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Der historische Jesus

Unterrichtsentwurf 2008 55 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Begründung des Themas

2. Sachanalyse
2.1. Forschungsgeschichte
2.2. Quellen zum Leben Jesu
2.2.1. Der Begriff „Quelle“
2.2.2. Nicht-christliche Quellen
2.2.3. Christliche Quellen
2.3. Rahmendaten - Geburt und Tod Jesu
2.4. Zwischenmenschliche Beziehungen
2.4.1 Die Familie Jesu
2.4.2. Die Jünger und Anhänger Jesu
2.4.3. Die Gegner Jesu
2.5. Wichtige Orte im Leben Jesu
2.6. Wichtige Stationen im Leben Jesu
2.6.1. Begegnung mit Johannes dem Täufer und Taufe
2.6.2. Öffentliches Auftreten und Wirken Jesu
2.6.3. Passion und Tod am Kreuz
2.6.4. Auferstehung und Messiasanspruch
2.7. Der Kontext des Lebens Jesu
2.7.1. Religionsgeschichtlicher Kontext: Jesus als Jude
2.7.2. Politischer, wirtschaftlicher und sozialer Kontext

3. Analyse der Lerngruppe / des Lernumfelds

4. Didaktische Orientierung
4.1. Die Schüler und das Thema „Der historische Jesus“
4.2. „Der historische Jesus“ in den Lehrplänen

5. Didaktische Entscheidungen
5.1. Themenauswahl
5.2. Lernziele
5.3. Methoden, Medien, Sozialformen

6. Verlaufsplan

7. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung und Begründung des Themas

Die Frage nach dem historischen Jesus taucht in unserer Gesellschaft immer wieder auf. Zu Ostern oder Weihnachten ist Jesus üblicherweise das Thema der großen Magazine wie des „Spiegels“, „Focus“, „Sterns“ o.Ä. Regelmäßig kommen neue Filme oder Bücher heraus, die auf die eine oder andere Art Jesus thematisieren, z.B. „Das Jesus Video“, „Sakrileg“ usw. Im April 2007 strahlte der Sender ProSieben die Dokumentation „Das Jesus-Grab“ des „Titanic“–Regisseurs James Cameron aus. Aufgrund eines Sippengrabs, in dem zehn Ossuarien u.a. mit den Namen „Jesus“, „Maria“ und „Juda“ gefunden worden waren, versuchte man zu belegen, dass Jesus von Nazareth verheiratet und Vater war sowie eines natürlichen Todes starb[1].

Im Laufe der Geschichte wurde die Figur Jesu von verschiedensten Denkrichtungen vereinnahmt. Man beruft sich auf Jesus als Sozialisten. Die Friedensbewegung bezieht sich auf Verse der Bergpredigt, esoterische Reiki-Heiler stellen sich in Jesu Tradition des Handauflegens und wollen wissen, dass Jesus ein Guru war, der in Indien seine Heilkunst lernte.

Betrachtet man die eben aufgeführten Phänomene, wird deutlich, dass es notwendig ist, Menschen, in unserem Fall die Schülerinnen und Schüler[2] über das Leben Jesu nach wissenschaftlichen Kriterien zu informieren. Als gebildete Menschen sollten sie in die Lage versetzt werden, Informationen zu Jesus von Nazareth selbst zu prüfen und gerechtfertigte Bezüge auf Jesus von willkürlichen Instrumentalisierungen unterscheiden zu können.

Generell sollen Schüler zur Kritikfähigkeit und selbstständigem Denken und Urteilen erzogen und befähigt werden. (Gläubige) Schüler sollen durch den Religionsunterricht zum Subjekt ihres Glaubens und ihrer Wertvorstellungen werden[3]. Für nicht-gläubige Schüler besteht die Chance darin, über die Historizität Jesu einen Zugang zur Bibel und vielleicht sogar zum Glauben zu finden. Das Christentum ist in seinem Wesen missionarisch und daher ebenfalls apologetisch[4]. Apologetische Möglichkeiten liegen auf jeden Fall in der Behandlung des historischen Jesus. Schüler können lernen, ihren eigenen Glauben zu reflektieren und auch nach außen hin zu begründen.

Der historische Jesus bildet den Rahmen für den christlichen Glauben und zeigt, wann Auffassungen aus diesem „Rahmen fallen“:

„Die unaufgebbare Funktion historischer Forschung sehe ich darin, dass sie einen Rahmen markiert, innerhalb dessen sich eine seriöse Interpretation zu bewegen hat. Sie eröffnet einen Raum, ohne dass sie den jeweils neu zu wagenden Versuch existentiellen und glaubenden Verstehens ersetzen kann“[5].

Dies bedeutet beispielsweise, dass Christen an eine reale Person, einen persönlichen Gott, der Mensch wurde und so Relevanz für unser irdisches Leben hat, glauben[6]. Betrachtet man die Verkündigung des historischen Jesus, wird deutlich, dass es sich beim Christentum um keine reine Ethik-Lehre handelt, was allerdings oft zu hören ist.

Ist die wissenschaftliche Untersuchung des historischen Jesus demzufolge fundamental, so ist sie leider kein leichtes Unterfangen. Eine Schwierigkeit liegt in der (Geschichts-) Wissenschaft an sich begründet. In ihrem Werk „Der historische Jesus. Ein Lehrbuch“, das die grundlegende Quelle für die vorliegende Arbeit darstellt, weisen die Autoren Gerd Theißen und Annette Merz im Vorwort auf diesen Sachverhalt hin. Wissenschaft kann nicht sagen: „So war es“, „So ist es“ oder „Das ist unser Ergebnis“[7]. Wissenschaftlich ist es, sich bewusst zu sein und darauf hinzuweisen, dass wissenschaftliche Forschung jeweils nur einen state of the art zu einem gegenwärtigen Zeitpunkt wiedergibt. Legitim ist es zu schlussfolgern: „So könnte es aufgrund der Quellen gewesen sein“[8]. Der Wissenschaftler muss sich darüber hinaus im Klaren sein, dass Ergebnisse immer nur aufgrund bestimmter Methoden erzielt werden, die sich verändern können. Verantwortungsvoller Umgang mit Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung bedeutet ferner, sich bewusst zu machen: „Eine rein objektive, nicht interessegeleitete Geschichtswissenschaft gibt es nicht“[9].

Für Theologen besteht noch eine andere Herausforderung darin, die Anteile eines menschlichen und historischen Jesus von Nazareth aus der Person des geglaubten Messias Jesus Christus „herauszufiltern“. Nach den Glaubensbekenntnissen, z.B. dem Athanasianum, sind in Jesus Christus „wahrer Mensch und wahrer Gott“ vereint. Einem „reinem“ Geschichtswissenschaftler dürfte die Aufgabe evtl. leichter fallen, die göttlichen oder messianischen Seiten von der Person Jesu Christi zu lösen. Dennoch muss man sich m. E. als Theologe der Frage nach dem historischen Jesus stellen, will man wissen­schaft­lich und verantwortungsvoll in seinem Fachbereich arbeiten. Allerdings ist es dabei nicht nötig, Glauben und historische Rekonstruktion als Gegenspieler zu sehen[10].

Die Beschäftigung mit dem historischen Jesus ist trotz aller Herausforderungen lohnenswert, sowohl für denjenigen, der in ihm allein einen Menschen sieht, als auch für den, der glaubt, dass Jesus von Nazareth die Selbstoffenbarung Gottes ist. Kann der gläubige Christ mehr über seinen Gott erfahren und ihm auf diese Weise näher kommen, so kann der Nicht-Gläubige einer Person näher kommen, die durch ihr Wirken und Leben die Menschen seit ca. 2000 Jahren beschäftigt.

Im Folgenden werde ich die Person Jesus von Nazareth, den historischen Jesus, als Gegenstand einer Unterrichtsreihe bzw. Unterrichtsstunde für das Gymnasium untersuchen. Bei den Schritten der Unterrichtsplanung orientiere ich mich an der von B. Schröder vorgeschlagenen Vorgehensweise[11], wobei ich von der Sachanalyse ausgehe und versuche, zunächst ohne Vorgabe einer Jahrgangsstufe oder einer genaueren Themenstellung den wissenschaftlichen Gegenstand zu analysieren. Hierauf wende ich mich den didaktischen Fragen zu und bestimme Jahrgangsstufe, Themenauswahl und Umfang der Unterrichtsreihe. Abschließend wird die genaue Planung einer Unterrichtsstunde der Reihe vorgestellt.

2. Sachanalyse

2.1. Forschungsgeschichte

Die Frage nach dem historischen Jesus begann im 18. Jahrhundert mit der sog. Leben-Jesu-Forschung „im Sinne der gesch[ichtlichen] Erforschung von Wort und Gesch[ichte] Jesu“[12]. Sie hat mittlerweile fünf Phasen durchlaufen.[13]

Die erste Phase dieser Untersuchung des Lebens Jesu unter „rein historischen Gesichtspunkten“[14] geht auf den Professor für orientalische Sprachen Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) zurück. In seiner „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“, die posthum und anonym in Fragmenten durch Gotthold Ephraim Lessing veröffentlicht wurde, kommt ein damals neuer methodischer Ausgangspunkt zum Tragen. Reimarus versuchte erstmals, zwischen der wirklichen, historischen Verkündigung Jesu und dem Christusglauben der Apostel zu unterscheiden. Hierbei ging Reimarus davon aus, dass Jesu Verkündigung nur im Kontext des Judentums und der damaligen Zeit zu verstehen ist. Dabei sah Reimarus Jesus als prophetisch-apokalyptische Gestalt des Judentums mit einer politisch-messianischen Botschaft. Die sich anschließende Erlösungs- und Auferstehungsbotschaft der Apostel nach dem Tode Jesu führte er auf einen Betrug durch die Apostel zurück (Diebstahl des Leichnams Jesu).

Die Grundthese von David Friedrich Strauß (1808-1874) in „Leben Jesu“ (1835/36) ist, dass die Jesusüberlieferung in den Evangelien mythisch ausgestaltet wurde. Strauß wendet den Mythosbegriff der alttestamentlichen Forschung auf die Evangelien an. Die damals verbreiteten Erklärungsversuche des Supranaturalismus und Rationalismus waren für ihn als Deutungsmuster der in den Evangelien überlieferten Begebenheiten beide unzulänglich. „Unhistorisches“, z.B. die Außerkraftsetzung von Naturgesetzen, rühren von einem „unbewussten Prozess mythischer Imagination“[15] her. Der Kern des Christentums bleibt trotz dieser Annahme bestehen, da Strauß die höchste aller Ideen, die Idee der Gottmenschlichkeit, in Jesus weiterhin realisiert sieht. Er geht erstmals davon aus, dass das Johannesevangelium wegen seiner theologischen Ausrichtung historisch weniger vertrauenswürdig ist als das Matthäus- oder Lukasevangelium[16], welche er für die ältesten Evangelien hält. Mk ist nach Strauß ein Exzerpt der beiden anderen Synoptiker.

Die zweite, klassische Phase der Leben-Jesu-Forschung ist von dem Optimismus des theologischen Liberalismus gekennzeichnet, mittels historisch-kritischer Rekonstruktion der Person und Geschichte Jesu eine Erneuerung des christlichen Glaubens bewirken zu können. Die Methode dieser Forschungsphase ist die literarkritische Erschließung der ältesten überlieferten Quellen. Heinrich Julius Holtzmann (1832-1910) gelang es, die Zwei-Quellen-Theorie zu etablieren. Mk und die allein auf Rekonstruktion basierende Logienquelle Q werden seither für die zuverlässigsten Quellen im Hinblick auf den historischen Jesus gehalten. Durch Holtzmann wurde Mk ein biographischer Rahmen des Lebens Jesu entnommen und der Logienquelle authentische Jesusworte.

Die dritte Phase stellt den Zusammenbruch der bis dahin unternommenen Leben-Jesu-Forschung dar. Albert Schweitzer erkannte, dass die liberalen Theologen durch Projektionen ihrer Idealvorstellungen einer Persönlichkeit jeweils ihren „historischen“ Jesus rekonstruiert hatten. Zudem stellte W. Wrede heraus, dass das Markusevangelium nicht in dem bis dato angenommenen Maße historisch zuverlässig sei, da in ihm die Messianität des nachösterlichen Glaubens der Gemeinde in das Leben Jesu projiziert werde. Ebenso sei das Motiv des „Messiasgeheimnisses“ unhistorisch.

K.L. Schmidt betonte den fragmentarischen Charakter der in Mk überlieferten Einheiten, so dass keine chronologische Abfolge der Ereignisse des Lebens Jesu auf der Grundlage von Mk mehr rekonstruierbar sei.

In diesem Umfeld unterstrichen die Vertreter der dialektischen Theologie, insbesondere Rudolf Bultmann, dass der historische Jesus für den Glauben nicht entscheidend sei. Essentiell sei nur der „kerygmatische Jesus“, der Jesus der nachösterlichen Predigt. Dabei sei laut Bultmann auch nicht bedeutsam, ob Jesus wirklich auferstanden ist. Wichtig allein sei die Verkündigung. Der Mensch werde durch Gottes Handeln vor die Entscheidung gestellt zu glauben. Im Anschluss daran wurde jedoch angenommen, dass dieser nachösterliche Aufruf zur Entscheidung in der Verkündigung des historischen Jesus angelegt sei, so dass die Frage nach seiner historischen Person neu gestellt wurde.

In der folgenden vierten Phase, der „neuen Frage“ nach dem historischen Jesus, wurde versucht, Hinweise für die Hoheit Jesu nach der Auferstehung bereits in der Verkündigung vor Ostern zu finden. Die methodische Grundlage für diese „neue Frage“ war das sog. „Differenzkriterium“. Als authentische Jesus-Äußerung wurde all jenes eingestuft, das sich sowohl vom Urchristentum als auch vom Judentum her eindeutig unterscheidet. Somit wurde der religions- und traditionsgeschichtliche Vergleich zum Hauptinstrumentarium der Untersuchungen. Als Folge der Betonung des Differenzkriteriums wurde Jesus allerdings in starkem Kontrast zum Judentum wahrgenommen. Vorösterliche Anhalte des Christuskerygmas wurden beispielsweise in der Gesetzeskritik Jesu und in der „Inanspruchnahme der Liebe Gottes für die Sünder“[17] durch Jesus gesehen.

Die „third quest“ („dritte Suche / Frage“) nach dem historischen Jesus stellt die fünfte Phase der Forschungsgeschichte dar. Die einseitige Abgrenzung Jesu vom Judentum wurde nun durch eine Einordnung in den jüdischen Kontext abgelöst. Indikator für Historizität wurde das „historische Plausibilitätskriterium“. „Was im jüdischen Kontext plausibel ist und die Entstehung des Urchristentums verständlich macht, dürfte historisch sein...“[18]. Einige Forscher interpretierten Jesus jedoch auch als jüdischen Kyniker, so B.L. Mack und J.D. Crossan. In den Vordergrund der Forschung trat ein sozialgeschichtliches Interesse am Leben Jesu, das Jesu Wirken durch die Einflüsse der jüdischen Gesellschaft im 1. Jh. n. Chr. geprägt sieht. Die „third quest“ ist zudem gekennzeichnet durch eine Offenheit gegenüber nicht-kanonischen Quellen (z.B. dem Thomas-Evangelium, Egerton-Evangelium u.a.). Aber auch die Skepsis gegenüber der historischen Aussagekraft der Evangelien nahm ab, so beispielsweise bei Vermes[19].

Der Überblick über die Phasen der Leben-Jesu-Forschung zeigt, dass sich im Laufe der letzten 300 Jahre einige Aspekte bei der wissenschaftlichen Untersuchung stets gewandelt haben. Immer wieder hat sich die Methodik geändert und mit der Methode auch die Ergebnisse. Schröter und Brucker formulieren es so: „Verschiedene hermeneutische und methodische Zugänge zur Vergangenheit haben [...] immer auch in den Jesusbildern Ausdruck gefunden, die sie hervorbrachten“[20]. Meines Erachtens verfügt die „third quest“ mit dem Kriterium der historischen Plausibilität über ein verlässliches Werkzeug. Auch der Beitrag, den die Forschungsergebnisse zum jüdisch-christlichen Dialog liefern, ist hierbei begrüßenswert. Hier können Juden Jesus und Christen ihre jüdischen Wurzeln entdecken. Aus diesem Grund sollten heutzutage Autoren dieser Phase[21] die inhaltliche Darstellung zum historischen Jesus weitgehend bestimmen.

Auch die Sicht auf die historische Verlässlichkeit der Quellen unterlag einer gewissen Veränderung, wobei dem Johannes-Evangelium wegen seiner theologischen Ausrichtung skeptisch begegnet wird und seit Etablierung der Zwei-Quellen-Theorie Mk und Q Priorität eingeräumt werden.

Schließlich bleiben bei allem wissenschaftlichem Fortschritt zwei Grundprobleme bestehen. Einerseits das Problem der Rekonstruktion. Stets ist der Forscher von eigenen Grundannahmen geleitet, welche die Forschungsergebnisse beeinflussen. Außerdem können historische Ereignisse nicht immer mit den Kriterien der Plausibilität oder Wahrscheinlichkeit erklärt werden. Andererseits bleibt für den historisch arbeitenden Theologen die bereits erwähnte Schwierigkeit der Trennung des Jesus von Nazareth und des Christus[22], wo doch die „Identität des irdischen Jesus und des erhöhten Christus ... in allen urchristlichen Schriften vorausgesetzt“[23] ist. Die Tendenz, „den ‚historischen Jesus’ gegen den Christus des Glaubens und der nachösterlichen Verkündigung auszuspielen“[24], ist in der neueren Forschung durch J. Frey kritisiert worden. Theologische Aussagen (über Jesus) sind nicht gleich unhistorische Aussagen: „[...] weil sich der christliche Glaube auf eine konkrete geschichtliche Gestalt, auf ein nach Ort und Zeit bestimmtes Geschehen zurückbezieht, deshalb ist die historische Frage nach Jesus auch theologisch von Belang“[25].

2.2. Quellen zum Leben Jesu

2.2.1. Der Begriff „Quelle“

Bevor die genaue Betrachtung der Quellen zum Leben Jesu folgen kann, ist der Begriff „Quelle“ zu definieren: „Quelle (...) bezeichnet Material zur Rekonstruktion der Vergangenheit als Geschichte“[26]. Zusätzlich heißt es bei Borowsky: „Dabei denken die Forschenden vor allem an schriftliche Quellen“[27].

Eine „kompakte“ Definition bietet Kirn: „Quellen nennen wir alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“[28].

Als Kriterien für die Beurteilung von Quellen zum historischen Jesus gelten die „geschichtliche Nähe“ der Quellen zum Geschehenen und ihre „Unabhängigkeit“ von anderen Quellen[29]. Eine Quelle ist dann wertvoll, wenn sie möglichst nahe an den historischen Jesus führt. Dies bedeutet, dass das Alter einer Quelle bzgl. der geschichtlichen Nähe zum Ereignis eine Rolle spielen kann, sie ist jedoch nicht mit geschichtlicher Nähe gleichzusetzen. Beispielsweise sind die synoptischen Evangelien jünger als die Paulusbriefe, sie sind aber näher am geschichtlichen Jesus, da sie ältere Einzeltraditionen enthalten und im Unterschied zu Paulus Jesus nicht als „mythisches“, präexistentes Wesen darstellen. Unabhängigkeit von Quellen liegt „bei allzu weitgehender Übereinstimmung der Quellen“[30] nicht mehr vor. Günstig ist der Fall, in dem Quellen Gleiches bezeugen, gleichzeitig leichte Inkohärenzen aufweisen, was darauf hinweist, dass sie nicht aufeinander basieren.

2.2.2. Nicht-christliche Quellen

Die Anzahl an nicht-christlichen Quellen, die von Jesu Leben Zeugnis geben, ist sehr überschaubar[31]. Wichtige historische Quellen sind zwei Stellen in den Antiquitates Judaicae (Ant 20,200 sowie 18,63f. als Testimonium Flavianum bekannt) des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus Flavius. Plinius d. Jüngere erwähnt Christus in einem Bericht an den römischen Kaiser Trajan (98-117), in dem er anfragt, wie er sich in Verfahren gegen Christen zu verhalten habe. Um 116/117 n. Chr. beschreibt P. Cornelius Tacitus in seinen „Annales“ die Christenverfolgung unter Kaiser Nero. Dabei erklärt er auch die Herkunft der Bezeichnung „Christiani“, welche von „Christus“ abgeleitet ist, der „unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war“ (Ann 15,44,3). In den Kaiserbiographien (ca. 117-120 n. Chr.) von Sueton findet „Chrestus“ ebenfalls Erwähnung. Hier im Kontext des Claudius-Edikts um das Jahr 49 n. Chr., als Juden, „von Chrestus aufgehetzt“ (Claud 25,4), aus Rom vertrieben wurden.

Der syrische Stoiker Mara bar Sarapion scheint in einem Brief (vermutlich um 73 n. Chr.) ebenfalls von Jesus zu sprechen. Er erzählt von einem „weisen König“ der Juden, der von jenen hingerichtet worden sei, woraufhin Gott sie mit Tod und Zerstreuung bestraft habe. Neben den aufgeführten nicht-christlichen Quellen existieren noch einige Texte im jüdischen Talmud, welche, wenn sie sich überhaupt auf Jesus von Nazareth beziehen, aufgrund ihrer polemischen Darstellung keine historischen Informationen zu Jesus liefern[32].

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die nicht-christlichen Quellen des 1. Jh.s und des Anfangs des 2. Jh.s zwar keinen Aufschluss über die Lehre oder Biographie Jesu geben, allerdings bestätigen sie unabhängig voneinander die Existenz von Jesus und bieten einzelne Angaben zur Person, z.B. die Hinrichtung (bei Josephus Flavius, Tacitus und Mara bar Sarapion).[33] Einige Details liefert Josephus Flavius, der auch den Herrenbruder Jakobus und Wundertaten erwähnt. Bei Josephus ist jedoch fraglich, wie der Originaltext lautete, da der Text möglicherweise um eine christliche Interpolation ergänzt wurde.[34] Um Einzelheiten zum Leben Jesu zu erfahren, müssen also in erster Linie christliche Quellen herangezogen werden.

2.2.3. Christliche Quellen

Neben den uns in der Bibel verfügbaren vier Evangelien (Mt, Mk, Lk, Joh) existieren weitere außerkanonische Evangelien[35]. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang das gnosisnahe Thomasevangelium, die sog. judenchristlichen Evangelien (Nazaräer-, Ebionäer-, Hebräerevangelium), und Evangelienfragmente mit synoptischen und johanneischen Elementen (u.a. Papyrus Egerton, Petrusevangelium, Geheimes MkEv). Ihr Wert für die Rekonstruktion des historischen Jesus ist umstritten. Die Bandbreite der Positionen reicht von „keine Relevanz“ über „ergänzender Rang“ bzgl. der kanonischen Schriften bis hin zur „prinzipiellen Gleichwertigkeit“ mit den Schriften des Kanons[36].

Trotz einer steigenden Offenheit im Hinblick auf die außerkanonischen Schriften ist in Bezug auf die Wichtigkeit und Verlässlichkeit der uns vorliegenden Quellen die folgende Feststellung von Theißen und Merz entscheidend:

„Wegen des hohen Alters und der Streubreite der synoptischen Traditionen [...] besteht ein breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, daß wir am ehesten über die synoptische Tradition Zugang zum historischen Jesus finden“[37].

Aus diesem Grunde werde ich mich im Folgenden auf die eingehendere Darstellung der kanonischen Schriften beschränken[38].

Das MkEv gilt weithin als das älteste der Evangelien und wird auf ca. 70 n.Chr. datiert, weil Abschnitte, welche auf die gegenwärtige Situation des Verfassers und der Leser Bezug nehmen, den jüdisch-römischen Krieg von 66-74 n.Chr. widerzuspiegeln scheinen. Aufgrund vieler Übereinstimmungen mit dem LkEv und dem MtEv gilt das MkEv zusammen mit Q[39] und jeweils lukanischem bzw. matthäischem Sondergut als Quellen für die beiden anderen Synoptiker (Zwei-Quellen-Theorie). In der zweiten Phase der Leben-Jesu-Forschung galt das MkEv als dasjenige, auf dessen Grundlage man den historischen Jesus genau rekonstruieren könnte. Heute wird die Meinung vertreten, dass auch Mk beim Schreiben seines Werkes durch theologische (d.h. christologische) Gedanken beeinflusst wurde und daher sein chronologischer wie auch geographischer Aufriss historisch wertlos sei[40]. Dennoch stellt das MkEv aufgrund des Alters des darin überlieferten Stoffs eine wichtige Quelle für die historische Arbeit dar[41].

Die Entstehungszeit des MtEv liegt vermutlich zwischen 70 und 100/110 n. Chr. Es muss – bei Richtigkeit der Zwei-Quellen-Theorie – das MkEv voraussetzen. Darüber hinaus wird in Mt 22,7 ein Hinweis auf die bereits geschehene Zerstörung Jerusalems gesehen[42]. Auf der anderen Seite zitiert Ignatius von Antiochien um 110-117 n.Chr. Mt 3,15. Im Vergleich zu Mk wird die Hoheit Christi mehr betont. Die sog. Reflexionszitate weisen jeweils auf eine Erfüllung prophetischer Weissagungen des AT durch Jesus hin. Jesu Lehre wird als Erfüllung und richtige Auslegung der Thora dargestellt. Worte Jesu werden in fünf großen Reden wiedergegeben und sind laut Theißen / Merz in einen neuen Kontext gestellt sowie redaktionell bearbeitet.

Der Entstehungszeitraum des LkEv entspricht in etwa dem des MtEv, wobei der terminus ad quem um 140/150 n.Chr. (Nachweise bei Markion und Justin) liegt. Das LkEv basiert auf Mk, Q sowie Sondergut, ist jedoch unabhängig vom MtEv. Lk zeigt Jesus als mit dem Geist Gottes Gesalbten, als Heiland, der sich der Ausgegrenzten annimmt und das Heil verkündigt. Als Zitate sind hier Jes 61,1f. und 58,6 programmatisch. Im Vergleich zu Mk fallen die „große“ und „kleine Lücke“ (Auslassung von Mk 6,17-29; 6,45-8,26), die Vor- und Ostergeschichte und zwei Einschaltungen (Lk 6,20-8,3; 9,51-18,14) auf. Die Hälfte des LkEv geht auf das lukanische Sondergut zurück[43].

Weitestgehend unabhängig von den synoptischen Evangelien, aber teilweise dennoch durch synoptischen Stoff geprägt, ist das JohEv[44]. Joh bietet eine eigenständige Passions- und Osterüberlieferung und stützt sich bei seinen sieben Wundergeschichten vermutlich auf die sog. Semeia-Quelle („Zeichen-Quelle“). Im Text wird der Lieblingsjünger Jesu als Urheber des Evangeliums angegeben, wobei sein Name unerwähnt bleibt. Es ist anzunehmen, dass das JohEv um 100 n.Chr. entstanden ist. Das Jesusbild des Joh unterscheidet sich auffallend von dem der Synoptiker: Jesus ist sich seiner Präexistenz bewusst und wird als der ewige logos beschrieben, der mit Gott identisch ist (Joh 1,1). Das JohEv liefert an einigen Stellen interessante Informationen, die für eine historische Bewertung geeignet sind. V.a. die Darstellung des Prozesses gegen Jesus mit einem Verhör – keinem ganzen Prozess wie bei den Synoptikern – durch den jüdischen Hohen Rat und die Hinrichtung Jesu am Vortag des Passahfestes erscheinen historisch wahrscheinlicher.

Die Untersuchung der Quellen zeigt also, dass allein die vier kanonischen Evangelien umfangreichere Schilderungen zum Leben Jesu enthalten. Aufgrund der Tatsache, dass diese Werke jeweils eine eigene christlich-theologische Prägung enthalten, stellt sich die Frage, ob oder inwieweit sie als verlässliche Quellen einzuordnen sind.

Nach Phasen der Kritik und Skepsis gegenüber der historischen Aussagekraft der Evangelien (v.a. seit Anfang des 20. Jahrhunderts) scheint in jüngerer Zeit das Vertrauen in die Evangelien als historische Quellen wieder zu wachsen. In „Jesus der Jude“ kritisiert der jüdische Historiker Geza Vermes die skeptische Sichtweise Wredes (gegenüber dem MkEv) und der formkritischen Schule des 20. Jahrhunderts[45]. Aufgrund der Annahme der Formkritik, spätere Äußerungen in der christlichen Gemeinde seien Jesus von den Evangelisten in den Mund gelegt worden, und der Methode, diese in den Texten zu identifizieren, schienen laut Vermes historische Untersuchungen nicht ratsam und wurden gewissermaßen „diskreditiert“[46]. Vermes weist darauf hin, dass einerseits der jüdische Kontext Jesu und seiner Schüler nicht genügend Beachtung fand. Andererseits sieht er in dem jeweiligen theologischen Interesse der (synoptischen) Evangelisten keine Unvereinbarkeit mit einem historischen Anliegen. Er hält es für möglich, aus den drei synoptischen Evangelien gemeinsames historisches Basismaterial zu extrahieren. Einschränkend legt Vermes jedoch fest, dass das Material der Evangelisten zur Auferstehung und Parusie erst der frühen Kirche zuzuschreiben ist[47].

[...]


[1] Vgl. Schmitt, Stefan: Der Heiland würde im Grab rotieren. In: spiegel-online 27.02.2007.

[2] Im Folgenden gebe ich der Einfachheit halber nur die Form „Schüler“ als Gattungsnamen an, dadurch soll keine Auf- oder Abwertung eines Geschlechts zum Ausdruck kommen.

[3] Vgl. Schröder, Bernd (unter Mitarbeit von Karin Lange): Religionspädagogik – Theorie des Religionsunterrichts – Religionsdidaktik. In: Roman Heiligenthal und Thomas Martin Schneider (Hg.): Einführung in das Studium der Evangelischen Theologie. Stuttgart u.a. 2004, S. 311-372, hier S. 339.

[4] Vgl. Hirschberg, Peter: Jesus von Nazareth. Eine historische Spurensuche, Darmstadt 2004, S. 16f.

[5] Hirschberg, S. 23.

[6] So auch Hirschberg, S. 17.

[7] Theißen, Gerd und Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. Göttingen 32001, S. 5.

[8] Ebd.

[9] Hirschberg, S. 17.

[10] S.u., S. 7.

[11] Vgl. Schröder, Religionspädagogik, S. 368-370.

[12] Schröder, Markus: Leben-Jesu-Forschung / Leben-Jesu-Theologie. In: RGG 5 (42002) Sp. 147-148, hier Sp. 147.

[13] Vgl. auch im Folgenden Theißen / Merz, S. 21-33.

[14] A.a.O., S. 22.

[15] A.a.O., S. 23.

[16] Im Folgenden verwende ich für die Evangelien die Abkürzungen JohEv, MtEv, LkEv, MkEv.

[17] Theißen / Merz, S. 25.

[18] A.a.O., S. 29.

[19] Näheres dazu s. u., S. 12; Vgl. Vermes, Geza: Jesus der Jude. Ein Historiker liest die Evangelien. Übers. v. Alexander Samely. Bearb. v. Volker Hampel. Neukirchen-Vluyn 1993, S. 211-231.

[20] Schröter, Jens und Ralph Brucker, Einleitung. In: Dies. (Hg.): Der historische Jesus. Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen Forschung. Berlin / New York, 2002 (BZNW 114) S. 1-14, hier S. 1.

[21] Beispielsweise G. Vermes, G. Theißen, E.P. Sanders (vgl. Theißen / Merz, S. 29f.)

[22] S.o., S. 2f.

[23] Theißen / Merz, S. 26.

[24] Frey, Jörg: Der historische Jesus und der Christus der Evangelien. In: Schröter, Jens und Ralph Brucker (Hg.): Der historische Jesus. Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen Forschung. Berlin / New York 2002 (BZNW 114) S. 273-336, hier S. 296.

[25] A.a.O., S. 297.

[26] Borowsky, Peter u.a.: Einführung in die Geschichtswissenschaft I. Grundprobleme, Arbeitsorganisation, Hilfsmittel. Opladen 51989 (Studienbücher Moderne Geschichte 1), S. 120.

[27] Ebd.

[28] Kirn, Paul: Einführung in die Geschichtswissenschaft. Berlin 21952, S. 30. zit. in: o.A.: Quelle. In: Wikipedia (Online Enzyklopädie). <http://de.wikipedia.org/wiki/Quelle_(Geschichtswissenschaft)> [13.10.2008].

[29] Vgl. auch im Folgenden Theißen / Merz, S. 35f.

[30] A.a.O., S. 36.

[31] Vgl. hierzu a.a.O., S. 73-95.

[32] Vgl. a.a.O., S. 82-84.

[33] Vgl. Theißen / Merz, S. 91f.

[34] S. hierzu a.a.O., S. 74-82.

[35] Vgl. auch im Folgenden a.a.O., S. 35-72.

[36] Vgl. a.a.O, S. 37.

[37] A.a.O., S. 42.

[38] Für eine eingehende Diskussion der außerkanonischen Schriften s. a.a.O., S. 51-68.

[39] S.o., S. 5.

[40] Vgl. Theißen / Merz, S. 43.

[41] Vgl. a.a.O., S. 44.

[42] Vgl. a.a.O., S. 46.

[43] Vgl. a.a.O., S. 47f.

[44] Vgl. hierzu a.a.O., S. 49-51.

[45] Vgl. im Folgenden Vermes, S. 216ff.

[46] A.a.O., S. 217.

[47] A.a.O., S. 225.

Details

Seiten
55
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640819744
ISBN (Buch)
9783640822799
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166015
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Evangelische Theologie
Note
2,0
Schlagworte
jesus unterrichtsentwurf

Autor

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