möglichen Literatur‘, bei der eine Bedeutungsausweitung von Lite­ratur und Erzählung vonstattengeht. Ihre Texte sind durchzogen von intermedialen Bezügen und ,Verunreinigungen‘ der Massenmedien. Für La Porta[12] sind sie deshalb gar ,Geschichtenerzähler‘, die sich das falsche Medium ausgesucht haben und lieber zu Kino oder Comics wechseln sollten. Ihre Literatur ist seiner Meinung nicht nur durch­schnittlich, sondern auch für ein durchschnittliches und semi-literarisches Publikum geschrieben, wobei es ihnen gelingt, Gewalt und Brutalität, mit einem nüchtern-objek­tiven Erzählstil zu kombinieren.

An dieser Stelle sind auch die Verlage zu erwähnen, die faktisch nur zwei gegensätz­liche Richtungen, die zuvor genannten ,Galateo‘ bzw. ,merda‘ publizieren. Gioventú cannibale ist folglich der letzteren Gruppe zu zuordnen, ein bewusst herbeigeführter kommerzieller Erfolg,[13] mit welchem die Autoren einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht wurden. Mit der bewusst gewollten Brutalität wird gezielt die Sensationslust der Leser angesprochen. Diese Gier nach Außergewöhnlichem wird schon im Titel gestillt. Kannibalismus ist eine Thematik, die schon früher, man schaue sich nur den Erfolg Stadens Wahrhaftiger História an, die Verkaufszahlen in die Höhe schnellen ließ.[14]

Eine andere Einordnung des Phänomens ,giovani scrittori fordert dagegen Tiziano Scarpa, der ebenfalls zu der genannten Autorengruppe gezählt wird. Seiner Meinung nach wird sowohl die Bezeichnung ,i cannibali als auch eine Verbindung zu Tarantinos Pulp Fiction den Autoren nicht gerecht.[15] Vielmehr gab es, gleichfalls wie in den Verei­nigten Staaten, in Italien eine Popkulturbewegung (Avant-Pop), die, gleich den ,giovani scrittori, von den Massenmedien beeinflusst worden war. Daher ist es für Scarpa wichtig festzuhalten, dass die italienischen Autoren nicht unter dem Schirm Tarantinos gearbeitet haben, sondern als Kinder ihrer Zeit einen eigenen, wenn auch ähnlichen Weg gegangen sind.

Izzo liefert einen weiteren Grund für das Auftreten des Phänomens der ,giovani scrit­tori‘. Für ihn spielen nicht nur die zuvor genannten Ursachen eine Rolle, sondern auch die italienische Gesellschaft.[16] Diese wird, bedingt durch die ausgeprägte Industrialisie­rung des Landes, ständig älter und wohlhabender, wodurch sich auch die einheimischen Märkte mit diesen Umständen auseinandersetzen müssen. Dies geschieht beispielsweise dadurch, dass die Fernsehsender ihr Programm an den älteren Zuschauern ausrichten und diesen Sendungen mit Informationen zur Gesundheit anbieten. Umgekehrt zu diesem telemedialen Phänomen tritt die Literatur auf,[17] die sich, als Abgrenzung zum TV, der Jugend und jungen Erwachsenen annimmt, wodurch es zu einer regelrechten Explosion des fenomeno giovanile‘ auf dem Buchsektor kommt.

Abschließend lässt sich sagen, dass die ,giovani scrittori‘ oder wie auch immer man sie jetzt nennen will einige entscheidende Gemeinsamkeiten aufweisen, die es einem ermöglichen sie zu charakterisieren bzw. zu gruppieren, d. h. sie zumindest im weitesten Sinne einer ,Gruppe‘ zu zuordnen. Zunächst ist an dieser Stelle mit Sicherheit die Sprache zu erwähnen, die durchzogen ist von Markennamen, es handelt sich um ein linguaggio pubblicitario, dei mass media e della televisione in particolare, del mondo dello sport e del consumo. Un’altra quota di lessico deriva dall’inglese come lingua franca intemazionale, divenuto una sorta di automatismo inconscio, e dal lessico delle bande giovanili in cui domina una sorta di turpiloquio “normalizzato”.[18]

Kurzum die Autoren verwenden genau die Sprache, die sich im Alltag oder auf der Straße wiederfinden lässt, imitieren sie in ihren Werken und schaffen damit ein Abbild der jüngeren Generationen Italiens.

[...]


[1] Bernadi, Claudia: Pulp and Other Fictions: Critical Debate on the New Italian Narrative, in: Bulletin of the Society for Italian Studies 30 (1997), S. 3-8, S. 3.

[2] Ders., S. 3.

[3] Ders., S. 3.

[4] Bernadi 1997 : 4.

[5] Ders., S. 4.

[6] Ders., S. 4.

[7] Bernadi 1997 : 4.

[8] „The originality of language in texts written by the young writers cannot therefore be located in the deconstructive practices which had been experimented by the avant-garde, but in the displacement into a literary context of contemporary youth language.“ (Ders., S. 6.)

[9] Moresco, Antonio: Il vulcano. Scritti crittici e visionari, Turin 1999, S. 15ff., zitiert nach: Piechocki, Katharina: „Transglobal destroy“? Zapping Female Italian Novelists at the Turn of the Millennium, in: Interlitteraria 9 (2004), S. 102-119, S.103.

[10] Piechocki 2004 : 103.

[11] Ders., S. 105.

[12] „Inoltre queste opere non appaiono in alternativa al cosidetto prodotto medio (altra ossessione degli ex neoavanguardisti), perché semplicemente sono loro, conformisticamente, il prodotte medio, per un pubblico medio, per il lettore medio alfabetizzato, che desidera e richiede quelle cose lì, che si nutre di pulp ma volendosi sentire tanto sofisticato, che aspira a trasgressioni colorate e alla moda.“ (La Porta, Filippo: La nuova narrativa italiana. Travestimenti e stili di fine secolo, Turin 1999, S. 264. zitiert nach: Piechocki 2004 : 106.)

[13] Arcangeli, Massimo: Giovani scrittori, scritture giovani. Ribelli, sognatori, cannibali, bad girls, Rom 2009, S. 125.

[14] Holdenried, Michaela: Künstliche Horizonte. Alterität in literarischen Repräsentationen Südamerikas, Berlin 2004, S. 109.

[15] Lucamente, Stefania: Intervista a Tiziano Scarpa (22.09.2006), URL: http://www.thefreelibrary.com/Intervista a Tiziano Scarpa di Stefania Lucamante.-a0164103002 (Stand: 27.05.2010).

[16] Izzo, Lucio: L‘influenza della lettaeratura americana sul generi minori in Italia nella seconda metà del ventesimo secolo, in: Italies 5 (2001), S. 255-276, S. 273.

[17] Ders., S. 273.

[18] Izzo 2001 : 274.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640817818
ISBN (Buch)
9783640821204
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166019
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,7
Schlagworte
Intermedialität Aldo Nove Superwoobinda giovani scrittori letteratura pulp i cannibali

Autor

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